„Zerstörerische Geisteseliten“: Warum Demeter Nähe zu Querdenkern vorgeworfen wird

| Gastkommentar | 5. Januar 2021

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Demeter-Forschung: Das Zeitalter des Vertrauens

Ein Artikel des Bio-Verbandes Demeter träumt von einer Welt voll von gegenseitigem Vertrauen, aber ohne Kontrolle und Forschung. Das passt zur Strategie der esoterischen Bewegung, die im großen Stil alternative Wahrheiten verkauft, aber deren Existenz nicht beweisen kann. Nach Kritik löscht Demeter den Artikel – und alle Verweise auf die eigene, pseudowissenschaftliche Forschung gleich mit. 

Gastbeitrag von Oliver Rautenberg („Anthroposophie.blog“)

Auf der Demeter-Webseite erschien kürzlich ein Artikel aus der Winter-Ausgabe des Demeter-Journals mit dem Titel: „Vertraue“. Der wirr erscheinende Text holperte über schief hängende Vergleiche, verbreitete Verschwörungsmythen und enthielt sprachliche Totalausfälle: Es gehe um das Thema „Vertrauen“ und um das „heiß gelaufene Denken“ der „Menschheit als Ganzer“.

In der Zukunfts-Utopie der Agrar-Astrologen las man dabei Statements, die in Zeiten grassierender Corona-Verschwörungsmythen bedenklich sind: Das Verlangen nach Kontrolle müsse durch Vertrauen ersetzt und die Herrschaft einer „zerstörerische Elite“ überwunden werden. Nach Kritik zog Demeter den Text zurück und verwahrt sich gegen Verschwörungsdenken. Zu recht?

In einer Welt ohne Kontrollen ist der beste Lügner König

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Der Demeter-Verband entstammt der esoterischen Weltanschauung der Anthroposophie des österreichischen Hellsehers und Okkultisten Rudolf Steiner. Mit einem Methodenmix aus Astrologie und Alchemie will man in der biodynamischen Landwirtschaft wohltuende „kosmische Kräfte“ in die Bio-Produkte bringen. Diese würden dadurch „heilsam“ und brächten dem Konsumenten „spirituelles Wachstum“, so Demeter-Vorstandssprecher Alexander Gerber bei den Öko-Marketingtagen 2019.

Der Text des Demeter-Journals entwirft eine Zukunfts-Utopie, in der Kontrollen, Verbote und Gebote gleichsam abgeschafft sind, der Mensch „von seiner selbsternannten Schöpfungsspitze zurück in den Acker alles Seienden geerdet“ werde. Vielen Kritiker:innen missfällt daran nicht so sehr die verquaste Schwurbel-Romantik, sondern der verschwörungsideologische Unterton:

„Das Zeitalter zerstörerischer Geisteseliten war überwunden. Es folgte das Zeitalter des Vertrauens. Ganz ohne Maße und ohne Gewichte, ohne Definitionen und Patente, ohne Forschung und ohne Meilensteine und, ganz wichtig: ohne Kontrolle. Die Menschen lebten fortan in gegenseitigem Schwarmvertrauen.“ (Demeter.de – „Wenn wir uns trauen, zu vertrauen“, abgerufen am 03.01.2021)

„Zerstörerische Geisteseliten“, die die Kontrolle haben? Das ist einer der lupenreinen Verschwörungsmythen, wie man sie zur Zeit aus allen Praxisfeldern der Anthroposophie hört. Im Unterton klingt eine anti-aufklärerische Wissenschaftsfeindlichkeit durch, eine Ablehnung von Herrschaft und vermeintlichen „Eliten“ – ein Sprachmuster, das in Verschwörungserzählungen häufig antisemitisch konnotiert ist.

Wie Verschwörungsideologien und Antisemitismus zusammenhängen

Ob mit den „Menschen, die im Winter des Jahres 2020 auf die Straße“ gingen, um eine Revolution anzuzetteln, auf die Querdenken-Demonstrationen angespielt wird?

Im verstörend warmen und trockenen Winter des Jahres 2020 gingen die Menschen auf die Straße und begannen das, was Historiker*innen später als nichts Geringeres einschätzten als die Rettung unseres Planeten – besser bekannt als die große Vertrauensrevoultion.“ (Demeter.de – „Wenn wir uns trauen, zu vertrauen“, abgerufen am 03.01.2021)

In anthroposophischen Praxisfeldern von Landwirtschaft, Pädagogik oder Medizin verbreiten die Anhänger:innen des Hellsehers Rudolf Steiner zahllose solcher Verschwörungserzählungen. So behaupten bekannte Führungskräfte der esoterischen Strömung, wie die Medizinerin Michaela Glöckler, mit der Pandemie würde eine Totalüberwachung der Menschheit eingeführt.

Wie die „Freiheit“ nicht nur in „freien“ Waldorfschulen gemeint ist, lässt sich erahnen: Man will sich frei machen von all dem verhassten Materialistischen, dem schnöden Messbaren, dem Beleg- und Beweisbaren. Stattdessen gilt es, Begriffe wie „Vertrauen“, „Toleranz“ oder „Respekt“ zu etablieren. Vom Demeter-Bauern einen Nachweis dafür zu verlangen, warum sein Produkt angeblich kosmische Kräfte enthält und besonders gesund sei, soll zu einem Angriff auf die Freiheit werden: Auf die Freiheit, alternative Fakten unwiderlegt behaupten zu dürfen.

Das wäre für die einflussreiche esoterische Strömung der finale Durchbruch, um Evidenzbasiertes und Ersponnenes auf die selbe Stufe zu heben. Und um sich gegen Kritik immun zu machen. Der Twitter-User @NineBerry kommentiert das so:

In einer Welt ohne Kontrollen ist der beste Lügner der König. Ein Grund, wieso Sektenführer so oft von Vertrauen reden und soviel Wert darauf legen.“ (@NineBerry auf Twitter, 03.01.2021)

Eine neue, unkontrollierte Freiheit

Sich frei zu machen von Nachweisen, ist in den letzten 100 Jahren oft gelungen – und so soll es nach dem Wunsch der Anthroposoph:innen auch bleiben. In der Waldorfpädagogik, der biodynamischen Landwirtschaft und sogar in der „alternativen“ Medizin verfügt man über Sonderrechte, die von Rechtfertigungsdruck oder zu erbringenden Wirknachweisen befreien. Und diese Rechte sollen verfestigt werden: In der „Alternativmedizin“ wollen Anthroposoph:innen ganz frei selbst entscheiden dürfen, was wirkt.

Doch seit der Pandemie bröckelt das Ansehen der Ganzheitlichen: Sie werden mehr und mehr als Teil des Problems erkannt, das Deutschland mit einer breiten Gesellschaftsschicht hat, die faktenresistent, wissenschaftsfeindlich und verschwörungsgläubig ist.

„Mit dem Wegfall jeder Kontrolle fanden auch Zirkel und Metermaße ihr Ende, Füllstandhöhen und Eichstriche, Dezibel-Messgeräte und Stromzähler. Mit der neu erkämpften, unkontrollierten Alltagsfreiheit ließen sich immer neue, immer tiefer gehende Freiheiten erwirken.“ (Demeter.de – „Wenn wir uns trauen, zu vertrauen„, abgerufen am 03.01.2021)

Kommt Demeter-Mehl also demnächst mit der Packungsangabe „Ungefähr ein Kilo“ auf den Markt?

Es wirkt belustigend: Ein Bio-Produzent, der sich ein Ende von „Füllstandhöhen und Eichstrichen“ wünscht? Kommt Demeter-Mehl also demnächst mit der Packungsangabe „Ungefähr ein Kilo“ auf den Markt?

Die Ablehnung von Wirknachweisen ist Teil der Strategie der esoterischen Bewegung, die keine Nachweise für die behaupteten Wirkungen ihrer okkult-magischen Methoden erbringt. Und so zielt die Marketingkampagne der Biodynamiker:innen eben auf das „Vertrauen“. Ohne große Böswilligkeit kann man den Text so interpretieren: „Wir machen es schon richtig, glaubt uns einfach, fragt uns nicht nach Belegen“.

Ähnliches findet sich in den Demeter-Richtlinien. Die Bäuer:innen des Bioverbandes sind vertraglich verpflichtet, Kuhhörner im Acker zu vergraben, die als kosmische Antennen „ätherisch-astrale Strahlungen“ im Inneren channeln sollen. Da sich die magische Strahlkraft der so erzeugten „Präparate“ jeder Messbarkeit entzieht, sei es wichtig, einfach zu vertrauen – und sich der Wirkung gegenseitig zu versichern:

Die biodynamischen Präparate tragen wesentlich zur Weiterentwicklung von Boden, Pflanzen und Tieren im landwirtschaftlichen Betrieb bei, indem sie diese für die kosmischen und geistigen Kräfte öffnen. (…) Die Präparatearbeit hilft dem Landwirt, seinem Betrieb, seinem Boden, den Pflanzen und Tieren und der umgebenden Natur auf eine andere, mehr spirituelle Art zu begegnen. (…) So helfen sich alle Beteiligten gegenseitig, diese oft sich im Verborgenen abspielenden Wirkungen der Präparate in die Wahrnehmung zu bringen.“ (Demeter-Richtlinien„ Allgemeine Regeln zur Erzeugung“, 2021)

Irdische Methoden können die Zauberkräfte der Anthroposophie also nicht erfassen, und Nicht-Zauberer:innen dürfen sich über diese ohnehin kein Urteil erlauben.

„Missverständnis“: Demeter löscht umstrittenen Artikel

Nach heftiger Kritik auf Social Media hat Demeter den Artikel gelöscht und durch ein vordergründig pro-wissenschaftliches Statement ersetzt. Darin empfiehlt Demeter seinen Kritiker:innen „mehr Liebe im Alltarg“ (sic!).

„Der aktuelle Artikel kann nun gerade im Zuge der Corona-Krise falsch verstanden werden. Deshalb haben wir uns entschieden, den Artikel von der Website zu nehmen. 

Wir distanzieren uns deutlich von der Querdenken-Bewegung und Verschwörungstheorien zu COVID-19.“ (Demeter.de – Statement zu „Wenn wir uns trauen, zu vertrauen“, abgerufen am 04.01.2021)

Ein wichtiges Statement, das trotz allem unglaubwürdig bleibt. Man sei wieder einmal missverstanden worden und grenze sich auch von Corona-Verschwörungstheorien ab. Das ist unglaubwürdig, da man in der eigenen biodynamischen Forschungsstelle gerade noch behauptet hatte, mit der Demeter-Landwirtschaft ließen sich Viren in Schach halten und Pandemien eingrenzen.

Querdenken und Anthroposophie

Was dem Statement fehlt, ist das Eingeständnis, dass man einer okkult-magischen und im Kern anti-wissenschaftlichen Methode anhängt. Und dass esoterische Annahmen, wie die der Anthroposoph:innen oft direkt in Querdenken-Demonstrationen münden. So stellte die Universität Basel im Dezember 2020 fest:

In der Protestbewegung [existiert] eine Anlage zum verschwörungstheoretischen Denken. (…) Insgesamt sind die Teilnehmenden (…) teilweise sogar eher antiautoritär und der Anthroposophie zugeneigt. Ein Großteil will die Alternativmedizin der Schulmedizin gleichstellen. (…)

Es handelt sich im Ganzen um keine genuin rechte Bewegung, aber um eine, die nach rechts offen ist und diesbezüglich große immanente Radikalisierungspotenziale aufweist.“ (Prof. Dr. Oliver Nachtwey, Uni Basel – „Corona-Protestbewegung steht dem etablierten politischen System fern„, 18.12.2020)

An Demeters dann folgendem Lippenbekenntnis zur Wissenschaftlichkeit darf gezweifelt werden.

Selbstverständlich ist eine Gesellschaft ohne Forschung und Wissenschaft nicht denkbar und wird von uns nicht angestrebt.“ (Demeter.de – Statement zu „Wenn wir uns trauen, zu vertrauen„, abgerufen am 04.01.2021)

Ein Bekenntnis zur Forschung also? Forschung soll in der Anthroposophie vor allem die eigenen, esoterischen Grundannahmen bestätigen. Weil weltliche Forschungsmethoden aber keinen Beweis für die besondere Qualität des okkult-magischen Demeter-Anbaus erbringen, hat man „alternative“ Messmethoden entwickelt, die außerhalb der Wissenschaft stehen. Wer sich auf der Demeter-Webseite jetzt zur diesen Methoden informieren will, hat es schwer:

Nicht nur die Zukunfts-Utopie einer Welt ohne Wirknachweise hat Demeter von seiner Internetseite gelöscht, sondern passenderweise auch den Bereich zum Thema „Demeter-Forschung„.

Auch Informationen über biodynamische Forschung verschwinden von der Demeter-Webseite

Den Bereich „Biologisch-dynamische Forschung“ hat Demeter von allen Verweisen auf Esoterik und Pseudowissenschaften bereinigt. Wie eine Kopie der Demeter-Webseite im Internet Archive von November 2020 zeigt, verwies man dort noch vor wenigen Wochen auf das eigene „erweiterte Verständnis von von Mensch, Pflanze, Tier, Erde und Kosmos“.

Es sei wichtig, den „Materialismus“ abzulegen, und sich auf die „Sinneswahrnehmung“ zu konzentrieren. Nicht das Messbare, Nachweisbare stehe im Fokus, sondern das „übersinnlich Erfahrbare“. Die „Licht- und Schattenwirkung“ von Lebensmitteln sei dabei beispielsweise genau so wichtig, wie die nachweisbaren Inhaltsstoffe.

Das ganzheitliche Verständnis des Menschen führt auch dazu, Beobachtungen ernst zu nehmen, die sich nicht als sinnlich einordnen lassen, sondern seelisch-geistiger Art sind. Aus der geschulten Selbst- und Naturbeobachtung ist daraus eine Methode entstanden, Kräfte zu erfassen, die das Lebendige und ihre sinnlichen Erscheinungen konstituieren. Diese sogenannte Bildekräfteforschung nach D. Schmidt ist seit wenigen Jahren Element der biologisch-dynamischen Qualitätsforschung.

Mit ihr können unter anderem Lebensmittel in ihrer Wirkung auf den menschlichen Kräfte- bzw. Lebensleib genau beobachtet und charakterisiert werden.“ (Demeter.de – „Biologisch-dynamische Forschung“, abgerufen im November 2020.)

Übersinnliche Erfahrungen „seelisch-geistiger Art“?

Eine Schulung im Beobachten von „Lebenskräften“? Beweise mittels „Bildekräfteforschung“? Gemeint ist im tieferen Sinne eine Ausbildung in Hellseherei, wie der Demeter-Begründer Rudolf Steiner sie erfand: Mit meditativem Training könne man zum Eingeweihten werden, der kosmische Kräfte, bislang unsichtbare Fabelwesen oder menschlichen Auren wie den Lebensleib oder „Ätherleib“ wahrnimmt.

Unter einem Bild mit vergrabenen Kuhhörnern verlinkte Demeter den eigenen anthroposophischen „Forschungsring“, der die Wirkung der kosmischen Kuh-Antennen beweisen will. Weiter die „Anthro-Botanik“, die sich „sprechende Wahrbilder des Wesens“ von Pflanzen zu erarbeiten versucht, oder die der Aura-Fotografie ähnelnde „Bildekräfteforschung“ an der Uni Kassel. Dazu verwies man auf das Demeter-Projekt „Lebendige Erde“, in dem man mit Eurythmietänzen um Apfelbäume tanzt, um den Geschmack des Obstes zu verbessern. Auch durfte zum Thema „Forschung“ ein Verweis auf den Demeter-Mondkalender nicht fehlen – doch in der nun überarbeiteten Version fehlt all das. Schon 2015 bemerkte Georg Keckl im BlogAgrar, dass solcher „Quatsch“ aus „taktischen Gründen immer mehr von den Demeter-Seiten verschwindet“.

Respekt, Toleranz, und Vertrauen?

Darf man das Löschen der Hinweise auf die eigene okkult-esoterische Forschung als Zuwendung zu wissenschaftlichen Methoden verstehen? Sicher nicht. Gespräche mit Gemüse, esoterisches Tanzen um Brotlaibe in der Bäckerei oder die Suche nach Wichteln und Elfen auf dem Acker bleiben aller Voraussicht nach fester Bestandteil anthroposophischer Umtriebe – sie werden nur immer besser versteckt. Mit der Finanzierung biodynamischer „Forschung“ durch neue Demeter-Verbandsmitglieder wie Rewe oder Kaufland steht dafür jetzt sogar zusätzliches Geld zur Verfügung.

Gut finanziert, weitgehend toleriert und unkontrolliert haben die esoterischen Anthroposophen es sich gut in der Gesellschaft eingerichtet. Seit ihre Querdenkerei zunehmend Gegenwind erfährt, sind Respekt, Toleranz, und Vertrauen ihre Schlagworte geworden. Aber Vertrauen muss man sich erarbeiten.

Autor: Oliver Rautenberg. Rautenberg ist freier Journalist und bloggt seit 2013 über die Anthroposophie. Dieser Artikel erschien zuerst auf seinem Blog „Anthroposophie.blog“, wo sich viele Informationen über die Glaubenslehre des Esoterikers Rudolf Steiner finden. Artikelbild: Oliver Rautenberg

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