Wir müssen reden: Macht es euch nicht so bequem, wenn es euch nicht betrifft

| Gastkommentar | 9. August 2020

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Gastbeitrag Christin Bieber / Frau Kopf

Die Autorin und Feminismus-Aktivistin Christin Bieber alias „Frau Kopf“ betreibt seit Jahren Aufklärungsarbeit in den Themengebieten Sexismus, Feminismus und Rassismus. Wer mehr von ihrer schriftstellerischen Arbeit lesen möchte, kann hier ihr Buch Brachialromantik erwerben oder ihr auf Instagram folgen. Viel Spaß beim Lesen ihres Gastbeitrages für Volksverpetzer.

Wir müssen endlich mehr über Sexismus und Rassismus in unserer Gesellschaft reden

Täglich sind die sozialen Medien voll von sexistischen und rassistischen Kommentaren. Ob per Kommentar oder als Privatnachricht, ich selbst kann davon ein langes Lied singen: Wir müssen endlich mehr über die Relativierung der Lebensrealitäten vieler unserer Mitmenschen reden. Realitäten, in denen Menschen alltäglich mit Sexismus und Rassismus konfrontiert werden.

Darüber, wie viele von euch eigentlich eingestellt sind. Und warum sich unzählige, freie und privilegierte Menschen immer wieder mit aller Kraft dagegen wehren, anzuerkennen und zu begreifen, dass sie sich im Grunde gegen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aussprechen, weil sie die realen Probleme nicht anerkennen wollen.

Warum sie nicht müde werden, zu erläutern, dass sie ja auch großem Leid ausgesetzt sind und die „Anderen“ übertreiben, oder es ja nicht ganz so schlimm sein kann. Warum so freudig relativiert, belächelt und geleugnet wird, was wahr ist. Warum Rassismen und Sexismen immer wieder als Kavaliersdelikte, Witzchen oder eben „normal“ angesehen werden.

https://www.instagram.com/p/CCGGz3Rgt5D/

Wir müssen darüber reden, warum ihr es euch so bequem macht, wenn es euch nicht betrifft

Wir müssen darüber reden, warum erwachsene Menschen immer wieder krampfhaft versuchen, Opfer zu Täter:innen zu machen.

https://www.instagram.com/p/CCwH7xZn2SS/

Warum sie bei Schilderungen von Betroffenen von sexistischen und rassistischen Übergriffen, Beleidigungen, Behandlungen immer wieder in diesen Modus verfallen, zu erklären, dass Betroffene ja selbst irgendwie schuld seien.

Nie ist man selbst schuld

Sie müssen ja nur anders aussehen, anders sprechen, sich anders bewegen, sich anders anziehen, es ignorieren, sich nicht so anstellen oder eben woanders leben. Wir müssen darüber reden, warum der angeblich nicht rassistische, sexistische und ignorante Mensch seine Energie sehr wohl in Er- und Verklärungen investiert. Nicht aber darin, zuzuhören, sich zu hinterfragen, sich zu informieren oder wenigstens einfach mal die Klappe zu halten.

Wir könnten auch darüber reden, warum du jetzt, nach diesen wenigen Worten, schon Schnappatmung bekommst, das alles total ungerecht findest und dich befähigt fühlst, mitzuteilen, dass das total unverhältnismäßig und undifferenziert sei und was ich mir eigentlich anmaße, so als weiße Frau, die ja nur provozieren und sich nun aufschwingen will, dir, di:er du schon so reif und wissend bist, zu erklären, wie man mit gesellschaftlich anerkanntem Unrecht umzugehen hat.

Eine wie ich, die ja nur Stress machen will und glaubt, alles besser zu wissen.

Eine, die glaubt, für alle sprechen zu können.

Eine Frechheit ist das, hm?

Wir können darüber sprechen, müssen es aber nicht, weil es keinen Unterschied macht, wer dir diese Worte präsentiert.

Mann, Frau, alt, jung, Schwarz, weiß.

Die Realität ist das, was sie ist, auch, wenn sie nicht deine ist oder du sie leugnest.

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Rassismus gibt es nicht, sagst du?

Es ist ja nicht so schlimm und viele würden es ja nur mit ihrer politischen Korrektheit übertreiben.

Ja, gibt es denn keine anderen Themen mehr?

Ja, habe man denn keine anderen Probleme?

Warum übertreiben die denn alle so?

Und jetzt darf man ja nicht mal mehr Zigeuner und das N-Wort sagen.

„Die“ müssen sich halt integrieren und auch damit abfinden, dass wir, als echte Deutsche, unsere eigenen Bezeichnungen für „die“ haben.

Was soll denn an dem Wort „Kümmeltürke“ so schlimm sein? Mein Opa hat die auch immer so genannt und niemanden hat das gestört. Und die „scheiß Polacken“, die klauen nun einmal und müssen damit leben, wenn sie in unserem Land sind, dass wir sie so nennen. Und natürlich isst du nach wie vor einen „Negerkuss“ und lässt dir nicht verbieten, diese Süßigkeit so zu nennen! Das war schon immer so.

Meinungsfreiheit!

Und überhaupt siehst und erlebst du keinen Rassismus.

Du hast noch nie erlebt, dass ein Schwarzer verprügelt wurde.

In deiner Firma arbeitet sogar einer und niemand hat den rassistisch beleidigt.

Vielleicht mal Witze über seine Genitalien und Affengeräusche hinter vorgehaltener Hand gemacht, aber rassistisch war man nie.

Diese ganzen Debatten sind sowieso sinnlos und interessieren keine Sau, weil das sowieso nichts ändert.

Und es nervt ja auch, das immer und wieder durchkauen zu müssen.

Die Deutschen sind eh immer die Bösen und müssen für alles büßen und sich rechtfertigen, dabei haben wir sicher keiner Schuld am Holocaust und wenn jemand meint, dass er nicht an den Holocaust glaubt, ist das auch nur seine Meinung.

Man darf ja eh nix mehr sagen.

Sexismus gibt es nicht, sagst du?

Sexismus gibt es auch nicht, er ist ja nicht so schlimm und die ganzen Weiber und weißen Ritter übertreiben ja voll.

Ja, gibt es denn keine anderen Themen mehr?

Wenn man sonst keine Probleme hat.

Warum übertreiben die immer so?

Dir ist sowas noch nie passiert, also kann es so schlimm ja nicht sein. Die 0815-Argumentation schlechthin. Und überhaupt war es schon immer so, dass ein „Klaps auf den Arsch“ und ein Spruch über „die dicken Dinger in der Bluse“ als Kompliment galt.

Virtuell „sein bestes Stück“ zu versenden hat auch nichts mit Belästigung zu tun, man kann das ja einfach wegklicken.

Und wenn man so was bekommt, dann liegt es an einem selbst, weil man sich eben so „aufreizend und billig zeigt“ und damit „klare Signale sendet“.

https://www.instagram.com/p/CDOASWcnhcv/

Man weiß, dass Frauen kurze Röcke und Ausschnitt tragen, um befummelt, belästigt und herabgewürdigt und gebumst zu werden. Thorben-Hendrik wurde das schon von Kindesbeinen an so beigebracht, weil Thorben-Hendriks Papa und Mama es auch schon so gelernt haben.

https://www.instagram.com/p/CDJHOC3KkYL/

Das Bild der Frau

Die Mädels in den kurzen Röcken sind natürlich selbst schuld und fordern es heraus. Oma nannte sie auch schon Flittchen, also stimmt das.

Da werden dann freudig Preisschilder auf die Weiberstirn geklatscht und es wird die Verantwortung auf die übertragen, die eben begehrt und gleichermaßen verachtet werden. Das war schon immer so.

Gute Frauen sind diese, die brav, artig und leise zuhause sind, abends nicht ausgehen, sich hochgeschlossen kleiden, nicht trinken und keine Schlampen sind. Die, die verstehen, welche Rolle sie einzunehmen haben.
„So, wie die sich kleidet und zeigt, da muss die sich echt nicht wundern“ und der Ronny, der konnte ja gar nicht anders. Sie hat das ja regelrecht provoziert, so, wie sie aussieht.

Der weibliche Körper ist nämlich immer noch schlichtes Mittel zur Provokation oder eben dazu da, um benutzt zu werden, das weiß man doch. Auch das wird einem schon früh beigebracht. Hübsch aussehen, beschlafen werden, Kinder bekommen und so funktionieren, wie es sich eben gehört. Und wenn die Alte das nicht will, dann stimmt was nicht.

Nein heißt ja, das sagen Opa, Onkel und auch der dusselige Flirtcoach auf Youtube, also muss das stimmen.

Und natürlich bist du kein Sexist!

Na klar findest du Frauen gut, du hast ja auch eine Mutter und eine Schwester und weißt, wie man Frauen behandelt. Und natürlich ist es nicht sexistisch, Witze darüber zu machen, dass die Olle nun einmal nicht so gut Auto fahren kann, in die Küche gehört und eine ungebumste Emanze oder Lesbe ist, wenn sie nicht mit dir ins Bett will.

Die Männer sind ja eh immer die Bösen und dürfen ja jetzt nicht einmal mehr flirten. Man weiß ja gar nicht mehr, was man noch sagen und wo man hinschauen darf.

Wir müssten mal darüber reden, warum all die Probleme im Umgang miteinander aktueller denn je sind und lauter als zuvor thematisiert werden müssen. Eigentlich wäre es ganz gut, darüber zu reden, warum dich das alles so sehr nervt und du keine Lust hast, die Notwendigkeit und dich zu hinterfragen. Wir könnten auch darüber reden, wie du das behandeln würdest, würde es dich betreffen.

Wir müssen reden

Wie es wäre, würde man dich aufgrund deiner Hautfarbe verurteilen und herabwürdigen? Wie es wäre, würde man dir auf der Straße hinterherbrüllen, dass du dahin abhauen sollst, woher du gekommen bist? Wie es sich für dich anfühlen würde, wenn man dir mitteilt, dass du ja eigentlich ganz gut Deutsch sprechen kannst, obwohl du in Gelsenkirchen geboren wurdest und immer eine 1 in Deutsch hattest?

Wie es sich für dich anfühlen würde, würde man dich permanent wissen lassen, dass du ja eigentlich nur zum Ficken gut bist. Wie es für dich wäre, würde man dich beleidigen und belästigen, wenn du deine liebste Hose oder dein liebstes Shirt trägst.

https://www.instagram.com/p/CCRFcvVnDcM/

Eigentlich müssten wir über all das und die Strukturen, die dir, mir und uns mitgegeben wurden, mal ernsthaft reden.

Wir könnten das tun und bestenfalls sogar etwas lernen.

Wir könnten den Menschen, die täglich Rassismus und Sexismus erleben, zuhören und versuchen, zu verstehen.

Wir könnten all das tun, du musst es nur wollen.

https://www.instagram.com/p/CCN-a9QnKUS/

Artikelbild: Christin Bieber/Frau Kopf

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