Keine „Osterruhe“ und Merkel-Entschuldigung: Zu müde, um enttäuscht zu sein

| Schwer verpetzt | 24. März 2021

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Zu müde, um enttäuscht zu sein

Ich bin müde. Mütend ist jetzt das neue Wort, das „Doc Caro“ geprägt hat. Und eigentlich will ich mich nicht schon wieder aufregen, das habe ich gestern schon gemacht. Und eigentlich hat sich seitdem nichts Großartiges an den Fakten dieser Pandemie geändert. Nach 13h Marathon-Sitzung, um festzustellen, wie man jetzt auf die dritte Welle (die ~keiner kommen sehen konnte~) reagiert, wurde von Bund und Ländern beschlossen, am Gründonnerstag ein paar Geschäfte zu schließen. Und ja, das war’s eigentlich. Verkauft wurde das als „Osterruhe“ oder „Osterlockdown“. Warum das nur eine sogar kontraproduktive Pseudo-Lösung war, schrieb ich hier:

Ich hab keinen Bock mehr: „Osterlockdown“ ist ein sinnloser „Kompromiss“ und reine Symbolpolitik

Mit meiner Kritik war ich nicht alleine. Viele wiesen darauf hin, dass es nur eine *Bitte* war, keine Gottesdienste abzuhalten oder eine *Bitte*, in den weiter geöffneten Arbeitsstätten Tests durchzuführen. Und dass selbst 5 Tage richtiger Lockdown (oder „Osterruhe“) nicht ausreichend sein würden, um das Infektionsgeschehen weiter einzudämmen. Und dann natürlich der richtige Hinweis, dass das Schließen der Läden am Gründonnerstag nur dazu führt, dass die Läden Mittwoch und Karsamstag überfüllt sind. Kontraproduktiv.

Merkel entschuldigt sich

Als ich heute Mittag las, dass sich Merkel für die „Osterruhe“ entschuldigte und es einen Fehler nannte, hatte ich kurz Hoffnung. Sicher, der universelle Ärger in meiner Filterblase ist sicher nicht der der ganzen Bevölkerung. Aber Umfragen zeigen: 32 % der Bevölkerung finden die Maßnahmen nicht konsequent genug und weitere 38 % finden sie angemessen (Quelle). Die große Mehrheit versteht unsere Lage. Aber dann wird die „Osterruhe“ zurückgenommen. Ersatzlos.

Die Haltung und das Rückgrat der Kanzlerin verdient Respekt. So eine Größe werden wir noch vermissen – Fehler eingestehen und zu korrigieren ist eine schätzenswerte Eigenschaft. Und ich werde sicher nicht derjenige sein, der erst gemeckert hat und dann meckert, wenn man Fehler eingesteht. Aber mein Problem an der „Osterruhe“ war ja nicht (nur), dass die Leute dann Mittwoch und Karsamstag die Läden voll machen und sich anstecken können. Mein Problem war, dass wir schon Anfang März konsequente Maßnahmen ergreifen hätten sollen, um die dritte Welle zu stoppen.

Dritte Welle mit Ansage – die Politik verspielt gerade unseren Sommer in Freiheit

Die Regierung verursacht Chaos

Dass die „Osterruhe“ ersatzlos gestrichen wird, macht sprachlos. Als ob ein geschlossener Gründonnerstag jetzt DIE Zumutung zu viel gewesen wäre. Als ob die Verschwörungslügner:innen rund um AfD und Querdenken irgendeinen sinnvollen Debattenbeitrag geleistet hätten, auf den man jetzt hörte. Ich bin der Meinung (weil ich auf das höre, was Expert:innen seit *Monaten* sagen), dass ein komplettes Herunterfahren des Landes (bis auf Essenzielles) für nur wenige Wochen die Ausbreitung viel effektiver eindämmen könnte, sodass wir danach wieder gefahrloser öffnen können. Dieser Twitter-Thread malt eine Welt aus, in der Merkel einfach endlich das umsetzt, was wissenschaftlich geboten wäre:

Doch selbst wenn man das für naiv oder zu teuer hält – worüber man ja streiten kann – kann man nicht leugnen, dass so oder so eine konsequente Linie der Regierung uns allen gutgetan hätte. Die armen Querdenker verstehen auch die Welt nicht mehr, wenn die bösen „regierungshörigen“ Volksverpetzer jetzt plötzlich die Regierung kritisieren müssen. Verwirrt die doch nicht so, die kapieren doch ohnehin so wenig. Nein, schlimmer als der Unwille, das Arbeitsleben vieler (und nicht mal aller!!) nur ein wenig zu unbequem zu machen, ist das ständige Hin- und Her.

Die unterschiedlichen Regeln in jedem Bundesland und Landkreis. Kein „Plan“ der Regierung, der weiter als zwei Wochen geht. Ich verstehe, dass man eben auch abwarten und reagieren muss. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass unser aller Gesundheit und Wohlstand immer die höchste Priorität hat. Ständig wechselnde Kompromisse sind in manchen Politikbereichen sinnvoll. Aber bei einer Krise? Man kann mit der Realität nicht verhandeln.

Und was machen wir jetzt? Nichts.

Altmaier lobte bei den Lockerungen Anfang März, dass viele Forderungen „aus Sicht der Wirtschaft“ durchgesetzt seien. Bei Laschet & Co., die ich als die wirklichen Schuldigen hinter dem Schlamassel ausmache, vermute ich eine ähnliche Einstellung. Wobei mit „die Wirtschaft“ nicht die Künstler:innen oder Selbstständigen gemeint sind oder Restaurants oder Kinos, die wegen des Wischiwaschi-Lockdowns monatelang schließen mussten, sondern halt „die Wirtschaft“, die gute Lobbyvertretung hat. Die Auto-Lobby lief anscheinend nur wegen eines Schließtags Sturm (Quelle). Und denen kann man nicht mal eine Test- oder Homeoffice-Pflicht zumuten, ach herrje. Vergiss 75.000 Tote, das wäre ja schlimm. Testpflicht.

Merkel entschuldigt sich und nimmt die „Osterruhe“ allein auf ihre Kappe. Aus vergangenen Aussagen wissen wir, dass allein nach Merkel durchaus mehr Pandemie-Bekämpfung gegangen wäre. Aber auch wenn sie noch Kanzlerin ist, hat sie wohl nicht mehr die Macht, (alleine) zu entscheiden. Dass eben nicht mehr möglich ist, dass eben nicht auf die Wissenschaft gehört wird, haben Laschet oder Bouffier unverblümt zugegeben:

Laschet: „Wir alle hatten die Hoffnung, dass wärmere Temperaturen zu einem Sinken der Fallzahlen führt.“

Bouffier: „Wer sagt, das hätte man alles schon vor 8 Wochen wissen müssen – mit sowas will ich mich gar nicht auseinandersetzen.“

Wir hätten das alles vor Wochen wissen können. Nein, wir *haben* das gewusst. Wer Wissenschaftler:innen zuhört, hat Dinge, die unsere Entscheidungsträger(:innen) jetzt „plötzlich“ erfahren, schon vor Monaten wissen können. Wir haben das hier Anfang Januar aufgeschrieben:

Corona ist mutiert & damit viel gefährlicher: Was wir jetzt tun müssen

Dieser Tweet der Virologin Isabelle Eckerle ist vom 3. Januar: „Es gibt keine Ausrede in ein paar Wochen/Monaten, dass die Ausbreitung der neuen Variante #b117 überraschend oder nicht vorhersehbar war und nicht zu verhindern. Alle Informationen & zu ergreifenden Schritte sind glasklar.“

Oder Lindner, der wieder mal „innovative Lösungen“ fordert, und dafür Tübingen aufführt – dessen Inzidenz sich in zwei Wochen unter Boris Palmer fast verdreifacht hat (Quelle, Quelle). Pseudo-liberale Buzzwords (wie auch bei der Antriebsdebatte, mehr dazu) statt Wissenschaft.

Also frage ich mal höflich: Wollt ihr uns eigentlich verarschen?

Ich bin einfach müde

Ja, ich habe mich gestern bereits aufgeregt. Und keine Lust, es wieder zu tun. Denn im Gegensatz zu den Dauer-Kreischer:innen von AfD und Querdenken finde ich, ist Empörung ein gezieltes Werkzeug, das man gezielt anwenden sollte, wenn es angebracht ist. Wenn es an den Ministerpräsidenten wie Laschet wirkungslos abprallt, wozu dann aufregen? Laut Insider-Quellen gab es sogar Stimmen, zu *lockern*. Bei steigenden Zahlen. Diese Leute leben anscheinend in ihrer eigenen Welt. Mit diesen Entscheidungsträger:innen schaffen wir keine Krise. Auf gar keinen Fall.

Es gibt viele gute Leute auch in den Regierungsparteien – Karl Lauterbach allen voran -, die verstehen, was zu tun wäre. Und was soll ich noch sagen, außer: Merkt euch das für den September. Und versucht, euch so gut es geht vor Corona bis dahin zu schützen. Diese Regierung wird es nicht tun. Wenn das sogar Chefärzt:innen sagen:

Vielleicht ist es am Ende einfacher, sich über Rechtsextreme oder Verschwörungsideolog:innen aufzuregen. Wenn die völligen Unsinn reden oder machen, erkennen das die meisten immerhin noch als sowas. Die können sich leisten, die Leute zu verarschen, denn letzten Endes haben sie keine Entscheidungsmacht. Aber wenn Teile der Regierung – die, die sich am Ende durchsetzen – entweder nicht auf Expert:innen hören können oder wollen, oder sie gar bewusst ignorieren, dann macht das fertig. Wofür überhaupt? Kurzfristige und kurzsichtige Interessen bestimmter Wirtschaftszweige? Möchte man im rechten Rand fischen?

Wie gesagt. Der Wut ist Enttäuschung gewichen. Und jetzt ist nur noch Resignation. Aber ändern können wir ja auch nichts? Wir müssen weitermachen. Weiter bessere Alternativen fordern. Nur jetzt halt mit dem Wissen, dass man eine kleine, ungehörte Mehrheit ist.

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Artikelbild: Michael Kappeler/dpa

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