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Diese Toten sind echt: Wie Israel & Hamas zivile Opfer leugnen

von , | Nov 3, 2023 | Faktencheck

In den Anfangstagen nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel wurden zwei kleine Jungen im Alter von je vier Jahren getötet – einer Israeli, einer Palästinenser. Beide lebten nur 23 Kilometer voneinander entfernt. In den sozialen Medien versuchten viele User:innen aber, beide dieser Todesfälle zu leugnen oder herunterzuspielen.

Der vierjährige Israeli Omer Siman-Tov wurde getötet, als Hamas das Haus seiner Familie auf einem Kibbuz angriff. Der vierjährige Palästinenser Omar Bilal al-Banna starb bei einem israelischen Luftangriff nahe Gaza-Stadt. Statt ihrer Tode zu gedenken, behaupteten pro-israelische Accounts in sozialen Medien, Omar sei eine Puppe gewesen, keine echte Person. Pro-Hamas-User:innen wiederum bezeichneten Omers Tod als Propaganda und „false flag“. Beides Leugnung von Todesopfern.

Überall sind es Zivilisten, die leiden

Desinformation und Propaganda haben massiv zugenommen seitdem der Nahostkrieg in Folge des Hamas-Terror-Anschlags vom 7. Oktober ausgebrochen ist. Das Leid der Zivilbevölkerung ist auf beiden Seiten unfassbar tragisch. Auf israelischer Seite wurden von den Hamas-Terroristen 1400 Zivilist:innen getötet. Auch auf palästinensischer Seite wurden bisher mehrere tausend Menschen durch israelische Angriffen auf Hamas-Ziele im Gazastreifen getötet – darunter auch viele Kinder. Auf Social Media ist derzeit besonders auffällig, wie sich sowohl Israel als auch Palästina gegenseitig vorwerfen, Tragödien in der Zivilbevölkerung lediglich vorzutäuschen.

In dem Zusammenhang trendet beispielsweise gerade regelmäßig der Hashtag „Pallywood“ – also eine Zusammensetzung aus den Wörtern „Palestine“ und „Hollywood“, um großflächige Inszenierungen zu unterstellen. Seit Beginn des Nahostkrieges stieg die Anzahl von Posts, die das Wort benutzen, stetig an. Auf beiden Seiten gibt es aber nachweislich Desinformation und wird versucht, jeweils reale Todesopfer zu leugnen. Israel wird zu Recht kritisiert, wenn seine Repräsentant:innen in der öffentlichen Kommunikation die Taktiken ihrer Gegner nutzen.

Systematische Leugnung von Kriegstragödien im Nahostkrieg

In den Tagen nach dem Massaker der Hamas an israelischem Zivilist:innen vom 7. Oktober gab es in den sozialen Medien viele Posts, die die Taten der Hamas leugnen. Hamas-Vertreter:innen leugnen bis heute, dass ihre Soldat:innen gezielt Zivilist:innen attackierten. Auch deshalb schrieben wir diesen Faktencheck:

Weltweit nutzen Influencer:innen ähnliche, widerwärtige Narrative, um das Leid zu leugnen. Hier ein indischer Influencer, der palästinensische Tote leugnet: 

Quelle

Das „Crisis Actor“ Narrativ

In den USA verbreiteten Verschwörungserzähler:innen schon regelmäßig das Märchen, dass „Crisis Actors“ bei „False Flag“ Operationen nach Amokläufen und Terroranschlägen eingesetzt würden, um diese vorzutäuschen und eine politische Agenda zu fördern. Es seien Schauspieler:innen, die die Tragödien nur inszenieren würden. Wer diese Verschwörungslügen verbreitet, will meist die eigene Mitverantwortung leugnen. Bekannte Vertreter sind der rechtsradikale Alex Jones und die Seite InfoWars. Sie behaupten z.B. der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School sei inszeniert gewesen. Für die Eltern der Opfer muss die Negierung von tatsächlich erfolgter, unfassbarer Gewalt ein direkter Schlag ins Gesicht sein.

Die Eltern von zwei getöteten Kindern verklagten Jones wegen Verleumdung. Vor Gericht musste Alex Jones dann eingestehen, dass der Amoklauf „100 % real“ war und er seine Verschwörungsmythen frei erfunden hatte. 

Der Schadensersatz von 1,5 Milliarden Euro, zu dem das Gericht Alex Jones verurteilte, spiegelt auch wider, welches unermessliche Leid solche Verschwörungserzählungen bei den Angehörigen der Opfer auslösen. Und auch, wie viel Alex Jones mit solchen Lügen zuvor an Geld verdient hatte. 

Auch Russland setzt auf das Crisis Actor Narrativ: So behaupteten sie, das Opfer eines der mittlerweile über tausend Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen würde eine „Schauspielerin“ zeigen. Die Beauty Bloggerin Marianna war aber wirklich in dem Krankenhaus zur Entbindung und brachte kurz darauf ihr Baby zur Welt. Wir hatten das damals widerlegt:

Auch die israelische Regierung nutzt das Verschwörungs-narrativ

Auch im Nahostkrieg findet das Crisis Actor Narrativ weite Verbreitung. Hinter dem Kofferwort „Pallywood“, das seit Beginn des Nahostkriegs auf Social Media trendet, steckt der Vorwurf, palästinensische Schauspieler:innen würden die zivilen Tragödien nach Angriffen auf den Gazastreifen lediglich vortäuschen. Ziel sei, Mitleid mit den Palästinenser:innen zu erregen und Hass auf Israel zu schüren. Auf Social Media häufen sich derzeit Videos und Bilder, die angeblich belegen sollen, dass Berichte über Opfer der Zivilbevölkerung im Gazastreifen inszeniert seien. Viele dieser Beiträge sind jedoch einfach Fake.

In einem vielfach geteilten Beitrag ist die Rede von einem palästinensischen Blogger, der vorgäbe, durch einen israelischen Angriff verletzt worden zu sein und im Krankenhaus behandelt werde. Das Bild im Krankenhaus wird verglichen mit einem Video, das denselben Palästinenser zeigen soll, angeblich einen Tag später und gesund im Gazastreifen herumspazierend. Der Vorwurf der pro-israelischen Verbreiter:innen dieses Beitrages: die Palästinenser:innen würden Kriegstragödien lediglich inszenieren.

Quelle

Wie bereits andere Faktchecker:innen auch belegen konnten, ist diese Gegenüberstellung jedoch komplett gefälscht. Der Junge im Krankenhaus ist nicht diesselbe Person wie der Mann im Video. Das Video zeigt einen 25-jährigen palästinensischen Blogger, Saleh Aljafarawi. Er postet unter anderem über die Folgen der israelischen Bombardierungen für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Der Junge im Krankenhaus ist der 16-jährige Mohammed Zendiq. Er verlor sein Bein während einer israelischen Razzia im Flüchtlingslager Nur Shams, Westjordanland, am 24. Juli. Also bereits lange vor dem Kriegsausbruch.

Der Fake wurde unter anderem von Hananya Naftali verbreitet, ehemaliges Mitglied des Teams für Kommunikation und soziale Medien des israelischen Premierministers Netanyahu. Die fälschliche Gegenüberstellung teilte sogar die israelische Regierung auf X. Mittlerweile ist der Beitrag gelöscht.

Video zeigt sehr wahrscheinlich echtes Baby, keine Puppe

Ebenfalls vom X-Account der israelischen Regierung und von einigen deutschen Medien weiterverbreitet, stammt die Behauptung, die Hamas hätte den Tod eines Babys mit einer Puppe inszeniert. Für diese Behauptung gibt es jedoch keinerlei Belege. Viel wahrscheinlicher ist es, dass besagtes Video tatsächlich ein totes Baby zeigt. Es wurde vermutlich während einer Beerdigung für die Opfer aufgenommen, die in einem Gebäude getötet wurden, das am 12. Oktober von Luftangriffen getroffen wurde. Genauer gesagt zeigt es einen palästinensischen Mann, der ein in ein Leichentuch eingewickeltes Kind hält. Wir haben uns bewusst entschlossen, einen Screenshot des Videos an dieser Stelle nicht zu zeigen.

Mehrere Rechtsmediziner:innen bestätigtem unseren Kolleg:innen vom Correctiv-Faktencheckportal, dass alle Merkmale darauf hindeuteten, dass es sich im Video um ein echtes Baby handelt. Auch der Fotograf, der das Video aufnahm, konnte ausfindig gemacht werden. Er gab Correctiv gegenüber an, das Video am 12. Oktober 2023 im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt aufgenommen zu haben. Diese Angaben stimmen auch mit zwei Bildern überein, die ein AFP-Fotograf vor Ort aufnahm.

Die „pallywood“-Vorwürfe existieren schon länger

Nicht nur im gegenwärtigen Nahostkrieg wird das Pallywood-Narrativ auf Social Media verbreitet. Bereits 2021, als es im Mai zu gewaltsamen Ausbrüchen zwischen Israel und Palästina kam, verbreiteten mehrheitlich Facebook- und Twitter-User:innen Fake News weltweit. Damals wurden Teile einer Nachrichtensendung des „Gaza Post“-Channels zweckentfremdet, um daraus den Fake zu basteln, Palästinenser:innen würden zivile Tragödien der Gewaltausschreitungen lediglich vortäuschen. In Wahrheit ging es in der Sendung jedoch um medizinisches Training für Ärzt:innen und das Video ist außerdem noch schon mehrere Jahre alt. Hier könnt ihr es ansehen. Das Video zeigt nur gestellte Szenen, aber trotzdem hier vorsorglich: Trigger Warnung.

YouTube player

Die Sendung zeigt demnach die Nachstellung eines Straßenunfalls mit mehr als 100 Verletzungen. Ziel war es also, medizinisches Training für Ärzt:innen der Organisation „Doctors of the World“ durchzuführen. Im Originalvideo von „Gaza Post“ ist sogar das Logo der Organisation erkennbar. Das Video der „Gaza Post“ stammt übrigens aus dem Jahr 2017.

Diese Bilder stammen aus einer Protestbewegung in Ägypten, im Jahr 2013!

Immer wieder werden reale Videos von politischen Aktionen oder medizinischen Übungen aus dem Zusammenhang gerissen, und damit wird behauptet, es würden Gewalttaten nur inszeniert.

2013 drehten Protestierende in Ägypten ein Video, in dem sie sich als Leichen verkleideten. Im Jahr 2023 wird dieses Video nun im falschen Kontext geteilt, wobei behauptet wird, dass die Einwohner:innen von Gaza hier Todesfälle simulieren.

Ein thailändisches Kind hat sich letztes Jahr im Oktober ebenfalls als „Geist“ verkleidet – in einem großen Leinentuch. Nun wird das Bild auf Twitter geteilt – und so getan, als würde eine Inszenierung in Gaza zeigen. Dabei hat das Bild nichts mit dem Konflikt zu tun.

Fazit

In vielen Fällen werden solche Fakes geteilt, unter dem Vorwand eines „Faktenchecks“. Es wird suggeriert, dass man der Gegenseite Fake News nachgewiesen hätte. Nur – wir konnten keine Belege finden, dass diese Videos tatsächlich von Hamas-nahen Kanälen verwendet worden waren (natürlich sehen wir aber auch nicht alles). Das „Crisis-Actor Narrativ“ ist eines der widerlichsten Taktiken, die man sich in einem solchen Konflikt nutzen kann. Es ist unmenschlich und moralisch abstoßend. Es gibt keinerlei Rechtfertigung, es zu nutzen. Gerade israelische Regierungsaccounts machen sich damit unglaubwürdig – was wieder dazu führen wird, dass ihnen weniger Menschen glauben, wenn wieder Israelis Ziel von Angriffen sind.

Das aller-dümmste daran ist: Die Terrororganisation Hamas teilt ja wirklich Fakes, die man kritisieren und anprangern könnte! Es macht also überhaupt keinen Sinn, sich extrawelche auszudenken, und dabei reale Opfer zu verhöhnen und zu leugnen. Bitte teilt lieber echte Faktenchecks zu Hamas-Behauptungen. Zum Beispiel diese hier von uns:

In einer früheren Version waren die Bilder der beiden Kinder nicht unkenntlich gemacht, wir bitten das zu entschuldigen. Artikelbild: Screenshots