Fast alle Masken-Atteste ungültig: Großer Corona-Ausbruch an Waldorf-Schule

| Corona | 18. November 2021

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Ungültige Atteste an Waldorfschulen

An einer Waldorf-Schule in Freiburg gab es nach mehreren Zirkusvorstellungen einen Ausbruch mit zunächst mehr als 40 Infizierten. An einer zweiten Waldorf-Schule in Freiburg gab es sogar ein Cluster mit 117 Infizierten, wie der Tagesspiegel berichtet. Zu dem Zeitpunkt galt noch eine Maskenpflicht, knapp 1500 Zuschauende waren vor Ort. 55 von 600 Schüler:innen sowie Lehrkräfte waren von der Maskenpflicht befreit. Begründung: die CO2-Rückatmung durch das Tragen der Maske führe zu Kopfschmerzen und Übelkeit. Es gibt auch Hinweise auf gefälschte Atteste.

Schulaufsicht prüft Atteste – mit erschreckendem Ergebnis

Aufgrund dieses massiven Clusters – und auch aufgrund von Elternhinweisen – prüfte die Schulaufsicht nun die Atteste. Das Ergebnis: nur drei Atteste waren laut Schulaufsicht wirklich zulässig. Ausgestellt wurden nahezu alle in Privatkliniken in Bayern und Berlin – oft sogar mit demselben Wortlaut.

Die Seite #Schulcluster stellt sämtliche Ausbrüche an Schulen zusammen. Besonders auffällig: Waldorfschulen weisen dabei regelmäßig besonders hohe Inzidenzen auf. Ursache dafür kann eine generelle Impfskepsis unter Waldorfpädagogik-affinen Eltern sein. Zeit, dies einmal näher zu betrachten.

Generelle Impfskepsis an Waldorfschulen

Familien, die ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken, tun dies häufig aufgrund ihrer Weltanschauung. Sie lehnen das Regelschulsystem ab, orientieren sich eher an „ganzheitlichen“ und anthroposophischen Ansätzen und möchten im Einklang mit der Natur leben bzw. sich auf der Grundlage der Natur entwickeln. Der Glaube an Homöopathie ist dort ebenso stark verwurzelt wie eine generelle Abneigung gegenüber Impfungen. So kam es 2015 zu einem der größten Masernausbrüche – an einer Waldorf-Schule (Quelle).

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Bund freier Waldorfschulen äußert sich verhalten zu Impfungen

Zwar sagt der Bund der freien Waldorfschulen, dass sie keine Einschätzung zu Impfungen abgeben würden, gleichwohl weisen sie in ihrer Erklärung jedoch darauf hin, dass man nach Gesprächen mit Ärzt:innen und STIKO-Empfehlungen eigene Abwägungen treffen solle. Zudem verweisen sie auf die Stellungnahme der Medizinischen Sektion am Goetheanum und der Internationalen Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften und sagen, dass sie sich den Stellungnahmen anschließen würden.

Schon 2013 gab es Studienergebnisse zu impfskeptischen Eltern

Die FAZ berichtet, dass eine vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin durchgeführte Studie zeigt: Je höher der Bildungsgrad der Mütter, umso geringer ist ihre Impfbereitschaft. Hauptmotivation sei der Gedanke, dass sich das „Durchstehen“ einer Infektion positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirke. Einer der Kerngedanken der anthroposophischen Lehren, die auch an Waldorfschulen auf breite Zustimmung treffen.

„Gesundheitserziehung, Hygiene und adäquate Ernährung reichen aus“

Zumindest besagt dies die Stellungnahme der beiden oben genannten Interessengemeinschaften. Diese drei Säulen sollen nach deren Aussage bereits präventiv helfen, Krankheiten zu vermeiden. Zwar sagen sie, dass sie Impfungen würdigen und unterstützen und keineswegs Impf-Kritiker seien oder Impfungen ablehnen würden. Konkrete Empfehlungen FÜR Impfungen finden sich in der Stellungnahme allerdings nicht. Stattdessen wird argumentiert, dass „individualisierte Impfschemata“ gewählt werden sollten, sofern es keine Impfpflicht gibt.

Seit 2020 gibt es durch das Masernschutzgesetz eine Masernschutzimpfpflicht, sobald Kinder eine öffentliche Betreuungseinrichtung besuchen. Der Bundestag beschloss dieses Gesetz nicht nur für Kinder, sondern für alle Menschen in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen. Man könnte meinen, dass das Masernschutzgesetz somit auch an privaten Ersatzschulträgern wie den Waldorfschulen gilt.

Gesetzeslücke lässt (mal wieder) Spielräume offen

Ein Schutzgesetz besagt, dass alle Schüler:innen ab dem 1. März 2020 gegen Masern geimpft sein müssen. Es gab die Möglichkeit, diesen Nachweis bis zum 31. Juli 2021 zu erbringen. Damit könnte man davon ausgehen, dass sich alle Schüler:innen impfen lassen müssen, um am Schulunterricht teilnehmen zu können. Allerdings lässt sich in § 20 Abs. 8ff des Infektionsschutzgesetzes in der geänderten Fassung (Art. 1 Ziffer 8e Masernschutzgesetz) folgende Aussage finden:

10. Die vorgenannten Verbote geltend nicht, sofern Schulpflicht besteht und ihre Befolgung durch entsprechende Verbote verhindert würde. In diesem Fall ist das Gesundheitsamt zu informieren. Demnach ist die Aufnahme nicht geimpfter Schülerinnen und Schüler zulässig, aber meldepflichtig.

Nicht-geimpfte Kinder müssen also aufgrund der gesetzlichen Schulpflicht an Schulen aufgenommen werden, solange der (nicht-)Impfstatus gemeldet wird.

Wieso uns eine Impfpflicht nicht weiterbringen wird

Nicht nur im Falle der Masern wird es genügend Ausnahmetatbestände geben, wieso jemand am Ende nicht geimpft sein wird. Wir haben oben gesehen, was bei einer Maskenpflicht passiert. Einige Deutsche sind mit ihrer Eigenverantwortung schlichtweg überfordert. Sie gefährden dadurch unnötigerweise nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. In Fällen wie denen da oben sogar die eigenen Kinder, die sich selbst am wenigsten wehren können.

Weitere Pflichten oder Regelungen werden am Ende nur dazu führen, dass sich immer mehr Menschen dagegen auflehnen und sich mit welchen Tricks auch immer vor ihren Pflichten drücken werden. Im aktuellen Fall zum Beispiel durch ungültige Atteste.

Konfliktforscher warnt vor weiterer Eskalation

Prof. Dr. Andreas Zick ist Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Bielefelder Universität. Nicht erst nach dem Mord an einem Tankstellen-Mitarbeiter warnt er vor einer zunehmenden Radikalisierung seitens der Impfgegner:innen.

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Auch in Bezug auf eine Impfpflicht äußert er Bedenken. Im Interview mit der Neuen Westfälischen sagt er:

„Wir können über einen Impfzwang diskutieren. Doch der Preis dafür wird sein, dass bestimmte Gruppen unter den Impfgegnern noch sehr viel aggressiver vorgehen.“ Sie seien bereits jetzt sehr gut organisiert, durch die Idee des Widerstandes verbunden sowie auf Macht und Einfluss aus. „Ein Impfzwang wäre Wasser auf die Mühlen der radikalen Kräfte, die das für ihre eigenen Interessen nutzen würden.“

Gefälschte Atteste wie die aus Freiburg können daher bereits gut und gerne als Teil dieses Widerstandes gewertet werden. Die von Prof. Zick angeführten Parameter der guten Organisation kann man anhand der Privatkliniken und gleichlautenden Atteste bereits bejahen, die Ablehnung der Pflicht zum Tragen einer Maske führt dazu, dass sie Einfluss auf andere Schüler:innen an der Schule nehmen, die sich langfristig genötigt fühlen könnten, die Maske ebenfalls abzusetzen.

Artikelbild: Halfpoint

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