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Wer ist der rechte Verlag „Jungeuropa“? Unser Autor war 2019 undercover bei ihnen

von | Okt 24, 2021 | Aktuelles, Gastkommentar, Hintergrund

Mehrere Autor:innen haben ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse abgesagt, weil ein neurechter Verlag aus dem rechtsextremen Umfeld „Jungeuropa“ ausstellen darf (Quelle). Wer ist dieser Verlag? Unser Gastautor Tobias Ginsburg, der über ein Jahr undercover im neurechten Netzwerk recherchierte, besuchte 2019 auch ihren Kongress „Junges Europa“ und traf dort Faschisten aller Couleur. Darüber schrieb der das Buch „Die letzten Männer des Westens“ (Hier erhältlich oder hier). Sein Kapitel über „Jungeuropa“ und seine Erfahrungen auf ihrem Kongress dürfen wir hier veröffentlichen.

Der Vogelmann und der fade Faschismus

Gastbeitrag von Tobias Ginsburg

Ein Männerkörper in Heldenpose, nackt, muskelbepackt und von grüner Patina überzogen, und zwischen seinen breiten Schultern ein Adlerkopf. Mit stechender Entschlossenheit blickt der nackte Vogelmann aus seinen metallischen Augen, fast so, als plane er, ganz Entenhausen ethnisch zu säubern. Und wo ich auch hinschaue, der nackte Vogelmann blickt zurück. Vom Transparent hinterm Rednerpult, von den Flyern und den Programmkarten, von Postern, die hier verkauft werden, und von einem gerahmten Ölgemälde auf einer Staffelei im Foyer.

Entworfen und in Bronze gegossen wurde der nackte Vogelmann von Arno Breker, dem Bildhauer von Hitlers Gnaden, der mit seinen homoerotischen Muskelmännekens die Ästhetik der Nazidiktatur prägte. Aber mit den Nazis habe die Statue natürlich nichts zu tun, bestimmt ein adipöser Bursche in Couleur, der mein Interesse an dem unheimlichen Maskottchen bemerkt hat: „Die Skulptur ist eine Verkörperung von Europa nach dem Krieg“, sagt der Adipöse mit kennerischer Mine. „Die Stärke Europas ist noch da, aber die Identität verlorengegangen. Deswegen hat die Statue auch keinen menschlichen Kopf.“

„Junges Europa“ – Die Konferenz vom Jungeuropa Verlag

„Junges Europa“ hatte Arno Breker seine Vogelkreatur genannt, und „Junges Europa“ nennt sich auch die heutige Konferenz, ausgerichtet vom neurechten Jungeuropa Verlag. Von Exzess ist hier, in der unangenehm hübschen Fachwerkvilla der Marburger Burschenschaft Germania, nichts zu spüren. Das Saufen und Bluten, Schreien und Eskalieren gehört heute nicht hierher, das sind Interna, die Zurichtung des Männerkörpers. Heute geht es um den Geist. Oder nein, zumindest um eine Ästhetik der Vergeistigung. Auch das: sehr männlich.

Im lichtdurchfluteten Saal unter riesigen Kronleuchtern und dekorativen Säbeln tummeln sich alle möglichen Menschen, die im feinmaschigen Netz der Neuen Rechten mitarbeiten oder drinhängen: rechtsextreme Intelligenzia mit Einstecktüchern und Alte Herren in Mütze und Couleur, AfD-Funktionäre in dunklen Sakkos und Neonazis in Cordjacke. Dazwischen ein paar Interessierte, wutbürgerliche Ehepaare, tüddelige Rentner und Prolls, denen Tätowierungen diverser Kreuze, Kruzifixe und missgestalteter Raubtiere unter Ärmeln und Kragen hervorkriechen.

Aber die absolute Mehrheit der Anwesenden bilden die Nachwuchskräfte

Fünfzig oder sechzig junge und sehr junge Männer. Es sind Burschen, Identitäre und Mitglieder der Jungen Alternative, kaum auseinanderzuhalten. Die meisten sind gleich in mehreren Organisationen aktiv und alle tragen sie ihre hippen HJ-Hipster-Frisuren, den radikalen Façon-Schnitt, ausrasiert im Nacken und an der Seite, streng gescheitelt oder mit Überzeugung zurückgestriegelt. Und die jungen Frauen, nicht weniger beeindruckend, tragen Bauernzöpfe, blond, kunstvoll geflochten, dick wie Bockwürste. Allerdings sind nicht viele von den jungen Frauen gekommen. Acht, vielleicht neun, und wenn mich nicht alles täuscht, sind das auch keine Aktivistinnen. Sie sind Damenbegleitung.

Klar, nach außen inszeniert sich die neue Rechte als gleichberechtigt – oder zumindest als geschlechtermäßig halbwegs ausgewogen und modern. Immer sind es Frauen, jung, hübsch und gut durchblutet, die bei identitären Demos in allererster Reihe die Fäuste recken und für Fotokampagnen und Insta-Stories in züchtigen Blusen Modell stehen. Brave Mädels, die den ethnosexistischen Angstszenarien der Rechten ein Gesicht verleihen. So lassen sich die rassistischen Märchen von migrantischen Vergewaltigerbanden besonders gut ans Bürgertum verkaufen. Werbetechnisch ist das clever, aber in Marburg ist von süßen Postergirls oder scheinemanzipierten Kriegerinnen nichts zu sehen.

Sie verschwinden zwischen den jungen Männern, die sich im Raum ausbreiten, ihn einnehmen und sehr intellektuell dreinschauen. In kleinen Gruppen stehen sie beisammen, rauchen Zigaretten, Zigarillos, und sogar ein paar Pfeifen erspähe ich.  Sie sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen auf den Futons im Salon oder debattieren am Verkaufsstand über die neuesten Propagandabändchen aus Schnellroda. Keine Frage, das ist ihre Welt. Ein Herrenclub. Der nackte Vogelmann wirkt recht zufrieden.

Die Vorträge bei Jungeuropa sind schwer erträglich. Nicht nur inhaltlich

Verstohlen öffnet der adipöse Bursche eine Halbliterdose Monster Energy Ultra und schüttet sie in einen Steinkrug. „Ne kleine Stärkung, bevor es losgeht“, erklärt er, „die letzte Nacht war etwas bierselig.“ Dann gönnt er sich ein paar tiefe Schlucke und einen dezenten Rülpser in den geschlossenen Mund. Ich sitze trotzdem gerne neben ihm. Hinter seinem massigen Körper kann ich mich ein wenig verstecken.

Die Vorträge sind schwer erträglich. Klar, inhaltlich sind sie das auch, aber das meine ich nicht, damit habe ich gerechnet, wer hier referiert, gehört zum inneren Zirkel der Neuen Rechten. Es ist die Form, die mir zu schaffen macht. Mit der ich das Gesagte kaum zusammenbringen kann.

Da ist etwa Dr. Dr. Thor von Waldstein, der wirklich so heißt und als ein „Vordenker der Neuen Rechten“ gilt. Dabei war Rechtsanwalt von Waldstein früher so richtig „alt-rechts“, war im NPD-Umfeld aktiv, bot einem Holocaust-Leugner juristischen Beistand, und auch sonst will so gar nichts an diesem aschfahlen Mann neu wirken. Mit dem verkniffenen Gesichtsausdruck eines verbiesterten Rentiers, der einfach seine Ruhe will und seinen kläffenden Dackel tritt, referiert Waldstein über den Volksbegriff.

Also, über das, „was einmal unter dem stolzen Begriff des Volkes verstanden wurde“. Über was auch sonst. Erstaunlich ist allerdings seine Performance! Tief hat Dr. Dr. Waldstein seine völkischen Sehnsüchte im verstaubten Akademikerblubb vergraben, endlose Relativsätze, ungelenk verkettet, vorgetragen in schleppender Langsamkeit und einer derart lustlosen Monotonie, als würde ihn das alles selbst ganz entsetzlich anöden.

So fade kann also Faschismus sein …

Der adipöse Bursche kommt damit auch nicht gut klar. Zügig leert er seinen Energydrink, hilft aber nicht, jetzt sackt ihm dauernd der schwere Schädel zur Seite. Immer nur ganz kurz, keine Sekunde, dann schreckt er auch schon wieder hoch, reißt die Äuglein ganz weit auf und gibt sich große Mühe, hellwach zu wirken, intellektuell-kritisch, leichtes Kopfnicken, ja ja, das Volk. Bloß nicht einschlafen!

Mir kommt der Gedanke, ob das nicht Dr. Dr. von Waldsteins eigentlicher Plan ist: Versteckt er seine finsteren Gedanken absichtlich in dieser betäubenden Langeweile? Will er uns mit seiner Eintönigkeit gar in einen hypnotischen Trancezustand versetzen? Im Traumzustand verzaubern? Der staubgraue Doppeldoktor, womöglich ein schurkischer Meisterstratege? Dr. Dr. Mabuse?

Aber nein, das ist es nicht. Denn so wie Waldstein klingen hier alle Referenten: monoton, fad, völkisch. So klingt der identitäre Aktivist und Soziologiestudent, der sein dürftiges Referat (Thema: Irgendwas mit Identität) halbherzig herunterleiert. Und so klingt auch der neurechte Netzwerker John Hoewer, eine robuste Gestalt mit feuerrotem Undercut. Er wirkt nicht nur lustlos, sondern auch böse verkatert. Tapfer quält er sich durch seine Aufzeichnungen, aber die Zunge liegt ihm schwer im ausgedörrten Mund. Unappetitliche Schnalz- und Schmatzgeräusche, andauernd der Griff zum Wasserglas. Entsprechend schwer fällt mir das Zuhören. Dabei interessiert mich Hoewers Vortrag sogar wirklich, ein Bericht über Geschichte und Gegenwart der italienischen Rechten.

„Es geht nicht darum, ob der Faschismus gut oder schlecht ist“

„Es geht nicht darum, ob der Faschismus gut oder schlecht ist“, versichert uns Hoewer vorsichtshalber, immerhin ist er Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt, da muss man sich schon etwas zusammenreißen. Seine Bewunderung für die italienischen Faschos ist aber offenkundig. Besonders angetan ist er von der Casa Pound, einer Organisation hyperaggressiver Extremisten, die sich selbst als „Faschisten des 3. Jahrtausends“ bezeichnen. Hoewer pflegt sogar persönlich Kontakt zu denen. Und damit ist er nicht alleine: Auch andere rechtsextreme Burschenschaftler schwärmten mir schon begeistert von ihren römischen Freunden vor, die sich in der Tradition der faschistischen Avantgarde sehen.

Als Erben der Futuristen und antidemokratischen Provokateure des frühen 20. Jahrhunderts, die damals eine Gesellschaft forderten, in der alles Weibliche ausgemerzt wird. Eine maschinierte Nation aus reiner Vernunft, reinigendem Krieg und stählernen  Erektionen. „Die Casa Pound strotzt vor Jugendlichkeit“, erklärt Hoewer tonlos. „Sie transportiert einen Lebensstil, der einerseits locker ist, aber andererseits auch gnadenlos und radikal im positiven Sinne.“

Und ich krieg’s nicht zusammen. Dieser stumpf dahinstolpernde Klang will nicht zum Gesagten passen. Egal wie bedrohlich es ist – es klingt nach gar nichts. Nach schlechter Wikipedia oder nach mündlicher Prüfung, nach Drei minus.

Mit gespenstisch leeren Gesichtern glotzen die schnieken Burschen um mich herum vor sich hin, die Senioren krümmen sich keuchend in ihre Notizbüchlein, und ein paar Jungs tippen heimlich auf ihren Handys, hängen auf Telegram rum oder spielen Candy Crush oder was weiß ich. Und der Adipöse? Hart hat er gekämpft, aber jetzt sind ihm endgültig die müden Äuglein zugefallen, der Rumpf sackt zusammen, der schwere Schädel kommt auf dem Doppelkinn zum Liegen. Gleichmäßig schnauft er in sich hinein und träumt.

Und ich begreife. Genau so soll es auch sein!

Es geht gar nicht um die Inhalte, nicht wirklich. Die kennt hier doch jeder. Wer dem Ruf des sexy Faschovögelchens folgt, weiß, worauf er sich einlässt! Nein, es geht genau um diese Langeweile! So sind doch die allermeisten akademischen Konferenzen: langweilig. Alltag. Mittelmäßig, wenn überhaupt. Und hier, bei der neurechten Konferenz im Hause der Germanen, wird das Gesagte eben zur Normalität erhoben. Die Extremisten werden zu Normalos, ihr Hass zum Allgemeinplatz, der Faschismus selbstverständlich.

Es funktioniert ja auch bei mir: Stundenlang höre ich sie schon sprechen, von Kulturmarxismus und Kulturkrieg, von Volk und Rasse – und ich langweile mich. Wenn ich hier auffliegen sollte, wenn mich einer der zerhackten Faschos oder durchtrainierten Kampfsportler erkennen sollte, kann ich nicht sagen, ob ich hier noch heil rauskomme. Ich weiß das doch, und trotzdem muss ich ein Gähnen unterdrücken. So ist das eben im ganz normalen Faschismus. Ich bin weder entsetzt noch erstaunt. Keiner hier ist entsetzt, niemand erstaunt. Und gerade das ist das Entsetzliche und Erstaunliche.

Vielleicht ist das schon die Erklärung für den Erfolg der Neuen Rechten. Ein bisschen Langeweile, ein wenig akademische Stelzensprache, etwas Knigge und die feschen Frisuren – das reichte schon an Camouflage. Schon waren sie für das deutsche Bürgertum kaum noch wiederzuerkennen.

das Gesagte, der faschismus, wird zur Normalität

Dabei wollen wir doch alle gerne glauben, dass Rechtsextremisten nur ungebildet sind. Arme Säue oder subproletarische Vollidioten. Irgendwie eine schöne Vorstellung, denn sie bedeutet, Bildung könnte gegen Hass immunisieren. Und wie soll dann jemand mit Doktortitel oder kleinem Latinum, fließendem Französisch oder gutbestücktem Bücherregal ein schlechter Mensch sein?

Also ließ man die Neofaschisten in den letzten Jahren ein wenig im Mainstream, pardon, im Hauptstrom mitplanschen. Presse, Staat und Verfassungsschutz wollte es lange so gar nicht gelingen, die freundlichen Faschisten einzuschätzen. Renommierte Professor*innen publizierten Briefwechsel mit neurechten Wortführern. Große Zeitungen druckten Interviews und Homestories über ihren exotisch-konservativen Lifestyle. Und Publizist*innen setzen sich noch immer mit ihnen auf Podien, um das alles mal auszudiskutieren. Sportlich-agonistische Debatten, mit Rechten reden, why not? Mal gewinnen die Demokraten, mal die Faschisten. So ist das eben in Deutschland. Ein Freundschaftsspiel. Was haben wir schon zu verlieren?

Endlich eine längere Pause. Zeit, die neurechten Männer kennen- und verstehen zu lernen, den Reiz des gegenkulturellen Mannseins zu spüren. Aber es gelingt mir nicht. Keiner will so richtig mit mir sprechen. Kaum stelle ich mich zu den Grüppchen der jungen Männer, verstummt ihr blasiertes Lachen, versanden die lärmenden Gespräche. Das Interesse an mir, dem Unbekannten, dem Newcomer, hält sich in Grenzen. „Ein YouTube-Kanal? Ach, Männlichkeit, wichtiges Thema. Dann ma viel Glück damit.“ Und man verweist mich an andere Veranstaltungen, Burschenschaften, Akademien.

Vielleicht will man mich erst einmal abklopfen. Beobachten

Sehen, ob ich es auch wirklich ernst meine. Das Biotop der Gegenmoderne ist eben sehr exklusiv. Vielleicht sind die Kerle auch noch eine ganze Spur vorsichtiger geworden, seit der Verfassungsschutz sie auf dem Kieker hat. Oder trete ich nicht selbstbewusst genug auf? Ist da Zweifel in meinem Gesicht, eine Weichheit, Angst, irgendetwas, was die Burschen hinter meinem gefärbten Schnurrbart und der sportlichen Erfolgstypenbrille ausmachen können? — Enttäuscht geselle ich mich wieder zum Adipösen, der sich in den Nebenraum an den Tresen verzogen hat. Da gibt’s zwar keine rechte Kulturrevolution, dafür aber Eintopf mit Erbsen und Kassler, dazu Konterbier und Kaffee und Kuchen, und der Adipöse verschlingt die üppigen Leckereien im Akkord.

Zum Atmen bleibt kaum Zeit, geschweige denn zum Reden. Aber er hat nichts gegen meine Anwesenheit. Ich nehme ein Stück Streusel, auch wenn ich keinen Appetit habe, und wir stehen schweigend beisammen. Umweht vom Geschimpfe bierbäuchiger Funktionäre, von Tiraden gegen die verweichlichte West AfD und die Verschwulung der Jugend und so weiter. Sexismus und Antifeminismus fallen mir hier schon kaum noch auf, das niemals enden wollende Gerede vom Genderwahn. Es ist selten das Hauptthema der Gespräche, nur der ständige Nebensatz, die selbstverständliche Grundierung jeden Gedankens. Vielleicht auch der einfachste Talking Point, der den Rechten hier zur Verfügung steht. Der am wenigsten kontroverse, den sie auch draußen ungeniert artikulieren können. So was lässt sich auch in der Mainstream-Presse lesen.

sein Herz schlägt für zwei Dinge: den Nationalismus und den Sozialismus

Zum Abschluss spricht noch Dr. Diego Fusaro. Philosoph, Wuschelkopf, Uni Mailand. Er hat beste Kontakte zur Casa Pound und sein Herz schlägt für zwei Dinge: den Nationalismus und den Sozialismus. Findet er beides so richtig stark. Deswegen müsse man das wieder zusammenbringen. Das Nationale und das Sozialistische. Nur wie? Was der quirlige Dr. Fusaro hingegen gar nicht gut findet, sagt er auch: die globalistische Herrscherkaste mit ihrer Genderideologie und die Regenbogenlinke mit ihren „sogenannten Menschenrechten“, die nur der „absolutistischen Herrschaft des Dollars“ dienten. Über die genderideologische Bedrohung hat der Querfrontler kürzlich sogar ein ganzes Buch verfasst.

Nach seinem Vortrag habe ich die Gelegenheit, kurz mit ihm darüber zu sprechen. Gerne will Fusaro mir auch darlegen, weshalb er in diesem feministischen Zeitalter als Nationalmarxist eine intellektuelle Fusion mit der Rechten für notwendig erachtet, und auch meine Fragen zu seinem guten Bekannten Aleksandr Dugin, dem großen faschistischen Vordenker Russlands, will er mir beantworten – aber da fährt uns schon ein schmissiger Germane ins Gespräch. Bittet den Signor Dottore mitzukommen, man wolle den Abend doch in kleiner Runde ausklingen lassen.

Mutlos bleibe ich im großen Saal zurück

Die identitären Widerstandskämpfer wollen nicht mit mir sprechen, der italienische Querfront-Fascho soll nicht mit mir sprechen, und der Adipöse ist schon wieder an die Theke verschwunden. Und zu allem Unglück wird jetzt auch noch das Kulturprogramm dargeboten, schon drischt ein Bursche mit der grobmotorischen Finesse einer Panzerhaubitze ein paar alte Weisen in das Klavier. Erst den antibolschewistischen Klassiker „Avanti Ragazzi“. Dann „Des Geyers Schwarzer Haufen“ und „Der Tod in Flandern“. Die wurden schon bei Hitlerjugend und SS gerne geschmettert.

Und der nackte Vogelmann fährt seinen Adlerkopf herum und schaut mich an, schaut mir direkt in die Augen und, ich schwöre es: Er grinst. Verhöhnt mich, weil ich in diese alt-neuen Männerbünde aus Kruppstahl einfach nicht hereinfinde. Weil ihre Bedrohlichkeit nicht abnimmt. Weil ich mich davon, von ihnen, von allem, verunsichern lasse. Und der Vogelmann lässt lasziv seine Brustmuskulatur hüpfen, und jetzt sind da kleine scharfe Zähnchen in seinem Bronzeschnabel, und er flüstert mir zu, ganz leise, aber doch deutlich zu vernehmen, mit dem flamboyant-österreichischen Akzent von Ralph Fiennes als Amon Göth: „Go fuck yourself, Jew Boy.“

Und ich entscheide, dass ich weitermachen muss. Der Vogelmann kann mich mal.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus „Die letzten Männer des Westens“ von Tobias Ginsburg:

Artikelbild & Text: Tobias Ginsburg

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