Eigentor: Die AfD möchte „völkisch-rassistische Antidemokraten“ genannt werden!

| 10. Februar 2020

16.470
Von Tobias Wilke

Update und Stellungnahme:

Felix Menzel von der Pressestelle der AfD-Landtagsfraktion Sachsen hat mich gebeten, das Titelbild für diesen Artikel zu überarbeiten, gegen den Text selbst gab es allerdings keine Einwände!

Die Kritik an der alten Grafik können wir beim Volksverpetzer durchaus nachvollziehen und bitten um Entschuldigung. Die ursprüngliche Grafik zeigte einen jungen Mann mit „blauem Auge“, auf dessen Stirn ein AfD-Logo prangte, beim Arztgespräch. Dieser sollte das Opfer seines eigenen, missglückten Bumerangwurfs symbolisieren.

Wir hatten leider nicht bedacht, dass man das auch anders interpretieren könnte: nämlich als Billigung von Gewalt gegen Amts- und Mandatsträger. Davon möchten wir uns ausdrücklich distanzieren und hoffen, mit dieser Erklärung sowie dem aktualisierten Titelbild den Wünschen der AfD-Fraktion zu entsprechen, welche wir hiermit wohl offiziell als Volksverpetzer-Leser begrüßen dürfen.

Für Erstleser: herzlich willkommen und viel „Spaß“ beim Lesen! Für alle anderen (darunter AfD Sachsen): den Rest des Artikels kennt ihr schon.


AfD-Post wird zum Bumerang

In der Welt am Sonntag hatte der Historiker Heinrich August Winkler in der Auseinandersetzung mit der AfD vor dem Begriff „Faschismus“ gewarnt. „Es haben sich bestimmte Begriffe wie ‚faschistisch‘ als Kampfbegriffe eingespielt. “, sagte der Berliner Professor der „Welt am Sonntag“. „Aber der inflationäre Gebrauch des Begriffs ‚Faschismus‘ führt letztlich zu einer Verharmlosung des Faschismus.“

Die AfD Sachsen zieht ihren Stahlhelm vor Prof. Winkler und lobt diesen bei Facebook in den höchsten Tönen:

„Der renommierte Historiker Heinrich August Winkler, seit 1962 SPD-Mitglied und ausgezeichnet mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik, hat gegen diese Unterstellungen jetzt unerwartet deutlich Position bezogen.“, so die AfD-Fraktion Sachsen.

Link

Die AfD Sachsen verbindet das ganze mit einem anderen Zitat des sächsischen CDU-Ministerpräsidenten, der Reden der AfD „faschistoid“ genannt hatte.

„Faschistoid“ heißt allerdings „dem Faschismus ähnlich“ oder „faschistische Züge tragend“ und ist demnach keine Gleichsetzung mit „faschistisch“, sondern schlicht: ein Vergleich. Der der AfD hinkt somit gewaltig – womöglich eine alte Kriegsverletzung aus den „Vogelschiss“-Jahren.

Tear down the paywall!

Als Quelle für die vermeintliche Rückendeckung eines gestandenen Sozialdemokraten liefert die AfD Sachsen ihren völkischen-nationalistischen Facebook-Groupies sogar einen Link zum entsprechenden Artikel in der Welt am Sonntag.

Der Haken: sollte einer von ihnen tatsächlich versuchen, die Angaben der AfD-Fraktion Sachsen zu überprüfen, steht dieser vor der Paywall der Welt. Wer die Mauer überwindet, ist für immer weg – womöglich eine alte Weisheit der AfD im Osten. Daher kann man die vermeintliche Transparenz als durchaus geschickten Schachzug bezeichnen: denn hinter der für die meisten AfD-Follower wohl unüberwindlichen Paywall geht das „Zitat der Woche“ weiter. Und Winkler wirft seinen „Blumenstrauß“ der AfD direkt vor die Füße!

Kein Zeuge der Verteidigung….

Wäre der AfD-Fraktion Sachsen an einer Überprüfbarkeit ihres „Zitats der Woche“ gelegen, hätte sie einen der vielen Artikel verlinken können, die ohne Paywall das WamS-Interview mit Prof. Winkler zusammenfassen, zum Beispiel Deutschlandfunk, Zeit, Stern oder die vielen Online-Portale von Regionalzeitungen, die die entsprechende DPA-Meldung übernommen hatten.

Das Interview mit dem Historiker geht nämlich weiter und welchen Vergleich er für die AfD passender findet als „Faschismus“ wird überall erwähnt – außer in dem Facebook-Posting der AfD zu ihrem „Zitat der Woche“.

…Zeuge der Anklage!

Dass Heinrich August Winkler den seines Erachtens in Zusammenhang mit der AfD inflationär verwendeten „Faschismus“-Begriff kritisiert heißt keineswegs, dass er die AfD als jenen Teil einer demokratischen Parteienlandschaft betrachtet, in der sich die AfD gern verortet sähe.

In dem von der AfD nicht zitierten Teil des Interviews sagt er nämlich über die sogenannte „Alternative für Deutschland“:

„Sie ist am ehesten mit den Deutschnationalen der Weimarer Zeit zu vergleichen. Die Deutschnationale Volkspartei war eine antidemokratische, nationalistische und reaktionäre Rechtspartei mit einem starken völkisch-rassistischen Flügel. Es gehört ein hohes Maß an Geschichtsvergessenheit dazu, in die Fußstapfen dieser Partei zu treten.“

Euer Wunsch ist uns Befehl!

Da die AfD also mit ihrem „Zitat der Woche“ den Historiker Heinrich August Winkler ausdrücklich gelobt hat für dessen Einordnung der AfD, folgen wir bei Volksverpetzer gern diesem „Herzenswunsch“ und laden auch andere Journalisten dazu ein, offiziell „AfD-zertifizierte“ Bezeichnungen für sie zu verwenden:

– antidemokratisch
– nationalistisch
– völkisch-rassistisch
– geschichtsvergessen

Dieser Artikel darf kostenlos und gern vorgelegt werden bei eventuellen Aufforderungen zur Abgabe einer Unterlassungserklärung durch die AfD.



Artikelbild: Photographee.eu, shutterstock.com

Hey, möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen und Taschen, hier entlang.