Corona ist mutiert & damit viel gefährlicher: Was wir jetzt tun müssen

| Corona | 3. Januar 2021

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Neue Virusvariante – Wir unterschätzen die Gefahr mal wieder

Philip Kreißel, Cornelius Römer

Bei der neuen Mutation von SARS-CoV-2 aus Großbritannien handelt es sich dem Anschein nach um fast den gleichen Virus. Dennoch müssen wir ihn so behandeln wie eine völlig neue Pandemie. In diesem Artikel erklären wir euch warum das so ist. Die gute Nachricht: Wenn wir die Neuinfektionen jetzt in einem verlängerten Lockdown deutlich drücken und auch danach auf #ZeroCovid, also konsequente Eindämmung setzen, können wir auch die neue Variante besser beherrschen.

Im Gegensatz zu den deutschen Medien ist im englischsprachigen Raum das Bewusstsein über die noch größere Gefahr schon angekommen (z.B: hier ein Artikel im Atlanticdt. Übersetzung), viele namhafte Epidemiolog:innen verleihen ihrer Sorge auf Twitter Ausdruck. In Österreich gibt es eine Petition von Mediziner:innen, um die dortige Bundesregierung zum Handeln aufzufordern (hier). In Deutschland herrscht hingegen nach wie vor Selbstüberschätzung und Verharmlosung vor.

Die gleichen Fehler wie zu Beginn der Pandemie

Leider ignorieren unsere Medien die Schwere des Themas aktuell komplett, und berufen sich, falls sie es überhaupt erwähnen, darauf, dass ja “nur” “vielleicht” die Übertragbarkeit zunimmt – obwohl genau davon die immense Gefahr ausgeht und es mittlerweile sehr gut belegt ist, dass die neue Variante wirklich deutlich übertragbarer sein muss.

Eine Ausnahme bietet der Artikel von Krautreporter zum Thema, den wir euch an dieser Stelle ebenfalls ans Herz legen. Hier könnt ihr auch Krautreporter unterstützen. Auch Klaus Kleber warnte im ZDF bereits eindringlich vor der neuen Variante (Quelle). Ansonsten: Funkstille. Medien, Entscheider:innen und wohl auch einige Expert:innen wollen sich unter dem Dauerfeuer der faktenfreien Verharmloser:innen nicht aus der Deckung wagen. Mittlerweile sollte doch relativ klar sein: Bei diesem Virus schafft es mehr Freiheit UND Sicherheit, auf der sicheren Seite zu handeln.

Wir sind gerade dabei, genau die Fehler zu Beginn der Pandemie zu wiederholen. In unserer Selbstüberschätzung droht uns – wie gerade London – erneut das Schicksal von Bergamo. Am 5. Januar treffen sich die Ministerpräsidenten der Länder. Eine Wiedereröffnung von Kitas und Grundschulen steht zur Diskussion (Quelle).

Die neue Mutation verbreitet sich viel schneller.

Was wissen wir über die Virus-Variante?

Alles deutet daraufhin, dass die Variante ca. 50% übertragbarer ist als der Ursprungsvirus. Ganz genau können wir es aufgrund fehlender Daten noch nicht sagen. Der Wert könnte im besten Fall auch bei 20% liegen, im schlechtesten aber auch bei 70%. Das Grundargument, warum die Variante ein großes Problem ist, bleibt dadurch aber unverändert.

Eine Analyse vom Imperial College London bestätigt ebenfalls, dass sich die neue Variante etwa 50% schneller ausbreitet. Auch zeigt die Analyse eine höhere Verbreitung unter jüngeren Menschen. Es ist aber noch unklar, ob dies damit zusammenhängt, dass dort Pubs und Shops geschlossen waren, während Schulen offen gehalten wurden. Der Report warnt jedenfalls vor dem Risiko von Schulöffnungen (Imperial College Report ).

Das Problem ist, dass wir mit Maßnahmen, mithilfe derer wir bisher die Ausbreitung im Schach gehalten haben, gegen die neue Variante nicht mehr ankommen. Es kommt plötzlich wieder zu einem extrem schnellen exponentiellen Wachstum. In Dänemark zeigt sich momentan eine Verdopplungszeiten des Anteils der neuen Mutation von einer Woche (Quelle).

Der einzige Grund, warum wir das in Deutschland noch nicht beobachten ist, dass sich die Variante bei uns im Gegensatz zu England noch nicht ausreichend verbreitet hat, als dass sich das wesentlich auf die Zahlen auswirkt.

Verbreitung passiert alle 4 Tage 50% schneller

Intuitiv mag manch einer jetzt denken: 50% übertragbarer, das geht ja noch, dann müssen wir eben eine Woche länger Lockdown machen. Das ist leider falsch. 50% übertragbarer heißt, dass eine Person statt einer anderen nun im Schnitt anderthalb Personen ansteckt.

Es ist eben nicht so, dass wir da halt 50% mehr Fälle hätten wie bei der bisherigen Variante. Sondern es steigt eben ALLE 4 Tage 50% stärker!

Wir müssen daran denken: Bei der Immunität in der Bevölkerung stehen wir nach wie vor am Anfang. Selbst stark betroffene Länder der EU sehen noch keine Effekte von Herdenimmunität. Nur in Norditalien hat sich in einigen Dörfern ein kleiner Effekt durch beginnende Herdenimmunität eingestellt – nachdem dort 0.5% der Bevölkerung (nicht der Infizierten – der Bevölkerung!!) zusätzlich gegenüber den Vorjahren verstorben ist (Quelle). Auf Deutschland gerechnet wären das mindestens 400 000 Tote. In Manaus gibt es gerade eine “zweite Welle” obwohl dort schon im Juni bei 44% der Bevölkerung Antikörper gemessen wurden (Quelle). In München ergab eine Antikörperstudie nur bei 3% eine Immunität gegen SARS-CoV-2 durch überstandene Infektion (Quelle).

Wir müssen also davon ausgehen, dass SARS-CoV-2 – egal in welcher Variante – weiter exponentiell wachsen wird – wenn wir es lassen. Mit der neuen Variante nun aber noch schneller.

Auch die Impfung kommt vermutlich zu langsam für die neue Variante. Das liegt einfach daran, dass wir eben nur linear – also jeden Tag eine bestimmte Anzahl – impfen können. Das neue Virus hingegen breitet sich exponentiell aus. Bis wir die Bevölkerung durchgeimpt haben (mit der neuen Variante müssen wir wohl mindestens 85% erreichen um ganz auf Maßnahmen verzichten zu können) ist unsere einzige Hoffnung das langsam nahende Frühjahr.

Was heißt das nun für die Ansteckungsrate?

Selbst wenn wir wie im November die normale Variante konstant halten, würde in kürzester Zeit die neue Variante überholen. Wir gehen dabei davon aus (es gibt keine (!) Daten vom RKI dazu), dass es aktuell nur 100 Neuinfizierte der neuen Variante in Deutschland gibt.

Und spätestens im März würden wir massive Probleme mit den Fallzahlen bekommen. Und das auch nur mit einem erfolgreichen Lockdown-Light wie im November. Im Dezember sind die Zahlen ja schon wieder etwas nach oben gegangen trotz Lockdown.

Würde es ab jetzt wie im Dezember weitergehen, gäbe es innerhalb kürzester Zeit hunderttausende Fälle pro Tag:

Einzig eine Fortsetzung des harten Lockdowns würde eine Kontrolle bis Ende März gewährleisten, aber auch dann würde es durch die Decke gehen.

Der beste Weg wäre ein noch härterer Lockdown, um die neue Variante schon im Keim zu zerstören:

Das hier sind natürlich nur sehr grobe Modellrechnungen. Aber wir sehen genau solche Entwicklungen gerade in Dänemark, hier verdoppelt sich der Anteil der neuen Variante an allen Infektionen in unter einer Woche:

Viel Tödlicher, obwohl die Sterblichkeit nicht steigt?

Was klingt wie ein Paradoxon, ist auch der Grund, warum die neue Variante aktuell von uns allen unterschätzt wird. Würde eine Infektion mit SARS-CoV-2 nur doppelt so tödlich sein, wäre das “gar nicht mal so schlimm” verglichen mit dem was wir jetzt sehen. Hier liegt zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Analyse komplett daneben, die die gleichbleibende Sterblichkeit nutzt, um die neue Variante zu verharmlosen ( Quelle ). Sie zitiert auch eine Analyse aus dem November (!) von Prof Francois Balloux, der mittlerweile aber z.B. eine Analyse retweetet, die mit 80%-90% Wahrscheinlichkeit für eine höhere Transmission ausgeht ( Quelle ).

Bei den hohen Fallzahlen bei unkontrollierter Verbreitung sterben dann eben auch viel viel mehr Menschen. Wir haben ja schon gesehen, wie die Fallzahlen der neuen Variante trotzdem explodieren würden, selbst wenn wir die alte Variante unter Kontrolle halten würden. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die neue Variante in 3 Monaten dominieren wird.

Die Konsequenz wären auch entsprechend deutlich mehr Todesfälle.

Der Unterschied ist der: Bei einer Erhöhung der Sterblichkeit würden die Todesfälle nur um einen festen Faktor steigen, zum Beispiel Faktor 2 bei doppelt so hoher Sterblichkeit. Bei einer schneller verbreitenden Variante hingegen würde die Todesfälle viel schneller exponentiell ansteigen, selbst wenn die alte Variante im Griff gewesen wäre. Die Verdopplungszeit der Todesfälle wäre viel kleiner.

Adam Kucharski, Epidemiologe, erklärt das auf Twitter so:

Er geht von einem Setting aus, wo der R-Wert bei 1,1 liegt und das Virus 0.8% der Infizierten tötet. Dann gäbe es mit der alten Variante 129 Tote in einem Monat. Erhöht sich nun die Sterblichkeit um 50%, wären das 193 Tote pro Monat. Aber erhöht sich die Ansteckungsrate um 50% hätten wir am Ende des Monats 978 Tote.

Wir wiederholen den gleichen Fehler wie zu Beginn der Pandemie: Die Todesrate erscheint klein – dabei ist sie nicht der Faktor, der SARS-CoV-2 so gefährlich macht. Sondern, dass ein leicht übertragbares Virus auf eine Bevölkerung ohne spezifische Hintergrundimmunität trifft ( Quelle ). Ebola war deutlich tödlicher als SARS-CoV-2. Der Grund, dass wir in Deutschland verschont wurden war einfach die geringere Übertragbarkeit. Deshalb hatSARS-CoV-2 insgesamt auch die schwerere Pandemie erzeugt. Und mit der neuen Mutation jetzt eben noch schwerer.

Gegenmaßnahmen

Die guten Nachrichten: Wir müssen das neue Virus nur so lange im Schach halten, bis der Sommer und die Impfungen da sind – denn die Impfungen die Maßnahmen helfen auch gegen die neue Variante. Und im Vergleich zu Großbritannien, ist die Variante bei uns noch weniger verbreitet. Theoretisch lässt sich die Variante auch relativ einfach ohne Sequenzierung mit einem bestimmten PCR-Test nachweisen – leider wird das in Deutschland noch nicht gemacht.

Die schlechte Nachricht: Wir dürfen auf keinen Fall die Kontrolle verlieren, sonst wird es extrem schwer die Kontrolle zurückzugewinnen.

Dafür müssen wir den R-Wert am besten NOCH WEITER drücken.

Zuerst muss natürlich die Abriegelung von Großbritannien aufrecht erhalten werden, aber auch in anderen Ländern wie Dänemark ist die neue Variante bereits im extrem schnellen Aufschwung. Selbst wenn wir es schaffen Reisende aus Großbritannien fernzuhalten: Unsere Urlauber liegen möglicherweise in verschiedenen Ländern gerade direkt neben Briten mit der Variante in der Sonne.

Politiker:innen nennen den aktuellen Lockdown zwar “hart”, aber es gibt noch viel Potential im aktuellen Lockdown. Melanie Brinkmann (Virologin) empfiehlt eine Verschärfung im Homeoffice Bereich ( Quelle ). Bisher passiert hier wenig. Wir schlagen vor: Der Arbeitgeber MUSS ab jetzt begründen, wenn er Menschen NICHT ins Homeoffice schickt. Im Dezember waren viel zu wenig Menschen im Homeoffice, sogar weniger als im Juni:

Die Krankenhäuser sind jetzt bereits am limit

Dass Fließbandarbeiter:innen nicht ins Homeoffice können ist klar. Warum die Rechts- und Personalabteilungen aber oft Präsenzpflicht haben ist völlig unverständlich und schadet letztendlich der gesamten Wirtschaft. Gleichbehandlung ist hier das falsche Maß. Neben der Politik sind Gewerkschaften hier gefragt, Druck auf die Arbeitgeber zu machen.

Leider zeigen die Daten aus London, dass sich das Virus dort trotz geschlossener Pubs und Geschäfte stark ausgebreitet hat – in Schulen. Das heißt: Schulen müssen wo immer möglich auf Präsenzunterricht verzichten: Wir brauchen eine massive Ausweitung von Online Unterricht. Jetzt kann man sagen: “Das wird doch ziemlich schwer.” Und das ist völlig richtig. Aber der Ausbruch in London zeigt, dass wir keine Wahl haben.

Wir müssen die Krankenhäuser leerer bekommen, um für einen Anstieg durch die neue Variante gewappnet zu sein. So berichtet Krautreporter aus Großbritannien:

“Die Krankenhäuser befürchten das Schlimmste für die nächsten Wochen. Darauf einstellen können sie sich leider schon nicht mehr. Denn sie sind bereits durch das Infektionsgeschehen, das vor drei Wochen herrschte, überfordert: Einige melden, dass es nicht mehr genügend Sauerstoff für die Beatmung der Patient:innen gibt und der Mangel an Pflegepersonal so groß ist, dass die Versorgung auf manchen Stationen zusammenbricht.” – Krautreporter

Weg der Verzweiflung

Der Weg den Großbritannien jetzt aus Verzweiflung geht, ist, erstmal nur eine Dosis der mRNA-Impfung von Moderna oder Pfizer zu geben (normal braucht man zwei). Diese Dosis ist vermutlich schon recht wirksam. In den Medien ist in diesem Zusammenhang oft von 50% Wirksamkeit die Rede, aber diese Zahl ist falsch ( mehr dazu ). Wir wissen nicht genau wie effektiv nur eine Dosis ist, aber wohl im Bereich von über 80%. Auch das ist ein Weg, über den wir je nachdem wie erfolgreich die Eindämmung im Januar verläuft, nachdenken werden müssen.

Andererseits könnte eine solche partielle Immunität, wenn wir bei zu hoher Inzidenz impfen, zu weiteren Mutationen des Virus führen, die dann die Impfung überwinden können, das trifft aber auch generell auf alle Varianten des Virus zu:

Immer noch nicht überzeugt?

Die Evidenz wird jeden Tag immer klarer und praktisch alle Analysen bestätigen es: Die Gefahr durch die neue Mutation ist real und wir unterschätzen sie gerade massiv.

Doch selbst wenn es die neue Mutation nicht geben würde: Wir sollten die Infektionszahlen in ganz Europa durch koordinierte Maßnahmen drastisch senken, um die Übergangszeit bis die Impfung vorhanden ist zu überbrücken – das empfehlen dutzende Epidemiologen und Modellierer aus ganz Europa ( Quelle ).

Es gibt also sehr starke Evidenz zur neuen Mutation, die eine drastische Reduktion der Fallzahlen zwingend erforderlich machen. Und selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass wir uns im Risiko irren: Wir sollten jetzt so oder so so weit wie möglich runter mit den Fallzahlen, wir können erst dann lockern, wenn wir den R-Wert deutlich unter eins halten können (R = 0.7), das empfehlen uns sowohl die wichtigsten Epidemiolog:innen als auch Ökonom:innen (!) sowieso schon seit April letzten Jahres ( Quelle ).

Wir müssen für die Übergangszeit bis zur Durchimpfung soweit wie möglich #ZeroCovid erreichen, also einen Zustand, in dem es nur noch vereinzelt Infektionen gibt, die wir dann nachverfolgen und auch auf die neue Variante untersuchen können. Das ist ökonomisch und gesundheitspolitisch gesehen der beste Weg UND schützt uns vor der neuen Variante bis der Impfstoff breit zur Verfügung steht.

Zum Thema:

Wer mehr Freiheiten möchte, muss jetzt für einen harten Lockdown sein

Autoren: Philip Kreißel, Cornelius Römer. Artikelbild: Jambronk

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