90% auf Intensiv ungeimpft: Irreführende Schlagzeilen über Impfdurchbrüche

| Corona-Fake | 14. Oktober 2021

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Anti-Impf-Ressentiments durch irreführende Schlagzeile

Von den 1.186 Corona-Patient:innen, die in Deutschland Mitte August bis Anfang September „intensivmedizinisch versorgt“ werden mussten, waren lediglich 119 gegen Corona geimpft. Die Impfung ist der sicherste und einfachste Weg aus der Pandemie. Auch wenn sie keinen totalen Schutz versprechen können, schützen beispielsweise die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna zu ca. 95% vor einer Infektion. Noch wichtiger ist aber, dass sie zusätzlich zu 85% davor schützen, dass ein schwerer Verlauf auftritt (Quelle: RKI). Da keine dieser Zahlen 100% beträgt, wird es immer Impfdurchbrüche und auch schwere Verläufe geben. Deren Zahl kann allerdings mit flächendeckenden Impfungen soweit reduziert werden, dass keine Überlastung des Gesundheitssystems droht.

Deutsche Leitmedien mit unverantwortlichen Schlagzeilen

„Zahl der Impfdurchbrüche stark gestiegen“ – so titelte u.a. der SPIEGEL am Dienstag. Ist das die nächste Hiobsbotschaft? Die Impfung wirkungslos? Alles umsonst? Diese Gedanken mögen so einigen impulsiv kommen, wenn sie diese Schlagzeile lesen. Und was nun? Schnell auf Twitter geteilt, den Facebook-Freunden in die Timeline gespült und in die WhatsApp-Gruppe der Familie gestellt, damit alle informiert sind?

Vielleicht wäre es auch eine gute Idee, den Artikel erst einmal zu lesen. Dann würde man schnell merken, dass es eigentlich gar nicht so dramatisch ist. Und einigen deutschen Leitmedien hier ein böser Fehler unterlaufen ist. An der Stelle schon einmal vielen Dank an den Oxford-Wissenschaftler Max Roser, der auf Twitter den ganzen Fall knapp zusammengefasst und kritisch aufgeklärt hat.

Mehr Geimpfte = Mehr Durchbrüche

Die Erklärung für die gestiegene Anzahl an Impfdurchbrüchen ist nämlich unfassbar simpel, naheliegend und fast schon langweilig. Die (hoch wirksame) Impfung wurde mittlerweile viel mehr Menschen verpasst. Damit gibt es auch viel mehr Menschen, bei denen die (geringe) Chance besteht, dass es zum Durchbruch kommt. In absoluten Zahlen sind dadurch selbstverständlich bei steigender Zahl an Impfungen auch mehr Durchbrüche zu erwarten.

Ein vereinfachtes Beispiel zur Veranschaulichung: Gehen wir von einer Stadt aus, in der 100.000 Menschen leben. Sagen wir, die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Impfdurchbruch kommt, sei 1%. Wenn nun 1.000 Menschen der Stadt geimpft sind, dann werden sich ca. 1%, also 10 Menschen, trotz Impfung mit Covid infizieren. Das sind die Impfdurchbrüche.

Wenn nun in unserem Beispiel alle 100.000 Menschen geimpft würden, dann wären bei der Wahrscheinlichkeit von 1% für Impfdurchbrüche ganze 1.000 Menschen von Impfdurchbrüchen betroffen. Die Zahl der Betroffenen ist von 10 auf 1.000 angestiegen – aber das ist ja auch naheliegend, da viel mehr Menschen geimpft sind (und damit überhaupt erst für einen Impfdurchbruch in Frage kommen).

95% Schutz vor Infektion und zusätzlich 85% vor Intensivstation

Da die Impfung zusätzlich vor einem schweren Verlauf schützt, ist die Zahl der Krankenhausaufenthalte noch einmal deutlich niedriger.

In der Realität sieht es laut RKI übrigens folgendermaßen aus: Die mRNA-Impfstoffe (Biontech/Pfizer und Moderna) schützen zu 95% vor einer Infektion und zusätzlich zu 85% davor, dass eine Infektion in der Intensivstation endet. Beim Impfstoff von AstraZeneca ist der Schutz vor einer Infektion bei rund 80%, der Schutz vor der Intensivstation bei 95%. Beim Johnson & Johnson-Vakzin liegt der Schutz vor der Infektion „nur“ bei 65%, dafür der Schutz vor der Intensivstation bei fast 100%. Auf der verlinkten RKI-Seite könnt ihr euch jeweils noch Zahlenbeispiele dazu ansehen.

Impfstoff ist die bessere Wahl – sagt auch der SPIEGEL

Liest man den Artikel komplett, merkt man schnell, dass der SPIEGEL nicht etwa unter die Corona-Leugnenden gegangen ist. Es wird beispielsweise das Gesundheitsministerium zitiert, welches ganz klar sagt, dass fehlende Impfungen der wichtigste Grund für intensivmedizinische Behandlung sind. Im Umkehrschluss heißt das: Impfungen schützen ziemlich gut vor der Infektion – und extrem gut vor der Intensivstation! So waren laut SPIEGEL-Artikel knapp 90% der Corona-Patienten Anfang September in intensivmedizinischer Behandlung nach wie vor Ungeimpfte.

Im Artikel wird auch weiter erklärt, dass Impfdurchbrüche tendenziell eher bei gefährdeten Gruppen auftreten, während  Infektionen auch bei ungeimpften Menschen ohne Vorerkrankung unter 60 vermehrt zu schweren bis tödlichen Verläufen führen. Gerade diese letzteren Infektionen wären durch die Impfung in den allermeisten Fällen vermeidbar gewesen.

Aber dann ist doch soweit alles richtig, könnte man sagen? Nur eine unglückliche Wahl der Überschrift, aber im Artikel gut gerettet? Leider ist es in Zeiten von Social Media und Sensationsjournalismus nicht ganz so leicht.

Das, was hängen bleibt

Es wäre vielleicht alles „nicht so wild“, wenn man davon ausgehen dürfte, dass alle Menschen, die die Überschrift sehen, auch den Rest des Artikels genau lesen. Das ist aber leider nicht so. Auf Twitter, Facebook, Instagram nehmen sich wenige Menschen die Zeit, Artikel wirklich genau zu lesen. Oftmals ist es nur der kurze Impuls der Überschrift, der hängen bleibt. „Zahl der Impfdurchbrüche gestiegen“ wird dann schnell interpretiert als „Impfstoff weniger wirksam“. Dass der Artikel selbst genau das Gegenteil erklärt, werden viele niemals erfahren.

Und genau deswegen ist es wichtig, dass Framing schon in der Überschrift korrekt zu machen. Wir wollen dem SPIEGEL (und anderen deutschen Medien) keinesfalls unterstellen, dass sie gemeinsame Sache mit Corona-Leugnenden machen. Allerdings bleibt die Vermutung, dass das Verfassen einer solchen Überschrift durchaus mit dem Hintergedanken geschah, eine möglichst „spektakuläre“ Schlagzeile zu schaffen. Gerade den Medien mit großer Reichweite sollte aber ihre Verantwortung bewusst sein, die sie im ohnehin schon aufgeheizten Diskurs tragen.

Spiegel hat ausgebessert

Immerhin: Der Spiegel hat die Schlagzeile mittlerweile geändert. Nun ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass die Zahl der Impfdurchbrüche „wegen höherer Impfquote“ stark gestiegen ist.

Auch das ZDF hat mittlerweile eine angemessene Schlagzeile.  Ein lobenswerter Schritt! Andere seriöse Medien, wie SWR und der tagesspiegel können sich da noch eine Scheibe abschneiden. Dort stehen weiterhin folgende irreführenden Schlagzeilen:

Schlagzeile SWR

 

Schlagzeile des „tagesspiegel“

Artikelbild: sfam_photo, Screenshots

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