Die BILD hat auch schon vor 50 Jahren Fake News verbreitet und die Temperaturen in ihren Schlagzeilen mit Tricks übertrieben. Früher war es viel seltener so heiß wie jetzt – das widerlegen auch nicht alte BILD-Fakes, die Rechte jetzt teilen, um dich zu manipulieren.
Die BILD-Schlagzeilen sind echt. Ihre Zahlen aber nicht
Deutschland schwitzt, wir stehen kurz vor den nächsten Temperatur-Rekorden, der Rekord für die heißeste Nacht wurde bereits eingestellt. 2026 könnte eines der heißesten Jahre in der Geschichte werden. Und ja, die menschengemachte Klimakrise hat etwas damit zu tun: Die Hitzewelle in Europa, die auch dich vermutlich gerade zum Schwitzen bringt, ist laut einer aktuellen Analyse des Projekts Climameter durch den Klimawandel bis zu vier Grad heißer, als sie es ohne ihn wäre.
Das passt aber den Gruppen nicht, die uns mit Propaganda indoktrinieren wollen und diese Tatsachen alle leugnen. Deshalb kursieren pünktlich zur Hitzewelle in den sozialen Medien wieder dieselben vergilbten Zeitungsschnipsel: alte BILD-Schlagzeilen aus den 50er- und 70er-Jahren, die angeblich „beweisen", dass es früher schon genauso heiß gewesen sein solle und der Klimawandel deshalb erfunden sein müsste.
„Damals war der Klimawandel noch nicht erfunden", steht dann gern darunter, und rechtspopulistische Boulevard-Portale raunen, die Schlagzeilen brächten „das Klima-Narrativ ins Wanken". Man möchte laut lachen, bei diesen plumpen Manipulationsversuchen. Denn die BILD hat auch schon vor 50 Jahren Fake News verbreitet.
Ja, die Schlagzeilen sind echt. Nur halt nicht ihre Behauptungen. Man findet die Titelseiten in Sammlerangeboten und Zeitungsarchiven wieder, wie das ZDF entdeckt hat. Nur beweisen sie das genaue Gegenteil von dem, was die Klimaleugner glauben. Sie zeigen nämlich vor allem eins: Dass man einer reißerischen BILD-Schlagzeile noch nie trauen konnte. Gehen wir ein paar Fakes der Reihe nach durch.
BILD-Logik: Heute sind 100 Grad – in meinem Wasserkocher

Wäre ganz schön krass und mehr als 10 Grad wärmer als der größte Temperaturrekord in Deutschland 2019. War aber gelogen. Die Bild am Sonntag titelte am 7. Juli 1957 „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!" – und verriet ihren Schwindel im eigenen Fließtext. Dort stand nämlich, dass „bei 56 Grad im Gehäuse die Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel den Dienst versagte". Die 56 Grad wurden also nicht in der Luft gemessen, sondern im Inneren eines Uhrgehäuses. Nach derselben Logik hat es heute 100 Grad – in meinem Wasserkocher.
Wie heiß war es wirklich? Wir haben das schon 2019 berichtet: Jörg Kachelmann gibt in seiner Datenbank für den 7. Juli einen Maximalwert von 39 Grad bei Köln an. Das ist doch ein großer Unterschied. Egal ob 2026 oder 1957 – einer BILD-Schlagzeile darf man einfach nicht trauen.
„40 Grad Hitze – jetzt wird das Wetter lebensgefährlich" – Bild, 1975

Auch dieser Klassiker wird gerade wieder durchgereicht – und auch hier reicht ein Blick in den Artikel. Die von der BILD genannten 40 Grad waren eine PROGNOSE für die Stadt Essen: „Am Sonntag könnten es 40 Grad im Schatten werden", zitierte das Blatt einen Meteorologen. Könnten. Es war also eine Wettervorhersage, die sich nicht erfüllte. BILD hat also schon wieder übertrieben für die Schlagzeile. Wie immer eben.
Tatsächlich gemessen wurde diese Marke nirgendwo in Deutschland. Laut DWD-Daten lag die Höchsttemperatur für den fraglichen Sonntag und die folgenden sieben Tage bei 35,4 Grad in Ahrensburg bei Hamburg. Wie das Wetter am Sonntag, dem 10. August 1975 dann wirklich war, hat Mimikama mit Hilfe der Suchmaschine Wolfram Alpha herausgefunden. Sie haben herausgefunden, dass die Maximaltemperatur in Deutschland 34 °C betrug:
"34 Grad Celsius (Vergleiche). Die Stichproben zu verschiedenen Orten (München, Stuttgart, Hamburg, Hannover, Köln) zeigen, dass der Hitzepol eher in der Nordhälfte Deutschlands zu finden war. Stuttgart und München schafften keine 30 Grad, Köln lag bei 32 Grad Celsius, Hannover und Hamburg bei 34 Grad Celsius."
Dort sieht man auch, dass Sommer in Deutschland *eigentlich* zwischen 20 °C bis 30 °C warm sein sollten. Nicht 30 °C bis 40 °C, wie wir in unserem Faktencheck auch dokumentiert haben. Diese ständigen, hohen Temperaturen sind einfach nicht normal. Es zeigt, wie Unrecht die Rechten einfach haben.
„37 Grad – es bleibt so heiß" – Bild, August 1975

Diese dritte Schlagzeile – du kennst das Spiel: Ich muss, glaube ich, gar nicht mehr erwähnen, dass die BILD wieder mal getrickst hat und es nie 37 Grad waren. Die BILD titelte am 5. August 1975 „37 Grad – es bleibt so heiß" – und meinte damit ausdrücklich „37 Grad im Häusermeer deutscher Großstädte", also Werte zwischen aufgeheizten Hausfassaden, nicht offizielle Stationsmessungen.
Genau diese 37 Grad haben die Messstationen in den genannten Städten gar nicht ermittelt: Laut einer Recherche von CORRECTIV.Faktenforum lag die Höchsttemperatur am 4. August 1975 in Hannover bei 30,2 Grad, in Braunschweig bei 29,5 Grad und am Frankfurter Flughafen bei bis zu 32 Grad. Auszuschließen ist nicht, dass einzelne Hitzeinseln in den Innenstädten höher lagen – ein offiziell gemessener 37-Grad-Wert war es aber nicht: Solche Temperaturen gab es einfach nur extrem selten. Was wir in den letzten Jahren und in den letzten Tagen erleben, ist nicht normal.
Wetter ist nicht Klima – und der Trend ist eindeutig
Hier kommt der Denkfehler hinter allen drei Fakes, selbst wenn die Schlagzeilen und die einzelnen Daten echt gewesen wären: Ein einzelner heißer Tag, ein einzelner Sommer, eine einzelne Schlagzeile sagen über das Klima fast nichts aus. Wetter sind kurzfristige Schwankungen, Klima ist das langfristige Mittel über Jahrzehnte. Dass man einzelne Temperaturen aus 1957 oder 1975 herauspicken muss, die (okay bis auf den Quatsch mit den 56 Grad) bei uns inzwischen teilweise jährlich und mehrmals jährlich auftreten, zeigt, was die Klimaforscher sagen: Es wird heißer. Und damit werden höhere Temperaturen häufiger.
Was etwas beweist, ist der Trend – und der ist erdrückend. Laut Daten des Deutschen Wetterdienstes ist die Zahl der Tage mit 30 Grad und mehr in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. In den 50 Jahren von 1951 bis 2000 gab es nur drei Sommer mit mehr als zehn solcher Hitzetage: 1976, 1994 und 1995. In den 25 Jahren seit der Jahrtausendwende waren es schon zwölf solcher Sommer – die meisten davon in jüngster Zeit.
Der DWD, die österreichische Zentralanstalt und MeteoSchweiz stellten 2020 in einer gemeinsamen Auswertung fest, dass die Sommer in Deutschland, der Schweiz und Österreich immer heißer werden. Und die höchste je in Deutschland gemessene Temperatur stammt nicht aus den angeblich so heißen 50ern, sondern aus dem Jahr 2019: 41,2 Grad, gemessen vom DWD in Duisburg-Baerl und Tönisvorst.
Die drei heißesten Jahre in Deutschland traten in den letzten vier Jahren auf
In Deutschland sind neun der zehn wärmsten Jahre im 21. Jahrhundert aufgetreten. Die drei heißesten Jahre in Deutschland traten in den letzten vier Jahren auf. Die Tage über 30 °C nehmen seit 1950 stark zu. Es wird auch früher heiß: Klassische Hitzephasen liegen eigentlich zwischen Ende Juli und Ende August – der Klimawandel sorgt dafür, dass solche Phasen häufiger und früher auftreten. Diese Hitze ist also nicht normal. Sie ist Teil eines messbaren, von der Forschung seit Langem belegten Trends. Und das widerlegen auch keine BILD-Fakes, die 50 Jahre alt sind. DAS sind die Fakten, von denenabgelenkt werden soll.
Der eigentliche Witz: Heute drehen sie die alten Fakes einfach um
Und damit zur größten Ironie der Geschichte: Vor 50 Jahren hat die BILD die Hitze maßlos übertrieben, um Auflage zu machen. Heute werden exakt diese übertriebenen Schlagzeilen von der AfD-nahen Szene aus der Mottenkiste geholt – diesmal, um die Hitze zu verharmlosen. Dieselben Fakes, andere Richtung. Verlässlich falsch waren sie schon immer.
Wer wirklich systematisch an Wetterdaten herumpfuscht, sind nämlich nicht die Öffentlich-Rechtlichen, sondern die Klimaleugner selbst. Wir haben gerade erst dokumentiert, wie AfD-Fans mit KI komplett gefälschte Wetterberichte in Umlauf brachten, um den ÖR „Manipulation" anzudichten. Davor wurden Frühlings- mit Sommerkarten verglichen, Ein- mit Dreitagesvorschauen, und es wurden sogar Flammen auf ARD-Wetterkarten gephotoshopt. Die Methode ist immer dieselbe: Zweifel streuen, Vertrauen in seriöse Medien aushöhlen – oft in Zusammenarbeit mit fossillobby-nahen Gruppen, die ein handfestes Interesse daran haben, dass nichts gegen die Klimakrise unternommen wird.
Also, sorry, AfD: Eine 50 oder fast 70 Jahre alte, schon damals irreführende BILD-Überschrift ist kein Beleg gegen die Erderhitzung. Die Klimakrise ist real, sie wird messbar schlimmer, und keine noch so reißerische alte Schlagzeile kann das wegtricksen.
Artikelbild: screenshots facebook.com Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.










