Faktencheck: Abrechnung mit Nicht-Klima-Forscher Lomborg in der BILD

Faktencheck

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Faktencheck der Stimmungsmache in der BILD

Die BILD hat kürzlich den Politikwissenschaftler Bjørn Lomborg mit „Klima-Greta“ „abrechnen“ lassen. Er kritisiert den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen grundsätzlich.

BILD nennt ihn „Forscher“ und lässt so den Eindruck entstehen, es würde sich um einen Klimaforscher handeln, der „Gretas Thesen“ aus fachlicher Sicht kritisiere, dabei handelt es sich bei Lomborg um einen Politikwissenschaftler und Statistiker. In der Wissenschaft ist er jedoch aufgrund seines Umgangs mit Statistiken und als einseitig kritisierten Bücher umstritten. In wissenschaftlichen Fachzeitschriften hat er bisher fast ausschließlich Kommentare und Meinungsartikel veröffentlicht (Quelle). Ihn als „Forscher“, gar als Klima-Experten zu präsentieren, ist grob falsch.

Eine kurze Google-Suche, die bei der BILD offenbar niemand für notwendig erachtete, zeigt: Lomborg steht vielmehr mit libertären und konservativen Think Tanks in Verbindung, wie dem Competitive Enterprise Institute, der Hoover Institution, dem Environmental Assessment Institute, der Cooler Heads Coalition, dem Fraser Institute und dem Heartland Institute. Es sind Organisationen, die gezielt den menschengemachten Klimawandel verleugnen und diese Propaganda mit finanziellen und argumentativen Mitteln unterstützen.



Kein Interview, sondern Bühne für Klimaschutzverzögerer

Die BILD bietet Lomborg nun also per Interview völlig unkritisch eine Bühne, um dessen fragwürdige Thesen aufzustellen und wertet ihn in seiner Seriösität völlig unangebracht auf. Doch wenn man auch davon absieht, bleibt nach einem Faktencheck nicht viel seiner inhaltlichen Argumente übrig. Gehen wir sie mal durch.

Klimaschutz lohnt sich nicht?

Lomborg behauptet, dass sich Klimaschutz nicht lohnt, weil der wirtschaftliche Schaden durch den Klimawandel nur 2-4% der Weltwirtschaftskraft betragen wird. Nach seiner eigenen Rechnung sollten wir also maximal 3 Billionen Dollar für Klimaschutz ausgeben, sonst „lohnt“ es sich nicht, das Klima zu retten.

Faktencheck:

Es ist grundsätzlich Konsens unter den Ökonomen, dass der Klimawandel negative Auswirkungen auf kommenden Wohlstand haben wird. Es ist auch klar, dass die Studien konservative Berechnungen sind, weil sie viele Faktoren, die wir oft auch einfach nicht kennen, nicht berücksichtigt (Quelle). Der Schaden wird also voraussichtlich größer sein. Die meisten Studien, die von -2-4% GDP ausgehen, errechnen den wirtschaftlichen Schaden für den Fall, dass die Erderwärmung auf 2°C begrenzt wird.

Also wenn die Ziele des Pariser Abkommens eingehalten werden. Greta Thunberg und FridaysForFuture fordern genau das, eben weil danach aufgrund von Teufelskreisen die Klimaerwärmung ausartet und die Kosten entsprechend dramatisch steigen. Mit den derzeitigen Klimaplänen steuern wir hingegen auf 4-5° Erwärmung zu. Lomborg nimmt also eine konservative Schätzung des Schadens für den Fall, dass die Forderungen Greta Thunbergs eingehalten werden, um sie zu kritisieren.

Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass der Ausstoß einer Tonne CO2 gesellschaftliche Kosten von 180€ verursacht. Genau das ist auch der Wert, den FFF als CO2-Steuer fordert. Damit soll der Verschmutzer seinen Schaden an der Gesellschaft wieder gut machen. Die Forderung von FFF ist also nach bestem Wissen und Gewissen wissenschaftlich begründet (Quelle) und moralisch einwandfrei zu rechtfertigen.

Strohmann-Argument: Wir schaden armen Ländern

Lomborg behauptet, dass wir armen Ländern schaden, indem wir Klimaschutz fordern.

Faktencheck:

Das ist ein Strohmann Argument, denn niemand fordert von armen Ländern dramatische Klimaschutzmaßnahmen. Die größten Anstrengungen müssen nach dem Pariser Abkommen von Ländern erbracht werden, die bereits hohe historische Emissionen hatten und auch heute für den Großteil der Emissionen verantwortlich sind. Entwicklungsländer dürften aus genau diesem Grund ihre Emissionen eigentlich sogar noch steigern. Sein Punkt stützt also eher die Argumentation von FFF nach stärkerem Klimaschutz in Deutschland.

Der Klimawandel wird ärmere Länder, die stärker von Landwirtschaft abhängig sind, viel stärker treffen als andere Länder. Die UN warnt zum Beispiel vor massiven und unkontrollierbaren Hungersnöten als Folge des Klimawandels (Quelle). Betroffen sind davon vor allem Entwicklungsländer. Sie sind gleichzeitig am wenigsten für das CO2 verantwortlich und am größten betroffen.

Lieber geld in forschung und entwicklungshilfe?

Lomborg behauptet, dass wir lieber Geld in Forschung und Entwicklungshilfe stecken sollten.

Faktencheck:

Grundsätzlich ist es immer billiger, einen Markt für etwas zu schaffen, als mit staatlichen Maßnahmen Milliarden in Forschungsprojekte zu stecken. Die Bundesregierung macht genau das, indem sie Autokonzerne anhält, in E-Antrieben zu forschen oder die Industrie erneuerbarer Energien mit dem EEG fördert.

Es ist darüber hinaus ein Scheinargument, dass hypothetische technische Innovationen das Problem von alleine lösen können. Nicht nur ist das Klimabudget Deutschlands in 8,5 Jahren bereits aufgebraucht, und erst jetzt mit Forschung anzufangen ist viel zu spät, zweitens werden real existierende, bereits erforschte Alternativen ignoriert.

Man könnte klimafreundliche Innovationen entweder durch Subventionen fördern, oder ihnen einen Wettbewerbsvorteil durch eine effektive CO2-Bepreisung verschaffen (Was FFF fordert), oder wiederum die 57 Milliarden € klimaschädliche Subventionen abschaffen, die derzeit den Konkurrenten klimafreundlicher Innovationen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen (Was FFF fordert).

Die weltweiten Entwicklungshilfezahlungen (160 Mrd. pro Jahr, Quelle) verblassen hinter den Schäden, die der Klimawandel zum Beispiel allein in den USA im Jahr 2090 (500 Mrd. pro Jahr, Quelle) anrichten wird. Wenn wir diese Schäden in den USA verhindern, könnte also allein die USA die weltweiten Entwicklungshilfezahlungen verdreifachen.

Es erscheint also extrem merkwürdig, dass Lomborg Klimaschutz und Entwicklungshilfe gegeneinander ausspielt. Mit keinem Wort erwähnt er dabei die weltweiten Rüstungsausgaben in Höhe von fast 2 Billionen € pro Jahr.

haltlose Stimmungsmache gegen greta

Ein Politologe, der bisher nicht wissenschaftlich zum Klima geforscht hat, und Think Tanks nahe steht, die die Klimawandelleugnung vorantreiben, verbreitet also von BILD-Journalisten fahrlässig unkritisch hinterfragt argumentativ fragwürdige Thesen, die auf verschiedenen Missverständnissen und Falschdarstellungen beruhen, um die Position von Greta Thunberg und FridaysForFuture verzerrt darzustellen.

Greta Thunberg und FridaysForFuture stützen sich auf den wissenschaftlichen Konsens und fordern die Einhaltung der Pariser Klimaziele, die die Bundesregierung unterzeichnet hat. Der Versuch, mit vermeintlichen Experten und leicht widerlegbaren Argumenten deren „Thesen“ als unwissenschaftlich und übertrieben darzustellen, kann nur das Ziel haben, Klimaschutzmaßnahmen im allgemeinen zu torpedieren. Dass die BILD sich dafür hergibt, ist eine journalistische Bankrotterklärung.

Zum Thema:

Harald Lesch zerstört in einer Minute alle FridaysForFuture-Kritiker bei Anne Will

Text: Philip Kreißel, Thomas Laschyk, Artikelbild: fizkes, shutterstock.com, Screenshot bild.de

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