Corona-Querfront: Von Homöopathie & Handauflegen zur Holocaustrelativierung?

| Gastkommentar | 25. Mai 2020

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Zum Verhältnis von alternativen Heilmethoden zu Verschwörungstheorien, Esoterik und rechten Ideologien

von Nora Pösl

Als ich im letzten Jahr begann, meine Masterarbeit zu den Zusammenhängen von sogenannter Alternativmedizin und Esoterik mit Verschwörungstheorien und rechten Ideologien zu schreiben, hätte ich nicht erwartet, dass der Themenkomplex in diesem Jahr so eine hohe Aufmerksamkeit erfährt. Aber wer hatte schon mit einer globalen Pandemie und deren seltsamen Auswüchsen gerechnet?

Doch fangen wir vielleicht von vorne an. Bei der Frage, wie ich zu diesem Thema, welches vormals als Nischenthema galt, gelandet bin: Mein Weg in die Welt der sogenannten ‚alternativen Heilmethoden‘, Esoterik und Verschwörungstheorien begann ohne mein Zutun vor über 10 Jahren. Als ein Mensch in meinem Umfeld merkte, dass die bisherigen Theorien und Ansätze ihm nicht die Antworten geben, nach denen er auf der Suche war. Nach frustrierenden Jahren linker politischer Arbeit erlebte dieser Mensch, ich nenne ihn K., eine politische Desillusionierung, die ich nur zu gut nachvollziehen konnte.

Meditation, Schamanismus und Spiritualität

Doch während ich begann, Soziologie zu studieren, war seine Lösung darauf eine andere: Er vertiefte sich in Schriften zu Meditation, Schamanismus und Spiritualität. Besuchte Seminare und Workshops, beschäftigte sich mit Sternzeichen, Numerologie und Schutzamuletten. Und verbrachte viel Zeit in Online-Foren und spiritistischen Internetportalen. Die Theorien und Ansätze wandelten sich mit der Zeit, zwei Jahre später erzählte er mir das erste Mal von Chemtrails, von Giftstoffen und Schwermetallen, die durch Flugzeuge großflächig versprüht würden, um das Wetter zu beeinflussen und die Bevölkerung zu manipulieren.

Die Verschwörungstheorien nahmen in seinen Erzählungen zu, gleichzeitig begann er, das sogenannte ‚Magic Mineral Supplement‘ (MMS) oral einzunehmen, eine Mischung aus Chlorit und Salzsäure, welche gegen diverse Krankheiten helfen sollte und auf das im späteren Verlauf noch ausführlicher eingegangen wird. Zudem pries er es im Bekanntenkreis als das ultimative Wundermittel an und bei jeder kleinen gesundheitlichen Beschwerde offerierte er MMS. Dies war der Zeitpunkt, wo ich begann, zu recherchieren und mit ihm und den umstehenden Personen zu diskutieren. Als er anfing, das Mittel auch der Hauskatze und Hunden zu geben, wurde ich wütend.

Über die Jahre entwickelte sich so eine Debatte zwischen uns, die ich eine Weile als unterhaltsam und spannend empfand, die mir jedoch immer stärker dringend notwendig erschien – nicht, um ihn selbst zu überzeugen, dafür war es schon zu spät. Sondern um den anderen Personen im Freundeskreis durch die Diskussionen mit K., denen sie häufig beiwohnten, argumentativ eine andere Sichtweise aufzuzeigen und seine Aussagen nicht als ultimative Wahrheit stehen zu lassen.

Parallel dazu wuchsen die Verschwörungstheorien in seinen Reden:

Irgendwer muss die Flugzeuge, mit denen die Chemtrails versprüht werden, schließlich befehligen und daran, dass MMS durch die Wissenschaft nicht als Medikament anerkennt, müsse schließlich auch eine finstere Verschwörung der Pharmaindustrie und der Politik stehen. Wer genau diese Strippenzieher seien, sagte er nur verklausuliert: Die Illuminaten, die Rothschilds, die New World Order – am Ende stand, wenn lange genug gebohrt wurde, zumeist antisemitische Stereotype. Irgendwann kam der Punkt, an dem K. die Existenz der Bundesrepublik Deutschland bestritt und Reichsbürgerideologien propagierte.

Mit der Zeit wurde der Antisemitismus wieder weniger oder zumindest verdeckter, dafür wandte sich K. der Anthroposophie zu, der ebenfalls fragwürdige Menschenbilder zugrunde liegen. Ich wollte verstehen, wie es so weit kommen konnte, wie ein Mensch, den ich früher als rationalen, logisch argumentierenden Menschen mit linkspolitischem Hintergrund erlebte, zu einem antisemitischen, geschichtsrevisionistischen Verschwörungstheoretiker werden konnte – und so begann ich im Rahmen meines Studiums der Sozialwissenschaft zu forschen.

Antisemitischer, geschichtsrevisionistischer Verschwörungstheoretiker

Also fing ich an, soziologisch zu untersuchen, inwiefern ein Zusammenhang zwischen der Nutzung oder dem Praktizieren ‚alternativer Heilmethoden‘, esoterischen Weltanschauungen und dem Glauben an Verschwörungstheorien besteht. Und ob das Risiko/die Möglichkeit gegeben ist, dass Personen über alternative Heilmethoden an esoterische Konzepte und Verschwörungstheorie, sowie damit verbundene rassistische oder nationalistische Ideologien und antisemitische Denkweisen gelangen.

Hierzu folgte ich dem Forschungsansatz der digitalen Ethnographie und kombinierte quantitative softwaregestützte Netzwerkanalysen mit qualitativen Methoden. Wie beispielsweise einer Feldforschung auf einer Esoterik-Messe, einem Expertinnen-Interview sowie qualitativen Inhaltsanalysen von Online-Material wie Facebook-Beiträgen und YouTube-Videos. Hierdurch konnten sowohl Netzwerkstrukturen im Online- und Offline-Feld als auch inhaltliche Verflechtungen der Themengebiete aufgezeigt werden – die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit stelle ich im Folgenden kurz vor.

Unwissenschaftliche, simplifizierende Weltanschauungen

Der Glaube an sogenannte ‚alternative Heilmethoden‘ kann ein Einstieg in unwissenschaftliche, simplifizierende Weltanschauungen sein. Sogenannte ‚Alternativmedizin‘ und Esoterik basieren häufig auf Gut-Böse-Schemata und bieten vermeintlich einfache Lösungen für Probleme und Erkrankungen an, deren Behandlung durch konventionelle Methoden häufig mit Belastungen oder Nebenwirkungen einhergeht. Eventuelle Nebenwirkungen medizinischer oder medikamentöser Behandlungen werden als absichtsvolles Handeln der Pharmaindustrie, der Medizin und der Wissenschaft per se konstruiert, welche den Patient*innen bewusst zu ihrem eigenen Vorteil schaden wollen würden.

Eine prinzipielle Wissenschaftsskepsis/Wissenschaftsfeindlichkeit kann wiederum zu einer Ablehnung von Impfungen und einer insgesamten Infragestellung konventioneller Medizin führen, als auch den Glauben an Fake-News und populistische Welterklärungsmodelle befördern. ‚Alternativmedizinische‘ Methoden werden angeblich durch die Wissenschaft und Kritiker*innen diskreditiert, um weiter Profit auf Kosten der Patient*innen zu erzeugen oder sogar um gezielt die Bevölkerung zu beeinflussen oder zu dezimieren.

Alternativmedizin

Schlägt hingegen die alternativmedizinische Behandlung fehl, wird die Schuld daran dem mangelnden Glauben der Patient*in zugeschrieben. Auch eine bereits vorhandene Impfskepsis kann sowohl als Anknüpfungspunkt für ‚alternative Heilmethoden‘, als auch für rechte Ideologien und populistische Verschwörungstheorien genutzt werden, indem beispielsweise Ängste vor Impfschäden geschürt werden und eine Impfpflicht als antidemokratische Maßnahme der Pharmaindustrie und den angeblichen politischen Eliten zur Manipulation der Bevölkerung dargestellt wird.

Wenn Personen sich mit Alternativmedizin beschäftigen und alternativen Heilmethoden zugeneigt sind, ohne die angeblichen Wirkprinzipien wissenschaftlich zu hinterfragen, kann es langfristig wahrscheinlicher sein, dass sie durch algorithmische Empfehlungen in Communitys geraten, bei denen ein geschlossenes esoterisch-verschwörungstheoretisches Weltbild und eine grundsätzliche Wissenschaftsfeindlichkeit vorliegt. Ein fehlendes kritisches Bewerten von alternativen Heilmethoden und Esoterik kann zudem die Anfälligkeit für Fake News erhöhen.

Dies zeigt sich sowohl an den Ergebnissen der Sozialen Netzwerkanalyse, der qualitativen Digitalforschung, als auch bei der Feldforschung im Offline-Raum: Personen, welche der Homöopathie oder anderen alternativen Heilmethoden zugeneigt sind, teilen häufig rechtspopulistische Quellen, antisemitische Verschwörungstheorien oder rassistische Inhalte.

schwarz-weiß-Dualismus

Verschwörungstheorien vereinfachen komplexe gesellschaftliche Verhältnisse ebenfalls enorm und greifen auf ähnliche Strategien der Abgrenzung zurück: Durch einen schwarz-weiß-Dualismus wird ein klares Feindbild konstruiert, welches für alle sozialen und persönlichen Probleme und Ängste verantwortlich gemacht werden kann. Das damit einhergehende Gefühl, hinter die Kulissen zu schauen und die angeblich wahren Zusammenhänge zu erkennen, kann eine Bewältigungsstrategie gegen die eigene Ohnmacht sein. Und es kann zu einem Überlegenheitsgefühl gegenüber den Personen führen, die nicht an die Verschwörungstheorien glauben, da diese laut dieser Denkweise die ‚Wahrheit‘ nicht erkennen würden.

Auch rechte Ideologien bieten meist einfache Lösungen für komplexe Probleme an, wodurch sie anknüpfungsfähig an Verschwörungstheorien sind: Eine Personengruppe wird als Sündenbock konstruiert und für verantwortlich erklärt. Gleichzeitig wird die eigene Position bzw. Gruppe als Opfer stilisiert, worüber eine Notwehrreaktion legitimiert und als Widerstand imaginiert wird. Durch Netzwerkeffekte in sozialen Medien können Filterblasen entstehen, in denen Verschwörungstheorien und rechte Ideologien als legitimes Wissen gelten, während eine Abgrenzung nach außen stattfindet, indem Kritiker*innen diffamiert werden und der Wissenschaft per se eine Zugehörigkeit zur großen Weltverschwörung zugeschrieben wird.

Verschwörungstheorien und rechte Ideologien

Dies wird befördert durch zentrale Akteur*innen, die eine hohe Reichweite auf den Social-Media-Plattformen haben und alternativmedizinische Themen sowie esoterische Weltanschauungen mit antisemitischen und rassistischen Verschwörungstheorien verbinden. Diese Personen treten teilweise auf öffentlichen Veranstaltungen auf. Hierdurch entwickeln sich auch im Offline-Raum soziale Netzwerke. Die Akteur*innen verweisen sowohl online als auch offline gegenseitig aufeinander, wodurch die Inhalte stärkere Verbreitung erfahren und von Interessierten durch die Verweise aufeinander als valide Quellen wahrgenommen werden können.

Durch die Forschungsarbeit konnten somit die Abgrenzung von wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen, die Komplexitätsreduktion sowie die Konstruktion eines Gut-Böse-Dualismus als Gemeinsamkeiten von Alternativmedizin, Verschwörungstheorien, Esoterik und rechten Ideologien abgeleitet werden. In Anbetracht eines zunehmenden Rechtspopulismus und rassistischen oder antisemitischen Verschwörungstheorien stellt der Zugang zu rechten Verschwörungstheorien über Alternativmedizin und Esoterik einen wichtigen Anknüpfungspunkt dar.

Die aktuellen „Hygiene-Demos“

Die aktuellen „Hygiene-Demos“, bei denen sich eine Mischung aus Impfgegner*innen, Verschwörungsgläubigen, Esoterik-Hippies und Anhänger*innen von angeblichen alternativen Heilmethoden gemeinsam mit „Wutbürgern“ und waschechten Nazis auf die Straße stellt, um gegen Verschwörungstheorien wie die „Corona-Zwangsimpfung“, Chemtrails und die vermeintliche „New World Order“ sowie Bill Gates und seinen angeblichen Plan, alle Menschen mittels eines in der Impfung enthaltenen Chips zu überwachen und zu steuern (eine Behauptung, die ein Großteil dieser Menschen vermutlich mittels eines Windowsbetriebssystems auf Facebook verbreitet), zu demonstrieren, zeigt auf eindrucksvolle und erschreckende Weise, wie stark die Zusammenhänge zwischen angeblichen alternativen Heilmethoden, Esoterik, Verschwörungstheorien und rechten Ideologien sind.

Diese Gruppierungen werden vielfach schlichtweg als alberne Aluhüte abgetan, deren Meinungen so irrational und abwegig sind, dass sie kein „vernünftiger Mensch“ glauben könne sie werden als „Covidioten“ bezeichnet – ein Begriff, den ich übrigens allein schon wegen des Begriffs „Idiot“ ablehne. Da er lange zur Pathologisierung für Menschen mit angeblichen geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen genutzt wurde. Ein solche Verharmlosung dieser neuen Querfront-Bewegung als „harmlose Spinner*innen“ kann gefährliche Folgen haben, zumal rechte Gruppierungen die Stimmung gezielt propagandistisch nutzen.

„Anti-Corona-Querfront“ und Terror

Ereignisse wie die rassistisch, antisemitisch und verschwörungsideologisch motivierten Terroranschläge in Halle und Hanau machen mit trauriger Vehemenz deutlich, wie wichtig die Beschäftigung mit rechten Ideologien im Kontext von Verschwörungstheorien ist. Und dass die aktuellen Entwicklungen einer „Anti-Corona-Querfront“ weder belächelt, noch einfach abgetan werden dürfen, sondern genau beobachtet und analysiert werden müssen.

In diesem Sinne werde auch ich meine Forschung in diesem Themengebiet im Rahmen einer Dissertation fortführen – auch wenn ich schon jetzt den ganzen Verschwörungstheorien und -ideologien, die aktuell in Bezug auf Corona kursieren, kaum hinterherkomme.

Meine Forschungsarbeit, aus der ich die Ergebnisse vorgestellt habe, wurde soeben als Fachbuch unter dem Titel „Von Homöopathie und Handauflegen zur Hassideologie? Zum Verhältnis von alternativen Heilmethoden zu Verschwörungstheorien, Esoterik und rechten Ideologien“ beim Diplomica Verlag veröffentlicht und kann bei der Buchhandlung eures Vertrauens bestellt werden (ISBN: 978-3-96146-757-0).

Zum Thema (Link):

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Autorin: Nora Pösl. Artikelbild: Jaz_Online

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