NatsAnalyse: Warum es keinen linken Faschismus gibt & was Faschismus wirklich ist

| 10. November 2019

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Ihr wollt über Faschismus reden?

Lasst uns über Faschismus reden! Gehen wir der Frage nach, warum es (Überraschung!) keinen „linken Faschismus“ gibt. Wie viel Zeit habt ihr? Das könnte länger dauern. Das Thema kann man von ganz vielen Seiten tackeln. Für mich am Wichtigsten ist die Ideologie des Faschismus. Warum diese Sichtweise aber nicht reicht, erkläre ich euch am Schluss. Faschismus beschreibt also eine spezifische Sicht auf die Welt. Roger Griffin beschreibt Faschismus in aller Kürze als „palingenetischer Ultranationalismus“. Faschismus hat also die (gewaltsame) Wiedergeburt der Nation zum Ziel. Das Jetzt ist dekadent, verlottert, trist und schlecht. Herabgewirtschaftet von bösen oder inkompetenten Kräften.

Faschismus ist das Versprechen einer besseren, glorreichen Zukunft. Auf Basis von Volk und Nation. Und es wird nicht nur ein bisschen besser, sondern es kommt ein ganz neues System, eine Zeitenwende, eine neue Ära, ein goldenes Zeitalter. Das ist wichtig. Die kompromisslose Utopie, die Errettung aus der Tristesse des Jetzt ist der größte Attraktivitätsfaktor. Faschismus ist nicht bloße Negation, sondern eben Utopie für die Anhänger_innen. Das Jetzt muss überwunden werden für eine glorreiche Zukunft. Wie soll das passieren?



Volk und Nation im Mittelpunkt

Die Sache ist nämlich: Volk und Nation sind eigentlich groß und werden nur klein gehalten. Und klein gehalten werden sie von (Überraschung) den Juden. Die haben nämlich eigene Interessen, die absolut inkompatibel mit denen der Nation sind. Nation ist nämlich nicht nur eine soziale oder politische Kategorie, nein, im Faschismus transzendiert sie alles. Sie ist Gefühl, Existenz und absoluter Wert in einem. Nation und Volk sind unhinterfragbare Kategorien außerhalb jedes Diskurses. Sie sind einfach. Punkt.

Was ist der Unterschied zwischen Nation und Volk? Im faschistischen Idealfall ist das Deckungsgleich. Aber die Realität ist oft nicht so, deswegen ist eine der wichtigsten Aufgaben im Faschismus, die, die nicht zur Nation gehören, aus ihr zu beseitigen. Mit allen Mitteln. Und die, die zum Volk gehören, aber (noch) nicht zur Nation gehören, „heim“ zu holen. Am Ende steht eine völkisch reine und “gesäuberte” Nation. Dieser Reinheitsgedanke ist essentiell im faschistischen Denken. Bloß keine Vermischung, bloß kein Kontakt, bloß alles rein.

Das liegt daran, dass Faschismus von der Eindeutigkeit und von der Ordnung lebt. Alles hat seinen Platz, alles hat seine Funktion. Es gibt keine Ambivalenz, keine Dialektik, keine Interessensgegensätze. Ihr seht hier sehr gut, wie diametral das zum Beispiel dem Marxismus gegenüber steht.

Faschismus ist irrational

Faschismus ist nämlich eine idealistische und irrationale Ideologie. Bevor jetzt alle in ihre Tasten hämmern, hört mir zu wie ich das meine: Idealistisch im Gegensatz zu materialistisch. Nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, sondern Zugehörigkeit zu Volk und Nation bestimmt Sein. Und irrational im Sinne, dass es unhinterfragbare Dogmen gibt und das sind, wie angesprochen, Volk und Nation. Die werden nicht analysiert oder mit ökonomischen Formeln aufgedröselt oder neu definiert. Die sind einfach. Punkt. Das ist so wichtig bei diesen unsäglichen Vergleichen.

Marxismus hat ökonomische Kategorien, Formeln, Analysen und Ableitungen, sowie wissenschaftliche Methodik. Alle Kategorien sind einer permanenten Debatte und Prüfung unterzogen. Klasse ist kein mystifizierter Begriff, sondern eine ökonomische, politische, soziale Kategorie. Ok, also wir wissen jetzt WIE Faschismus denkt. Aber was denkt er? Antisemitismus haben wir ja schon beschrieben. Die Idee, dass da Leute sitzen, die permanent nur am Verderben der Nation arbeiten ist zentral, weil Faschismus eine Untergangsideologie ist.

Faschismus ist eine Untergangsideologie

Die Nation ist permanent bedroht, von innen wie von außen. Und was macht man, wenn man bedroht ist? Man wehrt sich. Die Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Juden und Jüdinnen war demzufolge ein Akt der “Selbstverteidigung”. Wir oder die, es können nicht beide gleichzeitig leben, also lieber wir. In dieser Welt der Eindeutigkeit gibt es eben kein Miteinander und keine Verständigung. Und das auf Grund der bloßen individuellen Existenz. Du kannst dich ja nicht entziehen oder abschwören.

Die Kategorisierung als „Jude“ ist ja keine Selbstbezeichnung, sondern eine Kategorie, die im Faschismus vergeben wird. Du wirst zum „Juden“ gemacht. Du kannst dich dem nicht entziehen. Das ist die Perfidität, es geht nur um das Verschwinden des „Anderen“. Er ist eine Vernichtungsideologie. Ok kurzer Zwischenstopp: Faschismus hat Einheit von Volk und Nation zum Ziel, die jeweils unhinterfragbare Kategorien sind. Faschismus ist eine Untergangs- und Vernichtungsideologie, die sich im permanenten Abwehr- und Endkampf wähnt. Wir oder die.

Der Hauptfeind: Linke

Es sind aber nicht nur „die Juden“, die gegen die Nation arbeiten, sondern auch der politische Hauptfeind: Linke/Sozialist_innen/Kommunist_innen. Anti-Marxismus ist eine zentrale ideologische Komponente, die gern unter den Tisch fällt. Ist es aber nach wie vor. Die arbeiten nämlich gerne mit Juden und Jüdinnen zusammen, es gibt also eine jüdisch-bolschewistische Verschwörung zum Schaden der Nation. Auch dieses Bild wird gerne heute noch chiffriert verwendet, immer dann wenn von „Globalisten“ gesprochen wird zum Beispiel, mit denen elitäre Linken arbeiten.

Und dann gibt es noch die, die eine physische Schwächung der Nation bedeuten – die Armen, die Kranken, die mit Beeinträchtigungen, die Obdachlosen. Alles was schwach ist muss auch raus. Schwäche gehört vernichtet. Faschismus ist eine Ideologie der Härte. Also Untergang, Wiedergeburt, Abwehrkampf, Reinheit, Härte, Irrationalität und Idealismus, Utopie und Feindvernichtung sind bis jetzt die zentralen Begriffe. Es gibt aber auch die Akteure des Faschismus. Im Kern steht immer der soldatische Männerbund.



Der Kern: gewalttätige Männlichkeit

Das Jetzt wird als verdorben und dekadent und verweiblicht empfunden und dem steht der virile, junge Mann gegenüber, der für Volk und Nation kämpft. Faschismus ist also auch immer überhöhte und gewalttätige Männlichkeit. So, ich habe jetzt ein wenig das faschistische Denken skizziert. Das allein ist aber zu wenig, um den Faschismus zu verstehen. Faschismus hat immer auch eine soziale und politische Erscheinungsform, die nach Epoche und Land unterschiedlich ist.

Es gibt da unterschiedliche Ansätze. Frühe marxistische Theorien sahen ihn als bloßes Mittel zur Spaltung der arbeitenden Klasse und haben die SPD auch gleich mit rein genommen. Kaum haltbar und sehr undifferenziert. Bürgerliche Theorien suchten hier hingegen die Gleichsetzung mit Stalinismus. Dazu muss man auch einiges ignorieren, vor allem die ideologischen Spezifika des Faschismus und seinen inhärenten Vernichtungsanspruch. Modernere Theorien gehen das viel differenzierter an. Ich verweise auf Gramsci und v.a. Poulantzas, der auch sehr gut den Weg Richtung Faschismus beschreibt.

Wie Faschismus entsteht

Es ist ja nicht an einem Tag Demokratie und am nächsten Faschismus. Im Kapitalismus reagieren bürgerliche Kräfte an der Macht auf die Bedrohung des Hegemonieverlusts zunächst mit autoritären Antworten, die sich in Richtung Ausnahmestaat (wo auch Faschismus hereinfällt) entwickeln können, aber nicht müssen. Da würde ich jetzt ein ganzes neues Kapitel aufmachen, aber wichtig ist: Faschismus ist nicht ein plötzlicher Punkt in der Geschichte, sondern am Ende eines politischen Prozesses, der nicht determiniert ist. Faschismus und faschistische Entwicklung gehören kontextualisiert.

Faschismus ist letztlich auch ein Herrschaftsinstrument, zudem eine gewisse Fraktion der bürgerlichen Klasse (durchaus mit Allianzen zu Depravierten) bereit ist, um in letzter Konsequenz ihre Stellung in der Gesellschaft auszubauen oder abzusichern. Ok, ich komme langsam zum Schluss: Faschismus ist ein komplexes ideologisches System, das nicht nur in der Negation besteht. Gleichzeitig erfüllt er eine soziale und politische Funktion.

Umberto Eco hat die Komponenten gut runter gebrochen. Das ist der einfachste Text zum ideologischen Verständnis (Hier). Faschismus ist seiner Denk- und Funktionsweise diametral unterschiedlich zu materialistischem und marxistischem Denken. Ein linker Faschismus ist ein Widerspruch in sich. Faschismus ist rechts. Er ist völkisch. Es gibt ungefähr noch 10.000 Dinge zu sagen, sowohl zu Ideologie als auch konkreter Ausformung, aber ich hoffe, ich konnte zumindest einen kleinen Einblick geben, was diese Ideologie ausmacht. Es gibt natürlich Unterschiede und Spezifika nach Ländern und Zeit. Und dann wären da noch die feinen Abgrenzungen zu Rechtsextremismus, Autoritarismus, Bonpartismus oder Begriffe wie Faschisierung und Prä-Faschismus, aber dazu ein anderes Mal. Habt ein schönes Wochenende.

Hier kann man Natascha Strobl für ihre Arbeit unterstützen Artikelbild: pixabay.com, CC0

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