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Wie NIUS Geflüchtete hereinlegte, um Fake News zu fabrizieren

von | Okt 24, 2023 | Faktencheck

Migration ist schon seit Jahren das Hauptthema rechter Hetzer:innen. Mit Lügen versuchen sie, uns gegen unsere Mitmenschen aufzuhetzen. In den letzten Monaten verfangen diese rechten Narrative dabei besonders gut, weil sie nicht mehr nur von der rechtsextremen AfD verbreitet, sondern auch von demokratischen Politikern wie Friedrich Merz reproduziert und damit legitimiert werden.

Solche Narrative sind natürlich auch gefundenes Fressen für Menschen wie Julian Reichelt. Der ex-Bild-Chefredakteur hetzt mittlerweile auf seiner neuen Plattform NIUS. Vor einigen Wochen sorgte Reichelts neue Plattform für eine besonders perfide Geschichte. Dabei wurden nicht nur rechtsextreme Narrative reproduziert, sondern nun sogar Interviews mit Geflüchteten manipuliert, damit sie das Lügenmärchen scheinbar belegen.

Nius wollte eine Rechtfertigung für Merz-Fake liefern

Der Hintergrund dieser manipulierten NIUS-Story ist bereits eine auf Desinformation beruhende Erzählung, die der CDU-Parteichef Friedrich Merz Anfang im September in der Sendung „Welt-Talk“ verbreitete. Er log darin sowohl über die Anzahl ausreisepflichtiger Asylbewerber:innen als auch darüber, welche Leistungen sie bekämen. Falls ihr den Fail damals verpasst habt, könnt ihr den hier nachlesen.

Um das einmal vorwegzunehmen: Es gibt zur Zeit weniger als 15.000 ausreisepflichtige, abgelehnte Asylbewerber:innen. Und tatsächlich ist es so, dass Asylbewerber:innen erst nach 18 Monaten in Deutschland rechtlich mit Sozialhilfeempfänger:innen gleichgestellt werden. Es ist für sie also schwerer, an eine nicht akut notwendige Zahnbehandlung zu kommen. Merz nahm es mit den Fakten aber nicht so genau und drehte sich das Ganze so zurecht, dass aus den 15.000 Ausreisepflichtigen plötzlich 300.000 wurden.

Und statt der zusätzlichen Frist von 18 Monaten, nach der sie frühestens eine nicht akut notwendige Zahnbehandlung bekommen könnten, log Merz weiter, dass einfach alle immer einen Termin bekämen. Wie gesagt, nichts davon stimmt. Und dazu gab es jede Menge Faktenchecks, die das richtig stellten. Aber die rechten Fake-News waren nun einmal in der Welt, die manipulierten Zuhörer:innen empörten sich über die gar nicht existierende bessere Behandlung, während diese in der Realität schlechter behandelt werden. Weil Rassisten das Gefühl wichtiger ist als die Wahrheit. Merz wollte sich auch nicht dafür entschuldigen oder es richtig stellen.

Diese Leute hatten sich gar nicht die Zähne machen lassen

Doch wer dachte, dass das schon der Gipfel rechter Manipulation ist, den belehrte Reichelts Desinformations-Plattform NIUS Anfang Oktober eines besseren. Sie griffen den rechten Fake der Zahnbehandlung für Flüchtlinge wieder auf und versuchten jetzt mit aller Macht, den Fake nachträglich wahr werden zu lassen. Und sie machten das wie immer bei rechten Fake-Verbreitern: Durch Manipulation. Heraus kam ein manipulativer Text, der von fünf jungen Männern (im Alter von 14 bis 26 Jahren) berichtet. Tatsächlich ist die komplette NIUS-Story völlig manipuliert.

Drei von fünf Geflüchteten, deren Fälle NIUS näher geschildert hat, waren lediglich wegen Karies beim Zahnarzt. Ein einziger hat tatsächlich einen neuen Schneidezahn bekommen, ohne dass näher beschrieben wäre, was genau behandelt wurde. Ein weiterer war zur Routine-Untersuchung beim Zahnarzt – eine Behandlung war gar nicht nötig. Außerdem wusste offenbar keiner der Befragten, von wem sie hier wofür interviewt wurden. Und auch nicht, wofür NIUS sie fotografierte. Anders als NIUS behauptet, hat sich keiner der Befragten die Zähne neu machen lassen. Diese Inszenierung belegte überhaupt nichts.

NIUS missbrauchte sogar Bilder der Geflüchteten

Keine der befragten Personen stellte also einen Widerspruch zu dem dar, was schon Friedrich Merz nicht verstanden hatte: Für Asylbewerber:innen ist es in der Regel deutlich schwieriger als für Deutsche, einen Zahnarzttermin zu bekommen. Doch es kommt noch schlimmer. Den Text schmücken nämlich fünf Bilder von Männern, die lächelnd ihre Zähne in die Kamera halten. Zitierte Aussagen wie „Hier bin ich zum ersten Mal zum Zahnarzt gegangen. Jede Woche kann ich einmal gehen“ sollen wohl Wut auf die vermeintlich unrechtmäßig Behandelten schüren. Darüber hinaus hat NIUS auch unterschlagen, dass die Behandlungen nicht nur aus Steuergeldern finanziert sind (darauf baut schließlich die entfachte Empörung). Stattdessen haben die Betroffenen Zuzahlungen geleistet.

Als wäre der Text nicht genug, hat NIUS aus den Bildern noch eine manipulative Collage geschnitten. Die Collage zieren die Worte „“ASYLBEWERBER BERICHTEN / ‚DANKE, DEUTSCHLAND!‘ / ‚WIR HABEN UNS DIE ZÄHNE MACHEN LASSEN‘“. Eignet sich schließlich besser zum Teilen. Nur so kann rechtsextreme Hetze ihr maximales Ausmaß erreichen und von NIUS auf Facebook, Instagram, Telegram und sonst wohin überschwappen. Unkenntlich machte NIUS die Gesichter im folgenden Bild übrigens nicht selbst. Die schwarzen Balken stammen vom Onlinemagazin Übermedien, das sich ausführlich mit dem Fall beschäftigte.

Screenshot uebermedien.de

„Im Grunde wurden die Leute missbraucht“

Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ hat im Gespräch mit den befragten Geflüchteten weiterhin herausgefunden, dass einer der Betroffenen, dessen volles Gesicht im NIUS-Artikel unzensiert zu sehen ist, eigentlich nur zugestimmt hatte, dass ein Bild von seinen Zähnen veröffentlicht wird. Zudem berichten mehrere der Befragten, dass sie nicht wirklich gewusst hätten, mit wem sie da sprechen. Auch habe NIUS sie aufgefordert, für die Fotos ihre Zähne und den Daumen hoch zu zeigen. „Im Grunde wurden die Leute missbraucht, denen wurden die Worte im Mund umgedreht“, fasst Christa Gunsenheimer, Einrichtungsleitung der betroffenen Unterkunft in Berlin zusammen, vor der die Befragten von NIUS abgefangen wurden.

Mit rechter Hetze auf dem Weg zur vermeintlichen „Stimme der Mehrheit“

Mit seinen rechtspopulistischen Überschriften, hetzerischem Framing und Hang zu Fake-News ermöglicht NIUS Julian Reichelt, dort anzuknüpfen, wo er nach seinem BILD-Rauswurf mit „Achtung, Reichelt“ weitergemacht hat. Der CDU-nahe Chefredakteur Frank Gotthardt gründete NIUS 2023. Er sammelte Journalist:innen wie Jan Fleischhauer, bekannt für seine freundschaftlichen Beziehungen zur Neuen Rechten und Judith Sevinç Basad, die Alex-Springer wegen seinem vermeintlich „woken“ Klima verließ, um sich. Ein Blick auf die Themen bei NIUS offenbart dann auch, wie die Plattform zur „Stimme der Mehrheit“ werden möchte. Denn dass es sich dabei höchstens um ein Ziel, nicht aber um Realität handeln kann, ist wohl offensichtlich. Um es mit den Worten von taz-Redakteurin Malene Gürgen zu sagen: Es „werden Nachrichten ausgewählt, bei denen das vermutete Empörungspotenzial möglichst große Teile der Bevölkerung umfasst“.

Jenes Empörungspotenzial wird aber natürlich noch um ein Vielfaches vergrößert, wenn man – ganz in alter BILD-Manier – hetzerische Überschriften verwendet, die die Wahrheit verzerren oder einfach ganz über Bord werfen. Denn gelegentlich scheinen solch verzerrte, populistische Überschriften nicht zu genügen und NIUS greift zu härteren Mitteln. Wie beispielsweise, ahnungslose Geflüchtete zu befragen, ihnen aufzutragen, in die Kamera zu lächeln, nur um ihre Worte zu verdrehen und ihre Geschichten für die eigene Porpaganda auszunutzen.

Will NIUS die Faktenbasis des gesellschaftlichen Diskurses zerstören?

Nach Reichelts Vergangenheit bei BILD, wo er nicht nur zuließ, dass die journalistische Sorgfaltspflicht für seinen Verbleib im Verlag über Bord geworfen wurde, sondern sie auch gleich selbst mehrfach über Bord warf, verwundert NIUS‘ Vorgehen zwar nicht weiter. Zutiefst beunruhigend ist es dennoch. Insbesondere weil die Plattform mit ihrem Slogan „Die Stimme der Mehrheit“ nun doch einen gewissen Machtanspruch stellt, der sich so hoffentlich nie bewahrheitet. Denn wie anhand des Zahnbehandlungs-Beitrags deutlich wird: NIUS ist weder ernst zu nehmen noch zu trauen.

Wer Menschen befragt, ihre Geschichten wild aus dem Kontext reißt und sie dann noch auf eine bestimmte Art ablichtet, nur um die eigene Weltsicht zu bestätigen, dessen Weltsicht scheint dann doch fernab der Realität. Warum sonst all der Aufwand? Aber was dabei herauskommt sind eben nicht nur lächerliche Beiträge, die jedem journalistischen Anspruch entbehren. Die Plattform NIUS greift mit ihren Beiträgen die Faktenbasis des gesellschaftlichen Diskurses an. Und wo diese bröckelt, gewinnen rechtsextreme Narrative die Oberhand.

Artikelbild: Jörg Carstensen/dpa (bearbeitet); canva.com.