Xavier Naidoo: Wie sollten wir als Gesellschaft auf Rückkehrende reagieren?

| Kommentar | 20. April 2022


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Dieser Rückweg wird kein leichter sein

Gastbeitrag Lea Richter

Xavier Naidoo hat nach jahrelanger intensiver Aktivität in radikalisierten Verschwörungskreisen nun ein Video veröffentlicht, indem er sich von seinen Aussagen der letzten Jahre distanziert und erklärt, beeinflusst worden zu sein. Er spricht von Fehlern und Irrwegen, auf denen er sich befunden habe. Wörtlich sagt er: „Mir ist es (…) wichtig, Euch zu sagen, dass ich mich von allen Extremen distanziere, insbesondere und vor allem auch von rechten und verschwörerischen Gruppen. (…) Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus sind mit meinen Werten nicht vereinbar, und ich verurteile diese aufs Schärfste„.

Wer die Aktivität Naidoos insbesondere während der Corona-Pandemie verfolgt hat, erkennt den deutlichen Widerspruch. Denn genau die Haltungen, die er jetzt als unvereinbar mit seinen Werten beurteilt, hat er selbst vor einem großen Publikum intensiv, lange und oft verbreitet.

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Die große Kehrtwende des Xavier Naidoo?

Jetzt erklärt Xavier Naidoo also in einem knapp dreiminütigen Video, sich von dieser Phase seines Lebens sowie den dazugehörigen Gruppen zu distanzieren. Der Schritt ist eine deutliche Kehrtwende und kommt entsprechend überraschend, sowohl für die mediale Öffentlichkeit als auch für die radikalisierten Bubbles, die Naidoo noch bis gestern für einen ihrer prominentesten Schirmherren hielten.

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Da Naidoo aufgrund seiner problematischen Aktivitäten in den letzten Jahren in der medialen Öffentlichkeit eine eher missliebige Rolle gespielt hat, überrascht es wenig, dass es insbesondere in den sozialen Medien nicht an Häme, Zurückweisung und Abwertung mangelt. Die emotionale und ablehnende Reaktion darauf, dass ein Scharfmacher, der in vulnerablen Zeiten mit großer Reichweite massiven Schaden angerichtet hat, jetzt in die Mitte der Gesellschaft zurückkehren möchte, ist verständlich. Jahrelang haben wir fassungslos zugesehen, wie Naidoo haarsträubende, menschenverachtende, gefährliche Dinge einem großen Publikum vorgesetzt hat, das diese Aussagen auch noch eifrig weitergeteilt hat. In Zeiten, in denen wir auf Zusammenhalt, Solidarität und Maßnahmencompliance angewiesen waren, war er Teil der gesellschaftlichen Gruppe, die an das alles die kommunikative Axt gesetzt hat.

Er hat seine Ressourcen – und dazu gehört auch seine Prominenz – einer destruktiven Sache zur Verfügung gestellt, die verschwörungsideologische Szene mit seinem Testimonial aufgewertet und ihre Anschlussfähigkeit gesteigert. Er hat faktisch falsche, rechtsextreme und antisemitische Aussagen verfasst und verbreitet, sowie kommunikativ zur Verunsicherung rund um die Pandemie beigetragen. Und er hat mit seinem Verhalten schwerwiegende gesellschaftliche Probleme hartnäckig verstärkt. Und jetzt will er einfach wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft, die er so aktiv angegriffen hat? Schwierig, sagen viele. Auf gar keinen Fall, sagen andere. Wie verhalten wir uns jetzt also am besten, wo ein so prominenter Vertreter dieser Szene dieser öffentlich den Rücken kehren will?

Noch zu früh, um die Aufrichtigkeit seiner Kehrtwende beurteilen zu können

Der Fall Xavier Naidoo ist mit einem nagelneuen 3-Minuten-Video noch zu frisch, um die Aufrichtigkeit der beteuerten Kehrtwende beurteilen zu können. Die Zeit wird zeigen, ob Naidoo es ernst meint mit seiner Rückkehr aus dem menschenverachtenden Verschwörungsspektrum oder ob andere Motive hinter der Veröffentlichung des Videos stecken. Hier ist alles möglich. Eine automatisierte Negierung jeglicher Möglichkeit authentischer Besserung ist dabei genauso überpauschal wie ein sofortiges „Vergeben und vergessen“. Hier sollten wir genauer hinschauen. Zu einem ehrlichen Neuanfang gehört eine Reflektion des eigenen Verhaltens sowie die Übernahme von Verantwortung für die selbst verursachten Schäden.

Wünschenswert wäre eine proaktive Wiedergutmachung gegenüber jenen, denen man Unrecht getan hat. Sowie ein Bereitstellen der eigenen Radikalisierungserfahrung für Aufklärung und Prävention. In seiner prominenten Vertreterrolle des verschwörungsideologischen Spektrums würde sich Xavier Naidoo hervorragend eignen, um öffentlichkeitswirksam vor den Gefahren dieser Gefilde zu warnen. All das ist wünschenswert, kann aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Es muss sich zeigen.

Schaffen wir es, den Rückkehrenden wieder die Hand zu reichen?

Allerdings können wir den Fall nutzen, um eine gesellschaftliche Haltung zu jenen zu finden, die zurückkehren wollen. Wir verhandeln jetzt also gleich mehrere gewichtige Themen: Ob wir Menschen Veränderung und Weiterentwicklung zugestehen. Ob wir es tolerieren, wenn Fehler gemacht und später eingesehen und bereut werden. Ob jemand anhand eines einmal eingeschlagenen Weges sein gesellschaftliches Schicksal für immer besiegelt hat – oder ob wir bereit sind, eine zweite Chance zu erteilen. All diese Aspekte stecken in der Frage der gesellschaftlichen Reaktion auf die erhoffte Kehrtwende von Xavier Naidoo. Denn wie wir auf ihn reagieren, das registrieren zehn- bis hunderttausende andere, die sich aktuell noch in den radikalen Blasen aufhalten.

Wir haben insbesondere in den verunsicherten Pandemiejahren viel zu viele Menschen an radikale Randgruppen verloren, die sich dort immer weiter von ihren Familien, Freund:innen und der gesellschaftlichen Mitte entfernt haben. Manche von ihnen dürften sich bereits gefragt haben, ob sie nicht lieber umkehren wollen. Und genau diejenigen werden jetzt genau registrieren, ob wir als Mehrheitsgesellschaft für sie eine Tür offen gelassen haben, durch die sie versuchen könnten, zu gehen. Wenn wir also unter bestimmten Bedingungen bereit sind, wieder unsere Hände zu reichen, so können wir diesen Menschen einen Weg zurück anbieten. Schlagen wir die Tür kategorisch zu, so bleibt den Zurückgewiesenen auf ihrer Suche nach Anschluss nur die radikale Bubble übrig. Der Frust, den unsere Ablehnung auslöst, dürfte dabei eher Treibstoff für weitere Probleme werden.

Der Sprung übers eigene Ego

Menschen sind grundsätzlich in der Lage, dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln. Bei wem das der Fall ist, das sollte man natürlich genau prüfen. Doch wenn jemand glaubwürdig einen neuen Weg eingeschlagen hat, sollten wir ihm auch die Möglichkeit der Resozialisierung nicht verwehren – und das durchaus auch aus eigenen Interessen. Wir können es uns als Gesellschaft schlicht nicht leisten, ganze Gruppen für immer verloren zu geben.

Wir sprechen hier nicht von einer fremden, amorphen Masse, sondern von Freund:innen, Tanten, Schwagern, Cousins, Kolleg:innen und Partner:innen. Es ist schlimm genug, dass wir so viele von ihnen in Zeiten großer Verunsicherung an radikale Kreise verloren haben. Wer von ihnen glaubwürdig den Wunsch äußert, sich von diesen abwenden, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen und zurückkehren zu wollen, dem sollten wir bei allem Bauchgrummeln und unter Einhaltung gebotener Vorsicht diese Möglichkeit geben. Eine Seite muss ja den ersten Schritt zur gesellschaftlichen Versöhnung machen.

Artikelbild: Screenshot

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