Wer mehr Freiheiten möchte, muss jetzt für einen harten Lockdown sein

| Kommentar | 30. November 2020

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Worauf warten wir noch? Wir brauchen jetzt einen harten Lockdown.

Der Lockdown Light hat zwar den R-Wert gegenüber Oktober stark reduziert und das exponentielle Wachstum gebrochen. Aber die Zahlen sinken einfach nicht, oder nur sehr langsam. Es gibt im Grund genommen zwei Möglichkeiten durch den Winter zu kommen: Entweder wir bleiben bis März im Lockdown Light, wie das offenbar auch Kanzlerinnenamtsminister Braun offenbar bewusst ist (Quelle). Oder wir machen jetzt einen befristeten harten Lockdown, bis die Fallzahlen wieder bei etwa 1000-5000 pro Tag sind. Danach wären dank Kontaktverfolgung und allgemeiner Entlastung der Gesundheits-Dienste auch deutliche Lockerungen möglich. Das schlägt zum Beispiel die Wissenschaftlerin Viola Priesemann im SPIEGEL vor ( “Ein letzter harter Shutdown” ).

Es ist eigentlich klar, welcher Weg der richtige ist: Die hohen Zahlen kosten uns Freiheit. Wir erkaufen uns damit nichts außer mehr Tod und noch größere wirtschaftliche Schäden. Bei einem harten Lockdown müssen wir uns aber nur kurz einschränken.

Hohe Fallzahlen bis März haben große Nachteile

Aktuell gibt uns das Datasciencelab vom ZI-Berlin eine Vorlaufzeit von effektiv drei Tagen, um im Falle von zu starken Lockerungen eine Überlastung der Intensivstationen durch neue Maßnahmen zu verhindern (Quelle). Auf gut Deutsch: Wenn wir bei so hohen Fallzahlen auch nur ein bisschen lockern, verlieren wir möglicherweise sofort wieder die Kontrolle.

Die Frage ist natürlich auch, ob man das, was wir im Moment haben, überhaupt als “Kontrolle” bezeichnen kann.

  • Die Zahl der Tests hat zuletzt leicht abgenommen und die Positivrate der Tests hat leicht zugenommen, was für eine größere Dunkelziffer spricht (Quelle).
  • Es ist offensichtlich, dass wir mit auch durch die hohen Fallzahlen nicht in der Lage sind, Pflegebedürftige und Alte effektiv zu schützen (Quelle).
  • Die Zahl der Covid-19 Patient:innen auf Intensivstationen steigt auch nach einem Monat Lockdown immer noch und erreicht täglich neue Rekordwerte (Quelle).
  • In einzelnen Landkreisen sind die Intensivstationen jetzt komplett belegt, elektive Eingriffe finden gar nicht mehr statt und Patient:innen müssen quer durchs Land gefahren werden (Quelle).

Der leichte Lockdown bringt nur Probleme und kostet uns Freiheiten

Selbst wenn wir den aktuellen Trend, also eine Stagnation der Fallzahlen, aufrecht erhalten könnten, ist die aktuelle Situation für viele Menschen mit einer immens großen Belastung verbunden.

  • Menschen, die regelmäßig Kontakt zu Risikogruppen haben, müssten sich bei hohen Fallzahlen die nächsten Monate komplett isolieren, was psychische Konsequenzen haben wird.
  • Intensivmediziner sind jetzt schon am Ende ihrer Kräfte und werden das nicht mit zum März durchhalten (Quelle, Quelle, Quelle).
  • Jede weitere Woche mit hohen Fallzahlen sterben zusätzlich mehrere tausend Menschen, die Angehörige zurücklassen.
  • Restaurants, Sportstätten, Bars werden auf absehbare Zeit geschlossen bleiben müssen und auch der Einzelhandel leidet unter den Beschränkungen.

Niedrige Fallzahlen hätten enorme Vorteile

Aktuell gibt es praktisch keine effektive Kontaktverfolgung mehr. Die Verfolgung ist nur dann effektiv, wenn sie sehr schnell ist (Quelle). Wenn es funktioniert, können damit nochmal so viele Infektionen verhindert werden, wie durch die Isolation von Infizierten alleine (Quelle). Durch die Verzögerungen beim Testen und die zusammengebrochenen Gesundheitsämter ist das aktuell nicht möglich. Sinken die Infektionszahlen, wäre dieses mächtige Werkzeug aber wieder nutzbar.

Nochmal: Aktuell bezahlen wir die hohen Infektionszahlen mit unserer Freiheit und kaufen uns damit nichts.

Während man bei der Kontaktverfolgung versucht die Kontakte der Infizierten Person zu erreichen, bevor diese jemand anderen anstecken, versucht die Clusterstrategie das Quellcluster der Infektion zu finden, um dann von dort aus wieder zu versuchen Kontakte zu unterbrechen. Der Fall Japan zeigt, dass auch diese Strategie ohne allzu große weitere Beschränkungen funktionieren kann – bis die Fallzahlen zu hoch werden, so wie jetzt auch, wo das System in Japan seine Grenzen kommt (Quelle).

Dazu kommt, dass hoffentlich bald der Einsatz von Antigentests vom Staat übernommen wird. Auch die könnten klug eingesetzt die Cluster- und Kontaktverfolgung nochmal beschleunigen, einfach weil das Ergebnis schneller da ist. All das funktioniert aber nur bei niedrigen Fallzahlen wirklich gut.

Niedrige Fallzahlen geben uns mehr Freiheiten für bessere Maßnahmen

Bei niedrigen Fallzahlen wäre auch eine Strategie der „Maximum Suppression“ nicht mehr so schädlich. Wenn Ausbrüche selten sind, kann man auch mal großflächig Leute präventiv in Quarantäne schicken, ohne dass das einem Quasi-Lockdown gleichkommen würde. Gesundheitsämter könnten die vermuteten Cluster großflächig in Quarantäne stecken und dann sieben Tage nach Kontakt freitesten, und es wären trotzdem viel viel weniger Menschen in Quarantäne als im Moment bei hohen Fallzahlen. Vor allem bräuchten wir keine so starke „allgemeine Quarantäne“ mehr, also Kontaktbeschränkungen für alle.

Wir können also bei niedrigeren Fallzahlen mit weniger Kontaktbeschränkungen den gleichen R-Wert halten, für den wir bei höheren Fallzahlen viel stärkere Maßnahmen brauchen würden.

Weniger notwendige Kontaktbeschränkungen bedeutet, wir können Altenheime vorsichtig für Besuche öffnen und der Vereinsamung entgegenwirken, Schulen müssen nicht mehr dauernd schließen, wir können vielleicht sogar Restaurants mit geringerer Kapazität wieder öffnen und Kulturveranstaltungen mit Hygienekonzepten wieder zulassen. Nochmal: Bei den hohen Fallzahlen können wir das alles bis mindestens März/April (!) vergessen. Wir können es im Moment nicht mal testweise für ein zwei Wochen versuchen, weil wir sofort die Kontrolle verlieren würden.

Wie kommen wir da hin?

Wir müssten vor Weihnachten die wichtigsten Kontakte nochmal um mindestens 30% reduzieren, um auf einen R-Wert von 0.7 zu kommen. Das würde das exponentielle Wachstum umkehren und gegen das Virus richten. Wir würden dann jede Woche die Zahlen halbieren. Um runter auf unter 50 Neuinfektionen zu kommen müssten wir das dann zwei Wochen einen harten Lockdown durchhalten. Drei Wochen wären ausreichend, um deutschlandweit unter 35 zu fallen. Man könnte auch überlegen, dass man in Landkreisen mit niedrigerer Inzidenz früher lockert.

Ein wichtiger Hebel dabei wäre eine Homeoffice-Vorschrift:

Wünschenswert wäre auch noch eine Schließung des Einzelhandels, Reisebeschränkungen von Risikogebieten in “sichere” Landkreise und Wechsel-Unterricht in höheren Klassenstufen. Lässt man das aus, müsste man die anderen Maßnahmen halt entsprechend länger aufrecht erhalten. Halbieren sich die Zahlen nur noch alle zwei Wochen, bräuchten wir vier Wochen harten Lockdown.

Kennt ihr den Marshmallow Test?

Dabei gibt man Kindern ein Marshmallow, mit der Anweisung, dass sie noch eines bekommen, wenn sie es schaffen, das Marshmallow für 15 Minuten nicht zu essen. In der Original-Studie (nicht mit Marshmallows) schafften das 10 von 35 Kindern (Quelle):

 

Die Frage, die wir uns als Gesellschaft jetzt stellen müssen: Sind wir schlauer als diese Kinder?

Artikelbild: Ivan Marc

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