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Weiß irgendjemand eigentlich, was unsere langfristige Corona-Strategie sein soll?

von | Nov 9, 2020 | Aktuelles, Corona

Die Politik muss endlich zu einer klaren Corona-Strategie stehen

Was ist unsere Strategie?

Was ist eigentlich die wirklich langfristige Corona-Strategie unseres Landes? Das fragen sich immer mehr Menschen. Bei Angela Merkel kann man das noch so grob erahnen: Sie möchte das Virus so gut es geht eindämmen. Nur ist sie offenbar seit Wochen nicht willens oder in der Lage, sich damit durchzusetzen. Andere im Land, wie Hendrik Streeck, wollen aber lieber ein paar mehr Infektionen in Kauf nehmen, um ja nicht der Wirtschaft schaden zu müssen.

Wenn aber die Infektionen steigen, und jeder Ausnahmen für sich selbst beansprucht, dann führt das zum Kontrollverlust und früher oder später zum Lockdown, was eben genau der Wirtschaft schadet. Das dürfte mittlerweile recht klar sein. Dauernd zwischen der einen oder der anderen Strategie zu wechseln geht nur mit wiederholten Lockdowns. Wir müssen uns daher am besten Europaweit auf die wissenschaftlich gefestigte Eindämmungs-Strategie einigen und die dann konsequent durchziehen.

Es gibt keinen Konsens bei der Corona-Strategie

Das ist nicht erst seit Streecks Papier bekannt:

Wir hatten eigentlich mal eine Schwelle von 50 Neuinfektionen über 7 Tage und 100 000 Einwohner als Grenze für strikte lokale Maßnahmen. Die letzten Wochen haben aber gezeigt, dass kein Konsens darüber besteht, was ab dieser Schwelle genau passiert. Wenn wir uns einig wären, dass wir das Virus eindämmen wollten, dann hätte es sofort bei Überschreitung dieser Schwelle im entsprechenden Landkreis zumindest einen weichen Lockdown mit einer Schließung der Gastronomie und harten Kontaktbeschränkungen geben müssen, bis die Zahlen wieder unter Kontrolle sind.

Erst wenn die Infektionszahlen wieder unter die Schwelle gesunken sind und der R-Wert wieder unter 1 liegt, hätte es in diesem Landkreis Lockerungen geben dürfen. In Neuseeland wurde ein lokaler Lockdown wegen 4 (!) Fällen in einer Stadt ausgerufen (Quelle). Dafür gibt es von dort solche Bilder:

Der R-Wert liegt ebenfalls bereits seit Juli dauerhaft über 1. Jedem Menschen mit rudimentären Mathe-Kenntnissen müsste eigentlich klar sein, dass ein R-Wert von über 1 nicht nachhaltig ist. Nur unsere Politiker:innen haben das offenbar teilweise einfach ausgeblendet. Wenn die Fallzahlen jede Woche zunehmen, dann ist zwangsläufig irgendwann die Kapazität unseres Gesundheitssystems erreicht. Das ist schlicht simpel und offensichtlich und trotzdem hat die Politik jetzt seit Monaten keine Gegenmaßnahmen ergriffen.

Hätten wir den R-Wert seit Juni einfach nur konsequent um 10% gesenkt, dann wären wir jetzt bei 2000 Infektionen pro Tag und wir bräuchten auf absehbare Zeit keinen Lockdown, vielleicht sogar bis wir im Frühjahr wieder das Leben ins Freie verlagern können.

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Wir waren eben schlicht nicht konsequent genug in der Eindämmung des Virus.

Große Fragezeichen bei Streecks Corona-Strategie

Streeck und seine Anhänger:innen und Unterstützer:innen schreiben viel und oft darüber, was sie NICHT wollen, nämlich Lockdowns und Einschränkungen. Das ist natürlich ihr gutes Recht, hilft uns aber Null weiter. Weil Herr Streeck und andere ihre Positionen gefühlt alle zwei Wochen ändern und der öffentlichen Stimmung anpassen, ist leider ziemlich unklar, wie deren Corona-Strategie eigentlich WIRKLICH aussieht.

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So viel können wir aus den öffentlichen Äußerungen aber wohl schließen:

Streeck spielt offenbar mit dem Gedanken, dass wir eine natürlich Herdenimmunität aufbauen. Wie lange würde das dauern? Wenn wir bei um die 10 000 Neuinfektionen pro Tag bleiben würden (natürlich vorausgesetzt, wir könnten das kontrollieren LOL), und davon ausgehen, dass wir durch eine Dunkelziffer vielleicht eigentlich sogar irgendwas um die 50 000 Fälle haben (was vermutlich angesichts der extrem hohen Testzahlen mittlerweile zu hoch gegriffen ist), dann würde die Durchseuchung 3 Jahre dauern, also bis 2023. Brauchen wir dazwischen Lockdowns etc. weil wir die Kontrolle verlieren (dürfte vermutlich dauernd vorkommen) dann dauert es vermutlich noch länger. Wir wissen aktuell nicht mal, ob die Immunität gegen das Virus so lange anhält. Wäre das nicht der Fall, ginge der Spaß dann wieder von vorne los.

Wie soll eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden?

Streecks Corona-Strategie erklärt auch nicht, wie bei laufend steigenden Infektionszahlen eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden soll oder wie alternativ ohne Einschränkungen die Infektionszahlen konstant gehalten werden sollen. Er erklärt nicht, wie man die 20 Millionen Menschen, die in Deutschland allein wegen ihres Alters zur Risikogruppe gehören, schützen soll. Geschweige denn, wie man über Jahre hinweg jüngere Risikopatient:innen schützen soll, die ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.

Streeck behauptet, dass er gegen Lockdowns ist, allerdings würde seine Strategie dauernd zu Lockdowns führen, weil wir bei hohen Infektionszahlen schlicht viel schneller die Kontrolle verlieren und viel schneller gegensteuern müssten.

Selbst wenn man Streecks niedrige Infektions-Sterblichkeit aus Heinsberg zu Grunde legt, wo wenig alte Menschen (Quelle) und kein Altenheim (Quelle) betroffen war, würden bei dieser Strategie für eine Herdenimmunität in Deutschland etwa so viele Leute zusätzlich sterben, wie sonst in einem Jahr an an Krebs sterben (Quelle).

Vor allem: Es gibt kein Land auf der Erde, welches mit Streecks Strategie bisher erfolgreich gewesen wäre. Großbritannien hatte zuerst auch den Weg der Durchseuchung verfolgt, war aber aufgrund der schrecklichen Folgen gezwungen einen ökonomisch extrem teuren Kurswechsel hinzulegen. In Schweden ist der Schutz der Risikogruppen nicht gelungen (Quelle) und es werden nun auch neue Einschränkungen auf den Weg gebracht(Quelle). In manchen Gegenden Norditaliens sind Effekte von Herdenimmunität sichtbar, aber für den furchtbaren und inakzeptablen Preis, dass 0.5%-1% der Bevölkerung (nicht der Infizierten! der Bevölkerung!) dort durch das Virus zusätzlich verstorben ist (Quelle).

Länder, die konsequente Eindämmungsstrategien fahren, wie Taiwan, Südkorea, Japan, Neuseeland, Vietnam etc. sind hingegen bisher auch ökonomisch weltweit am besten durch die Krise gekommen (Quelle, Quelle, Quelle).

Eindämmung ist klar der beste Weg

Nach dem klaren wissenschaftlichen Konsens in Deutschland ist die Eindämmung der beste Weg. Diesen Weg beschreiben die größten Forschungs-Institute Deutschlands (Quelle), diesen Weg beschreibt die Gesellschaft für Virologie (Quelle). Auch das Ifo-Institut sieht einen R Wert von unter 1 als optimal für Gesundheit UND Wirtschaft an (Quelle).

Die Argumentationskette dazu ist zwingend und kaum widerlegbar:

Um eine Überlastung der Intensivstationen und damit Lockdowns zu vermeiden, muss der R-Wert langfristig unter 1 gehalten werden. Das geht am besten über Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter und Quarantäne von möglichen Kontaktpersonen. Diese Kontaktverfolgung wiederum funktioniert am besten bei niedrigen Fallzahlen. Um die Intensivstationen nicht zu überlasten sind also niedrige Fallzahlen der beste Weg. Wenn also die Fallzahlen steigen, braucht es stärkere lokale Gegenmaßnahmen, und zwar so lange, bis die Zahlen eben nicht mehr steigen sondern wieder sinken.

Frühere, strengere Maßnahmen = Leichtere Maßnahmen

Die Kontaktverfolgung senkt die Zahl der Ansteckungen für sich genommen schon drastisch. Um den Wert von R unter 1 zu halten sind bei erfolgreicher Kontaktverfolgung viel weniger Einschränkungen notwendig.

Es ist also viel einfacher und mit weniger Einschränkungen verbunden, die Pandemie mit geringen Fallzahlen zu durchlaufen. Es macht keinen Sinn, höhere Fallzahlen “in Kauf” zu nehmen, weil man sich damit nichts erkauft außer mehr Probleme. Wenn wir die Infektionszahlen bei 20 000 täglichen Neuinfektionen konstant halten wollten, dann würde das viel mehr Einschränkungen und Aufwand erfordern, wie wenn wir sie einfach bei 200 oder niedriger konstant halten würden.

Da außerdem spätestens im nächsten Jahr bereits mit Impfstoffen zu rechnen ist, aber eine Herdenimmunität ohne einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems mehrere Jahre dauern würde, ist diese Strategie auch nicht schneller oder sonst in irgendeiner Weise besser.

Nach dem Lockdown müssen wir konsequent sein

Es muss endlich Schluss sein mit Sonderbehandlungen, Ausnahmen und halbherzigen Maßnahmen. Wenn die Zahlen steigen, müssen wir so schnell wie möglich den Hammer auspacken und draufhauen. Es darf für die Landkreise keine Anreize geben, die Verhängung von wirtschaftlich kurzfristig schädlichen Maßnahmen hinauszuzögern.

Wenn irgendwo ein Cluster vermutet wird, dann brauchen die Gesundheitsämter das Mandat und die Rückendeckung, dort präventiv große Gruppen von Menschen in Quarantäne zu schicken, selbst wenn noch gar nicht klar ist, ob es sich um ein Cluster handelt. Wir müssen Ernst machen mit einer echten Cluster-Strategie, wie Drosten sie vorschlägt (Quelle). Wir müssen uns trauen und ehrlich kommunizieren, dass viele Menschen durchaus umsonst in Quarantäne geschickt werden könnten Es ist paradox, aber wir müssen langfristig denken: Je mehr Leute wir vorsorglich isolieren, desto niedriger die Fallzahlen, und desto weniger Menschen müssen wir letztlich insgesamt isolieren.

Je konsequenter wir handeln, desto weniger Einschränkungen gibt es

Die Politik muss klarer und ehrlicher als bisher sagen: “Wir werden es allein nicht schaffen den nächsten Lockdown zu verhindern. Es kommt auf das Verhalten aller an.” Die Politik muss aber auch mit gutem Beispiel vorangehen und mit klaren Grenzen bei der 50er Inzidenz zeigen, dass sie das Virus ernst nimmt.

Die Maßnahmen wie Maskenpflicht, Plastikwände, Corona-Warn-App und Abstandhalten haben den Anstieg bereits drastisch verlangsamt. Im März hatten wir zeitweise in mehreren Ländern und auch bei uns Verdopplungszeiten um die 3 Tage. Aber im Oktober waren es dagegen 7-10 Tage. Im März hat eine Person zeitweise im Schnitt über 3 weitere angesteckt (Reproduktionsrate R), im Oktober hat eine Person maximal 1.5 Personen angesteckt. Ende Oktober sank dieser Wert bereits ohne die verordneten Kontaktbeschränkungen durch freiwilliges Verhalten der verantwortungsbewussten Mitbürger:innen unter uns auf 1.

Das Virus verbreitet sich also selbst unter schlechten Bedingungen von Mitte Oktober nur noch halb so schnell wie im März und durch unser Verhalten konnten wir es sogar in die Stagnation drücken. Wir müssten also nur schaffen, dass jeder Infizierte langfristig im Schnitt grade mal etwa 35% weniger Menschen ansteckt als auf dem Höhepunkt der Verbreitung im Oktober.

Wir sind also nicht hilflos, wir können das Virus stoppen, wir können Lockdowns verhindern. Aber wir brauchen einen Konsens in unserer Corona-Strategie, den wir dann konsequent verfolgen.

Artikelbild: pixabay.com, CC0 / Federico Gambarini/dpa


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