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Axel-Springer Boss Döpfner: Ausforschung der „Linken Bubble“ & Verschwörungsmythen?

von | Feb 9, 2022 | Aktuelles, Bericht, Medien

Financial Times-Bericht bringt Axel-Springer-Boss Döpfner in Erklärungsnot

Ein neuer Investigativbericht der Financial Times bringt Details zum damaligen Skandal rund um den beschuldigten Machtmissbrauch gegenüber Mitarbeiterinnen des entlassenen Ex-BILD-Chefs Julian Reichelt ans Tageslicht. Wir berichteten über die Versuche des Axel-Springer Konzerns, die Berichterstattung über den Skandal zu unterdrücken. Nun hat die Financial Times weiter recherchiert, wieviel die Führungsriege des Axel-Springer-Konzerns um Chef Döpfner zu welchem Zeitpunkt über den Fall wusste und was man dort unternommen haben soll – um die Geschichte zu vertuschen.

Laut Bericht wurden Vorwürfe ignoriert, Regeln gebrochen und Gegenschläge gezielt geplant. Die Schilderungen des Konzerns, man hätte damals von den Umtrieben Reichelts kaum etwas gewusst und man wäre überrascht von diesen gewesen, werden in dieser Darstellung widerlegt. Besonders schwerwiegend: Axel-Springer-Boss Matthias Döpfner wollte mittels eines Anwalts Zeugen auf Listen setzen lassen und systematisch einschüchtern, um sie zum Schweigen zu bringen. Ein Bericht, der besonders Axel-Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner in Erklärungsnot bringt. Döpfner sah Axel-Springer als Opfer einer „Verschwörung“ einer „linken Bubble“ (Quelle).

Schwere Anschuldigungen

Die Financial Times hat im Rahmen ihrer Ermittlungen mit mehr als 30 Personen gesprochen, darunter Dutzende von Tiefeninterviews mit ehemaligen BILD-Mitarbeiter:innen und Auftragnehmer:innen, von denen einige sexuelle Beziehungen zu Reichelt hatten und andere als Whistleblower fungierten.

Was den Axel-Springer-Konzern nun schwer belastet, sind nicht nur die Verfehlungen des ehemaligen BILD-Chefs Reichelt, sondern wie im Unternehmen damit (nicht) umgegangen wurde. Hier fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse des Enthüllungsberichts für euch kurz zusammen.

Die Story in short: Probleme mit Reichelt seien länger bekannt als zugegeben

Alles dreht sich darum, dass Julian Reichelt als Chefredakteur der BILD seine Machtposition gegenüber Frauen in der Redaktion derart ausgenutzt haben soll, dass viele sich von ihm genötigt gefühlt haben. Eine Betroffene schilderte zum Beispiel, dass sie Angst hatte, gefeuert zu werden, wenn sie nicht mit ihm geschlafen hätte. In der Redaktion sollen solche Geschichten ein „offenes Geheimnis“ gewesen sein.

Im Februar 2021 erhielt der Chief Compliance Officer von Axel Springer, Florian von Götz, eine Liste mit mehreren Frauen. Diese sollten angeblich während Affären mit dem Chefredakteur von BILD „misshandelt“ worden sein. Von Götz und Nachrichtenleiter Jan Bayer sprachen noch am gleichen Tag mit Betroffenen, von denen alle anonym bleiben wollten und alle Angst vor Julian Reichelt gehabt haben. Daraufhin wurde ein externes Compliance Verfahren eingeleitet, um die Vorkommnisse zu untersuchen. Die Ermittlungen wurden von der Anwaltskanzlei Freshfields geführt, die übrigens später einen lukrativen Auftrag von Axel Springer erhalten haben, die Übernahme von POLITICO zu begleiten (Quelle).

„Keine Gründe, ihn zu entfernen“.

Mitte März wurde Reichelt dann kurzzeitig suspendiert, nachdem der Spiegel die Untersuchung veröffentlicht hatte, nur um 12 Tage später wieder eingestellt zu werden. Axel Springer kündigte an, dass es zu diesem Zeitpunkt „keine Gründe gab, ihn zu entfernen“. Die Untersuchungen von Freshfield hätten kaum etwas Strafbares zu Tage geführt. Zumindest nicht nach deutschem Recht.

Am 17. Oktober wurde dann in einer Kolumne der New York Times eine Abschrift aus den Akten der Compliance-Ermittler zitiert. Was in diesem Protokoll beschrieben wurde, schien schlimm. Eine Angestellte, die von Reichelt unerwartet befördert und zum Sex in ein Hotelzimmer gerufen wurde. Es wirkte, als wäre der Aufstieg bei BILD mit sexuellen Gefälligkeiten verbunden. Der Artikel kam, als Axel Springer mit dem Kauf von POLITICO einen bedeutsamen Schritt auf dem US-Medienmarkt machen wollte. Ein offensichtlich ungünstiger Zeitpunkt für eine solche Veröffentlichung.

„Es war alles so verrückt, ich fühlte mich wie in einer Art Netflix-Drama.“

Was die New York Times Veröffentlichte, sah im Zuge der POLITICO-Übernahme nicht gut aus. Am 18. Oktober wurde Julian Reichelt dann entlassen, trotz der jahrelang schützenden Hand von Mathias Döpfner. Axel Springer berief sich auf „neue Erkenntnisse“ über eine anhaltende Beziehung zu einer BILD-Mitarbeiterin. Und sagte, Reichelt habe gegenüber dem Vorstand „unwahrhaftig“ gehandelt. Das Unternehmen sagte, es habe „keine Kenntnis von wichtigen Interviewtranskripten“, auf die in der Presse verwiesen wird.

Mathias Döpfner sagte zu Mitarbeitern und Journalisten:

„Wenn wir wüssten, was wir jetzt wissen, würden wir die Dinge anders machen.“

Laut Financial Times können diese Aussagen nicht korrekt sein. Döpfner erwähnte nicht, dass der eigene Compliance-Beauftragte von Götz die Geschichte dieser Frau gehört hatte, bevor die Freshfields-Untersuchung überhaupt begonnen hatten. Oder dass Axel Springer zwar die Niederschrift der Zeugenaussage der Frau nicht mitgeteilt wurde, das Unternehmen aber eine Zusammenfassung erhalten hatte. „Sie wussten alles von Anfang an“, wird eine direkt an der Untersuchung beteiligte Person zitiert. „Es war alles so verrückt, ich fühlte mich wie in einer Art Netflix-Drama.“

So waren die Verantwortlichen schon lange in Kenntnis über einzelne Details des unangebrachten Verhaltens Julian Reichelts, versuchten das ganze aber wohl auszusitzen, bis zum Artikel der New York Times.

Wirklich verrückt wird es erst, wenn man sich die Handlungen und Aussagen von Axel-Springer-Boss Döpfner während und im Anschluss dieses Skandals anschaut. Vor allem dann, wenn man sich die folgenden Passagen von Döpfner aus dem Oktober 2021 wieder ins Gedächtnis ruft (Quelle). Döpfner soll privat Aussagen ganz im AfD-Style getätigt haben und den Richtung „Querdenker“ radikalisierten Reichelt mit DDR-Vergleichen verteidigt haben:

„Er ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeits-Staat aufbegehrt.“

Döpfner glaubt an rechtsradikale Verschwörung statt den Betroffenen?

In Gesprächen soll Döpfner sich über eine „blinde Hass-Agenda“ beklagt haben: „Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Das hat nichts mit MeToo zu tun“, werden Döpfners Aussagen zitiert (Quelle).

Laut Financial Times ließ Döpfner als Reaktion auf den Skandal eine „Liste von Personen zusammenstellen“, die „ausgeforscht“ werden sollten, weil er hinter den Vorwürfen über systematischen Machtmissbrauch und sexistische Unternehmenskultur in seinem eigenen Haus eine „Verschwörung“ vermutete. Man selbst sei „die letzte Bastion der Unabhängigkeit“ und „Regierungskritik“ und deshalb würde man von der „Linken Bubble“ bestraft werden. Hört sich an wie ein Sprecher der AfD, ist aber leider einer der einflussreichsten Medienmacher des Landes.

Hier die entsprechende Passage (Quelle):

Two days after Reichelt’s dismissal, Döpfner recorded a video to his staff that contained no sympathy for the victims. He spoke of „men behind the scenes“ and told them an ex-girlfriend played a „big role“ in the saga. In private, not long after the Freshfields investigation was completed, Döpfner had launched a counter-investigation intended to expose a „conspiracy“ — an expression he frequently used in text messages to executives. „It’s a blind hate agenda . . . My feeling is we haven’t looked at [the ex-girlfriend] in a while,“ Döpfner told senior employees in one conversation.

Döpfner and his confidants hired an external lawyer and drew up a list of people to be investigated. „When there is more media coverage — of victims and so on — then we should go after them [the authors of the alleged conspiracy]. We are not the bad guys who go into the private mistakes of innocent intellectuals. We are the last bastions of independence and government criticism and that is why we are being punished by the leftist bubble, which pursues its views with great intolerance,“ Döpfner said.

Döpfner: „We are the last bastions of independence and government criticism and that is why we are being punished by the leftist bubble“

Sollte es weitere Berichterstattung gegen Axel Springer geben, so die Financial Times, „über die Opfer und so weiter“, dann wolle Döpfner die Personen auf dieser Liste mit der Öffentlichmachung von „privaten Verfehlungen“ fertigmachen lassen. Auf Döpfners Liste, so die FT, stünden auch die Opfer des Missbrauchs in seinem Unternehmen, also die Frauen, die sich gegen Julian Reichelt gewehrt haben.

„We should completely move this away from sexism . . . It had nothing to do with MeToo,“ Döpfner continued. „If we are attacked again . . . we still cannot directly reveal the accusers, but it’s acceptable to us that these names get out.“

Before the New York Times article was published, Axel Springer threatened to issue a lawsuit against the woman whose transcript was obtained by the paper, accusing her of exposing the company’s business secrets, according to a person with direct knowledge of the matter. Axel Springer said it had „clear indications“ that third parties attempted to oust the editor and harm the company, „including a list of persons named by Julian Reichelt“.

Wenn die Berichterstattung über die Missbrauchsvorwürfe bei Axel Springer nicht verschwinden würde, so Döpfner laut FT, könne Springer zwar nicht direkt die Namen der mutmaßlichen Opfer verraten, aber es sei für ihn „akzeptabel, wenn die Namen rauskommen.“ Das sagt der derzeit noch amtierende Präsident des Bundesverbandes der Digitalpublisher und Zeitungsverleger.

Auf Döpfners Abschussliste stünden außerdem zwei deutsche Satiriker, die den Skandal um Reichelt kritisch aufgriffen. Die Vermutung liegt nah, dass einer dieser beiden Jan Böhmermann ist.

Wie verschwörungsideologisch und rechts ist einer der größten deutschen Verlage?

Der Bericht der Financial Times über Axel Springer und ihren Vorsitzenden Mathias Döpfner sind gnadenlos entlarvend. Dass man schon lange Kenntnisse des mutmaßlichen Machtmissbrauches von Julian Reichelt hatte, obwohl man anderes beteuerte, ist die eine Sache. Dass man jedoch vorhatte, Opfer, Whistleblower und Kritiker:innen auf „Listen“ zu setzen und mit Berichterstattungen über Verfehlungen einschüchtern wollte – während man sich ironischerweise gleichzeitig eine Verschwörung in einem „DDR-Regime“ imaginierte – eine völlig andere.

Döpfner lässt hier nicht nur seine Methodik durchblicken, sondern auch seine politische Denke, die milde gesagt deutlich rechtspopulistisch angehaucht ist. Die Weltanschauung von Döpfner war auch schon zuvor schwer zu unterscheiden von der Rhetorik der AfD. 2017 sprach Döpfner von der „gebührenfinanzierten Staatspresse“ bei Online-Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen (mehr dazu). Im selben Jahr verbreitete er die Lüge von einem „Bockwurstverbot“ in Schwimmbädern wegen der Muslime (mehr dazu). 2019 behauptete er in einem WELT-Kommentar, „die Medien“ würden mehrheitlich (im Kontext von Einwanderung, wer hätte es gedacht?) nicht die Realität abbilden, sondern verschweigen und verharmlosen (mehr dazu).

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Axel Springer leugnet Darstellung

Gegenüber dem Spiegel äußerte sich der Springer-Konzern zu den Enthüllungen nur knapp:

„Der Artikel der Financial Times“ zeichne „ein irreführendes Bild der Compliance-Untersuchung, der daraus gezogenen Konsequenzen, des gesamten Unternehmens und seiner Führung.“

Aktuell fordert der Deutsche Journalisten-Verband den Vorstand des Axel-Springer-Konzerns auf, die ganze Wahrheit über die Reichelt-Affäre offenzulegen (Quelle.) So schreibt der DJV in seiner Pressemitteilung:

Außerdem soll Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner auf die Ausforschung möglicher Whistleblower gedrungen haben. „Wenn das stimmt“, so DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall, „steht die Frage nach der Führungskompetenz des Springer-Chefs im Raum“. Die Reaktion von Springer auf die FT-Enthüllung, der Bericht zeichne ein irreführendes Bild, hält der DJV-Vorsitzende für unzureichend: „Nicht zuletzt wegen seiner Verantwortung als Verlegerpräsident muss Mathias Döpfner Fakten benennen. Die Vorwürfe gegen ihn sind sehr schwerwiegend.“

Es ist nicht zu erwarten, dass der Vorfall strukturell etwas im Axel-Springer-Konzern verändern wird. Auch die Position Döpfners und sein Einfluss sind gefestigt. Seine Macht im Konzern ist nahezu zementiert, wie die internen Strukturen, die im Rahmen der Recherchen mit publiziert wurden, zeigen:

Man kann nur immer wieder auf die dubiosen Methoden – und regelmäßige Desinformation – von Axel-Springer-Medien (allen voran BILD, WELT) hinweisen.

Und hoffen, dass die Leser:innen und andere Medien solche Vorgänge abstrafen.

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Artikelbild: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

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