Wie „WELT“ mit einem faktenarmen Kommentar deutschen Klimaschutz torpediert

| Umwelt/Klima | 13. Februar 2022

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„WELT“: Viel Meinung, wenig Fakten

Es ist einer der meistgenutzten Schein-Widersprüche der gesamten Klimadebatte: Wieso soll denn ausgerechnet Deutschland so viel Geld und Mühe in Klimaschutz stecken, wenn es doch nur sooo wenig Klimaemissionen verursacht? Häufig lesen wir diese Frage von Menschen mit Schimpftiraden auf Greta Thunberg über ihrem Doppelauspuff, in diesem Fall haben sich in einem Gastbeitrag für die WELT aber der Meteorologe und Klimaforscher Hans von Storch und der Soziologe Nico Stehr unter der Überschrift „Deutschlands Klimapolitik ist chancenlos – weil sie das falsche Ziel verfolgt“ diese Argumentation für die WELT angeeignet:

„Die Bundesregierung tut alles dafür, um Deutschlands CO2-Emissionen zu senken. Dabei wird der Effekt global gesehen kaum spürbar sein, und eine deutsche Vorbildfunktion ist illusorisch.“

Nicht genug getan und das auch noch zu viel…?

Sie tut „alles“ dafür? „Alles“, ein ziemlich großes Wort für einen Kommentar am 01.02.2022, an dem die aktuelle Bundesregierung gerade mal 55 Tage (unterbrochen durch die Weihnachtssaison) im Amt war und kaum ausreichend Zeit hatte, um wirklich alles für irgendein Thema zu tun. Oder war das auf die alte Regierung bezogen, die den Windkraftausbau nahezu gestoppt und für die Klimaziele auch zu wenig Photovoltaik zugebaut hat, einen noch emissionsintensiveren Verkehrssektor hervorgebracht und eine gleichzeitig ineffektive UND unsoziale CO2-Bepreisung auf den Weg gebracht hat? ­

Hand aufs Herz: Die deutsche Klimapolitik war in den letzten Jahren mutlos, irrational und von Fehlanreizen geprägt. Ein schlüssiges Gesamtkonzept war nirgends zu erkennen und der Titel „Klimakanzlerin“ wird im Jahr 2022 in eher ironischer Konnotation oder von komplett ahnungslosen Personen genutzt. Wenn Hans von Storch euch mal zusagen sollte, alles zu tun, damit das Abendessen lecker wird, dann empfehle ich, als Backup ein paar Tiefkühlpizzen im Gefrierfach zu deponieren. Zitat:

„Das Klimaprogramm der Bundesregierung hat die von Deutschland ausgehenden Emissionen von Treibhausgasen im Blick, kann aber nicht schlüssig nachweisen, wie relevant die deutsche Reduktion angesichts der globalen Emissionen ist. Hinweise auf die geringe Wirkung der deutschen Maßnahmen werden beantwortet mit unserer angeblichen Vorbildfunktion, welche die Menschen in anderen Teilen der Welt veranlassen würde, in gleichem Maße ihre Emissionen zu senken.“

Typisch „WELT“: viel Meinung, keine richtige Quelle

Wie bei WELT-Beiträgen üblich kommt der gesamte Text ohne eine einzige richtige Quellenangabe aus, die wenigen verschämt gesetzten Links verweisen auf andere Angebote des WELT-Kosmos, sodass wir den beiden Männern ihre Aussagen einfach glauben müssen. Wer zum Beispiel gesagt haben soll, die deutschen Maßnahmen dienten ausschließlich der Vorbildfunktion, erfahre ich als Leser nicht. Hat das irgendwer von Belang gesagt oder Hans von Storchs Skat-Kumpel?

Nein, Deutschland soll seine Emissionen nicht einfach so zum Spaß senken, um international ein Vorbild zu sein, sondern weil sie zu hoch sind, um das Budget für eine Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius nicht zu überschreiten. Hans von Storch und Nico Stehr sind keine dummen Männer, trotzdem fallen sie selbst auf diese obskure Klimagas-Mengenlehre herein, mit denen sich diverse Leute gerne die deutsche „Klimapolitik“ unter der Großen Koalition schönreden:

Ja, Deutschland ist für ungefähr 2 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich – wenn man die Importe nach Deutschland berücksichtigt sind es 2,3 Prozent. Klingt in den Ohren von Drittklässlern vielleicht wenig, aber was den meisten Drittklässlern vermutlich auch nicht bewusst ist: Es gibt weltweit 195 Staaten (und weitere, nicht als Staat anerkannte Territorien) und einer davon ist Deutschland. Die Folge: Kein einziger Staat kann das Problem allein lösen. In jedem Land könnten sich ein Klimaforscher und ein Soziologe zusammentun und altklug fragen, wie relevant die dortige Reduktion denn angesichts der globalen Emissionen ist.

Es gibt nur 5 Länder, die mehr emittieren als Deutschland

Was, wir sollen in China jetzt die Kohlekraft zurückfahren? Aber was sind schon unsere 10 Gigatonnen CO2 verglichen mit den weltweiten 35 Gigatonnen CO2? Amerikaner hätten es noch leichter: Gerade mal 15 Prozent ist der US-amerikanische Anteil (entspricht 4,7 Gigatonnen CO2). Und dafür soll Steve in Alabama jetzt in Zukunft nicht mehr seinen Pick-up fahren dürfen, obwohl der Rest der Welt für 85 Prozent verantwortlich ist?

Menschen wie von Storch und Stehr versuchen gerne, Deutschland so klein und unscheinbar wie möglich darzustellen, tatsächlich aber gibt es überhaupt nur 5 Länder, die absolut mehr emittieren als wir. Wenn also Deutschland mit seinen 2 Prozent angeblich so unbedeutend ist, was ist dann erst mit den 189 anderen Ländern, die weniger als Deutschland emittieren? Das betrifft nicht nur winzige Inselstaaten, sondern alle Staaten Süd- und Mittelamerikas, ganz Afrika, alle Industriestaaten Europas und weitere Staaten mit recht hohen Pro-Kopf-Emissionen wie Australien, Kanada und Saudi-Arabien.

Sollen die jetzt alle die von Storchsche Rhetorik übernehmen, ihre noch kleineren Prozentsätze beweinen und daraus ableiten, lieber sich selbst anstatt das Klima zu schützen? Wenn sich selbst Deutschland, das bevölkerungsreichste und wirtschaftsstärkste Land Europas, aus der Affäre zöge mit dem leidlich überzeugendem Hinweis auf die zwei Prozent (während es zudem nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellt), was sollen dann erst die Menschen in Dänemark (0,1 %), Österreich (0,2 %), den Niederlanden (0,4 %), Schweden (0,1 %) oder Slowenien (0,04 %) sagen?

„Kleinvieh macht auch Mist“

Haben die alle die Lizenz zur CO2-Emission, weil ihre Bevölkerungen kleiner sind? Was für eine kindische Argumentation, dann wäre es ja ein effektives Klimaprogramm, wenn China sich in 30 Einzelstaaten aufteilte. Einfach ein paar Grenzlinien ziehen, Namen für 30 Staaten erfinden, sie unter Verwaltung des „großchinesischen Staatenbundes“ stellen und schon sind die Emissionen all dieser Staaten jeweils geringer als die von Deutschland. Den Klimazielen wären wir damit zwar keinen Schritt näher gekommen, aber es klingt doch jetzt immerhin viel besser.

Ich verstehe nicht, wie ein Akademiker das Prinzip von „Kleinvieh macht auch Mist“ so kolossal übersehen kann: Ja, die fünf größten Emittenten verursachten zusammen 20 Gigatonnen CO2 im Jahr 2020, aber der ganze Rest inklusive Deutschland lag eben bei 15 Gigatonnen CO2 im gleichen Zeitraum und kann sich nicht damit rausreden, wie willkürlich Staatsgrenzen nun mal verlaufen. Wäre Europa ein Staat, lägen wir mit 5 Gigatonnen hinter China auf Platz 2:

Intellektuelle Ablenkungsspielchen

Ferner können wir dieses Spielchen ja mit allen möglichen territorialen Unterteilungen spielen, nicht nur mit Staatsgrenzen: Ich lebe in Hessen, dessen Klimabilanz im Jahr 2019 bei 39,1 Millionen Tonnen CO2 -Äquivalenten lag. Das wiederum entspricht gerade mal 0,1 Prozent der weltweiten Emissionen, während NRW im gleichen Zeitraum mit 228,5 Millionen Tonnen CO2 -Äquivalenten das sechsfache emittiert hat und Hessen nur zu 5 Prozent am deutschen Ausstoß beteiligt ist.

Ich könnte mich jetzt hinstellen und im gleichen Wortlaut wie von Storch erklären: Das Klimaprogramm von Hessen hat die hessischen Treibhausgase im Blick, kann aber nicht schlüssig nachweisen, wie relevant die hessische Reduktion angesichts der gesamtdeutschen Emissionen ist. Und wenn euch das als Analogie noch nicht ausreicht: Die Stadt Wiesbaden, in der ich lebe, ist jährlich für ca. 3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verantwortlich, das sind nur 0,4 Prozent der gesamtdeutschen Emissionen. Sollen also erst mal die anderen CO2 einsparen!

Und bevor ihr euch jetzt aufregt: Das könnt ihr mit jeder Stadt in Deutschland machen, selbst Berlin ist „nur“ für 2 Prozent der deutschen Emissionen verantwortlich, ggf. rechnet ihr es einfach auf euren Kiez runter und erklärt euren Bekannten eure anstehende Weltreise in einem Dodge Ram damit, dass Charlottenburg ja nur für 0,003 % der weltweiten Emissionen verantwortlich ist und ihr deswegen nicht im Alleingang die Welt retten könnt.

Fake: Den „deutschen Alleingang“ beim Klima gibt es nicht

Und das ist ja auch so ein Ding: Dieser viel beschworene deutsche Alleingang, das tapfere Teutonenland, das ohne jede Hilfe das Weltklima stabilisieren möchte, das gibt es nicht. Im Klimaabkommen von Paris steht nicht „Deutschland verpflichtet sich zu einer Existenz in Verzicht und Askese, damit alle anderen Länder weiter Fossil-Party spielen können“, vielmehr ist das ein Abkommen, in dem sich alle Länder zu Reduktionen verpflichtet haben.

Hans von Storch und Nico Stehr formulieren es hingegen so, als ginge es bei der ganzen Nummer immer noch um eine Vorbildfunktion unseres Landes, als hätte der Begriff „Klimakanzlerin“ noch eine unironische Bedeutung, durch die andere Staaten ihre Wirtschaft dekarbonisieren, einfach nur, um uns nachzueifern. Die Realität sieht anders aus:

Die Top 5 Länder des Climate Change Performance sind Dänemark, Schweden, Norwegen, UK, Marokko. Es folgen Chile, Indien (!), Litauen, Malta und dann Deutschland. Das ist zugegeben immer noch eine ziemlich gute Platzierung, aber in diese Geschichte des einsamen Klimakämpfers passt das überhaupt nicht.

Der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft ist weltweit auf dem Vormarsch. Im Jahr 2020 entfielen 80 Prozent aller neu gebauten Kraftwerkskapazitäten auf Erneuerbare (260 Gigawatt), davon entfielen wiederum 91 Prozent auf Wind- und Solarkraft. Bei dieser Zahl muss berücksichtigt werden, dass ein Gigawatt installierte Wind- und Solarkraft tatsächlich weniger Stromerzeugung bedeutet als ein Gigawatt installierte Kohle-, Gas- oder Kernkraft. Die Steigerung ist aber dennoch beachtlich: 2019 waren es noch 176 Gigawatt installierte Wind- und Solarkraft, was eine Steigerung von 50 Prozent ausmacht. Die Ausbauwerte für 2021 liegen mutmaßlich noch mal darüber.

„Wir brauchen eine größere Grafik für das Wachstum der Solarenergie!“

An dieser Stelle sei auf den Running Gag der Internationalen Energieagentur verwiesen, die in ihren Prognosen Jahr für Jahr die disruptive Veränderung der globalen Stromerzeugung verschläft und die exponentielle Ausbaukurve einfach mal linear weiterführt, während der schwarze Pfeil Jahr für Jahr die tatsächliche Entwicklung darstellt:

Ja, Deutschland hat richtig gut vorgelegt und gerade zu Beginn überproportional viel Erneuerbare zugebaut, imposante 7,8 Prozent der gesamten weltweiten Windkraft und 6,8 Prozent der globalen Photovoltaik sind bei uns installiert:

Diese Leistung sollten wir nicht schmälern, aber darauf ausruhen sollten wir uns auch nicht. Ironischerweise hat nämlich genau das tatsächlich dazu beigetragen, dass auch andere Staaten im großen Stil in die Erneuerbaren einsteigen. Aber nicht, weil wir so ein tolles Vorbild sind und andere Länder jetzt Karma-Punkte sammeln wollen, sondern weil diese Technologie hierdurch sensationell günstig wurde. So günstig, dass Deutschland beim jährlichen Zubau nun keine überproportionalen Werte mehr erreicht, denn so sah der Windkraftausbau im Jahr 2020 aus:

Ja, deutsche Energiewende löst internationale Trends aus

Also ja, wenn früher mal jemand behauptet hat, eine deutsche Energiewende könne eine weltweite Entwicklung auslösen, dann muss man dieser Person im Nachhinein recht geben: Dieser Plan ist so sensationell aufgegangen, dass es in Indien aktuell günstiger ist, neue Solarmodule zu installieren, als existente Kohlekraftwerke zu betreiben. Es ist also mitnichten so, dass es sich hier um einen deutschen Alleingang handelt. Andere Länder holen auf, und das immer schneller.

In der WELT klingt das komplett anders:

„Um wirksam zu sein, muss sich der deutsche Beitrag erstens auf die Entwicklung und Erprobung klimarelevanter Technologien konzentrieren, deren Wirtschaftlichkeit global überzeugt – und nicht auf die in der globalen Summe kaum zählende deutsche Minderung der Emissionen.“

Tja nun, genau das passiert doch gerade. Was für eine Technologie soll das denn sein, deren Wirtschaftlichkeit global überzeugt, aber nicht in Deutschland eingesetzt werden kann? Deutschland hat bereits Milliarden Euro in die Entwicklung von Windturbinen und Solarzellen gesteckt, deren Kosten dadurch extrem gefallen sind und (auch) deswegen heute auf der ganzen Welt eingesetzt werden: Im Jahr 1988 wurden 35 Meter hohe Windräder mit einer Nennleistung von 300 Kilowatt installiert. Die neueste Generation von Siemens Gamesa wird 165 Meter hoch sein und mit 6.200 Kilowatt über die zwanzigfache Leistung verfügen.

Wenn in politischen Debatten die Schlagwörter „Ingenieurskunst“ und „Innovation“ fallen, geht es gefühlt zu 90 Prozent um Autos, aber wie viel Gehirnschmalz in der Statik, Funktionsweise und dem jahrelangen Betrieb solcher Anlagen steckt, die ausgerechnet an besonders windigen Standorten den Unbilden der Natur trotzen, kommt bei Maischberger und Lanz enttäuschend selten zur Sprache.

Deutsche Innovationen sind Windturbinen und Solarzellen, liebe „WELT“!

Anstatt zu nutzen, was wir bereits haben, stochert der Beitrag der „WELT“ im Ungewissen und redet nebulös von der Erprobung klimarelevanter Technologien, ohne konkret zu erklären, was damit denn überhaupt gemeint ist. Der letzte Vorschlag der Herren von Storch und Stehr ist der, sich mehr auf Adaptionsprozesse zu konzentrieren. Die Klimaveränderung sei ja nun mal ohnehin schon da und ließe sich nun auch nicht mehr ohne Weiteres rückgängig machen, also sollten wir uns darauf einstellen, mit der klimatischen Veränderung zu leben:

„Die bisher eingetretenen und in den folgenden Jahren sich materialisierenden Klimaveränderungen werden also anhalten und schließlich als »normal« angesehen werden, unabhängig von der ehrgeizigen Planung zur Beendigung der Freisetzung von Treibhausgasen. Das heißt: Der Klimawandel ist da, wir können ihn einschränken, aber wir müssen mit klimatischen Veränderungen leben.“

Ja, der Klimawandel ist längst da, no shit, Sherlock. Das bedeutet selbstverständlich auch, dass wir unsere Lebensräume daran ausrichten müssen, unsere Städte und die Landwirtschaft auf Hitzewellen und Dürren vorbereiten und all solche Dinge. Das ist aber Commons Sense (Siehe hier, hier, hier und hier). Niemand schlägt doch ernsthaft vor, einfach nur die Energiewende durchzuziehen und sonst alles so zu lassen, wie es ist.

Trotzdem verfassen die Herren ihren Beitrag unter der Überschrift „Deutschlands Klimapolitik ist chancenlos – weil sie das falsche Ziel verfolgt“ und unterstellen damit fälschlicherweise, es würden keine Vorsorgemaßnahmen getroffen, um mit einem veränderten Weltklima klarzukommen. Hinzu kommt: Wir können heute gar nicht seriös sagen, welche Anpassungsmaßnahmen denn notwendig sein werden. Das hängt nämlich stark davon ab, wie erfolgreich wir bei der CO2-Vermeidung sind bzw. wie viele Kipppunkte wir auslösen.

Völlig am Thema und der Realität vorbei

Gegen Hitzewellen und Starkregen mögen wir uns noch praktische Gegenmaßnahmen vorstellen können, aber was es für unsere Spezies bedeutet, wenn sich der Golfstrom destabilisiert oder uns ganze Ökosysteme wegbrechen, die uns heute den Zugang zu sauberer Luft und sauberem Wasser bescheren, ist gar nicht seriös abschätzbar. Und was sollen wir dagegen konkret tun? Konservendosen im Keller horten?

Auch die Gastautoren der Welt stochern hier im Trüben:

„Es geht nicht nur darum, Küstendeiche zu erhöhen, sondern auch um ein Bündel von Maßnahmen im Gesundheitswesen, in der Mobilität, bei den Erwartungen an den Wohnraum, in der Wasserversorgung, im Flächenverbrauch oder im Management der Ökosysteme der Küsten. Man muss in den kommenden Jahrzehnten zunehmend an das Machbare denken. Und ein wesentlicher Teil des Machbaren ist Vorsorge.“

Aha, ein Bündel von Maßnahmen also. Das lässt sich mit den Jahrgängen 1942 und 1949 ja vielleicht schön dahinsagen, aber wir, die das Jahr 2060 mutmaßlich noch bewusst erleben, werden dann mehr brauchen als blumige Buzz Words. Welches Maßnahmenbündel wäre denn geeignet, um weltweite Hungersnöte und den Verlust von Lebensraum und ganzen Spezies zu kompensieren?

Sorry, aber wie können zwei Männer in einer Überschrift derartig dick auftragen und der deutschen Klimapolitik Chancenlosigkeit vorwerfen, um dann beim Alternativvorschlag so enttäuschend unkonkret zu bleiben und wieder 10 Kilometer zurückzurudern, wenn sie schreiben:

„Anpassungs- und Minderungsmaßnahmen sind beide signifikante politische Ziele, sie widersprechen sich nicht.“

Große Versprechen, keine konkreten Vorschläge und am Ende ein innerer Widerspruch

Na, wenn sie sich nicht ausschließen, wieso schreiben die dann 22 Absätze damit voll, dass die deutsche Klimapolitik chancenlos sei, weil die beide Ziele auf der Agenda hat? Das Ziel CO2-Vermeidung ist nun mal der um Größenordnung wirkungsvollere Hebel, deswegen bekommt es zurecht mehr Aufmerksamkeit.

Wenn euer Wohnzimmer brennt und die Flammen sich durch eure Sammlung historischer Karl-Dall-Platten fressen, was macht ihr dann zuerst? Noch mehr Schäden vermeiden, indem ihr erst mal das Feuer austretet oder sagt ihr euch, dass ihr jetzt ja sowieso mit den Brandschäden leben müsst und sucht auf EBay nach Ersatz-Vinyl, während das Feuer sich auf Vorhänge und Sofa ausbreitet? Ja, genau.

Fazit: Die deutsche Klimapolitik ist alles andere als chancenlos

Hat die WELT vor Jahren noch versucht, die komplette Thematik zu leugnen und dazu klar antiwissenschaftliche Beiträge veröffentlicht, laut denen die „CO2-Theorie“ nur geniale Propaganda sei und dänischen Politikwissenschaftlern eine Bühne bot, das Problem kleinzureden, geht das nun nicht mehr so einfach. Sie würde das vermutlich gerne weiterhin tun, aber aufgrund der immer sichtbarer werdenden Auswirkungen verlegt sich die Redaktion jetzt auf eine andere Art Desinformation, um Zweifel an den Maßnahmen zu schüren. Mit welchem Motiv eigentlich?

Wir haben jetzt die Möglichkeit, unsere gesamte Energiewirtschaft auf saubere, nachhaltige und vom Ausland weitestgehend unabhängige Technologie mit Wertschöpfung bei uns im Land umzustellen, sodass wir in Zukunft von Gas- und Erdölimporten mit unkalkulierbaren Preissprüngen unabhängig sind. Und wir sind damit alles andere als allein, denn immer mehr Staaten ohne eigene Rohstoffvorkommen begreifen, warum das eine Win-Win-Win-Situation ist. Und die einzige Chance (mit enormem Potenzial), die wir haben.

Ja, das wird die Erwärmung der letzten Jahrzehnte leider erst mal nicht rückgängig machen und wir werden mit der bislang gemessenen Erwärmung und ihren Auswirkungen umgehen müssen. Schlimm genug, das ist ja wohl das beste Argument FÜR mehr CO2-Vermeidung, und die schnell und entschlossen.

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Artikelbild: pixabay.com, CC0 / Screenshot

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