“Schwarze Wahrheiten”: Diese PR-Strategie der Corona-Proteste geht nach hinten los

| Hintergrund | 1. Dezember 2020

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“Schwarze Wahrheiten”: Querdenken-Strategie entlarvt

Querdenker, die härtere Maßnahmen fordern. Corona-Leugner, die als Zombies verkleidet apokalyptisch durch die Straßen marschieren. Seit Wochen geistern Bilder von Demonstrant:innen in weißen Schutzanzügen durch das Netz. Manche fordern einen “Lockdown für immer”, andere beten “Spahn, erhöre uns”. Ein Beispiel, das besonders viel Aufsehen erregte: Bei einer “Kunst-Aktion” im thüringischen Altenburg verwendeten Querdenker “provokant” NS-Symbolik. Recherchen von Volksverpetzer zeigen: Hinter den bundesweiten Aktionen “Schwarze Wahrheiten” steckt ein einzelner Online-Artikel, mehrere Telegram-Gruppen und eine neue Strategie, die auf Zuspitzung setzt.

Protest-Aktion in Altenburg. Quelle: https://www.facebook.com/altenburgonline/videos/461172158193690

ONLINE-ARTIKEL RUFT ZU AKTIONEN AUF

Hinter den Aktionsformen steckt ein Debatten-Beitrag auf dem Online-Magazin Multipolar. Die Online-Seite ist nach eigenen Angaben leserfinanziert. Auf ihrem Telegram-Kanal teilt die Redaktion unter anderem Inhalte von KenFM und Rubikon. Die Herausgeber klagen nach eigenen Angaben zurzeit gegen das Robert-Koch-Institut. Am Samstag nahmen sie an einer umstrittenen Diskussion mit hochrangigen ARD-Vertretern teil.

Quelle: Screenshot Multipolar Magazin

Auslöser der Proteste ist der Artikel “Schwarze Wahrheiten”, der Ende September auf Multipolar erschien. Der Autor und Multipolar -Mitherausgeber Stefan Korinth rief darin zu den ungewöhnlichen Aktionsformen auf. Als Grund führte er eine angebliche öffentliche Verzerrung der Corona-Proteste an. Vorangetrieben würde diese durch Politik, Justiz und Medien, dem “Gegner”.

HINTERGRUND: WARUM VIELE QUERDENKER MEDIEN NICHT VERTRAUEN

Mehr als ein halbes Jahr nach dem Aufkommen der Corona-Proteste sind viele (Verschwörungs-)Erzählungen gleich geblieben. Andere haben sich sogar verfestigt. Dazu gehört auch das Narrativ einer angeblichen medialen Verzerrung. Redner:innen hetzten auf Querdenken- und Querdenken-nahen Demonstrationen oftmals gegen den öffentlichen Rundfunk, große Zeitungen und persönlich gegen Journalist:innen. Auch der Volksverpetzer wurde schon zur Zielscheibe von bekannten Verschwörungsideologen.

Wir sollen zum Schweigen gebracht werden: Pandemie-Leugner Wodarg fordert 250.000€ von Volksverpetzer!

Warum? In der Psychologie wird hier vom “Hostile-Media-Effekt” gesprochen. Kurz gesagt: Anhänger:innen von strittigen politischen Positionen neigen dazu, auch neutrale Berichterstattung über sich als unfair wahrzunehmen. So wurden auch wir wegen unserer Fakten-Checks schnell zur “Lügenpresse”.

ÜBERTREIBUNG ALS AUSWEG

“Es liegt nicht in der Macht der Querdenker, diese Logik [der Medien] zu durchbrechen”, schreibt der Autor des Artikels. “Sie können sie aber in ihrem Sinne nutzen. Dazu muss man sich klarmachen, wie Medien und ‘soziale Medien’ funktionieren.” Seine Idee: Die Forderungen der Demonstrant:innen müssten “absurd härter” als die des Gegner sein. Es geht um Überspitzung.

Und das funktioniert so: Durch Übertreibung und “ekstatische Bejahung” der Pandemie-Maßnahmen soll ein Schock-Effekt bei den Zuschauenden entstehen. Ob Inszenierungen nach George Orwells 1984 oder Morton Rhues Die Welle : “So manchem Gegner, Passanten und Mediennutzer würde es wie Schuppen von den Augen fallen oder zumindest kalt den Rücken herunterlaufen”.

QUERDENKER:INNEN SOLLEN SOGAR MASKEN TRAGEN

Die gesamte Strategie beruht auf dem prognostizierte Verhalten der Medien. Die Proteste könnten – so die These – von ihnen nicht mehr verzerrt werden, Kritik würde ins Leere laufen. Und weil die Medien funktionieren würden, wie sie funktionieren, würden sie nur die Bilder der Aktionen verbreiten und PR-Arbeit abnehmen, ohne jede Einordnung. Wichtig sei dafür auch die Uniformität der Proteste. “Sie erhöht nicht nur das mediale Interesse, sie ist zugleich die Botschaft.”

In dem Kampf um die richtige Botschaft soll die Überspitzung sogar so weit gehen, Masken zu tragen. “Nehmt den Herrschenden das Herrschaftssymbol”, heißt es. So soll die Maske das Sinnbild der Protest-Aktionen werden.

VERNETZUNG AUF TELEGRAM

Dass der Artikel tatsächlich die Protest-Aktionen ausgelöst hat, legen die lokal geplanten Aktionen nahe. Die ersten Aufnahmen davon tauchten im Internet kurz nach Veröffentlichung des Beitrags auf. Fast alle tragen den Namen des Artikels: “Schwarze Wahrheiten.” Viele der Parolen sind klar an Zitaten aus dem Artikel angelehnt. Der Artikel wurde mehrere Tausende Male auf Facebook geteilt. Einzelne Videos von den Aktionen erreichten auf YouTube bis zu 70.000 Menschen, auf TikTok fast 400.000.

Auf Telegram versuchten sich verschiedene Querdenken-Aktivist:innen miteinander zu vernetzen. So sollte ein Netzwerk für die Protest-Aktionen aufgebaut werden. Nach Recherchen von Volksverpetzer begannen die Planungen dafür schon einen Tag nach dem Erscheinen des Artikels. Zurzeit umfasst das Netzwerk nur wenige hundert Aktivist:innen. Nach unseren Informationen scheiterten Versuche einzelner Akteure nach einem einheitlichen Konzept für die Wahl des Termin und Outfit.

FAZIT

Geht der Plan auf? Vermutlich nicht. Nach meinem ersten Twitter-Thread griffen viele Zeitungen die Berichterstattung über das Konzept auf. Durch diese unerwartete mediale Reaktion läuft nicht die Kritik an den Aktionen, sondern die Strategie selbst ins Leere. Und ganz ehrlich: Wer hat schon etwas dagegen, dass Querdenker:innen nun endlich ihre Maske tragen?

Solider Vorschlag, Bild: Vitus Studemund

Autor: Vitus Studemund. Artikelbild: Vitus Studemund

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