Unterdrückte Axel-Springer einen kritischen Investigativ-Bericht über BILD-Chef Reichelt?

| Bericht | 18. Oktober 2021

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New York Times berichtet kritisch über Reichelt und BILD/Axel-Springer Verlag

In der New York Times ist kürzlich ein sehr kritischer Bericht über die BILD-Zeitung und das Fehlverhalten ihres Chefredakteurs Julian Reichelt erschienen (Quelle).

Aber nicht nur das, zeitgleich sollte auch in Deutschland ein umfangreicher Investigativ-Bericht über Julian Reichelt von „Ippen Investigativ“ (früher „Buzzfeed News Deutschland“) erscheinen, der ebenfalls Details über Julian Reichelt ans Tageslicht fördern sollte (Quelle).

Kritischer Bericht von „Ippen Investigativ“ unterdrückt

Doch genau diese Veröffentlichung wurde in letzter Minute vom Mehrheitsgesellschafter des Ippen-Verlags, Dirk Ippen, gestoppt. Die verantwortliche Redaktion veröffentlichte daraufhin einen offenen Brief (Quelle). Dort heißt es unter anderem:

Dass Sie dennoch entscheiden, dass wir die Geschichte nicht veröffentlichen dürfen, widerspricht allen
Regeln der unabhängigen Berichterstattung. Die Entscheidung ist eine absolute Verletzung des
Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag. Wir fühlen uns dadurch in unserer Arbeit als
Investigativ-Team beschnitten.

Der Verdacht steht im Raum, dass der Axel-Springer Verlag Einfluss auf Dirk Ippen ausübte, um die Veröffentlichung zu verhindern. Aber der Reihe nach, worum geht es eigentlich bei den Vorwürfen gegen Julian Reichelt?

New York Times: Machtmissbrauch von Reichelt

Wie bereits erwähnt, ist in der New York Times ein umfangreicher Artikel über den Axel-Springer Verlag, sein Hauptmedium BILD und Chefredakteur Julian Reichelt erschienen.

Titel:

„Bei Axel Springer, dem neuen Eigentümer von Politico, gibt es Vorwürfe über Sex, Lügen und geheime Zahlungen“

Fehlverhalten gegenüber Frauen

Es geht erneut um die schweren Vorwürfe, die schon im März gegen Reichelt erhoben wurden und die zu einer internen Compliance-Untersuchung gegen ihn führten.

Vor allem geht es dabei um schwerwiegendes Fehlverhalten von Reichelt gegenüber Frauen in der BILD-Redaktion, aber auch um angebliches Mobbing und ein von Reichelt geschaffenes toxisches Arbeitsklima. Auch das Medienmagazin ZAPP berichtete ausführlich über die Vorwürfe gegenüber Reichelt, die man hier kurz zusammengefasst sichten kann:

Konsequenzen? In diesem Frühjahr sah sich der Verlag Axel Springer gezwungen zu „handeln“ und man leitete ein internes Compliance-Verfahren gegen Reichelt ein. Reichelt wurde zwar vorübergehend beurlaubt, konnte nach Abschluss des Verfahrens aber wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Also alles nahezu beim Alten.

Nun berichtet die New York Times erneut über das Verhalten von Reichelt

So schreibt die New York Times (Quelle):

A high-level editor at the powerful German tabloid Bild was trying to break things off with a woman who was a junior employee at the paper. He was 36. She was 25.

“If they find out that I’m having an affair with a trainee, I’ll lose my job,” the editor, Julian Reichelt, told her in November 2016, according to testimony she later gave investigators from a law firm hired by Bild’s parent company, Axel Springer, to look into the editor’s workplace behavior. I obtained a transcript through someone not directly involved.

Just before the editor spoke those words, another woman at the paper had lodged a sexual harassment complaint against the publisher of Bild. But Mr. Reichelt’s relationship with the junior employee continued, she testified, and he was promoted to the top newsroom job in 2017.

Grob übersetzt:

Ein hochrangiger Redakteur der mächtigen deutschen Boulevardzeitung „Bild“ versuchte, eine Beziehung mit einer Frau zu beenden, die eine junge Mitarbeiterin der Zeitung war. Er war 36. Sie war 25.

„Wenn sie herausfinden, dass ich eine Affäre mit einer Praktikantin habe, verliere ich meinen Job“, sagte der Redakteur, Julian Reichelt, im November 2016 zu ihr. Dies sagte sie später gegenüber Ermittlern einer Anwaltskanzlei aus, die von der Bild-Muttergesellschaft Axel Springer beauftragt wurde, das Verhalten des Redakteurs am Arbeitsplatz zu untersuchen. Ich habe eine Abschrift durch eine nicht direkt beteiligte Person erhalten.

Kurz bevor der Redakteur diese Worte sprach, hatte eine andere Frau bei der Zeitung eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung gegen den Verleger von Bild eingereicht. Die Beziehung zwischen Herrn Reichelt und der jungen Mitarbeiterin ging jedoch weiter, so die Zeugin, und er wurde 2017 zum Chefredakteur befördert.

Im Grunde geht es darum, dass Reichelt Praktikantinnen im Tausch gegen sexuelle Gefälligkeiten beim Aufstieg in der BILD-Redaktion half.

Weiter heißt es:

Mr. Reichelt did not, as he feared, lose his job when his relationship with the woman, as well his conduct toward other women at Bild, became public. Instead, Mr. Reichelt, who denied abusing his authority, took a brief leave and then was reinstated as perhaps the most powerful newspaper editor in Europe after the company determined that his actions did not warrant a dismissal.

Grob übersetzt:

Herr Reichelt verlor nicht, wie er befürchtet hatte, seinen Job, als seine Beziehung zu der Frau sowie sein Verhalten gegenüber anderen Frauen bei Bild öffentlich wurden. Stattdessen nahm Herr Reichelt, der bestritt, seine Autorität missbraucht zu haben, einen kurzen Urlaub und wurde dann als vielleicht mächtigster Zeitungsredakteur Europas wieder eingestellt, nachdem das Unternehmen entschieden hatte, dass sein Verhalten keine Entlassung rechtfertigte.

Wie vorhin erwähnt, führte das interne Compliance-Verfahren zu nichts, Reichelt wurde letztendlich wieder als einer der mächtigsten Chefredakteure Europas eingesetzt, sein Verhalten hatte keine Konsequenzen.

Dann machte die New York Times in ihrem Artikel öffentlich, dass kritische deutsche Berichte verhindert wurden:

This year, Juliane Löffler, a reporter at the German publisher Ippen, along with three other members of Ippen’s investigative team, worked on an investigation of Mr. Reichelt’s conduct in the hope of publishing an article with more details on what had taken place at Bild. In the course of reporting, Ms. Löffler and her colleagues gained access to some of the same documents that I reviewed in recent weeks, as the Ippen article was nearing its publication date. Then, on Friday, Ippen told its investigative unit that it was killing the story.

Grob übersetzt:

In diesem Jahr recherchierte Juliane Löffler, Reporterin beim deutschen Verlag Ippen, zusammen mit drei anderen Mitgliedern des Ippen-Rechercheteams zum Verhalten von Herrn Reichelt in der Hoffnung, einen Artikel mit mehr Details über die Vorgänge bei Bild zu veröffentlichen. Im Zuge der Berichterstattung erhielten Frau Löffler und ihre Kollegen Zugang zu einigen der Dokumente, die ich in den letzten Wochen eingesehen hatte, als der Ippen-Artikel kurz vor der Veröffentlichung stand. Dann, am Freitag, teilte Ippen seiner investigativen Abteilung mit, dass es die Geschichte einstellt.

Laut Übermedien sind die „Konsequenzen“ für BILD-Chef Reichelt, vielen Betroffenen viel zu wenig gewesen. Daraufhin blieb „Ippen-Investigativ“ am Thema dran und konnte zahlreiche Dokumente sichten. Kurz vor der Veröffentlichung wurde diese aber vom eigenen Verlag des Rechercheteams gestoppt.

Bisher ohne Angabe einer Erklärung.

Investigativ-Bericht über Reichelt auf mysteriöse Weise gestoppt

Es sollte also auch in Deutschland ein umfangreicher Bericht zu Reichelts Fehlverhalten veröffentlicht werden. So berichtet Übermedien (Quelle): 

Ihre Recherchen sollen dem Vernehmen nach ein Verhalten zeigen, durch das die Entscheidung des Unternehmens, ihn wieder zum Chefredakteur zu machen, unverständlich und skandalös wirkt. Nach rund einem halben Jahr war es so weit, dass die Geschichte veröffentlicht werden konnte – offenbar gab es auch aus der Führungsebene grünes Licht dafür.

Weiter heißt es:

Doch dann wurde alles gestoppt. Im Hintergrund sollen Vertreter von Axel Springer Kontakt zu hochrangigen Ippen-Verlagsleuten aufgenommen und versucht haben, auf sie einzuwirken, eine Veröffentlichung zu verhindern. Axel Springer hat auf eine Anfrage von Übermedien dazu bislang nicht geantwortet.

Laut dem Sprecher von Ippen Digital habe es eine solche Einflussnahme nicht gegeben. Vergangenen Donnerstag wurde aufgrund der Brisanz der anstehenden Veröffentlichung eine Gesellschafterversammlung einberufen, bei der Dirk Ippen die Veröffentlichung des Berichts verhinderte.

Ippen Digital-Chefredakteur Markus Knall äußerte sich dazu wie folgt:

„nach intensiver und harter Diskussion [hat sich] letztlich Dr. Ippen als Mehrheitsgesellschafter und Namensträger klar gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen“.

Keine Begründung für Veröffentlichungsbremse

Wie bereits erwähnt veröffentlichte das Rechercheteam von Ippen-Investigativ einen offenen Brief zum Stopp des Berichts über Reichelt. Man zeigt sich offenkundig schockiert über das Vorgehen (Quelle).

So heißt es im Schreiben:

In den vergangenen Tagen wurden zahlreiche weitere Medien aus dem Ippen-Netzwerk bereits über die anstehende Veröffentlichung informiert. Geplant war für Sonntagabend eine breite Veröffentlichung auf allen digitalen Plattformen des Netzwerks, in den sozialen Medien, über Push-Nachrichten und Newsletter sowie am Montag in Print auf einer Doppelseite der Frankfurter Rundschau.

Dass Sie dennoch entscheiden, dass wir die Geschichte nicht veröffentlichen dürfen, widerspricht allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung. Die Entscheidung ist eine absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag. Wir fühlen uns dadurch in unserer Arbeit als Investigativ-Team beschnitten.

Weiter heißt es:

Besonders irritiert hat uns die Tatsache, dass für den Stopp der Recherche keine juristischen oder redaktionellen Gründe angeführt wurden. Auch die Anrufe der Springer-Verantwortlichen bei der Ippen-Mediengruppe sollen nicht der Grund gewesen sein – sondern persönliche Geschmacksfragen. Hierzu möchten wir klarstellen: Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin.

An diesen Recherche-Ergebnissen besteht ohne jeden Zweifel ein hohes öffentliches Interesse.

Rechercheteam tief enttäuscht vom Ippen-Verlag

Abschließend schreibt das Investigativ-Team gegenüber dem Ippen-Verlag:

Die heutige Entscheidung bedeutet für uns einen Vertrauensbruch in der Zusammenarbeit zwischen dem Investigativ-Team und dem Verlag. Wir sind von dieser Entscheidung zutiefst enttäuscht. Wir fragen uns: Wie sollen wir diese Entscheidung gegenüber unseren Quellen, Kolleg:innen und Kooperationspartner:innen erklären?

Wir müssen sicher sein, dass auch im Hause Ippen die Trennung von Redaktion und Verlag gilt.

Mit freundlichen Grüßen,
das Team von Ippen Investigativ

Wieso wird ein kritischer Bericht über Reichelt zurückgehalten?

Der Verdacht steht also im Raum, dass der Axel-Springer Verlag die Veröffentlichung eines kritischen Berichts über ihren Chefredakteur Reichelt unterdrückt hat. All diese Informationen und Vorgänge mögen manche schockieren, doch sie sind bei Axel-Springer leider nichts Neues.

Die schützende Hand Döpfners über Reichelt

Es ist kein Geheimnis, dass Axel-Springer Chef Mathias Döpfner seine schützende Hand über Julian Reichelt hält, weil sie genau auf gleicher Linie sind. Keine Überraschung also, dass trotz internem Compliance-Verfahren eigentlich nichts passierte:

Dass man Herrn Döpfner kritisch sehen muss berichteten wir bereits 2019:

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Am Ende bleiben die Fragen offen, warum kritische Berichterstattung über den BILD-Chef Julian Reichelt offenbar unterdrückt wird und wie das überhaupt möglich sein kann. Es scheint so, dass Schaden von Reichelt, BILD und Axel-Springer abgewendet werden soll.

Man kann nur hoffen, dass die Hintergründe dieser dubiosen Vorgänge beim Axel-Springer- und Ippen-Verlag noch aufgeklärt werden.

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Artikelbild: Screenshot Twitter, New York Times

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