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70% der Intensivstationen waren überlastet: BILD legt Lauterbach Lüge in den Mund

von | Feb 20, 2022 | Aktuelles, Analyse, Corona, Corona-Fake, Medien

BILD kann’s nicht lassen: Nächster Corona-Fake

„Über 70 Prozent der Intensivstationen waren zum Höhepunkt der Pandemie teilweise oder komplett überlastet“, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Das Desinformationsmedium BILD, das regelmäßig mit Lügen die Pandemie verharmlost und gegen Maßnahmen wettert, hat eine Schlagzeile gebastelt, die besonders in extremistischen Querdenken-Kreisen viel Anklang fand. Doch weder ist es wahr, dass die Intensivstationen nie überlastet waren, noch hat Lauterbach das bis zur Unkenntlichkeit entstellte Zitat, das BILD da konstruiert hat, überhaupt gesagt.

BILD missachtet pausenlos journalistische Standards

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“

So steht es in der ersten von 16 Ziffern, die den ethischen Standard für die journalistische Arbeit festlegen. Sie bilden den Pressekodex, den der Deutsche Presserat im Jahr 1973 erstmals formulierte. Die meisten Verlage in Deutschland bekennen sich dazu, diesen Richtlinien zu folgen – auch der Springer-Verlag mit seinen publizistischen Flaggschiffen „BILD“ und „Welt“. (Quelle)

Zugleich kassierte die BILD u.a. wegen Sensationsberichterstattung und falscher Darstellung 26 der 60 verteilten Rügen des Presserats 2021 (Quelle).

Fun Fact: Die Hörzu als Zweitplatzierte kommt nur auf drei Rügen im selben Jahr – und zwar wegen mangelhafter Trennung zwischen Redaktion und Werbung.

BILD bekannt für Corona-Desinformation

Auch für Corona-Artikel muss sich die BILD regelmäßig vor dem Deutschen Presserat verantworten, so zum Beispiel für einen irreführenden Bericht über die Corona-Statistik des Robert Koch-Instituts. Die Rüge wurde im April 2021 ausgesprochen. (Quelle). Die auflagenstärkste Tageszeitung in Deutschland weist zwar jegliche Nähe zu Pandemie-Leugner:innen zurück, ist jedoch auch nicht gerade als Monolith der Sachlichkeit bekannt.

Im Gegenteil: Die BILD publiziert immer wieder diffamierende, inhaltlich falsche Darstellungen sowie populistischen Behauptungen und ist eine der wichtigsten Quellen in der Querdenker-Szene und in rechten Gruppen. (Quelle).

BILD hetzte gegen RKI-Prognose, die genau so eintraf – auch dank BILD

BILD lügt dreist über Lauterbach und Intensivstationen

So auch am Donnerstag (17.02.2022): „Intensivstationen waren nie überlastet“ lautete die große Überschrift auf der Titelseite der BILD. Online ist der Artikel zum Thema schon seit dem Abend des 16.02.2022 zu finden. (Quelle).

Nur ein paar Stunden später veröffentlichte die BILD einen weiteren Artikel mit dem Titel „Horror-Szenarien traten nicht ein – Die Lauterbach-Wende bei den Intensivstationen“, der sich inhaltlich kaum vom ersten unterscheidet (Quelle).

Jeden Abschnitt des Original-Zitates verfälscht, bis nichts mehr von der Wahrheit übrig bleibt

Besonders interessant: Es soll Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) höchstselbst gewesen sein, der gegenüber Bundestagsvize Wolfgang Kubicki (FDP) in einem exklusiven Dokument zugegeben hätte, die „Intensivstationen in Deutschland seien nie überlastet gewesen“. In Klammern schreibt die Boulevardzeitung: „Das Schreiben liegt BILD vor“. Der russische Desinformations-Sender RT Deutsch stürzte sich prompt auf das Thema und titelte „Lauterbach räumt ein: Intensivstationen waren nie überlastet“. (Quelle).

Der Artikel wurde in den sozialen Medien vielfach geteilt und kommentiert. So schreibt eine Userin auf Facebook, sie fühle sich von der Bundesregierung hintergangen, während auf Twitter #LauterbachRücktritt trendet. Was weder im Titel noch in der Einleitung der Artikel zu finden ist: Die angebliche Aussage ist aus dem Kontext gerissen worden. Sie wurde so nie von Lauterbach getroffen und suggeriert genau das Gegenteil der Wahrheit.

BILD widerlegt Fake-Schlagzeile selbst

Die gesamte Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit – es ist also auch keine Aussage von Karl Lauterbach selbst – auf eine Anfrage des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki ist erst hinter der Paywall im BILD-Artikel zu finden: „Eine deutschlandweite, regional gleichzeitige Überlastung aller verfügbaren ITS-Kapazitäten, die eine systemische Unterversorgung von intensivpflichtigen COVID-19-Fällen oder deren strategische Verlegung ins Ausland bedeutet hätte, trat nicht ein.“

Demnach erklärt das Gesundheitsministerium also keineswegs, dass die Intensivstationen nie überlastet waren – denn das war zweifelsohne mehrfach der Fall, als die Bundeswehr Intensiv-Patient:innen ausfliegen musste (Quelle). Die BILD hat noch im Novmber 2021 selbst darüber berichtet. (Quelle)

Und jetzt, ein paar Monate später, kann sich in der BILD-Redaktion niemand mehr daran erinnern? Doch!

Lauterbach: BILD will gezielt Pandemie verharmlosen

Denn ebenfalls am 16.02.2022 schreibt das Boulevardblatt, zumindest hinter der Bezahlschranke, dass Patient:innen verlegt werden mussten und bis zu 70 Prozent der Kliniken wegen personeller Engpässe eingeschränkten Betrieb meldeten. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach hat sich in der Wochenendausgabe der „taz“ bereits zu den Artikeln der BILD geäußert: „Die Bild-Zeitung und der Springer-Verlag fahren Kampagnen gegen mich und verbreiten Unwahrheiten“.

Ziel sei es, die Pandemie zu verharmlosen und die Schutzmaßnahmen zu diskreditieren. Weiter stellte er klar:

„Dass es nie eine Überlastung des Gesundheitssystems gegeben hätte, ist zum Beispiel eine manipulative Fehldarstellung. Richtig ist: Über 70 Prozent der Intensivstationen waren zum Höhepunkt der Pandemie teilweise oder komplett überlastet. Es gab nur keine deutschlandweite Überlastung des Gesundheitssystems, also keine an allen Stellen gleichzeitig. Aber Patienten mussten von einem Bundesland ins andere Bundesland verlegt werden. Wir mussten Patienten nach Italien fliegen. Operationen mussten verschoben werden.“ Die Situation sei dramatisch gewesen. „Die BILD-Zeitung weiß das und macht daraus: Es gab nie eine Bedrohung. Das ist eine manipulative Falschmeldung.“ (Quelle).

Auf Twitter kommentierte Lauterbach die Lüge der BILD selbst: „Wenn mir die Worte im Mund verdreht werden überrascht mich das nur noch selten. Hier geht es aber um viel. Die Pflegekräfte haben 2 Jahre am absoluten Limit gearbeitet. Ihnen die Überlastung abzusprechen ist sehr unfair.“

BILD sieht kein Problem in ihrer „manipulativen Fehldarstellung“

Die BILD sieht bezüglich der Artikel vom 16.02.2022 keine eigenen Fehler und lässt über ihren Sprecher mitteilen: „Die Aussage von Bundesminister Karl Lauterbach in der ‚taz‘, wonach die Behauptung, ‚dass es nie eine Überlastung des Gesundheitssystems gegeben hätte‘, ‚eine manipulative Fehldarstellung‘ sei, möchten wir schon deshalb nicht bewerten, weil BILD dies im fraglichen Text und der dazugehörigen Schlagzeile nicht behauptet hat.“ Der Sprecher verwies dabei auf die im Artikel zitierte Passage aus dem Ministeriumsschreiben.

Weiterhin verfälsche die Überschrift die Aussage angeblich nicht, lautet die Antwort der BILD auf die Fragen der Übermedien-Redaktion. Gekürzte und zugespitzte Schlagzeilen seien auch jenseits der Boulevardpresse üblich. „Dass es regional und in einzelnen Kliniken zu Überlastungen gekommen ist, erfahren Leserinnen und Leser ausführlich im Artikel selbst.“ (Quelle, Quelle)

Die Problematik, dass viele User:innen die Paywall der BILD nicht passieren und sich lediglich die reißerische, verzerrte Schlagzeile einprägen werden, scheint das Springer-Blatt nicht zu erkennen. Bei BILD TV wiederholte dessen Programmchef Claus Strunz zudem die Falschbehauptung: „Die Intensivstationen waren nie überlastet. Aber wir haben es geschafft, ein ganzes Land teilweise lahmzulegen.“ (Quelle)

Chefarzt: BILD-Schlagzeile ist zynisch

Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, sagte am 17.02.2022 im Deutschlandfunk, eine solche Schlagzeile sei zynisch, vor allem, wenn man die Situation des überarbeiteten Pflegepersonals sehe. Die Behandlung von Covid-Patient:innen auf Intensivstationen sei weiterhin eine erhebliche Zusatzbelastung. Eine solche Berichterstattung beabsichtigt laut Janssens, die Corona-Schutzmaßnahmen als falsch und übertrieben darzustellen (Quelle).

Nach Julian Reichelts Entlassung als Vorsitzender der BILD-Chefredaktion wurde Johannes Boie am 18. Oktober 2021 dessen Nachfolger. Erst Ende Januar 2022 hatte sich der frühere Chefredakteur der Welt am Sonntag für die Corona-Berichterstattung seines Blattes öffentlich entschuldigt. Dabei ging es um einen Angriff auf Wissenschaftler mit der Titelzeile „Die Lockdown-Macher“ von Anfang Dezember (Quelle).

Eine Besserung scheint wohl nicht in Aussicht zu sein.

Zum Thema:

Große Allianz von Wissenschaftlern hat endlich genug von BILD (& WELT)

Artikelbild: Juergen Nowak

Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI.