Wenn WELT-Chef Ulf Poschardt „Listen to the science“ sagt, dann meint er „Listen to me!“

| Kommentar | 10. Februar 2021

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Wenn Ulf Poschardt „Listen to the science“ sagt, dann meint er „Listen to me!“

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Man muss nicht lange in Poschardts Meinungsbeitrag lesen, um auf die gigantische Wissenslücke zu stoßen, die ihn so seltsame Sachen in Bezug auf Wissenschaft sagen und schreiben lässt. Es kristallisiert sich schon in der Überschrift heraus, dass er für den Wissenschaftsbetrieb keinerlei wirkliches Interesse hat. Und ihn für eine Art Wundermaschine hält, in die man oben Geld reinkippt, damit unten Innovationen rausplumpsen. Er scheint sich auch noch nie Gedanken darüber gemacht zu haben, denn er hält Forschung eher für so eine Art Wettbüro, in dem man halt nicht auf Spielergebnisse sondern auf Forscher:innen tippt. Er schreibt:

„Listen to the science – hört auf diesen Wirtschaftweisen!“

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Obwohl der wissenschaftliche Fortschritt einer der entscheidenden Gründe für unseren Wohlstand ist und sich mit Abstand als das belastbarste Instrument für Erkenntnisgewinn durchgesetzt hat, gibt es immer skurrilere Gegenbewegungen, welche die Existenz wissenschaftlicher Ergebnisse nicht wahrhaben wollen. Ob das nun die Form der Erde, das Anhängen an Alternativbehandlungen mit Chlorbleiche oder die Messungen aus der Klimaforschung sind, das Konzept ist das gleiche.

Poschardt und die Klimaforschung

Poschardt selbst ist nicht gerade als glühendster Verteidiger dieser Erkenntnisse bekannt. Besonders die sehr gut dokumentierte Wechselwirkung zwischen bestimmten Gasmolekülen unserer Atmosphäre und dem Wärmehaushalt des Planeten scheint er als persönlichen Affront zu begreifen. Wissen diese linksextremen Antifa-CO2-Moleküle denn gar nicht, wie viele Businesspläne seiner alten Studi-Kollegen sie damit ruinieren?

Während er Chefredakteur der WELT war, durfte wiederholt Björn Lomborg, ein fachfremder Politikwissenschaftler, Meinungsbeiträge zur Klimakrise veröffentlichen. Dieser war zu diesem Zeitpunkt längst für seine Bücher vom Dänischen Komitee für unredliches Verhalten in der Wissenschaft gerügt, weil er für sein Buch Daten erfunden, selektiv unerwünschte Ergebnisse aussortiert und vorsätzlich irreführende statistische Methoden angewandt hatte (Quelle). Vom Vorwurf der wissenschaftlichen Unlauterkeit wurde er vom dänischen Wissenschaftsministerium nur deshalb freigesprochen, weil dieses bezweifelte, dass sein Buch überhaupt ein wissenschaftliches Werk sei (lol).

Und vergessen wir nicht diesen Fake-News-Artikel, der unter Poschardt immer noch nicht gelöscht oder mit Warnhinweis ergänzt worden ist und immer wieder von Klimawandelleugner:innen massiv geteilt wird.

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, so einen dubiosen Typen Texte über das wichtigste Menschheitsthema der kommenden Jahrzehnte schreiben zu lassen und dann selbst „Listen to the science“ zu formulieren. Genau so gut könnte er ein brennendes Haus mit Benzinkanistern bombardieren und gleichzeitig der Feuerwehr zurufen „Jetzt löscht doch endlich mal das Feuer!“.

Woher also sein plötzlicher, scheinbarer Einsatz für die Wissenschaft?

Dieser rührt daher, dass sein Text nicht von Klimaforschung handelt, sondern von Volkswirtschaftslehre. Und er auf diese Weise den Fanwimpel für seinen Lieblings-VWLer namens Lars Feld in Textform gießen konnte. Wenn er „Listen to the science“ schreibt, meint er also viel eher „Listen to my favourite scientist“. Und genauso funktioniert Wissenschaft nun mal eben NICHT.

Poschardt kann mit ergebnisoffener, wissenschaftlicher Systematik wohl ungefähr so viel anfangen wie Recep Erdoğan mit freiheitlicher Grundordnung. Wozu soll so ein System denn gut sein, wenn es ihm keine unmittelbaren persönlichen Vorteile bringt? Er schreibt „Listen to the science“ und erklärt dann in fünf Absätzen an keiner Stelle, welche wissenschaftlichen Errungenschaften von Professor Feld denn nun so großartig sind, dass er ihm einen ganzen Artikel widmet. Stattdessen lesen wir davon, wie nüchtern Professor Feld doch sei und dass gleichzeitig  „ein intellektueller Ernst“ in ihm lodere.

Es dürfte einige Einträge in Tagebüchern geben, in denen verliebte Teenies in ähnlicher Weise erklären, warum Nick Carter ihr Lieblings-Backstreet-Boy war: Seine Haare waren so schön blondiert und er hatte dieses verschmitzte Lächeln, hach! Nein, Melanie, nein! Sorry, der war einfach 10 mal hotter als der schmierige Brian. Listen to the science!

Die wissenschaftlichen Fakten für Professor Feld? Die SPD mag ihn nicht

Okay, das war jetzt leicht verkürzt, denn es gibt noch andere Fakten, die für Professor Feld sprechen: Die SPD ist gegen ihn und die steht ja nur bei 15% Wahlstimmen, muss damit also falsch liegen. Sagt jemand, der zur Wahl der FDP aufruft.

Dieses Foto hat Poschardt selbst stolz auf Twitter verbreitet

Das ist das Wissenschaftsverständnis von Ulf Poschardt: Hat der Typ die gleiche politische Agenda wie ich? Na dann muss er Recht haben. Science, yeah! Nun ist Wissenschaft leider – oder viel eher zum Glück – genau das Gegenteil davon.

Bei der Wissenschaft geht es nicht darum, zum Alpha-Scientist im Labor aufzusteigen und alles was man von da an sagt, ist Gesetz. So stellen sich das vielleicht 12-Jährige vor, aber in der Realität irren Wissenschaftler:innen genauso wie andere Menschen auch. Die wissenschaftliche Methodik stellt nur sicher, dass dieses Irren transparent und damit Teil des Erkenntnisgewinns ist. Sie ist kein Rollenspiel, in dem man irgendwann Scientist Level 55 erreicht und ab da dann immer recht hat. Oder wie Mai Thi Nguyen-Kim sagte: Wissenschaftler irren.

Wissenschaft heißt, seine intuitive Einschätzung so streng wie möglich zu überprüfen und mit der Realität abzugleichen. Es mag müßig sein, das Menschen im Axel-Springer-Konzern zu erklären, die den halben Pandemiesommer damit verbracht haben, ihren Lieblingsvirologen aus einem Bauchgefühl heraus zu supporten, ob wohl der eigentlich immer falsch lag und sich ständig selbst widersprach. Vielleicht ist eine grundsätzlich anti-wissenschaftliche Haltung schon so was wie ein Einstellungskriterium dort, aber letztendlich bewegt man sich damit auf dem Niveau der vielen Sharepics auf Facebook, die Albert Einstein irgendwelche Aussagen in den Mund legen.

Listen to the science heißt vor allem, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren

Ja, er war einer der genialsten Physiker überhaupt, aber das bedeutet nicht, dass er unfehlbar war. Dennoch muss der arme Mann ständig für irgendwelche Fake-Zitate zu Bienen und Bildung herhalten. Weil der Einstein-hat-das-gesagt-also-muss-es-stimmen-Fehlschluss so verbreitet und akzeptiert ist. Dabei lag Einstein (wie mutmaßlich alle anderen Physiker:innen) auch bezogen auf seine eigene Fachrichtung daneben, zentrale Einschätzungen von ihm zur Quantenmechanik haben sich zum Beispiel nicht bestätigt.

Wer die Wissenschaft wirklich schätzt, muss darauf bestehen, dass Einstein in diesem Punkt falsch lag. Würde jemand seine Hypothesen gegen alle neuen Erkenntnisse verteidigen, dann ist er einfach ein Fanboy – und genaugenommen ein Gegner des wissenschaftlichen Prinzips.

Listen to the science heißt vor allem, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren. Try it out, Ulf!

Jan Hegenberg schreibt üblicherweise auf seinem Blog „Der Graslutscher“. Schaut doch vorbei! Artikelbild: Screenshot welt.de

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