Große Allianz von Wissenschaftlern hat endlich genug von BILD (& WELT)

| Schwer verpetzt | 7. Dezember 2021

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Wissenschaft vs. Axel Springer Verlag

„Einseitig“ und „diffamierend“ nennt eine große Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen die Berichterstattung des Desinformations-Mediums „BILD“. Das Hetzblatt betreibt seit vergangenem Jahr „einseitige Berichterstattung“, erklären die Wissenschaftler:innen und der neue Höhepunkt sei mit dem Beitrag „Die Lockdown-Macher“ erreicht (Quelle).

„Dass und auf welche Weise hier einzelne Forscherinnen und Forscher zur Schau gestellt und persönlich für dringend erforderliche, aber unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht werden, ist diffamierend“, heißt es in der Stellungnahme. Die Berichterstattung bedrohe aber nicht nur unmittelbar die Wissenschaft und die angeprangerten Wissenschaftler:innen („Es kann überdies leicht zu einem Meinungsklima beitragen, das an anderer Stelle bereits dazu geführt hat, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder mit ihr bedroht wurden.“), sondern auch die offene Gesellschaft:

„Solche Formen der Auseinandersetzung sind aus Sicht der Allianz in keiner Weise akzeptabel und widersprechen den Grundregeln einer freien und offenen Gesellschaft sowie den Grundprinzipien unserer Demokratie.“

Der Wissenschaftsrat ist ein Zusammenschluss der bedeutendsten Wissenschaftsorganisationen in Deutschland. Darin sind die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vertreten.

Die Süddeutsche berichtet, bis Dienstagabend seien 84 Beschwerden beim Presserat eingegangen. Dieser erklärt über eine Sprecherin: „Dies schüre Verschwörungstheorien und sei zudem ein Aufruf zur Hetze gegen Wissenschaftler.“ (Quelle).

Eine Rüge ist aber nicht genug

Eine weitere Rüge wird die BILD aber nicht interessieren. Bis jetzt hat BILD allein 2021 bereits 20 Rügen kassiert (Quelle), und ein Viertel ALLER seit 1986 erteilten etwa 800 Rügen geht auf ihr Konto (Quelle). Die BILD ist dabei aber nicht alleine. Ihr Schwesterblatt WELT ist beim Kampf gegen die Wissenschaft ebenfalls fleißig dabei und hat sich im Laufe der Corona-Pandemie und unter Ulf Poschardt noch weiter radikalisiert. In der Stellungnahme wird wegen des aktuellen Berichts zwar nur die BILD erwähnt, aber die WELT ist ausdrücklich mit gemeint. Das zeigt die Leopoldina in ihrem Tweet dazu – in der sie Axel Springer und WELT extra mit erwähnt.

Der Chef der WELT, Ulf Poschardt, empörte sich gleich auf Twitter und fragte „Was soll das?“ – und tat so, als wüsste er nicht, was der Aufruf mit der WELT zu tun habe.

Dass er es besser wissen muss, verrät der nur kurz zuvor veröffentlichte und dann schnell wieder gelöschte Tweet von Ulf Poschardt, der eher in der Manier eines rechtsradikalen Twitter-Trolls auf die Ernennung Lauterbachs zum Gesundheitsminister reagierte – als Chef einer eigentlich seriösen Zeitung.

Die Wissenschaftsfeindlichkeit der BILD

Die Allianz der Wissenschaft in Deutschland erwähnte eher am Rande die restliche Berichterstattung der BILD („setzt […] ihre im vergangenen Jahr begonnene einseitige Berichterstattung gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fort“). Wir bei Volksverpetzer dokumentieren diese einseitige Berichterstattung, für welche wir schon die Begriffe „Hetze“ und „Desinformation“ verwenden würden und haben seit Langem.

27.07.2021: BILD schreibt vom „geheimen“ (also öffentlichen) RKI-Papier als „Panik-Papier“ und dass man im RKI „Lockdown statt Freiheit“ wolle. 6.500 Interaktionen auf Facebook. Die Artikelquellen sind hier bewusst nicht verlinkt.

BILD schrieb: „Da die vulnerablen Gruppen geimpft seien und sich vor allem jüngere Menschen ansteckten, sei bei steigenden Inzidenz-Werten NICHT mehr mit stark steigenden Krankenhaus-Einweisungen zu rechnen.“

28.07., 2.700 Interaktionen auf Facebook: Klaus Stöhr (62). Bei BILD Live nannte er die Pläne vom RKI-Chef „realitätsfern“. Er sagte: „Wir haben in der Schweiz oder England gesehen, dass man mit einer Inzidenz um 150 bis 200 leben konnte.“

Am gleichen Tag: „Wir sind in der Austrittsphase der Pandemie, aber der Politik fällt es schwer, das zu definieren“, analysierte Publizist Wolfram Weimer bei BILD Live. „Vierte Welle ist ungefährlich“ als Video mit 50.000 Aufrufen auf Facebook und 138.000 Aufrufen auf Youtube.

29.7., 2.000 Interaktionen bei Facebook: „Die Inzidenz liegt bei 15, doch die gefühlte Angstkurve bei 500!“ – „Wenige Meter weiter in Österreich geht es entspannter zu.“ – „Das Robert-Koch-Institut warnt wie immer, prognostiziert bis zu 12.500 Intensivpatienten im Herbst und will unerreichbare Impfquoten von 85 Prozent.“ – „Das Denken in Inzidenzen und Wellen hat sich so eingebrannt, dass uns Länder, die trotz hoher Zahlen öffnen, irre erscheinen.“

Und vieles, vieles mehr.

Den meisten Leser:innen dürfte durch das Wissen vom 5. Dezember glaube ich schon glasklar sein, in welchem Ausmaß BILD hier mit seinem Gerede vom „Panik-Papier“ daneben lag. Noch Mitte November (18.11.) spielte BILD die vierte Welle herunter.

Einige Faktenchecks und Analysen, die wir zur BILD gemacht haben:

BILD-Reinfall: Genau ein Jahr später stellt Drosten die BILD schon wieder bloß

BILD-Chef Reichelt täuscht wieder über Corona, Grippe & RKI-Chef Wieler

Wie die WELT versehentlich Volksverpetzer an die Spitze der Twitter-Trends katapultierte

Die Wissenschaftsfeindlichkeit von WELT

Weniger als niveauloses Hetzmedium wie die BILD ist das Schwesterblatt WELT bekannt, obwohl sie ihr in ihrem Kampf gegen Wissenschaft in nichts nachsteht, wie es auch die Leopoldina andeutet. Einige der gravierendsten Corona-Fake-News wurden von WELT losgetreten. Die Wissenschaftsfeindlichkeit beschränkt sich aber natürlich nicht nur auf das Thema Corona, das Klima ist auch vorne mit dabei.

„Irreführende Vorwürfe“: „WELT“ verbreitet Fakes über DIVI-Auslastung – Intensivmediziner entsetzt

WELT täuscht über Fakten zum PCR-Test – bekommt Applaus von Rechtsextremen und Querdenker:innen

WELT will Klimawandel verharmlosen & nutzt dafür Studien, die das Gegenteil belegen

Der „80 %-Corona-Tote“-Fake: Häussler distanziert sich von „falscher“ WELT-Schlagzeile

Wenn WELT-Chef Ulf Poschardt „Listen to the science“ sagt, dann meint er „Listen to me!“

WELT-Chef Poschardt bezeichnete Corona-Maßnahmen als „absurd“ (Quelle), er bezeichnete Wissenschaftler:innen, die NoCovid forderten, als „Panikfreunde“ (Quelle) und immer wieder bediente er das gleiche Narrativ: Wer funktionierende Maßnahmen fordert, ist verblendet, mindestens ideologisch beeinflusst, man selbst ist hingegen lediglich für „Freiheit!“ (Quelle). Aber anscheinend halt nicht für „Wissenschaft!“ Und das ist nicht alles. Wie alles andere als wissenschaftlich die Agenda der „WELT“ teilweise aussieht, konnte man im Februar bereits deutlich sehen, als der leitende Redakteur für Zeit- und Kunstgeschichte der „WELT“ Drosten als „Panikmacher“ bezeichnete und ihm glatt unterstellte „wahrscheinlich Hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen“ zu haben.

Grafik via

Der gleiche Autor bezeichnete den Inzidenzwert auch als „völliger Unfug“, bezeichnete Corona als „Hysterie“, verharmloste und verbreitete weitere Fake News über das Virus. Die „extrem zugespitzte Formulierung“ bedauerte er später aber und löschte den Kommentar (Quelle).

Bis hinauf zu Chef Döpfner

Warum BILD und WELT zusammengehören? Weil sie die (nach dem massiven Stellenabbau bei WELT auch personell und inhaltlich mehr zusammenarbeitenden) beiden größten redaktionellen Arme des Axel Springer Verlags sind. Diese Wissenschaftsfeindlichkeit ist kein Versehen, sondern Methode.

Nein, die rechtsradikalen Narrative, die Verschwörungserzählungen und die Verdrehungen der Wahrheit sind keine Ausnahme bei Axel Springer, sie sind das erklärte Ziel. Sie reichen bis hinauf in die Chefetage und zu Döpfner. Der Axel-Springer-Chef lobte die Desinformationsarbeit des kürzlich geschassten BILD-Chefs Reichelt sogar in höchsten Tönen: „Julian Reichelt hat »Bild« journalistisch hervorragend entwickelt und mit »Bild Live« die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei »Bild« gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt.“ (Quelle). Lustiger Fakt: „BILD Live“ hatte übrigens einen Marktanteil von 0,1 %.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass BILD und WELT in ihrer Rhetorik und Lügen teilweise nicht von extremistischen „Querdenker:innen“ zu unterscheiden sind. Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Der Axel-Springer-Chef denkt auch sehr ähnlich, wie man es täglich bei AfD und „Querdenken“ liest: „Er [Reichelt] ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeitsstaat aufbegehrt. Fast alle anderen sind zu Propaganda Assistenten geworden. [sic]“ (Quelle)

„DDR-Obrigkeitsstaat“, Reichelt als „mutiger Journalist“ gegen (linke) totalitäre Mehrheiten? Zwischen Döpfner-Rhetorik und der rechtsextremen AfD passt rhetorisch kein Blatt. Springer bestätigte die Echtheit des Zitats, erklärte aber, dass der Kontext fehle und Döpfner nicht wirklich denke, dass die BRD mit der DDR zu vergleichen sei. Der Kontext macht das Zitat allerdings eher schlimmer und es ist fraglich, wie man solche Aussagen denn nicht-extremistisch werten könne. Und im Kontext der restlichen Aussagen Döpfners ist klar: Auch das ist kein Einzelfall.

Döpfner gab nach dem Anschlag in Halle Merkel, Muslimen und Schutzsuchenden die Schuld

Die Weltanschauung von Döpfner war auch schon zuvor schwer zu unterscheiden von der Rhetorik der Rechtsextremist:innen der AfD. 2017 sprach Döpfner auch von der „gebührenfinanzierten Staatspresse“ bei Online-Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen (mehr dazu). Im selben Jahr verbreitete er die Lüge von einem „Bockwurstverbot“ in Schwimmbädern wegen der Muslime (mehr dazu). 2019 behauptete er in einem WELT-Kommentar, „die Medien“ würden mehrheitlich (im Kontext von Einwanderung) nicht die Realität abbilden, sondern verschweigen und verharmlosen (mehr dazu). Es erinnert sehr an das DDR-Zitat. Bemerkenswert dabei, wenn ausgerechnet der Chef einer der größten deutschen Verlage und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) codiert von „Lügenpresse“-Narrativen spricht. Wer soll denn hinter „den Medien“ stecken, wenn nicht er? Die Opferhaltungsrhetorik passt nicht dazu, dass man an der Spitze des Systems steht, das man gerade kritisiert.

Der gleiche Artikel war es auch, in welchem Döpfner offenbar ohne Kontrolle einen Hass-Rant à la AfD ablieferte, in dem er gehirnakrobatisch direkt nach einem antisemitischen, rechtsextremen Terroranschlag in Halle der Bundeskanzlerin Angela Merkel, „political correctness“, Muslimen und Schutzsuchenden die Schuld in die Schuhe schob. Unter viel Applaus der rechtsextremen Szene verbreitete er darin Lügen, Falschdarstellungen und Whataboutismen und schaffte es regelrecht, die Motivation des Halle-Terroristen zu entschuldigen und als Selbstverteidigung zu framen. Ich habe mich seinerzeit schon gehörig aufgeregt:

Wahnsinn! Springer-Chef Döpfner verbreitet Lügen & gibt Merkel Schuld an Halle-Terror!

Die Wissenschaft wehrt sich gegen Axel Springer – wann die vernünftige Politik?

Die Darstellungen sind nicht erschöpfend. Die Faktenchecks, Rhetorik, Frames und Narrative aus dem Umfeld der WELT und BILD könnte man noch viel ausführlicher analysieren. Sie ist in jedem Fall ein strukturelles Problem. Nicht nur des Verlags selbst, sondern mit Blick darauf, dass Döpfner  Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ist, ein strukturelles der ganzen Medien. Hier hatte ich das ausführlich geschrieben:

Reichelt ist weg – Das System Axel Springer bleibt & die deutsche Presse schweigt

Bei einer zahnlosen und letztlich bedeutungslosen Rüge des Presserats kann es nicht bleiben. Sofern BILD und WELT nicht den Pfad der Desinformation, radikalen Narrative und Wissenschaftsfeindlichkeit verlassen, dürfen sie nicht mehr als seriöse Medien behandelt werden, als Werbepartner, als Interviewpartner für Politiker:innen. Weil sie es nicht sind. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass dort versucht wird, schnell Schadensbekämpfung zu betreiben, sich gegen eine ominöse „Spaltung der Gesellschaft“ auszusprechen, die man selbst täglich mit betreibt, wie der neue BILD-Chef.

„Wir alle müssen gegen die Spaltung wirken, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, reich oder arm, berühmt oder unbekannt. Wir gehören zusammen. So kann es im Alltag gelingen.“

Oder schnell zu Impfungen aufruft.

Deshalb schmerzen solche Bilder:

Wenn die Spitzen der neuen Ampel-Koalition wie Scholz, Baerbock oder Habeck sich für eine Axel-Springer-PR-Whitewashing-Kampagne einspannen lassen, während zuvor dessen Redaktionen monatelang nicht nur die Wissenschaft diffamierten, sondern auch sie selbst.

BILD-Chef Boie (kürzlich von WELT gewechselt, so viel dazu, wie durchlässig die Grenze zwischen beiden Redaktionen ist) hat aber in einem Punkt natürlich recht: Wir müssen alle gemeinsam gegen die Spaltung im Lande wirken. Das – und da stimmt wirklich buchstäblich die vereinte Wissenschaft zu – heißt eben auch: Gemeinsam gegen den Axel Springer Verlag stehen und dessen Spaltung und Desinformation. Prof. Drosten sagte erst kürzlich dazu:

„Wir werden noch lange zu knabbern haben an der Aufarbeitung der Pandemie. Eine Nachbesinnung ist nicht nur in der Politik und der Wissenschaft, sondern unbedingt auch im Journalismus nötig.“

Es ist kein Geheimnis, an wen er wohl vor allem gedacht haben wird.

Artikelbild: nitpicker

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