Wie Verschwörungsideologien und Antisemitismus zusammenhängen

| Hintergrund | 28. Dezember 2020

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Wie Verschwörungsideologien und Antisemitismus zusammenhängen

Auf den Querdenker-Demonstrationen finden sich zuhauf krude NS-Vergleiche, Shoa Relativierungen und Unmengen an unterschiedlichen Verschwörungsideologien. Einige ihrer Anhänger:innen negieren die Existenz des Virus und vermuten dahinter einen Komplott politischer „Eliten“. Während andere die Existenz von Corona zwar anerkennen, die Krankheit jedoch massiv verharmlosen und Politiker:innen, welche Maßnahmen erlassen, die Abschaffung der Demokratie unterstellen. Und auch hinter der Impfung ein Instrument zur Kontrolle der Massen durch ominöse Machthabende vermuten. Diese Anschuldigungen und Verschwörungsmythen haben fast immer ein antisemitisches Moment, was sich zeigt, wenn man einen genaueren Blick auf die Geschichte des Antisemitismus wirft.

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Vom Holocaust zu Halle

Verschwörungsideologien sind nicht in jedem Fall antisemitisch, jedoch ist Antisemitismus de facto immer konspirationistisch aufgeladen. Er kulminierte im Holocaust. Der Vernichtungskampf der Nationalsozialisten konstatierte Juden und Jüdinnen als „Rasse, die es auszulöschen galt“. Die Nazis begründeten den rassistischen Antisemitismus mit einer ideologischen, vermeintlich wissenschaftlichen Lehre, verankerten diese juristisch und setzten sie mit politischen Mitteln in die Tat um.

Diese Art des Vernichtungsantisemitismus findet sich heute in der extremen Rechten, wie das Beispiel des Anschlags in Halle zeigt, wo ein Attentäter versuchte, in eine Synagoge einzudringen und Gläubige am höchsten jüdischen Feiertag zu erschießen. Bei seinem Geständnis zeigte er keine Reue und berief sich auf mehrere Verschwörungsmythen, wie die “des großen Austauschs” oder einer zionistischen Weltverschwörung (mehr dazu). Antisemitismus zieht und zog sich jedoch durch alle gesellschaftlichen Schichten und verschwand auch nach 1945 nie ganz aus den Köpfen der Menschen.

Wie Antisemitismus funktioniert

Zeitgenössische Verschwörungsmythen werden nicht einfach so aus der Luft gegriffen, sondern existieren bereits seit hunderten von Jahren und werden in immer wieder abgewandelter, an die aktuelle Lage angepasster Form weitergetragen. Antisemitismus ist ein System aus Ausdrücken, Bildern und Überzeugungen über „die Juden“, die über Generationen hinweg weitergegeben und -entwickelt wurden. Dazu gehören zum Beispiel Symbolbilder von „den Juden“ als Parasiten, Brunnenvergiftern. Und gleichzeitig als „einflussreiche, im Geheimen agierende Elite“ oder „Strippenzieher“, welche hinter den Vorhängen das gesamte gesellschaftliche Geschehen lenken und kontrollieren. Vor allem Letztere treten in der Pandemie besonders häufig zum Vorschein, worin sich die strukturellen Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und Verschwörungsideologien spiegeln.

Anhänger:innen dieser Ideologien machen einen Sündenbock, einen Schuldigen für eine prekäre, missliche Situation aus: „Den Juden.“ Selbst wenn die Schuld in der Coronakrise, etwas Hinterlistiges zu wollen, keiner explizit jüdischen Person oder Vereinigung zugesprochen wird, funktionieren diese Erzählungen nach einem antisemitischen Muster. Die Eigenschaften, die böse Weltverschwörer haben, sind die gleichen, die Jüdinnen und Juden im Mythos der Weltverschwörung zugesprochen werden. Das Judentum steht an der Spitze der Verschwörungspyramide, denn jedwede Verschwörungserzählung läuft nach einem bestimmten Muster, in dem irgendjemand Ominöses, Mystisches einen perfiden Plan hat, schuld an einer Katastrophe ist oder die Weltherrschaft an sich reißen will (Quelle).

Man braucht einen einfachen “Bösen”

Diese Erzählungen dienen der Abwälzung der Schuld für eine außer Kontrolle geratenen Situation auf jüdische Menschen, anstatt nach vielfältigen, nachhaltigen Lösungen für komplexe Probleme und Krisensituationen zu suchen. Verschwörungsideologien geben eine einfache Erklärung für sie ab und unterteilen die Welt in binäre Kategorien wie Gut und Böse oder schuldig und unschuldig. Daraus resultiert die Forderung, die „Bösen“ seien zur Verantwortung und Rechenschaft zu ziehen.

Die „vermeintlichen“ Profiteure von Krisen sollen demnach für den aktuellen Missstand büßen, indem sie besiegt, bestraft oder gar vernichtet werden. So fordern auch Querdenker:innen Bill Gates und (jüdischen) Konsorten wie den Rothschilds „keine Chance zu geben“, bezeichnen Corona als „jüdisches Virus“ und zeigen und verbreiten antisemitische Symbole auf den Demonstrationen, die den Holocaust ins Lächerliche ziehen.

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Die Corona-Verschwörungsideologen

Die Anführer (ja, es sind meistens Männer, die stärker an Verschwörungsideologien glauben (Quelle)) sind zum Teil bereits bekannte Verschwörungsideologen und seit Jahren in der Szene aktiv. Ganz vorne mit dabei sind zum Beispiel der ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen, dem bereits des Öfteren die Leugnung des Holocausts und Antisemitismus vorgeworfen wurden. Oder Attila Hildmann, der mit absurden, antisemitischen Thesen um sich schmeißt.

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Zum Beispiel behauptete er „der Judenstamm der Zionisten habe den Holocaust mitfinanziert und nach dem Krieg weiter daran gearbeitet, die deutsche Rasse zu vernichten. Zu diesem Zweck habe er auch Angela Merkel als Kanzlerin installiert, die ebenfalls Jüdin sei. Sie gehöre demselben Stamm an wie George Soros, Mark Zuckerberg, die Rothschilds und Warburgs sowie Helmut Kohl. Aktuell planten diese Juden einen globalen Völkermord ergo Corona.“ (Quelle) Allein aus diesem Statement lassen sich mehrere bestehende antisemitische Mythen herauslesen, angepasst an die Corona-Krise.

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40 % glauben an geheime Mächte

Die Angst vor den Folgen der Krise gepaart mit der aufkeimenden Wut auf den Sündenbock und einem Gefühl der Machtlosigkeit führt und führte bereits in der Vergangenheit zu erhöhter Gewaltbereitschaft gegen Minderheiten, in diesem Fall Jüdinnen und Juden. So wurden sie beispielsweise bereits im Mittelalter für die Verbreitung der Pest verantwortlich gemacht, was zu den Pestpogromen und Massenermordungen führte. In Krisenzeiten steigt die Gefahr für Jüdinnen und Juden massiv an, da sich mehr Menschen Verschwörungsideologien anschließen und diese dadurch florieren (Quelle). Immerhin glauben beinahe 40 Prozent der Befragten der Leipziger Autoritarismusstudie, dass es geheime Organisationen gäbe, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

Die aversive Haltung gegen jüdische Menschen innerhalb der allgemeinen Bevölkerung hat vielerlei Ursachen – so wurden zum Beispiel im religiös-antijüdischen Antisemitismus Menschen jüdischen Glaubens für den Tod Christi verantwortlich gemacht, da sie ihn nicht als ihren Messias anerkannten. Darüber hinaus hat es auch im Christentum schon lange Kontinuität Jüd:innen für Katastrophen, wie die bereits erwähnte Pest im Mittelalter oder Hostienschändung, welche im Katholizismus als Sakrileg behandelt werden und sogenannte Ritualmorde, also die Ermordung christlicher Kinder für rituelle Zwecke, zu beschuldigen. Und das sind nur einige Beispiele (Quelle: Buch von Samuel Salzborn – Schule und Antisemitismus). Viele Verschwörungstheorien, antisemitische Bilder und Vorurteile sind aus dem Christentum heraus entstanden und tradiert worden.

Antisemitismus nicht nur von rechts

Viele Menschen verorten den Antisemitismus heute nur im rechten Milieu, was jedoch falsch ist. Zwar geht die Anfälligkeit für Antisemitismus laut der Mitte-Studie häufig mit einer rechten Gesinnung einher, jedoch ist Antisemitismus in nahezu allen gesellschaftlichen Schichten und politischen Lagern noch immer weit verbreitet, wie auch die Leipziger Autoritarismus Studie zeigt: Viele Menschen glauben auch heute, dass jüdische Menschen besonders reich oder einflussreich seien. Auch das hängt massiv mit der Idee einer jüdischen Elite und Weltverschwörung zusammen.

Knapp 35 % der Befragten gaben an, dass der Einfluss der Juden heute noch zu groß sei, 27,5 % stimmten der Aussage zu, Juden würden mehr als andere Menschen mit üblen Tricks versuchen ihre Ziele zu erreichen. Circa 25 % meinten, Juden hätten etwas Eigentümliches an sich und würden nicht so recht zu den Deutschen passen. Wieder 25 % sind der Meinung, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus heute übertrieben dargestellt werden. Weiter gibt es die Behauptung, Juden und Jüdinnen würden vom Holocaust profitieren (Quelle).

Israelvergleiche

Während rechtsextreme Gruppierungen den Holocaust relativieren oder gar leugnen, vergleichen einige linksextreme, antiimperialistische Kreise die Politik Israels in Bezug auf Palästina mit der Shoa oder der Apartheid in Südafrika und sehen im Staat Israel den antisemitischen Unterdrücker par excellence. Laut der Leipziger Autoritarismusstudie würden 30 % der Befragten der Aussage zustimmen, dass Israels Politik in Palästina genauso schlimm sei wie die der Nazis im zweiten Weltkrieg.

Diese Täter-Opfer-Umkehr dient zur Entlastung der Deutschen in Bezug auf ihre Schuld, anstatt sich angemessen damit auseinanderzusetzen. Im bürgerlichen und linken anti-imperialistischen Milieu finden sich israelbezogene antisemitische Vorurteile gegen jüdische Menschen und politische Aktionen wie die BDS-Bewegung, welche zum Boykott israelischer und jüdischer Produkte aufruft und dem israelischen Staat sein Existenzrecht aberkennt (weiterführend).

Verkürzte Kapitalismuskritik

In beiden Milieus kursiert der karikaturistische, tierische Vergleich „des Juden“ mit einem Kraken, welcher gierig den Erdball umschlingt und symbolhaft für den „gierigen, jüdischen, nachtragenden und imperialistischen Finanzkapitalisten“ stehen soll. Es gibt die Erzählung der verkürzten Kapitalismuskritik und fehlenden Klassenanalyse, die die vermeintliche jüdische Finanzelite als Ausbeuter von einfachen Arbeiter:innen denunziert, um sich selbst zu bereichern und so ihren Einfluss in der Welt zu sichern und auszubauen.

Darüber hinaus werden auch im arabisch-islamischen Antisemitismus ähnliche Bilder und Mythen vertrieben, die „Juden für alles Unglück in der Welt verantwortlich machen und als mächtige Kräfte im Hintergrund“ bezeichnen. In einigen arabischen Ländern, wie zum Beispiel Iran, gilt die Vernichtung Israels als Staatsräson – die Existenz des Landes wird nicht anerkannt. Es ist ein Zusammenspiel des historisch weit zurückreichenden Antijudaismus in arabischen Gesellschaften mit neuen politischen und ideologischen Entwicklungen seit 1948, als Israel gegründet wurde.  Auch im Zusammenhang mit Corona machte Iran Israel noch im März dafür verantwortlich, Corona als biologische Waffe entwickelt zu haben, die Iran schwächen sollte (Quelle).

Corona verstärkt die Gefahr für Jüd:innen

Es zeigt sich, dass die Corona-Krise die bereits massiv vorhandenen Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden verstärkt und sie einer erhöhten Angriffsgefahr aussetzt. Voraussichtlich werden Ende dieses Jahres noch mehr antisemitische Straftaten polizeilich registriert werden als 2019. Da lag die Zahl bei über 2.000 Delikten – auf dem Höchststand seit fast 20 Jahren (Quelle). Es ist daher dringend notwendig und unabdingbar, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuum seinen Blick für Antisemitismus zu schärfen, diesen zu erkennen, nicht zu relativieren und entschlossen jedem Antisemitismus entgegenzutreten.

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Artikelbild: Christophe Gateau/dpa

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