Verdopplungszeit? Intensivbetten? So bestehst du den Corona-Intelligenztest

| Kommentar | 15. Oktober 2020

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So bestehst du den Corona-Intelligenztest

Die Corona-Krise ist ein für die meisten von uns vollkommen neues Problem. Aber wir haben die Erfahrungen aus dem Frühling. Wir wissen schon eine Weile, dass die Fälle wieder ansteigen, wenn im Herbst sich mehr Menschen in Innenräumen aufhalten. Die Frage lautet: Sind wir intelligent genug, daraus zu lernen? Oder machen wir stumpf und dumm die gleichen Fehler wie Italien im Frühling?

Die Querdenker haben sich entschieden: Sie wollen sogar unbedingt den “Preis für Blödheit” und wollen ihn sogar einklagen. Ohne Scherz:

Kein Scherz: Querdenken wollen unbedingt “Preis für Blödheit” & drohen juristisch

Exponentielle Weitsicht

Wir Menschen sind richtig schlecht darin, exponentielles Wachstum einzuschätzen. Wir sprechen von “Verdopplungszeit” oder dem “R-Wert”.

Aber die Zahl der Personen, die gerade intensivmedizinisch behandelt werden, ist doch niedrig oder?

Exponentielles Wachstum heißt: In jedem Zyklus verdoppelt sich eine Zahl. Also fangen wir bei 1 an, dann haben wir nach einem Zyklus 2, nach 2 Zyklen 4, nach 3 Zyklen 8, usw.

Aber wir haben dafür keine Intuition. Wir wissen alle, was 2 mal 20 ist. Aber was ist 2 hoch zwanzig? Das weiß niemand aus dem Kopf. Ihr könnt ja kurz die Größenordnung raten, ich lasse euch hier etwas Platz mit einem süßen Katzenbaby, dann könnt ihr weiterscrollen.

Die Antwort ist 1.048.576. Das Problem für unser Denken liegt darin, dass ja der größte Zuwachs erst im letzten Zyklus stattfindet. Also 2 hoch 19 ist nur 524.288.

Wir haben aktuell noch 9000 freie Intensivplätze. Das klingt nach viel. Die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstation hat sich in drei Wochen verdoppelt, das klingt nach wenig.

Aber das ist es nicht. Aktuell sind dort 600 Patienten. Wenn alles so weiter geht wie in den letzten drei Wochen, dann liegen dort in 3 Wochen 1200, in 6 Wochen 2400, in 9 Wochen 4800 und in 12 Wochen 9600. Damit wäre die Kapazität in 12 Wochen überlastet, also zum Jahreswechsel. Das ist natürlich ein extrem vereinfachtes Modell und keine Vorhersage. Es soll lediglich illustrieren, dass die Belastungsgrenze der Intensivstationen in Reichweite ist. Die Wirklichkeit könnte uns auch noch viel schneller einholen. Denn die Infizierten-Zahlen verdoppeln sich aktuell in etwas mehr als einer Woche und die Welle breitet sich zunehmend in ältere Bevölkerungsschichten aus. Damit wäre die Belastungsgrenze bereits in 4-6 Wochen erreicht.

Die Zahlen spielen uns nämlich noch einen zweiten Streich.

Auf die Intensivstation muss man ja oft erst lange, nachdem man sich angesteckt hat. Es dauert eine Woche, bis die Symptome einsetzen, und dann noch viele weitere Tage, bis sich der Verlauf plötzlich verschlechtert. Es dauert auch immer eine Weile, bis beschlossene Maßnahmen umgesetzt werden und wirken. Das heißt, wenn wir in spätestens 9 Wochen bei 4800 Intensivpatienten sind, ist es eigentlich schon fast zu spät. Die erneute Verdopplung ist bereits unaufhaltsam unterwegs. Egal welche Maßnahmen wir dann treffen, die Stationen werden überlastet werden. Das ist dann wiederum genau das Problem, das ich eben versucht habe zu illustrieren: Der größte Anstieg findet beim exponentiellen Wachstum im letzten Zyklus statt.

Also die wichtigsten Fakten: Die Zahl der Intensivpatienten ist nachlaufend und der größte Anstieg kommt erst, wenn es schon zu spät ist.

Deshalb ist die Zahl der Infektionen pro Tag, die wir bereits sind, zu akzeptieren und irgendwelche “Grenzwerte” eigentlich eher nebensächlich. Die Frage ist, welche Verdopplungszeit der Infektionen und Erkrankten sind wir bereit zu akzeptieren? Natürlich nur eine Steigerungsrate, die verhindert, dass wir diesen Winter unser Gesundheitssystem zerstören. Und viele Menschenleben gefährden.

Und die Frage wurde eigentlich auch im Mai schon vom IFO-Institut schon beantwortet: Für die Wirtschaft wäre es optimal, wenn der R-Wert unter 1 liegen würde, also wenn es GAR KEINE Steigung gäbe, sondern die Zahlen sinken. Das verhindert einen erneuten Lockdown und schont damit Wirtschaft UND Menschenleben.

Über den (nationalen) Tellerrand schauen

In den Niederlanden wurde diese Woche wieder ein teilweiser Lockdown verhängt. Das Land hat bei nur einem Fünftel der Einwohner:innen Deutschlands genauso viele Coronafälle wie wir. Dort sind die Intensivbetten in einigen Krankenhäusern so überlastet, dass die Notaufnahmen schließen mussten. Bis November werden selbst im günstigsten Fall 40% der regulären medizinischen Versorgung wegfallen (Quelle). Die Niederlande hat also genau jenen rechtzeitigen Ausstieg verpasst, über den wir weiter oben gesprochen haben. Und selbst mit dem aktuellen Lockdown wird das zu einer immensen Überlastung des Gesundheitssystems führen.

In Spanien sind bereits seit Wochen die Kliniken überlastet. Bereits Ende September waren hier 40% der Intensivbetten mit Corona-Patienten voll (Quelle). Für die Region Madrid wurde der Notstand und einen Teil-Lockdown ausgerufen und praktisch niemand darf die Region verlassen (Quelle). Und das, obwohl bereits die erste Welle das Land hart getroffen hat. Von Effekten einer beginnenden Herdenimmunität ist trotzdem NICHTS zu spüren.

In Frankreich stehen die Intensivstationen vielerorts ebenfalls vor dem Kollaps. Prognosen sagen einen totalen Zusammenbruch des Gesundheitssystems für November voraus (Quelle). Der Präsident hat jetzt nächtliche Ausgangssperren verhängt (Quelle).

Handeln

Tragt Masken. Wascht eure Hände. Reduziert persönliche Kontakte auf ein Minimum. Vermeidet Menschenansammlungen. Vermeidet um jeden Preis Familientreffen mit Älteren. Installiert die Corona-Warn-App. Führt ein Tagebuch darüber, wann ihr in möglichen Clustersituationen mit vielen Menschen eng beisammen ward.

Informiert Bekannte und Freunde über die Situation in den Niederlanden, in Frankreich und in Spanien. Sprecht eure Sorgen darüber offen aus. Sprecht mit ihnen über exponentielles Wachstum. Bittet sie die Corona-Warn-App zu installieren.

In Deutschland ist die Zukunft noch offen. Die Frage lautet: Wie dumm stellen wir uns an?

Artikelbilder: pixabay.com, CC0 (Katze), PopTika (Titel)

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Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI: