Autorin Kuhnke sagt Teilnahme an Frankfurter Buchmesse ab wegen rechtem Verlag

| Kommentar | 19. Oktober 2021

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Frankfurter Buchmesse bietet extremen Rechten Bühne

Für die Autorin Jasmina Kuhnke, die mit ihrer Twitter-Reichweite mit mittlerweile über 100.000 Follower:innen dem Kampf gegen Rassismus eine laute Stimme gibt, sollte der 19.10.2021 ein stolzer Tag sein: Es ist der Veröffentlichungstag ihres autobiografischen Romans „Schwarzes Herz“ (erschienen im Rowohlt-Verlag), mit dem sie ihre Gewalt- und Rassismus-Erfahrungen aufarbeitet. Zeitgleich (20. Okt. 2021 bis 24. Okt. 2021) beginnt die Frankfurter Buchmesse, in deren Rahmen sie ihren Debütroman vorstellen sollte.

Wie wir in der Vergangenheit schon ausführlich berichtet haben, wird Kuhnke seit Monaten von Rechtsextremen bedroht. Das führte so weit, dass sie mit ihrer Familie den Wohnort wechseln musste. Darüber hat die Autorin auch schon im Volksverpetzer geschrieben.

Psychoterror & Zwangsumzug: Wenn „liberale“ Influencer Zielpersonen „markieren“ – Jasmina Kuhnke

Der Auftritt von Jasmina Kuhnke auf der Frankfurter Buchmesse musste geheim gehalten werden und hätte nur unter besonderen Schutzmaßnahmen stattfinden können. Aber jetzt sah sie sich gezwungen, ihre Teilnahme abzusagen (Quelle). Um Rechtsextremist:innen, die ebenfalls auf die Frankfurter Buchmesse eingeladen wurden, keine Bühne für Provokationen zu geben. Die Messe bietet offenbar lieber Rechtsextremist:innen eine Bühne als deren Opfern.

Zeitsprung ins Jahr 2017

Es ist nichts Neues: Die Amadeu Antonio Stiftung wurde 2017 dazu eingeladen, auf der Frankfurter Buchmesse einen Stand neben dem Verlag Antaios zu beziehen. Seit 2021 wird der Verlag vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Verdachtsfall für Rechtsextremismus beobachtet (Quelle). Der Verlag Antaios wird durch Götz Kubitschek geleitet. Götz Kubitschek ist wiederum Mitbegründer des Institut für Staatspolitik, einer „Denkfabrik“ der sogenannten Neuen Rechten (Quelle), einer rechtsextremen Bewegung, der auch der AfD-Politiker und Faschist Björn Höcke sehr nahesteht. Kubitschek initiierte darüber hinaus das rechtsextremistische Kampagnennetzwerk Ein Prozent für unser Land bzw. Ein Prozent (Quelle), das ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachtet wird (Quelle). Mehr über Kubitschek:

Der Drahtzieher hinter der AfD & der rechtsextreme Plan zur Machtergreifung

Kurz vor Beginn der Frankfurter Buchmesse 2017 erhielt die Amadeu Antonio Stiftung eben von dem Verlag Antaios eine Einladung zu einer „fairen Diskussion auf Augenhöhe“ (Quelle). Die Amadeu Antonio Stiftung lehnte ab: „Warum eine „Diskussion auf Augenhöhe“ mit den Neuen Rechten nicht funktioniert“ Quelle).

Im Interview mit der taz brachte es der Geschäftsführer Timo Reinfrank auf den Punkt: „Es war ein Versuch, uns vorzuführen.“ Und weiter: „Man hat einfach gemerkt, welche Selbstsicherheit und Unangreifbarkeit sie in ihrem Auftreten auf einmal hatten. Das kommt auch durch den gesellschaftlichen Rückenwind, den sie durch den AfD-Einzug in die Landtage und in den Bundestag erlebt haben. Es ist eine Kleinstgruppe, wenn man sie im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft sieht. Aber sie sind extrem deutungsmächtig. Auf der Buchmesse wurde dem wenig entgegengesetzt.“ (Quelle)

Das war 2017, und es ist uns als Gesellschaft und als Medien bis heute nur schlecht gelungen, diesen Inszenierungen und Provokationen keine Bühne und keinen Raum zu bieten.

Stattdessen besteht andauernd die Gefahr, Rechtsextremisten zu normalisieren, weil wir ihnen ständig auf den Leim gehen und sie es ständig verstehen, uns mit ihrer „Sachlichkeit“ zu umgarnen. Sie fordern scheinheilig dazu auf, in Diskussionen zu treten, um ihre menschenfeindlichen Positionen in die Gesellschaft zu tragen.

Wieder rechter Verlag auf Frankfurter Buchmesse

Auch auf der Frankfurter Buchmesse 2021 wird ein rechtsradikaler Verlag seinen Stand aufbauen. Aufmerksam darauf machte die Aktivistin „hamidala_“. Der Verlag Jungeuropa bzw. dessen Verleger Philip Stein, der nicht nur den Verlag, sondern auch das oben erwähnte, AfD-nahe und rechtsextreme Kampagnennetzwerk Ein Prozent leitet (Quelle), wird zum ersten Mal vertreten sein. Stein ist eine bekannte Figur der Neuen Rechten und aus dem Umfeld der AfD und gilt als ultrarechter Burschenschaftler, er war Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft (DB). Stein tritt auch bei Veranstaltungen der ebenfalls überwachten, rechtsextremen Identitären Bewegung auf (Quelle, Quelle). Und 2019 war er bei einem Aufmarsch der neofaschistischen Partei CasaPound in Rom – inklusive Hitlergruß (Quelle).

Nach den Erfahrungen der Frankfurter Buchmesse 2017 (Quelle) oder auch der Leipziger Buchmesse 2018 (Hier) ist auch dieses Jahr davon auszugehen, dass es zu Handgreiflichkeiten und weiteren Provokationen kommen könnte. Gerade, wenn bzw. gerade, weil auch das Feindbild Jasmina Kuhnke auf einer großen Bühne, der ARD Buchnacht, aufgetreten wäre.

In ihrem Statement geht sie aber noch einen Schritt weiter: Sie sagt nicht nur ab, weil sie die Provokationen und Auseinandersetzungen fürchtet. Vielmehr ist sie so konsequent, dass sie Rechtsextremist:innen erst gar nicht die Möglichkeit bieten möchte, sich auf Kuhnkes Kosten zu inszenieren. Sie boykottiert die Buchmesse, damit Rechtsextremist:innen die Bühne genommen wird. Damit Rechtsextreme nicht neben ihr normalisiert werden. Sie nimmt ihnen die Augenhöhe. Und es ist eine Schande, dass sie in diese Situation gedrängt werden musste.

Frankfurter Buchmesse lässt Kämpfende gegen Intoleranz im Stich

Und was sagt die Frankfurter Buchmesse dazu?

„Das Meinungsspektrum in unserer Gesellschaft ist breit gefächert, und es gehört zu einer lebendigen Demokratie dazu, sich mit anderen, fremden Positionen inhaltlich auseinanderzusetzen. Eine Auseinandersetzung mit politischen Inhalten sollte im Rahmen einer Buchmesse vorrangig durch Diskussionen etc. geschehen, nicht aber durch Fernhalten der Titel mit juristischen Mitteln. (…) Wir stehen für die Werte und Eckpfeiler einer solchen Gesellschaft ein: für Meinungsfreiheit und den Dialog, für Toleranz, Respekt sowie für Gewaltfreiheit. Wir wenden uns gegen jede Form von Extremismus, insbesondere wenn er sich gegen die Freiheit Andersdenkender richtet.“ (Quelle)

Wow! Mit diesem Statement stellt sich die Frankfurter Buchmesse gerade nicht an die Seite derjenigen, die sich für „Toleranz, Respekt sowie für Gewaltfreiheit“ einsetzen. Es scheint, als haben die Verantwortlichen nichts aus der Hilflosigkeit im Umgang mit der rechtsextremen Neuen Rechten gelernt. Genau diese Statements sind es, die sie zitieren werden. Die sie normalisieren. Die sie auf Augenhöhe heben.

Die Absage von Jasmina Kuhnke ist ein starkes Zeichen einer Schwarzen Autorin, an dem sich so viele ein Beispiel nehmen sollten! Es hat noch nie etwas gebracht, mit Rechtsextremist:innen zu reden. Es geht immer nach hinten los, wenn Rechtsextremist:innen eine Bühne bekommen, weil sie schlau genug sind, die Chance für ihre Propaganda zu nutzen.

Oder in den eigenen Worten von Götz Kubitschek: »Wozu sich erklären? Wozu sich auf ein Gespräch einlassen, auf eine Beteiligung an einer Debatte? Weil Ihr Angst vor der Abrechnung habt, bittet Ihr uns nun an einen Eurer runden Tische? Nein, diese Mittel sind aufgebraucht, und von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht«. (Quelle)

Sie wollen nicht reden, sie tun nur so.

Update 20:15:

Zwei weitere Autorinnen sollen ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse abgesagt haben:

Hier ihr ganzes Statement:

Artikelbild: Marvin Ruppert

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