4 Gründe, warum (ehemalig sozialdemokratische) Menschen rechts wählen

Gastbeitrag von Natascha Strobl

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Hier scheint es grundsätzliche und gefährliche Fehleinschätzungen zu geben

Wer wählt denn überhaupt rechts?

„Die Arbeiter“ greift zu kurz. Zum Einen, weil viele Arbeiter_innen gar nicht wählen (dürfen). Zum Anderen, weil es sich immer wieder zeigt, dass es nicht mehrheitlich die sind, die ganz unten sind, die rechts wählen. Es sind genau die darüber.

Bei der österreichischen Bundespräsidentschaftswahl Hofer gegen van der Bellen beispielsweise: Die U6-Bezirke (mit RH5H als kaufkraftschwächster Bezirk Wiens) waren alle klar für den Grünen – transdanubische Einfamilienhäuser hingegen an der Kippe. Die zwei unteren Einkommensfünfteln in den USA waren bei der US-Wahl pro Clinton. Die AfD reüssiert in Marzahn zum Beispiel eher bei den Einfamilienhäusern als den Plattenbauten.



Bei Pegida geht nicht „die Unterschicht“ auf die Straße

Auch für Pegida und die Montagsmahnwachen gibt es Studien. Dort geht nicht „die Unterschicht“ auf die Straße. Auch die Langzeitstudien zu Einstellungen in Deutschland zeigt: Menschenfeindlichkeit ist gesamtgesellschaftlich akzeptiert, gerade auch bei hohen Bildungsabschlüssen und Einkommen. Es sind die, die gerade etwas zu verlieren haben, die die Basis für rechte Parteien sind. „Für uns geht es sich ja noch aus, aber unsere Kinder…“. Die haben Angst vor Deklassierung. Die Folge ist, dass sie keine Solidarität, sondern Hass nach unten haben. Weil sie Angst haben, selbst dort zu landen.

Im Kern ist es immer die Angst um die eigene (wirtschaftliche) Existenz. Rassistisch aufgeladen durch Angst, dass die „Ausländer“ einem die Arbeitsplätze weg nehmen. Dasselbe mit Frauen. Der Hass auf erfolgreiche Frauen und „Ausländer“. Die Frage dort ist: Warum bekommen die etwas und nicht ich?
Warum aber gibt es dann keinen Hass auf erfolgreiche, weiße, bürgerliche Männer? Dazu:

1. Toxische Männlichkeit

Männern wird schon als Kinder in dieser Gesellschaft nicht weniger als die ganze Welt versprochen. Männer müssen hart, unerbittlich und erfolgreich sein. Frau, Haus, Auto – selbstverständlich alles dabei. Dieses Versprechen kann der Kapitalismus immer weniger einlösen. Und am wenigsten für Männer aus nicht und niederen bürgerlichen Schichten.

In Zeiten der Krise verschärft sich das und ganze Generationen dieser Männer wachsen mit dieser Kluft zwischen Versprechen und Realität auf. Diese Vorstellung von Männlichkeit ist immer eine tödliche Gefahr für Frauen, Kinder und Männer, die nicht den Geschlechternormen entsprechen. Mit wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit ist sie Basis für Faschismus. Denn diese versprochene Zukunft muss eingelöst werden.

Ich war unlängst in Vogelsang – der Eliteakademie des Nationalsozialismus. Das Versprechen war: Wenn du die absolviert hast, kannst du alles werden. Interessanterweise rekrutierten sich Schüler hauptsächlich aus Arbeitern und Bauern. Hier ein Beispiel über den Werdegang eines Schülers.

Im Gegensatz zu SS und NS-Studentenbund oder Burschenschaften war das eine realistische Aufstiegsmöglichkeit, wenn man nicht aus bürgerlicher Familie kommt. Faschismus gibt „arischen“ Männern im Patriarchat immer auch Hoffnung.

2. Das Versagen der Sozialdemokratie

Der Hegemonieverlust der Sozialdemokratie in diesen Schichten wird einerseits durch konkrete Politik befördert, etwa Hartz IV. Andererseits dem daraus resultierenden Glaubwürdigkeitsverlust. Selbst wenn sie jetzt gute Maßnahmen macht, wird das nicht mehr honoriert werden. Und außerdem, weil es keinen gesellschaftlichen Gegenentwurf gibt, der sich von „bürgerlich-Mitte-usw“ oder „schöne-Welt-wir-haben-uns-alle-lieb-usw“ unterscheidet. Wie Alexandria Ocasio-Cortez so schön sagt: Niemand wählt mit Inbrunst den „Gemäßigsten“, sondern den Authentischsten.

3. Weil die rechtsextremen Parteien in Zeiten der Krise einen Block mit den sich radikalisierenden bürgerlichen Parteien bilden

Das Klientel der bürgerlichen Parteien hat viel zu verlieren. Um gesellschaftliche Umwälzung zu verhindern, gibt es deshalb Zugeständnisse an rechtsextreme Parteien. Dem Bürgertum sind der Erhalt der bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse wichtiger als Demokratie oder Menschenrechte oder so etwas.

Sofern sie nicht selbst zu einer Minderheit gehören natürlich. In Zeiten der Krise ist das alles nämlich bedroht. Statt mit Hegemonie wird mit Zwang regiert, um die Verhältnisse zu erhalten. Folge: Repressionsmaßnahmen, Sozialstaatskürzungen, Angst wird geschürt. Folge: Mehr Menschen wählen rechts. Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf.

4. Jahrzehntelanger Kapitalismus hat die Vorarbeit geleistet

Kapitalismus fördert ein negatives Menschenbild, das schwer wieder herauszubekommen ist. Statt Solidarität und Mitgefühl wird einem Wettbewerb und permanente Konkurrenz beigebracht. Es ist das exakte Gegenteil einer linken Vorstellung von menschlichem Zusammenleben. Was hat das mit dem Asyldiskurs zu tun?

Dieser ist nur Symptom und nicht Ursache dafür, dass sozialdemokratische Wähler_innen rechts wählen. Das ist die Krux. Das zu verwechseln ist grob gefährlich. Wäre es nicht Asyl, es wären die Gastarbeiter, Frauen, Arbeitslose, Obdachlose…

Diskurse gegen die, die nicht dazu gehören gab es schon immer. Zu jedem Zeitpunkt findet sich eine Gruppe, gegen die gehetzt werden kann. Deswegen gab es auch schon ganz ohne Asyl in 80ern große Wahlerfolge zum Beispiel der FPÖ oder des Front National in Frankreich.

Was könnten jetzt Anleitungen für die Sozialdemokraten sein?

A.) Erkennen, dass der Zeitgeist gegen einen ist. Das Akzeptieren. Historisch anschauen, wie das umzukehren ist. Vorarbeiten legen. Präzise, analytisch, klar. Ohne kopflos irgendetwas zu machen.

Und B.) Stärker als Angst ist nur Hoffnung. Und das war immer das Versprechen des Sozialismus. Hoffnung auf ein besseres Leben für jene, denen bisher in der irdischen Welt keine Hoffnung zugestanden wurde. Genau da muss die Sozialdemokratie wieder hin. Sonst wird sie untergehen. Es gibt natürlich noch viel zu ergänzen über Medienmacht und Besitzverhältnisse von Medienhäusern. Über Kalkül und Zynismus von Gestalten wie Kurz. Aber das ist für ein anderes Mal.

Autorin: Natascha Strobl, Twitter: @Rabid_Glow Zusammen mit Julian Bruns und Kathrin Glösel hat sie „Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“ geschrieben. 

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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