Voller Klischees: Abrechnung mit diesem offenen Brief an Greta Thunberg

Kommentar, Analyse

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Antwort auf den offenen Brief an Greta vom 25. September um 23:40

Screenshot facebook.com (Link)

Lieber Martin,

da Greta sicherlich gerade wenig Zeit hat, noch eine weitere Fremdsprache ähnlich perfekt zu erlernen, antworte ich einmal stellvertretend, allerdings nicht in ihrem Auftrag.

Zuerst einmal freue ich mich sehr zu lesen, dass du ebenfalls für eine Sache brennst und endlich einmal der Mensch antwortet, der dieser Tage so oft in vielen Klischees beschrieben wird.



„Großer Blödsinn?“

 

Da sind wir leider beim nächsten Klischee, der Einstieg in deinen offenen Brief ist leider der, der erwartet wird und nicht unüblich bei Klimawandelleugnern, die Greta als ihre stille Feindin auserkoren haben und sie seit Monaten süffisant auf ihrem Profil bashen.

Über den üblichen Stammtischsexismus sehe ich jetzt einmal hinweg, da ich mich auf deinen Brief konzentrieren wollte, der scheinbar gut ankommt, wenn ich mir die reinen Zahlen anschaue, was Verlinkungen und Likes angeht.

HowDareYou: Warum niemand fähig scheint, Greta Thunberg sachlich zu kritisieren

Gretas Rede vor der UN und ihre „Gestohlene Kindheit“

Schade, dass du dir nicht die Mühe gemacht hast, ihre Rede ganz zu lesen, zu sehen oder zu hören. Du gibst leider Zitate weiter, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind.

Dir dürfte sonst nämlich auch aufgefallen sein, dass sie ebenfalls stellvertretend für andere spricht, sie kümmert sich nicht nur um sich selbst und ist sich ihrer Privilegien durchaus bewusst. Sie ist in der glücklichen Situation dies tun zu können und gehört zu werden – im Gegensatz zu den Menschen, denen es viel viel dreckiger geht – Kindern inklusive. Es geht nicht um sie selbst, es geht um uns alle. Sagt sie selbst immer wieder.

Du sagst es, dass Greta in einem der sichersten und saubersten Länder der Welt lebt, sie hat es erlebt – vielleicht möchte sie ja deshalb auch, dass es auf Dauer so bleibt und nachfolgende Generationen dies ebenfalls noch erleben dürfen?

Die Folgen des Klimawandels spüren wir alle bereits jetzt, wenn wir die Scheuklappen abnehmen und uns zum Beispiel die Unwetter- und Temperaturstatistiken der letzten 10 Jahre anschauen.

Gretas persönlich erlebtes Leid kann ich nicht beurteilen, aber ich gestehe dir natürlich zu, hier selbstverständlich noch viel Schlimmeres erlebt zu haben. Hunger, Krankheit, Leid und Tod scheinen bei dir – wie in den Schwellenländern auch – an der Tagesordnung zu sein.

Dies tut mir leid, ich gönne es niemandem.

„Kindheit gestohlen“: Diesen Anti-Greta-Post kann man mit einem Satz zerlegen

 

Gestohlene Träume

Du hast recht, die Vorgänger-Generationen haben uns so viel gegeben, leider aber halt auch einen Turbokapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste, ein Leben, als ob es kein Morgen geben würde.

„Lebe jeden Tag, als wäre er dein Letzter“ könnte durchaus das Motto der Baby Boomer gewesen sein. Der Sonntagsbraten wurde nach dem Wiederaufbau auf die tägliche Fleisch- und Wurstration aus industrieller Massentierhaltung erweitert, da Fleisch ja „ein Stück Lebenskraft“ ist, wenn ich der CMA seit Nachkriegszeiten richtig folgen möchte. „Die Schulmilch“ kennt jeder von uns, Rauchen war chic, Marketing so gut wie noch nie und Lebensmittel mussten immer billiger werden, die Discounter machten vor, wie es geht.

Aus Nahrung wurden Fertigprodukte, Geiz wurde „geil“, wir fliegen um die Welt oder auch mal von Frankfurt nach Düsseldorf, wo der ICE knapp eine Stunde braucht – und exportieren unseren Müll, der woanders ins Meer geschüttet wird, um irgendwann wieder als Bumerang zu uns zurückzukehren.

Wunderbare Landschaften

Ja, wir leben noch in wunderbaren Landschaften, aber wie lange tun wir das noch? Nicht mehr sehr lange, wenn wir nicht endlich in unserem Kopf die Kurve bekommen und den Schalter umlegen.

Wir leben gut. Wir leben gut auf Kosten anderer und wundern uns über flüchtende Menschen, beschimpfen sie sogar als Wirtschaftsflüchtlinge – welch‘ dreckige Ironie, sie machen schließlich für uns die Drecksarbeit oder leiden unter unserer „Wirtschaftsmacht“, der Idee vom grenzenlosen „Wirtschaftswachstum“ und „Waffenexporten“.

Ja, wir sind eine Exportnation – immer noch. Wir exportieren aber auch jede Menge Unglück.

Schaue ich alleine auf Schadstoffe und den Ausstoß der Industrienationen, ist es klar, dass Begriffe wie „Klimahysterie“ und angebliche Medienhetze irgendwie komplett fehl am Platze sind.

Du redest bei Greta von einem Plan, einem Manuskript, du redest von geprobten Auftritten – hierzu könnte dich folgender Artikel ebenfalls interessieren:

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„Die respektlose Generation Handy?“

Oh ja, wir leben und lieben technischen Fortschritt und Wissenschaft, sei es zur Vernetzung, dem Wissensaustausch oder der einfachen Kommunikation, man kann noch mehr damit machen als Hass und Hetze in die Welt zu schicken. Die Jugend wartet nicht mehr, sie sitzt auch nicht mehr aus, so wie es die Politik immer noch tut.

Wenn das respektlos ist, dann ist sie es.

Wir alle haben versagt

Was ist denn aus den Klimazielen geworden, die im letzten Jahrtausend besprochen wurden? Die 2015 von der Bundesregierung unterzeichnet wurden? Die Themen sind seit zig Jahren bekannt. Was ist damit passiert?

Wir haben als Gesellschaft versagt, die Politik vorneweg, welche wohl fast auschließlich zum Spielball verschiedenster monetärer Interessen geworden ist.

Wie könnte ich es der Jugend, die die Probleme noch ohne Scheuklappen sieht, verübeln, dass sie langsam das Heft selbst in die Hand nimmt? Manche Generationen haben sich intensiv um das Wohlergehen und um unseren Wohlstand gekümmert, leider nur bis zum eigenen Gartenzaun.

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„Wann fangt ihr an, selbst etwas zu tun?“

Diese Frage ist sehr interessant, da die Jugend hier gerade anpackt. Am Tag der deutschen Einheit werden Bäume gepflanzt, regelmäßig die Umwelt entmüllt, es wird immer mehr auf Ernährung und Nachhaltigkeit geachtet. Nach jeder FridaysForFuture-Demo wird der Müll aufgesammelt. Du kannst dich gerne Aktionen anschließen, bei Bedarf vermittle ich Kontakte.

Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Du schreibst, was du früher getan und geleistet hast, du siehst dich als stiller Beobachter, der jetzt in der Zukunft lebt – „Nach mir die Sintflut“ könnte man auch resümieren.

Nichts, dass ich etwas gegen Genuss oder schöne materielle Dinge hätte, versteh‘ mich nicht falsch. Auch ich bin ein Genußmensch, der in Zukunft am liebsten auf nichts verzichten möchte. Um Verzicht geht es aber nicht originär, es geht um bedachte und logische Entscheidungen. Was machst du, damit auch deine Enkel noch eine ähnlich lebenswerte Zukunft haben werden?

Dein Fazit muss meiner Meinung nach umformuliert werden

Es wäre schade, wenn die Welt sich irgendwann nur an den „Alten weißen Mann“ erinnern würde, der zwar ein paar Monate oder Jahre lang viel gesagt und gefordert, aber am Ende nichts mehr für die Zukunft seiner Nachfahren gemacht hat, weil er ja schon genug geleistet hat. Dies hier können wir allerdings stehenlassen:

„Denn von allem anderen bleibt höchstens heiße Luft – und selbst die wird kalt.“

Gruß aus der Gegenwart, Marcello

Artikelbild: Roman Samborskyi, shutterstock.com / Screenshot facebook.com

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