Warum Antirassismus uns Weißen auch mal wehtun muss

| Kommentar | 15. Juli 2020

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Gastbeitrag von Maurice Conrad

Zwischen Solidarisierungsdrang und Zurückhaltung. Ein Essay über das Weißsein, die Privilegien, die man dabei genießt, die Überforderung, die es auch mit sich bringen kann und warum uns weißen Menschen der Kampf des Antirassismus auch mal weh tun muss.

Vorneweg: Dieses Essay ist kein Wehklagen und schon gar kein Versuch, „Solidarität“, „Entschuldigung“ oder irgendeine Form von „Verständnis“ zu fordern. Und an alle weißen Menschen, für die jede Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien zur vermeintlichen “Diskriminierung” wird: was ich hier skizziere und mir von euch wünsche, ist eine Aufforderung zu mehr Selbstreflexion und kritischem Weißsein. Weder ihr noch ich verlieren dabei unser Gesicht oder werden diskriminiert. Dieses Essay ist ein Versuch, die eigene Rolle in einer kaputten Gesellschaft zu reflektieren und andere weiße Menschen zum Nachdenken anzuregen.

Black Lives Matter

Die schreckliche Mordtat hinter George Floyds Tod und die darauf folgende weltweite Protestbewegung ist nahezu omnipräsent. Und in der Debatte um Rassismus geht es längst nicht mehr nur um Polizeigewalt, um die USA oder oberflächliche rassistische Ressentiments. Längst diskutieren wir glücklicherweise über Ursachen. Wir diskutieren über Ursachen des Rassismus gegenüber BIPoC, der zur schrecklichen Mordtat an George Floyd am 25. Mai führte und wie all das sein kann – in einer eigentlich aufgeklärten Gesellschaft.

Lässt man sich auf diese Diskussion ein, wird das Ganze schnell deutlich komplexer als vermeintlich oberflächliche Stereotypen einiger Weniger und es kommt zur Frage: Wie rassistisch sind wir unterbewusst? Weshalb sind wir es?

Die Antwort oder zumindest ein Teil der Antwort lautet: Struktureller Rassismus.

Und dieser ist Realität. Nicht nur in den USA sondern auch in Europa und vor unserer Haustür. Und struktureller Rassismus bedeutet immer auch Marginalisierung. Selbst von denen ausgehend, die sich aktiv wenig bis gar nicht rassistisch verhalten oder rassistische Stereotypen nicht bewusst reproduzieren. Struktureller Rassismus ist deshalb toxisch, weil er sich ganz von selbst reproduziert. Man kann auf oberflächlicher Ebene Gesetze und Ideen anpassen und Menschen rechtlich gleichstellen – das rassistische System hat sich aber bereits in unseren Köpfen so etabliert, dass wir rassistische Denkmuster gar nicht mehr als solche erkennen.

Weist uns jemand darauf hin, reagieren wir empört, weil wir dieses oder jenes ja gar nicht rassistisch gemeint haben. Und weil wir es nicht aktiv wahrnehmen. Ein Mensch, der rational eine absolut nicht-rassistische Wertvorstellung hat, kann also trotzdem in rassistischen Denkmustern stecken. Er tut es mit hoher Wahrscheinlichkeit. Das Ganze ist deshalb so paradox, weil es eine enorme Selbstreflexion erfordert diese Denkmuster anzuerkennen wenn Außenstehende uns darauf hinweisen – sie sind ja schließlich unbewusst Teil unserer Wahrnehmung.

Durch diese strukturelle Marginalisierung und den strukturellen Rassismus gelangen Angehörige marginalisierter Gruppen gesamtgesellschaftlich in weniger präsente Positionen, haben weniger Erfolg im Beruf, Nachteile bei der Wohnungs- und Arbeitssuche usw. Im “besten” Fall veräußert sich die Diskriminierung so direkt, dass eine klare Konfliktlinie erkennbar wird. Im Schlimmsten Fall verläuft die Diskriminierung aber so indirekt und latent, dass ihre Wahrnehmung und damit auch ihre Anerkennung wesentlich mehr gesamtgesellschaftliches Reflexionsvermögen erfordert. Auch das ist natürlich eine sehr vereinfachte und im Vergleich zur Realität immer noch unterkomplexe Darstellung. Aber im Kern es ist es die Quintessenz struktureller Diskriminierung: Sie entzieht sich der oberflächlichen Kontrolle durch rationale und aktive Entscheidungen.

Das System ist toxisch

Das System ist toxisch, da es sich selbst bestätigt und reproduziert. Es reicht nicht mehr aus an der Oberfläche zu kratzen und dort Gesetze und Regelwerke zu erlassen weil das System darunter die Voraussetzungen für BIPoC so weit manipuliert, dass das was an der Oberfläche herauskommt bereits durch rassistische Diskriminierung geprägt ist.Es ist ähnlich einer ungleichen Waage, die niemand als ungleich erkennt, weil sich der Blickwinkel aller Betrachter*innen bereits an die Schieflage der Waage angepasst hat.

Eine der häufigsten Ursachen des systemimmanenten Rassismus ist also die Marginalisierung von BIPoC. Sie ist zugleich auch Mechanismus toxischer Selbstreproduktion des Rassismus. Eine marginalisierte Gruppe wird also qua ihrer Marginalisierung auch weiter Benachteiligungen erfahren und die Marginalisierung sich als Rassismus in den unseren Köpfen manifestieren. Hier könnte man die Analyse beenden und weißen Menschen auf den Weg geben, dass sie sich ihrer Privilegien verdammt nochmal bewusst werden müssen und dass eines der obersten Gebote der Stunde für sie das Zuhören ist. Das haben schon viele vor mir getan und die Richtigkeit dieses Appells bleibt unverändert. Ich möchte darüber hinaus aber versuchen, analytisch etwas tiefer in die Konflikte, mit denen wir als Gesellschaft konfrontiert sind, zu gehen wenn wir uns so der so über strukturellen Rassismus unterhalten.

Das Dilemma

Sieht man sich die Protestbewegung rund um Black Lives Matter genauer an, stellt man schnell fest, dass es ein weit verbreiteter Lösungsversuch gegenüber der Marginalisierung von BIPoC ist, die marginalisierte Gruppe präsenter zu machen. Es wird weißen Menschen richtigerweise davon abgeraten für BIPoC zu sprechen oder es auch nur zu versuchen. Die Perspektiven dieser Menschen sind wichtig und eben ihre Seltenheit ist Ursache des Problems als solches. Wichtig ist definitiv nicht was eine bereits präsente weiße Gesellschaft zu Rassismus zu sagen hat. Dieser Hinweis ist außerdem definitiv der erste und wichtigste Appell, den man stellen muss. Trotzdem stecken sowohl BIPoC als auch weiße Menschen in gewissen Dilemmata bei diesem Kampf:

Das Dilemma auf Seiten von BIPoC ist es, dass auf der einen Seite die Marginalisierung bekämpft und höhere Präsenz in der Öffentlichkeit, insbesondere beim Thema Rassismus natürlich, geschaffen werden muss. Gleichzeitig möchte man mit der Forderung nach Präsenz aber nicht zum Subjekt einer Quote werden. Fordern Menschen also, dass in deutschen Talkshows nicht fünf weiße Menschen über Rassismus diskutieren, ist das mehr als richtig. Das steht nicht zur Debatte. Zugleich darf das Ergebnis ihrer Forderung aber langfristig nicht sein, dass künftig nur deshalb BIPoC eingeladen werden, weil sie BIPoC sind.

Ein entscheidender Aspekt der Marginalisierung dieser Gruppe ist es ja, dass sie ganz offensichtlich deutlich weniger aufgrund von vorhandenen Kompetenzen in Talkshows oder Ähnliches eingeladen wird. Das ist in gewisser Weise paradox, denn die Begründung der Forderung nach höherer Präsenz von BIPoC in den Medien ist gesamtgesellschaftlich natürlich die Nennung ihrer Ursache: Unterrepräsentierung von BIPoC. Allerdings handelt es sich bei der Begründung “Unterrepräsentierung einer Bevölkerungsgruppe” nicht um einen Selbstzweck sondern nur um das Symptom des eigentlichen Problems: Struktureller Rassismus.

STrukturelle Diskriminierung

BIPoC wollen zurecht nicht einfach nur repräsentiert sein sondern, dass die gesellschaftliche Struktur kompetente BIPoC nicht strukturell diskriminiert. Es gibt hier also einen Konflikt zwischen eigentlichem Problem und Formulierung der Ursache: Ein Dilemma. So beschweren sich BIPoC mit Recht, wenn man ihnen eindrücklich vermittelt, dass ihre Einladung und Präsenz im Wesentlichen in ihrer Hautfarbe und dementsprechend der Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe begründet ist.

Man*Frau möchte Marginalisierung entgegenwirken, häufig wird aber die Existenz der Marginalisierung, in Folge der Forderung zur Aufhebung selbiger, zur Grundlage der scheinbaren Entmarginalisierung. Erst die Tatsache, marginalisiert zu sein wird also zur Basis für eine vermeintliche Demarginalisierung. Dieses Verhältnis birgt Toxiken, die die langfristige Nachhaltigkeit des Ganzen auf die Probe stellen können. Zugleich ist es definitiv kein Grund, die Forderung damit abzuwerten. Selbstverständlich ist es unfassbar wichtig, dass mehr Menschen BIPoC in der Öffentlichkeit präsent sind. Es gibt auch keine bessere Alternative als das immer wieder und wieder zu fordern. Es ist nur eben nicht ganz einfach, sondern erfordert Sensibilität Aller gegenüber dem Prozess. Das Ziel muss schließlich sein, dass Entmarginalisierung nachhaltig bleibt.

Das Dilemma, in dem weiße Menschen stecken, ist dem oben Erörterten relativ ähnlich – allerdings andersherum. Wie bereits skizziert, ist einer der präsentesten Appelle gegenüber weißen Menschen, dass die Entmarginalisierung einer marginalisierten Gruppe nur funktionieren kann, wenn eine größere Präsenz der Gruppe erreicht wird. Dafür müssen die Anderen logischerweise Raum zur Verfügung stellen.
Weiße Menschen dürfen also bei den Protesten rund um Black Lives Matter auf keinen Fall zu viel Raum einnehmen, sondern müssen BIPoC diesen Raum geben. Soweit, so einfach. Nun könnte man das so stehen lassen.

Wir Weiße dürfen nicht schweigen

Das Dilemma entsteht aber dann, wenn man das Ganze feinjustiert und ein paar Schritte weiterdenkt. Denn wir, als weiße Menschen, dürfen auch nicht schweigen. Nichts ist schlimmer als das Schweigen derer, die nicht betroffen sind. Genau das ist der Nährboden für die Etablierung von Rassismus im Allgemeinen. Was also tun? Letztlich müssen weiße Menschen eine Balance finden, in der sie gleichzeitig Raum geben, ihn nicht einnehmen, an den entscheidenden Stellen Solidarität zeigen und nicht schweigen. Man könnte das Ganze auch als einen Drahtseilakt bezeichnen, für den es wahrscheinlich weder eine Musterlösung noch einen perfekten Weg gibt.

Es ist, wie auch oben beschrieben, immer ein Dilemma. Und wahrscheinlich variiert die Schnittmenge auch von Tag zu Tag und Situation zu Situation. Es gibt sicherlich einfache Beispiele, bei denen Solidarität und Raum-Nehmen klar zu unterscheiden sind. Es wird aber auch immer wieder Situationen geben, in denen die Grenze haarscharf verläuft. Besonders für weiße Menschen, die trotz jedes Versuches niemals an die Perspektive von BIPoC herankommen werden, kann das mitunter schwierig werden. In dem Augenblick, in dem ich als weiße Person Solidarität zeige, mache ich ja zwangsläufig von einem Privileg Gebrauch. Das ist paradox und dagegen kann ich mich kaum wehren, denn das Privileg ist ja da, auch wenn ich es auf politischer Ebene ablehne.

Schaffung eines Bewusstseins

So wie BIPoC in den Ressentiments gefangen sind, die eine durch und durch rassistische Gesellschaft ihnen gegenüber hegt, sind weiße Menschen auch erstmal Profiteure der Privilegien, die sie genießen. Dabei geht es nicht darum sich dafür zu schämen, sondern um die Schaffung eines Bewusstseins und eines Grades an Selbstreflexion, der einen möglichst sensiblen Umgang mit dieser Tatsache erlaubt. Am Ende muss es Ziel unseres Umgangs mit unseren Privilegien sein, den Protest von BIPoC hinter #BlackLivesMatter so effektiv wie möglich zu unterstützen. Eine Feinjustierung, wo Solidarität aufhört und wo Raum-Nehmen beginnt, kann also im besten Fall sehr einfach und im Zweifelsfall unfassbar komplex werden.

Wir müssen bereit sein, Fehler zu machen

Das ist aber keine Absage daran sich daran zu versuchen, sondern ein Appell, es jeden Tag aufs Neue zu tun. Wir müssen bereit sein, Fehler zu machen. Und es bleibt wohl auf ewig ein Dilemma, dem müssen wir uns als weiße Menschen bewusst werden. Vor allem aber müssen wir sensibel werden. Seid dafür sensibel, welche Privilegien ihr genießt und welchen Raum ihr nehmt. Und mindestens genauso wichtig: Wir müssen Fehler eingestehen. Besonders Personen, wie ich, die meinungsstark, politisch und hin und wieder auch von einem gewissen Mitteilungsbedürfnis geprägt sind, werden Fehler machen. Wir werden immer wieder Dinge tun, die wir aus unseren Privilegien heraus tun und damit Räume nehmen. Auch wenn wir es nicht so meinen. Und wir müssen dafür sensibel werden.

Es ist unsere Aufgabe trotzdem zuzuhören und BIPoC unsere Aufmerksamkeit und unseren Respekt zu geben. Und wahrscheinlich gibt es auch nicht immer eine eindeutige Antwort. Deswegen ist das Wichtigste: Sensibel bleiben. Wenn BIPoC uns auffordern, eine Aktion sein zu lassen oder dies oder jenes zu tun, ist das viel wert. Natürlich muss jede*r jeden Input mit seinem*ihrem Verstand in Einklang bringen, aber die Perspektive von BIPoC ist bezüglich Rassismus in den allermeisten Fällen relevanter als unsere Perspektive. Und gleichzeitig dürfen wir nicht verstummen. Das wäre mindestens genauso fatal.

Der Kampf gegen Rassismus muss für uns Weiße unangenehm werden

Der Kampf gegen Rassismus ist nicht einfach und passiert nicht vom Sofa aus. Und er muss (für uns weiße Menschen) unangenehm werden. Wir müssen mit dem Mythos aufräumen, dass Antirassismus lediglich in der eigenen Einstellung und vermeintlich vollständig inhalierter Werte stattfindet. Tut er uns nicht weh, ist er nicht unangenehm und bringt uns nicht in Konflikte mit uns selbst, ist er wirkungslos. Wir müssen lernen, dass wir Teil des Problems sind und deshalb nicht gemütlich von der Couch aus zusehen können, wie der Rassismus einfach so verschwindet. Wir müssen lernen, dass wir es sind, die etwas ändern können und die, die es müssen. Auch dann, wenn wir uns bereits für tolle und gute Menschen halten. Ich will, dass wir überfordert sind. Ich will, dass es weh tut.

Artikelbild: pixabay.com, CC0



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