Also sind wir jetzt bei „Dann sterben halt auch junge Menschen“ angekommen, ja?

| Graslutscher | 21. April 2021

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Also sind wir jetzt bei „Dann sterben halt auch junge Menschen“ angekommen, ja?

So langsam kommt mir das Ganze wie ein kafkaesker Albtraum vor, eine Aneinanderreihung immer weiterer Tiefpunkte. Am Ende kann keiner mehr sagen, wie zur Hölle wir jemals hier landen konnten. Es liegen jetzt wahrhaftig junge Menschen auf den Intensivstationen. Es fehlen zwar Daten für eine zuverlässige Beurteilung, aber die bisherigen Zahlen und Berichte zeigen, dass die Zahl der Patient:innen auf den Intensivstationen jünger wird (Quelle, Quelle, Quelle). Sie seien inzwischen sogar im Schnitt 49 Jahre alt, sagt Karl Lauterbach (Quelle). Das bedeutet: Die hätten einen Großteil ihres Leben noch vor sich. Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Söhne und Töchter von irgendwem.

„Im Schnitt 49“ heißt: Da liegen auch deutlich Jüngere. Manche sind noch nicht 40, manche nicht mal 30, ein paar wenige sind nicht mal 20 Jahre alt. Mit dem Virus leben heißt für diese Leute mit dem Virus ums Überleben ringen. Und im Zweifel verlieren. Wofür? Welche krass erstrebenswerte Gegenleistung erkaufen wir uns mit diesem furchtbar bitteren Blutzoll? Dass wir im Büro sitzen dürfen, Kinder ihre Vormittage in chaotischem Präsenzunterricht verbringen und Gartencenter geöffnet haben?

Für wen lassen wir diese Menschen gerade sterben?

Wir machen gerade junge Menschen zu Halbwaisen, die irgendwann verstehen werden, dass ihre Eltern sterben gelassen wurden für Blumenerde, Sportunterricht im Klassenverbund und damit die Marketingabteilungen von Shampooherstellern sich neue Werbeclaims ausdenken konnten. Ja, eine Menge dieser Entscheidungen werden auch schlicht aus Unwissen getroffen. Aber genau das ist ja der noch ungeheuerlichere Punkt: Warum zum fliegenden Beischlaf weiß ich kleiner Blog-Fuzzi mehr über dieses Virus als Bundesminister:innen und Ministerpräsident:innen?

Ich hab nur BWL studiert, hänge auf Twitter ab und höre die Drosten-Podcasts – wieso reicht das anscheinend, um so unglaublich viel mehr zu wissen als die Menschen, die Verantwortung für ganze Bundesländer tragen? – Was machen die den ganzen Tag, anstatt sich darüber zu informieren?

Was ist so verdammt viel wichtiger, dass Altmaier, Laschet, Müller, Hans, Weil, Kretschmann, Kretschmer, Bouffier und Dreyer nicht genauestens Bescheid wissen, was ihre Handlungen bedeuten? Was für inkompetente Prioritätsclowns beraten die?

Die Expert:innen haben genau das vorhergesagt

Hey, ich sitze seit mindestens 12 Monaten in der Homeschooling-Doppelbelastungshölle und trotzdem hatte ich noch Zeit, Leuten zuzuhören, die gruselig exakt genau das prognostiziert haben, was wir heute sehen: Die Alten sind zunehmend geimpft, jetzt sterben die Jüngeren.

Das sagte Christian Drosten am 23.01.: „Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden. […] Zwar seien das dann hauptsächlich jüngere Leute mit weniger schweren Verläufen. Die Intensivstationen würden sich jedoch trotzdem schnell füllen.“

Oh, kommt das zufällig jemandem bekannt vor? Das ist fast 3 Monate her und dennoch stehen wir hier. Dieser Tweet der Virologin Eckerle stammt vom dritten Januar (!):

Expert:innen fragen? Ach, das kann ich ja bei Anne Will noch machen

Der in Fachkreisen unbestrittene Fachmann hat euch erklärt, dass der Holzschuppen abfackelt, wenn ihr ihn nicht löscht und jetzt stehen 16 MPs um die schwelenden Ruinen und beruhigen sich gegenseitig, dass man das ja nicht hätte wissen können. Auf zum nächsten Holzschuppen! Wir haben uns alle kollektiv darüber lustig gemacht, wie offensichtlich Trump den ganzen Tag nur Kabelfernsehen glotzt, anstatt sich in Zeiten größter Not mit den klügsten Köpfen des Landes darüber auszutauschen, was zu tun ist. Wie schlecht das gealtert ist…

Keine Ahnung, was in den Staatskanzleien so anstatt Fox News läuft, aber mit irgendeinem irrelevanten Schrott wird dort offensichtlich kolossal Zeit verplempert, anstatt sich mit der größten Krise ever zu befassen. Expert:innen fragen? Ach, das kann ich ja bei Anne Will noch machen.

Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie geht das überhaupt? 8 Uhr, Blick in die Zeitung, Inzidenz wieder gestiegen, wieder über 200 Tote, Tendenz steigend. Tja, tragisch das. Jetzt geht es aber erst mal zum Kleingärtnerverein, um dort die neue Komposthaufenverordnung zu besprechen, dumdidum…

Wie wenig Respekt muss jemand für die Wähler:innen haben, um in diesen harten Notzeiten nicht seine ganze Energie in die Lösung des Problems zu stecken, das uns gerade fast alle an den Rand der kompletten Erschöpfung bringt?

Wie können diese Leute so unglaublich planlos sein?

Also nicht als Synonym für blöde, sondern wortwörtlich. Meine Tochter ist 11 und hat für ihre Homeschooling-Wochenaufgaben eine robustere Strategie am Start als der Ministerpräsident meines Bundeslandes für die Pandemie. Was ist denn deren Erwartung? Dass es jetzt von allein besser wird? Dass ein Wunder geschieht? Dass wir Deutschen ein auserwähltes Volk sind und die dritte Welle auch ohne Maßnahmen brechen können? Ja, ich weiß, klingt polemisch.

Aber derzeitig wirkt der Planungshorizont der Tauben im Hinterhof weiter – die bauen ein Nest. An die Stelle einer politischen Strategie schein kollektives Wishful Thinking getreten zu sein. Hey, vielleicht irren sich ja alle Forscher:innen! Thoughts and Prayers. And Candles! Die Situation ist schon so lange so bizarr, dass uns langsam die Vergleiche ausgehen. In der Alt-Analogien-Tonne liegen bereits tatenlose Feuerwehrleute, allerlei Vehikel, die ungebremst auf Eisberge, Schluchten oder Mauern zurasen. Situationen halt, in denen Nichtstun fatal ist.

Vor 3 Wochen sagte die Kanzlerin, sie sehe sich das nicht noch weitere 2 Wochen an. Haha

Im Dezember habe ich schon mal einen Rant verfasst über 16 Ministerpräsident:innen, die um ein brennendes Haus herumstehen und die Feuerwehr nicht rufen, um niemanden zu verärgern. Das Gebäude aus der Analogie ist nun nicht mehr nur abgebrannt, mittlerweile ist auch die darunter liegende Klärgrube explodiert und eine Reaktorschmelze steht bevor. Die Reaktionen der umstehenden Verantwortlichen sind: „tja“, „nun“, und „hmm, vielleicht abwarten?“

Welche Krise ist denn jemals durch Abwarten besser geworden? Wurde irgendeine Geiselnahme beendet, indem einfach alle nach Hause gegangen sind? Ach, für hungernde Kinder Nahrungsmittel spenden ist doch totale Panikmache! Einfach auch mal abwarten, ob sich das von alleine löst. Nein, bitte keine Selbsttests und keine Home-Office-Pflicht für Unternehmen. Wir sind nämlich wirtschaftsfreundliche Wirtschaftsfreunde und möchten grundsätzlich nur gute Nachrichten überbringen. Macht alles auf, haha, Prost!

Welche Krise ist denn jemals durch Abwarten besser geworden?

Ach, alles bis auf Gastronomie, Kultur, Einzelhandel, Tourismus, Veranstaltungsbranche, Fitness-Studios und und und. Die sollen bitte noch viel länger durchhalten, Hauptsache Büros sind geöffnet! Was wären wir Deutsche nur ohne Büros? Während meine 8-jährige Tochter den ganzen Tag mit Maske in der Schule sitzt und sich morgens testen lassen muss, genießen milliardenschwere Unternehmen ein Sonderrecht und dürfen ohne Masken und ohne Tests die Inzidenz weiter erhöhen, sodass Kinder noch länger Masken tragen müssen.

Sodass Restaurants noch länger geschlossen sind, viele Selbstständige ruiniert sind und noch mehr junge Menschen auf den Intensivstationen an Atemgeräte angeschlossen werden. Von denen es viele leider nicht schaffen werden.

Wie viele Leben ist eine Powerpoint-Präsentation wert? Wie viele eine Geografie-Stunde? Wie viele frische Blumenerde?

Sorry, I don’t get it. Unser Wissenschaftsbetrieb macht seit Monaten exzellente Prognosen und übertrifft sich selbst immer wieder in der Genauigkeit für das kommende Infektionsgeschehen. Und als Reaktion benehmen sich die MPs wie ein rotzbesoffener Captain Kirk, der die Enterprise entgegen aller Warnungen und Vorbehalte superschlauer Menschen mitten in eine Supernova reinsteuert.

WIE HÄTTE ICH DENN WISSEN SOLLEN, DASS DAS SCHIFF DABEI ZERSTÖRT WIRD?!?!!

Weil es dir alle gesagt haben. Immer und immer und immer wieder. Wer nach den letzten 14 Monaten immer noch nicht die Beschaffenheit dieses Virus kapiert hat, der sollte nicht mal die Verantwortung für einen Wellensittich übernehmen. Geschweige denn für ein Bundesland.

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Jan Hegenberg schreibt üblicherweise auf seinem Blog „Der Graslutscher“. Schaut doch vorbei! Artikelbild: Alexandros Michailidis

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