Wie holen wir Verschwörungsgläubige wieder zurück? – Der Drache in meiner Garage

| Hintergrund | 31. Mai 2022

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Von Drachen, der Psychologie des Postfaktischen und dem Weg weg vom Irrweg

Gastbeitrag von Kevin Benger

»Ein feuerspeiender Drache haust in meiner Garage.«

(…) Mit Sicherheit würden Sie [diese Behauptung] überprüfen, sich mit eigenen Augen überzeugen wollen. Im Laufe der Jahrhunderte hat es zahllose Geschichten über Drachen gegeben, aber keine echten Beweise. Was für eine Chance! »Zeigen Sie ihn mir«, sagen Sie dann. Ich führe Sie zu meiner Garage. Sie schauen hinein und erblicken eine Leiter, leere Farbeimer, ein altes Dreirad – aber keinen Drachen. »Wo ist der Drache?« wollen Sie wissen. »Ach, er ist genau hier«, erwidere ich und zeige vage irgendwohin. »Ich vergaß zu erwähnen, daß er unsichtbar ist«. Sie schlagen vor, Mehl auf den Fußboden der Garage zu streuen, um die Fußabdrücke des Drachen festzuhalten. »Gute Idee«, sage ich, »aber dieser Drache schwebt in der Luft.« Dann wollen Sie das unsichtbare Feuer mit einem Infrarotdetektor nachweisen. »Gute Idee, aber das unsichtbare Feuer strahlt auch keine Wärme aus.« Sie wollen den Drachen mit Farbe besprühen und ihn auf diese Weise sichtbar machen. »Gute Idee, aber er ist körperlos, die Farbe würde nicht haften.« Und so weiter.

Nehmen wir an, daß nicht nur ich das behaupte. Nehmen wir an, daß mehrere Leute in Ihrem Bekanntenkreis, auch Menschen, bei denen Sie ziemlich sicher sind, daß sie einander nicht kennen – daß all diese Leute Ihnen also erklären, sie hätten einen Drachen in ihrer Garage, ärgerlicherweise gibt es in keinem Fall Beweise. Wir alle geben ja zu, wir seien beunruhigt darüber, daß wir von etwas so Merkwürdigem, für das es keine handfesten Beweise gibt, überzeugt sind. Keiner von uns ist verrückt. Wir spekulieren über unsichtbare Drachen, die sich wirklich auf der ganzen Welt in Garagen verstecken, während wir Menschen das gerade erst begreifen. (…) Das einzig vernünftige Vorgehen [besteht] darin, vorläufig die Drachen-Hypothese abzulehnen, (…) und sich zu fragen, warum denn so viele anscheinend geistig gesunde und nüchterne Menschen den gleichen seltsamen Wahn haben.

– aus Carl Sagan (1997): „Der Drache in meiner Garage oder: Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven“, Kapitel 10; s. auch Quelle)

Auch wenn es bisweilen ein Drachenkampf auf verlorenem Posten zu sein scheint:

Einen Weg raus aus Verschwörungsdenken und halbgeschlossenen Desinformationsumwelten gibt es immer und prinzipiell für jeden. Doch zur Erreichung der Tür mit der verlockend funkelnden Aufschrift EXIT braucht es mehr als Carl Sagans (Quelle) zeitlos wichtiges Plädoyer für eine Stärkung rationalen wissenschaftlich-analytischen Denkens und die Einsicht in die Relevanz intersubjektiv überprüfbarer Fakten für Erkenntnis. Zweifelsohne: Der Weg weg vom Irrweg wird kein leichter sein – Xavier Naidoo & Co. können hier ein beseeltes Lied von singen (Quelle) – doch er kann gelingen. Dazu muss er allerdings neben der Vermittlung möglichst umfassender Medienkompetenz und wissenschaftlicher Erkenntnisweise auch und vor allem über die kritische und offene Auseinandersetzung mit sich selbst und eigenen psychologischen und sozialen Motiven sowie Bedürfnisstrukturen führen.

Xavier Naidoo: Wie sollten wir als Gesellschaft auf Rückkehrende reagieren?

Dass sich in der digitalen Informationsgesellschaft zu Medienfähigkeit eine Medienmündigkeit gesellen muss, um das Postfaktische in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen zu bekämpfen, ist inzwischen weithin als zentrale Aufgabe für Gegenwart und Zukunft erkannt. Das Schlagwort Medienkompetenz ist in aller Munde, und Instrumente wie Faktenchecks sind hier ein sehr relevanter Baustein. Fact-Checking allein ist aber aus verschiedenen Gründen nicht hinreichend für die Lösung des Problems (Quelle).

Die Psyche hinter dem Verschwörungsglauben

Ergänzend gilt es daher u.a. noch viel stärker den sozialpsychologischen Unterbau des Postfaktischen in den Blick zu nehmen. Präventiv, aber auch und gerade im Hinblick auf das Bewirken von „Aufwachmomenten“ bei jenen, die sich wähnen bereits erwacht zu sein und sich nur noch bei pseudo- bis absolut seriositätsbefreiten, meist am neurechten/rechtsesoterischen Rand fischenden Alternativmedien informieren. Denn sozialpsychologische Eigenheiten und Grundbedürfnisse des Menschen sind ein nicht zu unterschätzender Zugfaktor für die Attraktivität des Postfaktischen, haben aber mit Rationalität und der um Sachlichkeit und logischen Schlussfolgerns bemühten Vermittlung von Fakten herzlich wenig am Hut.

Wie kommt es also, dass die so immens wichtige Trias aus offener Kommunikation, Selbstreflektion und Selbstkritik, die für eine Rückkehr aus postfaktischen Verblendungen und eine Versöhnung von Menschen, Freunden und ganzen Familien im Kontext von Corona und Russland-Ukraine-Krieg so unermesslich wichtig wäre, offenbar für nicht wenige Menschen ein immens schwieriges Unterfangen darstellt und bisweilen gefürchtet zu werden scheint wie das Weihwasser vom Teufel?

Genau hier kann eben jene sozialpsychologische Betrachtungsweise erhellende Einblicke bieten. Denn die Flucht in alternative Wirklichkeiten kommt meist nicht von ungefähr, dient unbewusst einem Zweck und präsentiert sich damit paradoxerweise gewissermaßen funktional bzw. rational irrational. Sie fungiert häufig als Schrei nach Halt und Verdrängungsstrategie zugleich und trifft daher gerade in persönlichen wie gesellschaftlichen Krisenzeiten auf fruchtbaren Boden.

„Querdenken“ ist viel einfacher als die Realität

Aus sozialpsychologischer Sicht ist das durchaus verständlich und wissenschaftlich ergründet (Quelle Part II; Quelle): Einfache Botschaften, monokausale, Ordnung gebende und sinnstiftende Weltdeutungen, die in ein geschlossenes dualistisches Schwarz/Weiß- bzw. Gut/Böse-Weltbild münden und vermeintlich unumstößliche, eherne „Wahrheiten“ sind für das eigene Seelenheil verlockend. Das Problem ist nur: Sie werden einer komplexen, unübersichtlichen, ambivalenten und oftmals überfordernden Welt eben nicht gerecht. Zudem wird das eigene Abtauchen nicht selten als gemeinschafts- und identitätsstiftendes Erweckungserlebnis erfahren, das ein dringend benötigtes Gefühl von Selbstwirksamkeit stiftet: „Ich sehe die Dinge, wie sie wirklich sind!“; „Wir gegen den verlogenen Mainstream/die Staatspresse!“.

Was in verunsichernden, mit Entbehrungen einhergehenden Zeiten multipler Krisen wie wir sie aktuell erleben als in der Tat auf den ersten Blick subjektiv und emotional nachvollziehbare Bewältigungsstrategie zur Befriedigung sozialer und psychologischer Bedürfnisse erscheint, ist spätestens beim zweiten Hinsehen zu kurz gedacht und endet bedauerlicherweise mittel- bis langfristig in einer Sackgasse. Wurde der beschriebene Irrweg schon allzu lang beschritten, fällt der U-Turn umso schwerer, und bitter notwendige Selbsteingeständnisse drohen zu einem Spießrutenlauf der Gesichtswahrung zu werden. Gesichtswahrung (engl.: face work)? Richtig gedacht: Auch hier handelt es sich im Kern um einen sozialpsychologischen Forschungsgegenstand.

Am Anfang muss die Erkenntnis stehen: Niemand ist perfekt

So mühsam und unbequem besagter Spießrutenlauf jedenfalls auch sein mag, er ist bewältigbar und absolut wert bestritten zu werden. Wie heißt es so schön redensartlich: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Doch damit das Wagnis möglichst Früchte trägt, sollten wir alle – und zwar auf beiden Seiten des Tisches – bereit sein, die durchaus bittere Pille zu schlucken, dass niemand von uns ein perfekt rationaler Denker und Entscheider ist; auch Carl Sagan war es nicht. Wir alle irren von Zeit zu Zeit und wir alle leben auf der Grundlage sozialer und psychologischer Bedürfnisstrukturen.

Daneben unterliegen wir – wie uns Evolutions- und Kognitionspsychologie aufzeigen – systematischen Verzerrungen beim Wahrnehmen, Denken, Erinnern und Urteilen. Nennt sich Menschsein das Ganze. Sich dessen bewusst zu werden bzw. einen derartigen Bewusstwerdungsprozess anzuregen, sollte im Kampf gegen Desinformation und Verschwörungsdenken eine noch viel stärkere Rolle einnehmen. Ein wenig mehr Demut und weniger Selbstgefälligkeit bzgl. des eigenen Daseins als Mensch schadet darüber hinaus nie.

Wo der feuerspeiende Drache wirklich ist

Übrigens: Eine stärkere Betonung der skizzierten sozialpsychologischen Betrachtungsebenen kann auch hinsichtlich möglicher Erklärungen für ein weiteres brandaktuelles Phänomen hilfreich sein: Dem gegenwärtigen Boom der Esoterik und des spirituellen Lebenshilfemarktes (Quelle; Quelle). Dass Spiritualität und Esoterik in einer vermeintlich so aufgeklärten Wissensgesellschaft wie der unsrigen solche Hochkonjunktur erleben und Einzug in den Mainstream gehalten haben, irritiert und amüsiert bisweilen zugleich. So weit, so harmlos? Pauschal wäre diese Antwort zu einfach. Dazu in einem späteren Beitrag mehr.

Um abschließend noch einmal den Bogen zu Sagan und dessen Metapher zu schlagen: Womöglich und ganz vielleicht haust – um das Bild ein wenig umzudeuten – der feuerspeiende Drache der, obgleich nicht sichtbar, tatsächlich aber ganz real ist, ja gar nicht in der Garage, sondern in uns allen und hört auf den Namen Psyche. Wäre eine Überlegung wert.

Autor: Kevin Benger. Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots

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