Arvay hat in 33 Minuten vergessen, uns plausibel zu widerlegen: maiLab & Impfstoffe

| Kommentar | 25. Februar 2021

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Volksverpetzer widerlegt… Arvay

Nachdem wir in unserem Artikel vom Mittwoch letzter Woche die Behauptungen („MaiLab: Impfstoff-Propaganda“) des österreichischen Landschaftsökologen Clemens Arvay über ein Video der Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auseinandergenommen hatten, hat dieser darauf mit einem weiteren Video reagiert. Er nennt es „Volksverpetzer widerlegt“, vergisst aber leider trotz der 33 Minuten Länge, unsere Vorwürfe plausibel zu entkräften.

Anti-Impfstoff-Propaganda: Wie euch CGArvay über maiLab manipuliert

Die Kritik in unserem letzten Artikel richtete sich im Wesentlichen gegen drei Aussagen in Arvays Video, in denen er Strohmann-Argumente benutzt. Wir waren also etwas irritiert, dass es in den ersten zehn Minuten seines neuen Videos nur um Nebensächlichkeiten geht. Wer wissen will, wie genau er uns angeblich „widerlegt“ haben will, muss erst mal lange warten:

1. Wie Arvay uns Recht gibt, sich selbst widerspricht und das dann „Widerlegung“ nennt

Erst ab Minute 10:50 geht er auf unseren ersten Kritikpunkt ein. Dieser bezog sich auf die Aussage in seinem ersten Video, als er sagte: „Es ist ein Mythos, zu behaupten, dass Langzeitbeobachtungen überflüssig sind“. Unser Vorwurf dazu war, dass im MaiLab-Video nun mal gar nicht behauptet wird, Langzeitbeobachtungen seien überflüssig. Seine „Widerlegung“ lautet so:

„Das ist meine Antwort auf MaiLab: Geld und auch viel Personal ersetzt nicht den Zeitablauf, der notwendig ist für die Impfstoffsicherheit. Und dann beziehe ich mich auf den allgemeinen Diskurs, nicht mehr auf Mailab, in dem immer wieder so getan wird, als […] wäre der Wegfall von Langzeitstudien sozusagen eigentlich gar nicht problematisch. Das heißt, ich gehe hier von dem konkreten Argument von MaiLab weg, es geht ja in dem Video auch darum, dass ich das hinzufügen möchte, was in MaiLab nicht gesagt wurde.“

Gut, halten wir also fest: Im MaiLab-Video wird diese Aussage nicht getätigt. Arvay gibt also erst einmal zu, dass unsere Kritik an ihm korrekt ist. Danke, dann sind wir uns ja einig. Er hält unseren Vorwurf aber trotzdem nicht für berechtigt, weil seine Aussage angeblich gar nicht auf MaiLab bezogen war, sondern auf den „allgemeinen Diskurs“.

Das mag er so gemeint haben und wir wollen da jetzt auch keine böse Absicht unterstellen. Aber allein aus seinem Videoskript heraus ist es nach unserer Auffassung nicht ersichtlich oder verständlich, dass sich der Bezugsrahmen seiner Aussage an dieser Stelle so radikal ändert, wie er jetzt behauptet.

Zeigt Arvay jetzt „Impfpropaganda“ von MaiLab… oder spricht er vom „allgemeinen Diskurs“?

Sein Video heißt „MaiLab: Impfstoffpropaganda“ und hangelt sich an den Aussagen des MaiLab-Videos entlang. Da man die MaiLab-Redaktion schlecht für den allgemeinen Diskurs verantwortlich machen kann, wäre ein Argument, das sich auf ebendiesen Diskurs bezieht und gar nicht auf MaiLab, an der Stelle ziemlich schwach, um seinen Vorwurf der „Propaganda“ durch MaiLab zu belegen.

Noch verwirrender: Später im Video reißt er seinen Erklärungsversuch wieder ein. Und sagt bei Minute 17:49 „Geld ersetzt keine Zeit, keine Langzeitbeobachtung. Das ist das wichtigste Argument gegen die Aussage von MaiLab.“

Wie kann das ein Argument gegen MaiLab sein, wenn MaiLab das nachgewiesenerweise gar nicht sagt? Was er bereits zugegeben hat und es ihm dabei doch angeblich um den „allgemeinen Diskurs“ ging? Vorschlag: Er benennt sein Video nachträglich um in „Allgemeiner Diskurs: Impfstoff-Propaganda“. Arvay will beides gleichzeitig: Angeblich MaiLab widerlegen und wenn er mit Strohmann-Argumenten erwischt wird, doch wieder nur allgemein gesprochen haben. Um dann doch wieder etwas anderes zu behaupten. Wir fühlen unsere Kritik jetzt leider wenig „widerlegt“.

Übrigens, bevor wir die Fakten vergessen: Welcher „Allgemeine Diskurs“?

Zudem findet sich die Behauptung, dass Langzeitbeobachtungen komplett überflüssig sind, auch im aktuellen Diskurs nicht gerade häufig. Die Frage, die er hier diskutieren will, ist vermutlich: „Sollten Impfstoffe bereits verimpft werden, während Phase 4 läuft?“ Aber daraus kann man nicht einfach ableiten, die Gegenseite hielte Langzeitbeobachtungen generell für überflüssig. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man etwas für überflüssig hält oder ob man es einfach nur niedriger priorisiert.

Im MaiLab-Video geht es an der von ihm kritisierten Stelle zudem ganz explizit darum, den Zeitaufwand VOR Impfstoffzulassung zu reduzieren. Auch hier schön zu sehen (Ab Minute 0:41). Alle genannten Gründe, warum es dieses Mal so schnell ging, beziehen sich auf den Zeitraum vor dem Schriftzug „Vaccine available for use“ und sind bezogen auf diese absolut stichhaltig:

Arvay argumentiert hingegen: „Und deswegen ist es falsch zu argumentieren, dass der Wegfall von Langzeitbeobachtung unproblematisch sei. Und natürlich erweckt das Video von MaiLab genau diesen falschen Eindruck.“

Nein, das tut es nicht. Herr Arvay sollte sich das MaiLab-Video noch mal ganz in Ruhe ansehen. An der in seinen Augen kritischen Stelle geht es um den Zeitraum VOR der Impfstoffzulassung. Und es wird an keiner Stelle gefordert, die einzelnen Forschungsschritte selbst zu verkürzen. Der Witz ist doch gerade, dass diese Phasen für sich genauso lang sind wie bei einer konventionellen Impfstoffentwicklung. Sie laufen nur einfach überlappend ab. Die Langzeitstudien, im Schaubild „Studies after authorisation“ genannt, sind genau so lang wie im Schaubild obendrüber.

Arvay belegt „Impfpropaganda“ mit Dingen, die MaiLab nie sagte

Der große Nachteil des neuen Verfahrens ist eher finanzieller Natur: Sollte ein Hersteller in Phase II feststellen, dass sein Impfstoff nicht funktioniert, dann muss er diesen Prototypen verwerfen und das ist aus naheliegenden Gründen immer auch ein finanzieller Rückschlag. Im neuen Verfahren bedeutet es aber zusätzlich, dass er ggf. schon mit der teuren Phase III begonnen hat. Und diese dann ebenfalls abbrechen muss. Der Verlust ist dann entsprechend höher.

Es ist in diesem konkreten Fall also tatsächlich so, dass Geld Zeit ersetzt. Natürlich nur in einem begrenzten Rahmen und nicht als allgemeingültige Regel. Aber ohne Zusage von öffentlichen Mitteln würden sich die Hersteller wohl zweimal überlegen, ob sie viel Geld in Phase III stecken, bevor Phase II abgeschlossen ist.

Um seine zentrale Behauptung zu stützen, das parallele Abarbeiten der Phasen sei unsicher, verweist Arvay in beiden Videos auf einen im British Medical Journal abgedruckten Leserbrief vom Gastroenterologen Hamish Duncan. Im zweiten Video begründet er seine Kritik an parallel verlaufenden Phasen so:

„[…]schreibt der Mediziner Hamish Duncan im British Medical Journal, dass wir alle in eine riesengroße prospektive Kohortenstudie schlittern.“

Seine Quelle: Ein Leserbrief aus dem November?

Das ist aber kein Artikel in diesem Journal oder gar eine Studie mit Peer Review. Es ist einfach nur ein Leserbrief (!) vom November 2020. In diesem Brief kommen die Worte „phase“, „parallel“ oder „clinical trial“ überhaupt nicht vor. Dr. Duncan befindet vielmehr pauschal, dass ihm das alles zu schnell gehe. Und dass er „Big Pharma“ (sic) wegen des Contergan-Skandals nicht vertraue. Er vergleicht in seinem 3 Absätze umfassenden Brief also die Impfstoffforschung auf mRNA-Basis im Jahr 2020 mit einem Medikament, das 1954 mit komplett anderen Sicherheitsstandards entwickelt wurde. Eine sehr zweifelhafte Quelle, mit der man im Video aber halt „British Medical Journal“ sagen kann und das klingt zugegebenermaßen einfach gut.

Arvay hat also zugegeben, dass MaiLab die fragliche Passage so gar nicht formuliert hat. Anschließend bezieht er sich auf einen nebulösen allgemeinen Diskurs und kann dann aber auch nicht erklären, wo dieser allgemeine Diskurs genau eigentlich falsch liegt. Dann widerspricht er sich wieder selbst. Zudem wirkt seine Quellenauswahl unprofessionell.

2. Arvay rudert zurück – und hat was nicht verstanden

Unser zweiter Kritikpunkt bezog sich auf seine Aussage zu MERS- und SARS1-Impfstoffen: Im MaiLab-Video wurde gesagt, dass die Impfstoffentwicklung auch deshalb beschleunigt werden konnte, weil bereits seit Jahren an Impfstoffen zu MERS und SARS1 geforscht wird. Das im Aufbau recht ähnlich zu SARS-CoV-2 sind. In seinem ersten Video sagte Arvay dazu:

„Dieses Argument ist falsch. Es gab noch nie einen Impfstoff in der Humanmedizin gegen irgendein Coronavirus vor SARS-CoV-2, der zugelassen wurde.“

Daran bemängelten wir in unseren Artikel von letzter Woche, dass MaiLab gar nicht behauptet hat, es handele sich um zugelassene Impfstoffe. Seine Reaktion im neuen Video dazu: Er räumt ein, sich ungenau ausgedrückt zu haben und erklärt sich so:

„…was ich in dem Video eigentlich meine, ist, wenn MaiLab argumentiert, dass man […] nicht bei null anfangen muss, weil man ja auf Vorerfahrungen mit Impfstoffen gegen SARS1 und MERS zurückgreifen kann, dann ist es einfach ein sehr dünnes Argument, denn man kann allenfalls auf gescheiterte Impfstoffe verweisen, und ich weiß nicht, ob das unbedingt ein zufriedenstellendes Argument ist, warum es diesmal zu Verkürzungen gekommen ist“

Mit anderen Worten: Impfstoffe, die es gar nicht bis zur Zulassung geschafft haben, können auch nicht beim Erforschen anderer Impfstoffe helfen. Das ist in mehrfacher Hinsicht eine problematische Aussage:

Bei der Erforschung eines Impfstoffs ist das Spektrum der möglichen Resultate mehr als eine binäre Skala, deren einzige Zustände „Juhu, wir haben einen sicheren Impfstoff gefunden“ und „Das hat leider nicht geklappt, wir müssen jetzt alle Ergebnisse wegwerfen und ganz von vorne beginnen.“ sind.

Das Problem mit dem Ganz-oder-Garnicht-Denken von Arvay

Ganz grundsätzlich ist Forschung üblicherweise ein von Rückschlägen geprägter Vorgang. Und gerade bei etwas so komplexem wie der Entwicklung eines neuen Impfstoffs müssen viele Annahmen verworfen werden, bis man schließlich die Ampulle mit dem Wirkstoff in den Händen hält. Oder noch frustrierender: Man hat einen Haufen Annahmen verworfen und hält am Ende einfach gar nichts in den Händen. Es ist daher schon sehr grob vereinfachend, von einem „gescheiterten Impfstoff“ zu sprechen.

Diese Rückschläge sind nicht zwingend verlorene Zeit. Denn es ist ja auch ein wichtiger Erkenntnisgewinn, was NICHT funktioniert. Selbst wenn es schlussendlich nicht zur Zulassung kommt, sind ggf. wichtige Zwischenergebnisse erzielt worden. Und genau das ist in diesem konkreten Fall tatsächlich passiert: Die im April 2020 erfolgreich getestete experimentelle Vakzin „MVA-MERS-S“ wird nun als Basis für ein SARS-CoV-2-Vakzin genutzt, indem anstatt des MERS-CoV-Spike-Proteins das Oberflächenprotein von SARS-CoV-2 in den Vektor eingefügt wird.

Der zeitliche Forschungsaufwand konnte also durch die Vorarbeit an SARS1- und MERS-Impfstoffen massiv reduziert werden. Genau das war die demnach vollkommen zutreffende Aussage des MaiLab-Videos.

Was Arvay nicht bedacht hat: Man kann aus Fehlern lernen

Arvay lässt diesen Vorteil wiederholt nicht gelten, weil die ersten MERS-Impfstoffe Nebenwirkungen hatten und keine Zulassung bekamen. Damit sind sie in seinen Augen disqualifiziert, um überhaupt an ihnen weiterzuarbeiten. Würde der Forschungsbetrieb so denken und arbeiten, wir hätten vermutlich nicht einen einzigen Satelliten in der Erdumlaufbahn, weil nach jedem Raketenfehlstart die Baupläne verbrannt und von null wieder von vorne begonnen worden wäre. Anstatt den konkreten Fehler zu suchen und zu korrigieren.

Die bereits vorliegenden MERS- und SARS1-Impfstoffe sind ein sehr plausibles Argument dafür, dass die Entwicklungszeit verkürzt werden konnte. Unabhängig davon, ob diese selbst bereits zugelassen worden sind. Arvay belegt seine hiermit widerlegte Theorie ironischerweise mit einem Artikel aus dem New England Journal of Medicine vom Mai 2020. Darin werden die Nebenwirkungen der neuen Impfstoffe aber lediglich als „challenge“, nicht aber als Showstopper bezeichnet.

Arvays Quelle widerlegt ihn selbst

Ferner liefert diese, seine eigene Quelle, noch einen weiteren guten Hinweis darauf, warum es noch keine zugelassenen SARS1-Impfstoffe gibt:

„The SARS and Zika epidemics ended before vaccine development was complete, and federal funding agencies reallocated funds that had been committed to vaccine development, leaving manufacturers with financial losses and setting back other vaccine-development programs.“

Noch bevor ein SARS1-Impfstoff gefunden war, konnte die SARS1-Epidemie nun mal glücklicherweise mit anderen Maßnahmen (Schließung von Bildungseinrichtungen, Reisewarnungen, Quarantäne) beendet werden. Öffentliche Gelder wurden deswegen wieder umverteilt und die Hersteller hätten nun auf eigenes finanzielles Risiko einen Impfstoff entwickeln müssen – für ein Virus, das zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr infiziert hätte.

Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Höhe der Finanzierung Auswirkungen auf die Entwicklungsdauer haben kann und zudem ein Indiz, dass der SARS1-Impfstoff durchaus noch hätte erfolgreich weiterentwickelt werden können. Daran hatte aus naheliegenden Gründen nur schlicht niemand mehr ein berechtigtes Interesse.

Arvay hat also zunächst einmal zugegeben, dass er sich ungenau ausgedrückt hat, versteht aber dann etwas von der Forschung anscheinend grundlegend falsch.

3. Unseren dritten Vorwurf verschweigt Arvay seinen Fans… und wiederholt seine Manipulation einfach

Der schwerste Vorwurf in unserem Artikel war der Teil beginnend mit „ES FOLGT DER MANIPULATIVSTE TEIL, BEGINNEND BEI MINUTE 11:14“. Darin bemängeln wir, dass Arvay es in seinem ersten Video so aussehen lässt, als wenn im MaiLab-Video die Verwendung von Impfstoffen zweiter Klasse propagiert wird.

Der Begriff wird bei MaiLab in einer ironischen Art und Weise für den AstraZeneca-Impfstoff genutzt. Um die Erkenntnis zu unterstreichen, dass es sich eben nicht um einen Impfstoff zweiter Klasse handelt. Auch wenn wir Laien das aufgrund der niedrigeren Effektivität im Vergleich zum BioNTech-Impfstoff erst mal hätten denken können. Im MaiLab-Video wird dann bezogen auf die niedrigere Effektivität formuliert: „Und das ist auch völlig okay“.

Dazu hat Arvay in seinem ersten Video formuliert:

 „Nein, es ist nicht völlig okay, einen Impfstoff zweiter Klasse zu verwenden“

…was die tatsächliche Aussage von MaiLab stark verzerrt. In seinem neuen Video lässt Arvay diese ganze Passage erst mal aus. Alle anderen Textstellen aus unserem Artikel liest er wortwörtlich vor, diese hier nicht. Ab Minute 20:46 redet er über den unmittelbar vorangegangenen Teil, das geht bis Minute 22:31. Anschließend sagt er „Nächste Überschrift“ und liest dann aber eben nicht die nächste Überschrift vor, sondern springt 8 Absätze weiter.

Einfach acht absätze übersprungen

Erst später, bei Minute 24:28, geht er nochmal ganz kurz darauf ein (ohne unseren Vorwurf im genauen Wortlaut vorzulesen) und behauptet:

„[…] Die Ausführungen zur Effektivität sind der Punkt in dem MaiLab-Video, auf den ich reagiere, auch auf die Aussage, dass es ja okay sei, sich auch mit einem Impfstoff unter Anführungszeichen zweiter Klasse impfen zu lassen, also mit einem der bei der Wirkung nicht so gut ist und eben keine sterile Immunität macht, was übrigens wahrscheinlich alle diese Impfstoffe nicht machen und mein Ansatzpunkt ist dann eben, doch, es ist sehr wohl problematisch, Förderung von Mutationen, und dann eben auch die Nebenwirkungen[…]“

Er wiederholt an dieser Stelle also einfach den Strohmann aus seinem letzten Video. Denn, nochmal: Es ging an dieser Stelle im MaiLab-Video eben ausschließlich um die Effektivität (hat sich seit unserem letzten Artikel überraschenderweise auch nicht geändert). Nicht um sterile Immunität, nicht um Mutationen, nicht um Nebenwirkungen.

Er begründet seine verzerrende Aussage so „Ja, ich muss dann ein bisschen von MaiLabs Aussagen weg, weil es mir ja darum geht, das zu thematisieren, was in dem Video nicht thematisiert wurde. Ich weiß nicht, was daran so schwer zu verstehen ist.“

Ein unlauterer rhetorischer Trick, ob bewusst oder unbewusst

Vielleicht weiß er es wirklich nicht. Natürlich kann man in einer Kritik die Dinge thematisieren, die im kritisierten Werk gefehlt haben. Das entbindet den Kritiker aber nicht davon, die Aussagen der kritisierten Person im korrekten Kontext wiederzugeben, und genau das ist hier nicht passiert. Vielleicht war das nicht mal Absicht, aber es wirkt nun mal wie ein unlauterer rhetorischer Trick, ob bewusst oder unbewusst. Und muss besonders kritisiert werden, wenn damit der Gegenseite ausgerechnet „Propaganda“ nachgewiesen werden soll.

Zudem ist seine Aussage, keiner der Impfstoffe könnte sterile Immunität hervorrufen, also das Infektionsrisiko verringern, ebenfalls fragwürdig. Er belegt diese Aussage nicht mal, dabei ist das wirklich einer der ganz entscheidenden Aspekte bei der Frage, ob und wie schnell wir die Pandemie mit Hilfe von Impfstoffen beenden können: Bewahren die Impfstoffe die Geimpften „nur“ vor einem Ausbruch der Krankheit oder verhindern sie, dass geimpfte Menschen überhaupt infiziert werden und damit andere auch anstecken können?

Die Daten dazu werden gerade erst erhoben, was es um so fragwürdiger macht, in einem Video Mitte Februar 2021 einfach mal zu spekulieren, dass das wahrscheinlich für alle Impfstoffe (!) nicht der Fall sein wird. Zu dieser Frage wird aufgrund ihrer Relevanz in den folgenden Wochen und Monaten vermutlich noch eine Menge publiziert werden. Zudem ist das Ziel auch nicht eine sterile Immunität, sondern eine möglichst starke Reduzierung der Übertragungen, und in dieser Hinsicht gibt es laut einer aktuellen Studie (in der Preprint-Phase) ganz eindeutige Anzeichen, dass sie genau das erreichen.

Fazit: Von der angeblichen Widerlegung bleibt nach genauer Betrachtung nicht viel übrig.

Zu Punkt 1 räumt er ein, dass MaiLab die Aussage wirklich so gar nicht tätigt. Zu Punkt 2 räumt er ein, sich ungenau ausgedrückt zu haben. Und wiederholt seine Argumentation aus dem ersten Video, die leider durch reines Altern nicht stichhaltiger geworden ist. Punkt 3 liest er seinem Publikum nicht mal vor. Stattdessen äußert er unbelegte und laut aktuellem Forschungsstand unzutreffende Behauptungen. Und wiederholt seine persönlichen Gründe, warum es sich in seinen Augen tatsächlich um Impfstoffe zweiter Klasse handelt. Als Kritik am MaiLab-Video verfängt dieser Vorwurf nach wie vor nicht, da er sich immer noch auf ganz andere Faktoren bezieht.

Grundsätzlich fühlt er sich wohl missverstanden, weil wir auf die Aussagen reagiert haben, die er getätigt hat und nicht die, die er eigentlich gemeint hat. Tja, das ist nun mal das Risiko, das man als Autor oder YouTuber trägt. Drückt man sich missverständlich aus, wird man zurecht kritisiert.

Vermutlich wird er auch auf diesen Artikel hin wieder ein Reaktionsvideo drehen, das uns wieder angeblich total „widerlegt“. Hoffentlich geht es darin dann nicht wieder minutenlang nur um irgendwelche Nebensächlichkeiten wie die musikalische Untermalung seiner Videos, der wir in unserem ersten Artikel eine ganze ironische Zeile gewidmet hatten. Oder den Vorwurf, wir würden ihm absprechen, Biologe zu sein.

Dazu stellen wir übrigens fest: Wir haben ihn im Artikel als „Landschaftsökologe und Sachbuchautor“ vorgestellt, der Tweet dazu beginnt mit „Der Biologe @CGArvay unterstellt der Chemikerin […].“ Der Facebook-Post beginnt „Der Biologe und Youtuber CGArvay unterstellt […]“. Es gab eine Facebook-Vorschau, in der kurzzeitig „selbsternannter“ stand, weil der Admin dachte, er hätte einen Fehler gemacht, aber das ist schon lange korrigiert.“

inszenierte Opferrolle statt rationalem Umgang mit sachlicher Kritik

Grundsätzlich wäre ein rationalerer Umgang mit Kritik seitens Herrn Arvay wünschenswert. Anstatt sich ständig in eine Opferrolle zu begeben und quälend lange zu beklagen, wer ihn alles denunzieren und diskreditieren möchte, wäre ein Fokus auf die Sachargumente sinnvoller. Dann hätte er vielleicht auch genug Zeit, um seine zentralen Aussagen bzgl. steriler Immunität von Impfstoffen vernünftig zu belegen. Stattdessen diskutiert er „gravierende Niveauunterschiede“, weil er auf unserem Vorschaubild Ukulele spielt und wir uns über seine Übergänge lustig gemacht haben.

Ja, wir haben uns über sein Video lustig gemacht, aber eben erst nachdem er anderen „Propaganda“, also bewusste Täuschung, unterstellt hat. Und uns damit suggeriert hat, dass künstlerische Übertreibung genau das Niveau ist, auf dem er diskursiv zu treffen ist. Und auch in seinem zweiten Video und seinen Facebook-Posts ist er mit seinen Anschuldigungen anderen gegenüber nicht gerade zimperlich. Wir werden dort als inkompetent bezeichnet, mehrfach als Denunzianten, er unterstellt MaiLab „gewisse Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie“ und dass der Channel „immer in deren Interesse berichtet“.

Shitstorm und Drohungen von Arvay-Fans

Wer so austeilt, sollte sich über entsprechenden Gegenwind nicht wundern. Ein unvorteilhaftes Foto ist das eine. Der Vorwurf, auf einem öffentlich-rechtlichen YouTube-Kanal zwecks Gegenleistung Werbung oder „Propaganda“ für Pharmaunternehmen zu machen, ist ein ganz anderes, schwereres Kaliber.

Ebenfalls wenig glaubwürdig sind seine Beschwerden darüber, dass unter unserem Artikel hämische Kommentare ihn betreffend zu finden sind. Hasskommentare, Drohungen und solche Dinge werden von uns konsequent gelöscht. Während uns seit Erscheinen seines Videos unzählige Mails und Nachrichten erreichen, die konkrete Gewaltandrohungen, Vernichtungsfantasien, Antisemitismus und irritierenderweise auch eine Menge homo-feindlicher Beschimpfungen enthalten.

Am Ende ist es so, dass Arvay anscheinend gerne Strohmänner (und -frauen), aufbaut, an denen er sich abarbeiten kann und das dann als „Widerlegung“ bezeichnet, oder damit „Impfstoff-Propaganda“ belegen will. Seine Fans halten die verzerrten Darstellungen seiner Kontrahenten tragischerweise für deren wirkliche Aussagen und ziehen dann los, um diese mit Shitstorms zu überziehen. Oh und PS: Als Ausgleich haben wir diesmal ein unvorteilhaftes Foto von mir mit Gitarre für das Titelbild genommen. Quitt?

Artikelbild: Jan Hegenberg / Screenshot Youtube

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