Holodomor: Der historische Hintergrund zur Ukraine, den alle kennen sollten

| Hintergrund | 11. Mai 2022


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Die riesige Lücke im Ukraine-Verständnis

Von Melina Borčak

Das, was die Berliner Mauer, die Teilung oder die NS-Zeit für Deutschland sind, das ist der Holodomor für die Ukraine – ein Grundstein des kollektiven Erinnerns und unumgehbar, um das Land zu verstehen. Trotzdem ist der Holodomor unzureichend bekannt und die meisten Ukraine-Analysen erwähnen ihn nicht mal.

Stalins Verbrechen an der Ukraine

Holodomor ist der Name für den aus Stalins Moskau gesteuerte Hungersnot in der Ukraine, von 1932 bis 1933. Vier bis fünf Millionen Ukrainer starben an Hunger, Erschöpfung durch Zwangsarbeit und Morden. Holodomor beschreibt im ukrainischen “Mord durch Hunger”, also “Moryty holodom”. Menschen wurden gezwungen, ihre Ernte und all ihr Essen in kollektive Farmen abzugeben – so viel, dass sie qualvollen, langsamen Hungertod starben. Wer versuchte, etwas Essen zu bekommen oder zu verstecken, wurde festgenommen, ermordet oder in Gulags deportiert.

Schon im August 1932 wurde mit dem “Erlass zum Schutz sozialistischen Eigentums“ festgelegt, dass jeder, der dabei erwischt wird, wie er etwas von einem kollektiven Feld nimmt, wegen Diebstahls von „sozialistischem Eigentum“ erschossen oder inhaftiert werden kann. Dies galt auch für Kinder. Bereits Anfang 1933 wurden 54.645 Personen deshalb vor Gericht verurteilt, von denen 2000 ein Todesstrafe bekamen und hingerichtet wurden. Doch weitaus mehr als 2000 wurden getötet: Wer nicht sofort hingerichtet wurde, erlag oft der Erschöpfung durch harte Zwangsarbeit im Gulag.

Widerstand war leider zwecklos

Mit letzter Kraft haben Ukrainer gekämpft: Demonstrationen, bewaffneter Widerstand, ziviler Ungehorsam. Doch die Mordmaschine war stärker. Auch in Städten wurden Ukrainer ermordet – vor allem nachdem sie versuchten, sich den tödlichen Taten der sowjetischen Regierung zu widersetzen. In der Region um Kyjiw fielen 19% der Ukrainer dem Holodomor zum Opfer – fast einer von fünf (Quelle).

Im Januar 1933 verabschiedete die Sowjet-Regierung eine Resolution, in der Menschen verboten wurde, die Ukraine und die Kuban Region zu verlassen. Kuban war damals rund zur Hälfte von Ukrainern bewohnt, aber auch von Tschetschenen, Tscherkessen und anderen Gruppen, die immer wieder Repressionen Russlands erlitten. Die Menschen in Kuban und der Ukraine durften nicht mal ihre Dörfer verlassen, sogar Bahnkarten kaufen war verboten. Nun waren die Menschen gefangen in ihren Dörfern (Quelle: Zensus 1926, demographische struktur von Kuban: All-Union 1926 Census (Vsesoiuznaia perepis‘ naseleniia 1926-ogo goda). Moscow: Central Statistics Department of the USSR.1928-1935, Link).

Auch Kasachstan erlitt das gleiche Schicksal durch Stalin

Schon bevor in Moskau entschieden wurde, die Ukraine dem Hungermord zu unterziehen, erlebte auch Kasachstan dieses Schicksal (Quelle). 1930 bis 1933 starben rund 40% aller ethnischen Kasachen – 1,3 Millionen Menschen. An Hunger, Mord, Zwangsarbeit. Statt dies als weiteren Beleg für die Brutalität Stalins und der Sowjetunion zu sehen, missbrauchen Leugner die Tode von Kasachen, um auch den Holodomor zu leugnen. Irgendeine Logik besagt nämlich, dass Millionen Hungertote in zwei verschiedenen Ländern ein Beleg dafür sind, dass der Hunger durchs Klima verursacht wurde – obwohl die Ukraine und Kasachstan 3000 Kilometer weit entfernt voneinander sind.

Diejenigen, die es schafften, all den unbeschreiblichen Horror zu überleben, konnten es weder richtig psychologisch verarbeiten noch öffentlich an ihre Liebsten oder die Wahrheit erinnern: Sie waren gezwungen zu schweigen, unter Androhung von Repressionen (Quelle). Erst durch die Reformbewegung Perestroika, Ende der Achtziger, wurde es erlaubt, öffentlich über den Holodomor zu sprechen (Quelle). Auch deshalb ist er so tief im ukrainischen Bewusstsein verankert – die Wahrheit über das Grauen der Dreißigerjahre wurde durch persönliche Geschichten weitergegeben. Wer miterlebt, wie die eigenen Eltern oder Großeltern von solch unfassbarem Grauen berichten und weiß, dass er es öffentlich nie ansprechen darf, dass es ein Geheimnis ist – dem brennt es sich ins Gedächtnis.

Stalins Genozid?

Doch dass der Holodomor mittlerweile öffentlich diskutiert werden kann, ist kein gutes Ende. Sondern eine neue Phase im Kampf gegen Leugner. Dabei hilft es nicht, dass die Klassifizierung als Genozid umstritten ist. Zur UN-Definition für Genozid fällt jedoch nicht nur Morden. Sondern u.a. auch „das Kreieren von Umständen, die ein Überleben unmöglich machen“ – gezielter Hungertod gehört dazu (Quelle).

Zusätzlich behaupten Leugner, es wäre keine menschengemachte Hungersnot gewesen. Sondern es hätte Dürre oder andere natürliche Umstände gegeben, die allein dafür verantwortlich waren. Das stimmt so nicht. Es gab genug Weizen, er wurde sogar exportiert (Quelle, Quelle). An ukrainischen Grenzen starben unzählige Menschen – auf Ukrainischer Seite, während es wenige hundert Meter weiter in Polen, Belarus und Russland Essen gab. Diese Grenzorte hatten das gleiche Klima. Besonders laut und oft wird der Holodomor durch bornierte Kommunisten geleugnet. Laut deren Relativierungen und Rechtfertigungen richteten sich die Taten der Kommunistischen Partei gegen Großbauern, gegen reiche “Klassenfeinde”. Doch wenn fünf Millionen Menschen sterben ist klar, dass darunter nicht “nur” reiche Klassenfeinde sind. So starb zum Beispiel in der Region um Kharkiv ein Drittel aller Ukrainer (Quelle). Trotz all dem gibt es auch heute, auch in Deutschland, Menschen, die Berichte zum Holodomor als “kontrakommunistische Propaganda” ablehnen.

Unter dem Begriff “Leugner” finden sich nicht nur Individuen, sondern auch der russische Staat sowie dessen Medien. Noch immer widersetzt sich Russland aggressiv der Anerkennung dieses Genozides und verweigert den Zugang zu Archiven. Neben der Ukraine haben Australien, Ecuador, Estland, Georgien, Kanada, Kolumbien, Lettland, Litauen, Mexiko, Paraguay, Peru, Polen, Portugal, Ungarn und der Vatikan den Holodomor offiziell als Völkermord anerkannt. Die USA haben den genozidalen Charakter offiziell als solchen bestätigt, den Begriff jedoch vermieden (Quelle). Das EU-Parlament spricht von einer „wissentlich herbeigeführten Hungersnot“ (Quelle) und Deutschland von einer „grauenvolle[n], schreckliche[n] Hungerkatastrophe, die von Menschen zu verantworten ist und die zu Millionen von Hungertoten geführt hat“. Es gebe aber einen Unterschied zwischen der politischen und der völkerrechtlichen Bewertung, so der Staatssekretär. (Quelle).

Verantwortung der Medien

Die Geschichte des Holodomors ist auch eine Geschichte des Kampfes für Wahrheit, gegen Geschichtsrevisionismus und Lügen. Alle Genozide wurden oder werden geleugnet – schließlich ist dies die zehnte Stufe eines jeden Genozids, also ein Bestandteil davon (Quelle, Quelle). Medien spielen dabei leider immer eine prominente Rolle. Wenn es um den Holodomor geht, sind insbesondere die New York Times für ihre schandhafte Rolle berüchtigt. Ihr Korrespondent Walter Duranty leugnete nicht nur den genozidalen Charakter des Grauens, sondern gleich das gesamte Geschehen. Er schrieb während des Holodomors es gäbe in der Region zwar unterernährte Menschen, doch keine Hungersnot.

Im August 1933, als bereits Millionen Menschen qualvoll verhungert waren, schrieb er, jeder Bericht über eine Hungersnot wäre “entweder eine Übertreibung oder bösartige Propaganda.” Er bekam den Pulitzer Preis, wurde als führender Experte anerkannt und seine Berichte hatten einen direkten Einfluss darauf, dass der damalige US-Präsident Roosevelt die Anerkennung der unabhängigen Ukraine zurückzog und die Sowjetunion anerkannte.

Obwohl Experten und sogar die New York Times mittlerweile anerkennen, dass Durantys Beiträge voller Lügen waren, weigerte sich dass Pulitzer Institut mehrfach, Durantys Preis zu widerrufen (Quelle). Wieder stehen Ego und Schutz des eigenen Images vor korrektem Umgang mit dem Verbrechen und Respekt vor Überlebenden. Ukrainern bleibt es zu hoffen, dass der neue Angriff Russlands dazu führt, dass die früheren endlich ernst genommen werden. Der Holodomor ist tief ins ukrainische Gedächtnis eingebrannt. Überlebende müssen nun einen weiteren aus Moskau gesteuerten Angriff überleben, ihre Enkel dagegen kämpfen. Holodomor, Russifizierung, Repressionen – an all das denken Ukrainer beim Angriffskrieg Russlands. Auch wir müssen mitdenken.

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Artikelbild: shutterstock.com paparazzza

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