Schulabbruch, psychische Probleme: So leiden Minderjährige unter Querdenker Samuel Eckert

| Bericht | 29. Mai 2021

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Zerstörte Kinderträume: Samuel Eckerts Bauernopfer im Kampf gegen Corona

Gastautor:in datenliebe / Triggerwarnung Suizid

Der Verschwörungsideologe Samuel Eckert befindet sich im Kampf gegen die Corona-Maßnahmen. Er argumentiert, die Einschränkungen wären unverhältnismäßig und würden vor allem Jugendlichen und Kindern schaden. Aktuell verbreitet er einen Widerruf einer jungen Frau, die angeblich von Ihrem Studienplatz bei der Bundeswehr zurücktreten möchte. Getestet, genesen oder geimpft: Schuld an zerstörten Kinderträumen? Die Aktivist:in datenliebe wirft einen Blick hinter die Kulissen und zeigt, wie echte Kinder mit falschen Behauptungen zu kämpfen haben.

Die hier dargestellten Screenshots wurden einem Chat-Export der Gruppe „Samuel Eckert Youngsters“ entnommen. Diese Gruppe ist nicht öffentlich, einzig nach vorheriger Überprüfung durch die erwachsene Administratorin „Chrissi“ erhält man Zugang. Neben einem Videobeweis zur Feststellung der Identität müssen diverse vertrauliche Dokumente (Schülerausweis, Personalausweis und Ausweise der Eltern) an „Chrissi“ gesendet werden. Der Gruppe „West Berliner Junx“ ist es gelungen, eine Insider:in in die Gruppe zu schleusen. Diese Insider:in gibt die Chatverläufe an mich weiter. Seit Anfang Januar veröffentliche ich Analysen zu den Inhalten der Gruppe auf twitter: twitter.com/datenliebe1, sowie auf meinem Telegram-Kanal t.me/datenliebe.

In seiner Kindergruppe „Samuel Eckert Youngsters“ rekrutiert Samuel Eckert gleichgesinnte Minderjährige, die sich gegenseitig zuhören und bestärken sollen. Ganz im Sinne von „Vater“ Samuel, wie ihn die Kinder nennen. Ein:e Insider:in stellt der Aktivist:in datenliebe Chatprotokolle zur Verfügung und gibt Einblicke in die Machenschaften hinter verschlossenen Türen.. Über die Rekrutierung von Jugendlichen hat Volksverpetzer schon berichtet:

Querdenken: Samuel Eckert rekrutiert Kinder für Propaganda & lockt sie auf Telegram

Die „Youngsters“ werden von Eckert stets gelobt

„Jugendliche, die eben nicht nur konsumieren, die recherchieren und Statistiken lesen, (…) diese junge Generation braucht es, um uns aus dem Propaganda-Chaos (…) heraus zu führen“. Für seine Kinder ist „Vater“ Eckert so voller Stolz, dass er den Inhalt der verlinkten WELT-Artikel doch glatt vergaß. „Wir müssen die Politiker zur Strecke bringen oder sagen: Was soll die Scheiße?“, soll eine prominente Jugendliche aus den Reihen der „Samuel Eckert Youngsters“ laut WELT-Recherchen gesagt haben.

Quelle: https://t.me/samueleckert/2869

Gegen den Strom zu schwimmen wird auf Dauer anstrengend

Doch die Fassade bröckelt: Viele Youngsters müssen die Schule abbrechen, weil der psychische Druck zu groß wird. Konkret schildern die Kinder psychische Probleme und erzählen von dem Mobbing, dem sie im Schulalltag ausgesetzt sind. Auch der erste jugendliche Moderator schmeißt hin. Eckert und seine Mitstreiter:innen geben sich kämpferisch. Die Schulleitung müsse „aufgeklärt“ und mit vermeintlichen Fakten aus dem „Querdenken“-Milieu informiert werden. Wenn nichts hilft, wird geklagt, mit Unterstützung der „Querdenken“-Rechtsanwälte „Klagepaten“.

Dubiose Spenden-Machenschaften von Querdenken & Klagepaten: Wo geht das Geld hin?

Die SE Youngsters klagen über psychische Probleme

Die Gruppe sollte ein Ort des freien Austausches sein. Es soll sich anfühlen wie eine Familie, die die Kinder in schwierigen Zeiten auffängt und bestärkt. Gut gemeint, doch ohne kritisches Hinterfragen der Inhalte, die fast ausschließlich aus dem verschwörungsideologischen, „Querdenken“-nahen Milieu kommen, werden die Kinder in eine Verschwörungs-Abwärtsspirale gesaugt. Gegen den Strom zu schwimmen ist nicht immer leicht, gerade jetzt, wenn vermeintlich erleuchtete Kinder die alleinige Wahrheit erkannt haben. Und der ganze Rest der Welt unterdrückt wird. Die Gefährlichkeit dieser Situation zeigt sich in dem Statement dieser Youngsterin:

Diese Youngsterin schreibt, sie sei psychisch krank und habe „nicht das einfachste“ Leben. Durch die Youngsters jedoch sei alles viel besser geworden. Die Gruppe fungiere als Auffangbecken für (tatsächlich) kranke Kinder, die sich sonst nicht mehr zu helfen wissen. Die Reaktionen sind immer gleich: Zuspruch, Glückwünsche, „Gottes Segen“ und weiteres Einschwören auf die gemeinsame Familie der „SE Youngsters“.

Was auf den ersten Blick an eine Selbsthilfegruppe erinnert, ist in Wahrheit eher eine Filterblase. Die Kinder werden permanent mit verschwörerischen Inhalten anderer Telegram-Kanäle gefüttert. Daher ist es auch kein Wunder, wenn die ermutigten Kinder für Eckert in den Kampf gegen die Maske ziehen.

Schulabbruch: an oder mit der Maske?

Der Wind hat sich gedreht. Wurden in den Anfängen der Pandemie noch indikationslose Atteste von nicht-qualifizierten Mediziner:innen akzeptiert, so haben einige Schulleitungen anscheinend jetzt erhebliche Zweifel an der Echtheit dieser Atteste. Kinder, die sich bis dahin auf ihre falsche Maskenbefreiung verlassen haben, sehen sich jetzt mit echten Konsequenzen konfrontiert. Die Schulleiter:innen machen Druck und diesem sind die Kinder schutzlos ausgeliefert.

Diese Youngsterin eröffnet der Gruppe, dass sie wahrscheinlich die Schule abbrechen wird. Sie „schaffe das psychisch nicht“. Eine andere Youngsterin erzählt von ähnlichen Erfahrungen. Ihre Mutter möchte nicht, dass sie in der Schule eine Maske tragen muss, und lässt sie lieber im Homeschooling. Laut eigener Aussage bekäme die Schülerin „nach 20 Minuten kann der [sic!] Luft mehr“, sowie „Panikattacken“.
Die Youngsterin legt nach und verdeutlicht, dass „die letzten Monate (…) eine extreme Belastung und Herausforderung“ waren:

Nachdem die Schulleitung das Spielchen nicht mehr mitspielt, werden größere Geschütze aufgefahren. Die Youngsterin schreibt hier, dass ihre Mutter einen Anwalt einschalten wird. Diese Option bietet sich ihrer Freundin nicht, denn „der Direktor hat sich auf nichts eingelassen“.

In dieser Situation versuchen die Kinder, sich gegenseitig zu helfen. Ihr wird geraten, das Abitur an einer Fernschule zu machen. Erfahrungen soll eine in der Öffentlichkeit stehende Youngsterin haben, die sie im Text verlinken. Es handelt sich hier um eine Youngster-Mutter, Inna, die Nachhilfe in Mathe für die Youngsters anbietet.

Und tatsächlich, diese schreibt prompt, dass sie „Fernabi seit 2 Monaten“ macht, weil sie „das in der Schule auch alles nicht mehr ausgehalten“ hat.

Eckert produziert zerstörte Kinderträume – wegen des sinnlosen Kampfes gegen die Maske

Ein Schulabbruch geht nicht spurlos an einem Kind vorbei. Das Gefühl des Versagens macht sich breit. Und damit auch die Angst, die Eltern enttäuscht zu haben. Die nächsten Zeilen der Youngsterin haben mich sehr nachdenklich gemacht.

„Für mich war es das Schwierigste mit dem Gedanken abzuschließen, mein Abizeugnis im Abikleid abzuholen, und zu wissen, ich habe es geschafft und meine Eltern sind stolz auf mich.“ 

Ich kann mir die Szene bildlich vorstellen. Die junge Frau sieht ihre Träume und Vorstellungen vor sich und wird sich bewusst, dass sie sie erstmal nicht mehr erreichen wird. Ihre Eltern seien aber trotzdem stolz auf sie.

Solche Geschichten finden sich immer wieder in den Gesprächen der Kinder. Sie werden von Eckert und Konsorten zum Verweigern der Maske ermutigt. Durch andere Youngsters bestärkt, sich dem „Maulkorb“ kämpferisch entgegenzustellen. Was sie nicht bedenken, ist, dass es hier um die Zukunft der Kinder geht. Und dass es rein rational keinen Grund für diese sinnlose Vendetta gegen Masken gibt. Eckert hat nichts zu verlieren. Auch die Jurist:innen der QD-nahen Gruppe „Klagepaten“ haben nichts zu verlieren. Im Gegenteil: Profitieren sie eigentlich nicht noch selbst durch die Gerichtsverfahren, wenn sie als Anwält:innen beauftragt werden?

Verlierer sind und bleiben die Kinder, denn entweder beugen sie sich der Maskenpflicht, brechen die Schule ab oder müssen den psychischen Druck eines Gerichtsverfahrens in Kauf nehmen.

Ein Moderator schmeißt hin

Nicht nur die regulären Mitglieder der Gruppe haben mit sich zu kämpfen, auch den Moderator:innen geht es schlecht. Dieser Moderator, der letztes Jahr noch aktiv in der Gruppe war, schmeißt hin und tritt aus. Für ihn ist das „Gefühl der Youngster Familie flöten gegangen“, doch „weil das Gefühl der Gemeinschaft“ für ihn sich „nicht erholt“ hat, bleibt ihm nur noch der Abschied aus der Gruppe.

Eckerts Reaktion: Verständnis und Zuspruch

Obwohl sich der Inhaber und „Vater“ der Youngsters, Eckert, wenig aktiv in den Diskussionen beteiligt, gibt es seit März diesen Jahres sog. „Chatrunden mit Samuel“. Diese werden im Voraus angekündigt, und während einer Stunde nimmt sich „Vater“ Eckert die Zeit, ins Gespräch mit seinen Kindern zu kommen. Auf die konkreten Hilfegesuche der Kinder reagiert er nicht, sondern leitet lieber selbst das Gespräch.

Dieser Interessensbekundung kommen natürlich die Kinder freiwillig nach und teilen ihrem „Vater“ mit, was sie gerade bewegt. Eine Youngsterin ist traurig, weil sie vor Kurzem ihren Kater Oskar einschläfern lassen musste.

Doch guter Rat ist nah: „Vater“ Samuel offenbart sich seiner Youngsterin und mahnt das Vertrauen in Gott, denn „Gott weiss warum. Er hat alles in der Hand“ [sic]. Verfolgt Samuel Eckert neben der vermeintlich ehrlichen Beileidsbekundung auch andere Ziele? Er leitet das Gespräch aktiv in eine Richtung, in der die Kinder ermutigt werden, ihm ihre Sorgen und Ängste zu beichten. Diese Offenheit wird belohnt, sie werden von ihm getröstet. Er geht auf sie direkt ein. Dadurch erhalten die Kinder das Gefühl, Eckert sei für sie da, ihm können sie vertrauen. Und werden offener für die gefährlichen Inhalte seines Kanals.

Eckert äußert offenbar Verständnis für Selbstmord, alles vor „seinen“ Kindern

Kernthema der Sprechstunden sind immer die Einschränkungen der Corona-Maßnahmen, und da trägt Eckert gerne dick auf und thematisiert den vermeintlichen Selbstmord eines entfernten Bekannten. Beweise dafür liefert er nicht. Diese Nachricht wurde innerhalb einer Sprechstunde abgesetzt. Während diesen Zeiten sind viele Kinder aktiv und schreiben selbst oder lesen nur mit. Es ist daher davon auszugehen, dass diese Nachricht von vielen Kindern gelesen wird, von denen einige bereits über psychische Belastungen gesprochen haben.

Die Kindergruppe ist brandgefährlich

Die Samuel Eckert Youngsters entwickeln sich zu einem Radikalisierungs-Selbstläufer. Für Kinder, die dort nur wenig aktiv sind, werden falsche Vorbilder geschaffen: Jugendliche müssen aufgrund der Maskenverweigerung ihre Schule wechseln oder sogar abbrechen, Träume werden zerstört. Die erwachsenen Moderator:innen befeuern diesen Teufelskreis mit Verweisen auf Inhalte aus dem verschwörungsideologischen Milieu. Die Meinung in der Gruppe ist klar: Wir werden keine Maske aufziehen. Komme, was wolle.

Kritik von Außen bewirkt kein Umdenken

Wird der Druck von außen zu groß, würden sich die Kinder besinnen, möchte man meinen. Sinneswechsel: Fehlanzeige. Auf die Frage, was man denn tun könne, wenn das Maske-Tragen unmittelbar bevorsteht, kommt immer das Gleiche: Geh mit deinen Eltern zur Schulleitung. Leiste Widerstand. Bleib standfest. Für die Freiheit! Für die Wahrheit! Am Ende wird alles gut.

Was die Kinder dabei vergessen: Samuel Eckert profitiert von diesem Engagement. Er bekommt freiwillige Werbung. Junge, unschuldige Gesichter für seine faktenfernen Inhalte und Spenden der Eltern und Familie. Er wäscht seine Weste rein in den Tränen der Youngsters.

Wie heißt es so schön, frei nach Matthäus 11,28? „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will mich an euch erquicken.“

Autor:in datenliebe, Twitter, Telegram. Artikelbild: Screenshot Samuel Eckert / Screenshots

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