Warum glauben so viele Menschen an Verschwörungstheorien – erklärt vom Klo-Psychologen

| Hintergrund | 4. Juli 2021

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Warum glauben so viele Menschen an Verschwörungstheorien – erklärt vom Klo-Psychologen

In der Corona-Pandemie haben viele Menschen gedanklich am Rad gedreht, auch solche, die hoch gebildet sind und eigentlich vernünftig sein sollten. Doch auch schon davor waren Chemtrails, 5G, die Illuminaten, die Reptiloiden oder, wenn es politisch besonders bitter wurde: die Juden, Gegenstand von wildesten Verschwörungstheorien. Diese Mythen sind leider eine menschliche Konstante. Sie sind natürlich bekloppt, werden trotzdem gern geglaubt (insbesondere in Krisenzeiten) und sind daher erklärungsbedürftig. Dieser Artikel schafft Aufklärung.

In der Psychologie gibt es eine Denkschule Namens psychologischer Funktionalismus, welche davon ausgeht, dass ein bestimmtes Verhalten dann gezeigt wird, wenn es bestimmte psychologische Funktionen erfüllt. Wenn das stimmt, und davon wird hier ausgegangen, dann ist es wichtig, die Funktionen von Verschwörungstheorien für diejenigen herauszuarbeiten, die diese glauben und verbreiten.

Selbstaufwertung durch Fremdabwertung

Die wohl wichtigste Funktion hierbei kann als Selbstaufwertung durch Fremdabwertung bezeichnet werden. Denn Verschwörungstheoretiker:innen gehen ja davon aus, dass sie bestimmte Dinge verstanden haben, welche die blöden Schafschafe, die es einfach nicht checken, eben nicht verstanden bzw. durchblickt haben. Dass eigentlich hinter der Pandemie der große Plan zur Errichtung der Diktatur, der „Great Reset“ steckt: Ich habe es verstanden, die anderen nicht, folglich bin ich klug und die anderen dumm. Selbstaufwertung durch Fremdabwertung.

Die Zerstörung des „Great Reset“-Verschwörungsmythos – Was wirklich dahinter steckt

Daraus ergibt sich, dass gerade Menschen mit einem sehr prekären Selbstwertgefühl sehr anfällig für Verschwörungsmythen sind. Denn wenn mein Leben nicht so pralle ist, und ich eher ein habituelles Opfer, dann ist die Verschwörungserzählung ungemein entlastend. Denn einerseits habe ich sie ja durchschaut und die anderen nicht, was mir bei jedem Mal Youtube einen kleinen Ego-Kick gibt. Andererseits aber ist die Welt ja so, wie sie ist, weil die New World Order, Bill Gates oder 5G die Weltgeschicke lenken. Folglich kann ich ja nichts dafür, dass es bei mir so mäßig läuft. Und wäre Corona nicht gewesen, was hätte ich nicht alles… der Glaube an Verschwörungstheorien schafft ergo  psychische Entlastung, und die ist bei Verschwörungstheoretiker:innen hochgradig willkommen.

Lieber eine einfache Lüge als die komplexe Wahrheit

Es kommt allerdings noch ein weiterer relevanter Grund hinzu, welcher in der Psychologie als kognitiver Geizhals bezeichnet wird. Dieses Phänomen besagt, dass wir in unterschiedlich starkem Maße die Tendenz haben, unnötige, vor allem unnötig schwere Gedanken zu vermeiden. Modern formuliert: Es macht uns einfach Freude, Komplexität zu reduzieren. Dann hat das Oberstübchen weniger zu verarbeiten, und das ist doch auch nice. Wenn ich also über die Pandemie nachdenke und versuche, das alles zu verstehen, kann das sehr anstrengend sein. Wenn ich aber erkannt hab, dass Bill Gates Schuld hat, ist das doch alles deutlich leichter, und wenn es einen Schuldigen gibt, dann hat der Tag Struktur.

Besonders bedauerlich ist, dass es ein weiteres psychologisches Phänomen gibt, welches normalerweise wirklich gut ist, aber im Kontext von Verschwörungstheorien eine verheerende gedankliche Wirkung entfaltet: unser Kohärenzsinn. Kohärenzsinn bedeutet, dass wir Zusammenhänge, den tieferen Sinn von Dingen erkennen wollen. Dass wir für uns disparate Dinge zusammenknüpfen wollen, um sie einordnen zu können, verständlich zu machen, den tieferen Sinn zu entdecken. Dieser psychologische Mechanismus trägt zum Beispiel auch dazu bei, dass wissenschaftliches Interesse entsteht. Das Problem ist: Es wird als grundlegende Prämisse davon ausgegangen, dass hinter allem ein tieferer Sinn steckt.

Wenn das aber nicht der Fall ist, wie bei der Pandemie, die ziemlich sinnlos ist, dann verkehrt sich dieser an sich fortschrittliche Mechanismus in sein regressives Gegenteil: Es wird nämlich krampfhaft ein tieferer Sinn gesucht, wo keiner ist, und so entstehen dann tatsächlich neue Mythen. Genau hierbei sind dann Verschwörungstheorien das entsprechende Mittel, um die Sinnsuche zu bedienen.

Verschwörungsmythen sind leicht verfügbar

Überhaupt gibt es noch einen weiteren, ganz basalen Mechanismus, der erklärt, warum in jüngster Zeit Verschwörungstheorien blühen: Sie sind leichter verfügbar. So wie wir, empirisch gesichert, mehr naschen, rauchen und saufen, wenn Schoki, Kippchen und Bierchen verfügbar sind, so sind auch schlichtweg Verschwörungstheorien leichter verfügbar. Und dann werden sie auch entsprechend angeschaut. Für so viel Schwachsinn musste man früher noch in die Bibliothek, heute reichen ein paar Klicks bei Youtube.

Es kommt allerdings noch ein Faktor dazu, der tatsächlich nichts mit unserer Psychologie zu tun hat, und das ist das Phänomen der sogenannten algorithmischen Verstärkung. Dieser Mechanismus besagt, dass die Algorithmen insbesondere solche Videos vorschlagen, von denen sie sich hohe Werbeeinnahmen versprechen, weil Menschen lange dabei bleiben. Und das gilt auch für die oft reißerischen Verschwörungsvideos. Sobald ich aber erst einmal eines angeschaut habe, wird mir vom Algorithmus immer wieder weiteres Verschwörungsmaterial vorgeschlagen. Genau dann wirkt der Mechanismus der einfachen Verfügbarkeit zusammen mit der algorithmischen Verstärkung und erklärt, warum sich manche Menschen in kürzester Zeit radikalisieren.

Wir wollen vor allem recht haben

Allerdings kommt beim Festhalten an Verschwörungsmythen noch etwas hinzu, was in der Psychologie als Konsistenzbedürfnis bezeichnet wird. Wir wollen mit uns und unseren Haltungen konsistent sein. Wir wollen aber vor allem recht behalten. Wenn ich den Weg der Verschwörung gehe und immer tiefer hineingehe, wird der psychologische Preis umso größer, irgendwann mal zu sagen: Ich habe mich geirrt. Eben weil unser Konsistenzbedürfnis dem im Wege steht. Genau deshalb würde sich jetzt auch kein „Querdenker“ hinstellen und sagen: Entschuldigt, wir haben uns geirrt, es gibt jetzt doch keine Diktatur. Stattdessen wird ein umfassender Bestätigungsfehler aktiviert, der sagt: Ich nehme nur die Informationen wahr, die in mein Weltbild passen, und alle anderen blende ich aus.

Das bedeutet dann aber auch, dass noch die kleinste scheinbare Evidenz als Beleg für das eigene Weltbild genommen wird. Unter massiver Ausblendung aller anderen Faktoren. Und genau weil das alles ausgeblendet wird, kommt es ja auch zu diesem immer höheren Preis, wenn man dann doch zugeben müsste, sich geirrt zu haben. Denn dann ist ja auch eine der Grundfunktionen von Verschwörungstheorien nicht mehr gegeben. Das Gefühl gedanklicher Überlegenheit, bzw. eines Wissensvorsprunges.

Es zeigt sich also, dass es leider diverse psychologische Gründe gibt, weshalb Menschen an Verschwörungstheorien glauben, vor allem aber auch, warum sie an Ihnen festhalten. Der Preis dafür ist allerdings dennoch hoch: Die Menschen verabschieden sich aus der Realität und der Möglichkeit zu einem rationalen Diskurs.

Zum Thema:

Das “Aha-High”: Wie Verschwörungstheorien die Gehirne unserer Freunde hacken

Der Klo-Psychologe. Dr. Moritz Kirchner ist Diplom-Psychologe, Doktor der Politikwissenschaften und trainiert Menschen im Argumentieren gegen Verschwörungstheorien. Er ist Autor des Klo-Psychologen, einer humorvollen Einführung in die Psychologie.

Artikelbild: Suzanne Tucker

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