Impfgegner, die Kinder nach Paraguay entführten, fordern Abbruch der Suche nach den Kindern

| Querdenker | 3. Juni 2022

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Impfgegner bitten um Abbruch der Fahndung

Alleine zwischen Januar und Oktober 2021 siedelten 1.077 Deutsche nach Paraguay über. Damit bilden deutsche Neubürger:innen dort nach Brasilianer:innen und Argentinier:innen die drittgrößte Bevölkerungsgruppe (Quelle). Der häufigste Grund für den Entschluss Deutschland zu verlassen: die Corona-Maßnahmen und die Impfung. Viele Auswanderer:innen folgten den Rufen aus dubiosen Chatgruppen: eine Entscheidung auf Basis von Halbwissen und Fake News. Es hatte sich ein ganzes Auswanderungs-Business entwickelt, wir berichteten.

Ein besonders abstruser solcher Fälle ist dieser: Ermittler in Paraguay fahnden öffentlich nach einem deutschen Impfgegner-Paar. Was war passiert? Wie viele andere aus dem Umfeld der „Querdenken“- und „Impfgegner“-Extremisten ist dieses Paar mit ihren zwei Kindern (10, 11) letzten November nach Paraguay geflohen, aus irrationaler Angst vor der Corona-Impfung und einer Impfpflicht, die nie kam. In ihrem Abschiedsbrief schreiben die offenbar gut Indoktrinierten von einem „Überwachungsstaat“, in dem „Menschen-Experimente“ drohen. Daher müssten sie die „Reißleine“ ziehen (Quelle). Telegram & Co. haben ganze Arbeit geleistet.

Der Vorwurf: Sie haben die Kinder entführt!

Doch so tragisch diese Sache bereits ist, es ist schlimmer. Die beiden Kinder stammen jeweils aus erster Ehe der beiden Partner. Die verbliebenen Elternteile aus den früheren Beziehungen hatten nie ihr Einverständnis gegeben für die irrationale, ideologisch motivierte Auswanderung. Ihnen wurden ihre Kinder heimlich entrissen. Gut sechs Monate nach dem Verschwinden der Kinder ist das großes Thema in Paraguay: Fahndungsplakate der Impfgegner und der mutmaßlich entführten Kinder wurden ausgegeben (Quelle).

paraguay-fahndung

Sie hätten, schreibt die Zeitung, versucht, sich in einer „Anti-Impfstoff-Enklave“ in La Colmena niederzulassen. Der Zeitung zufolge handele es sich um „extremistische Gemeinschaften“. Doch seit Januar fehlte von den Impfgegnern jede Spur. Die verbliebenen Eltern sind verzweifelt, haben Angst um ihre Kinder: Sie befinden sich „in einem Tunnel aus Ängsten“, sagt der Vater (Quelle). Seit Monaten schreibt er seiner Ex-Frau Mails – ohne Reaktion. Er veröffentlichte ein Video in einem Verzweifelten Aufruf an seine Ex-Frau.

Er wirft ihr vor, eine Straftat begangen zu haben. „Aber auch hier werde ich mich dafür einsetzen, dass wir schlussendlich wieder als Familie zusammenfinden.“ In einem anderen, ähnlichen Fall, in welchem eine Impfgegner-Mutter gemeinsame Kinder nach Paraguay entführte, konnte der leibliche Vater nach mehreren Wochen Suche auffinden und nach Deutschland zurück holen. Die Mutter der Kinder wurde zu 1,5 Jahren auf Bewährung verurteilt und muss 200 Sozialstunden ableisten. Und das war ein minderes Urteil, für das sich der Vater einsetzte (Quelle).

Mutmaßliche Entführer bitten, dass man doch nicht mehr nach ihnen fahndet

Jetzt haben sich die flüchtigen Impfgegner als Reaktion auf die öffentliche Fahndung in einer Video-Botschaft an die Behörden gewendet. Staatsanwältin Carina Sánchez sagte am Dienstagabend im Fernsehsender ABC: „Wir haben Videoaufnahmen erhalten, auf denen die zwei Kinder zu sehen sind. Den Hintergrund können wir aber nicht nutzen, um ihren Aufenthaltsort zu bestimmen.“ (Quelle) In dem Video bitten die Kinder mit ihren Eltern darum, dass nicht weiter nach ihnen gesucht wird: „Ich will, dass die Welt weiß, dass ich freiwillig mitgekommen bin und nicht entführt worden bin“, sagte das zehnjährige Mädchen.

Zur Erinnerung: Gegen das Paar liegt nach Angaben der paraguayischen Staatsanwaltschaft ein über die internationale Polizeibehörde Interpol verbreiteter Haftbefehl vor. Auch der Anwalt der in Deutschland gebliebenen Eltern richtet sich in einem offenen Brief an die Impfgegner: „Tun Sie das Richtige. Melden Sie sich bei uns oder den Behörden“, hieß es in dem Schreiben. „Unseren Mandanten geht es nicht um Strafe. Sie wollen mit Ihnen eine Lösung finden, die allen eine Zukunft in Frieden und eine Rückkehr in ein normales Leben ermöglicht.“ Zwischenzeitlich wurde ein möglicher Helfer der mutmaßlichen Entführer festgenommen und befragt (Quelle).

Eine der extremsten Formen der Desinformation und Panikmache von „Querdenken“

Ironisch ist übrigens auch, dass Paraguay gar nicht das Impfgegner-Paradies ist, wie in Telegram erzählt wird. Einreise für Ungeimpfte wurde Anfang des Jahres untersagt (Quelle). Die extrem vielen Corona-Toten führten zu massiver Zustimmung für eine Impfpflicht in Paraguay von 71% (Quelle). Das Problem der Menschen in Paraguay sind nicht überzogene Unsicherheit der Impfung, sondern dass zu wenig Impfstoff verfügbar war (Quelle, Quelle).

Neben grauenvollen (Selbst)Morden wegen der extrem vielen Lügen aus Telegram & Co wie Idar-Oberstein oder Königs-Wusterhausen sind solche tragische Fälle wie die mutmaßliche Entführung der zwei Kinder nach Paraguay von radikalisierten Impfgegnern die extremsten Beispiele des Fanatismus und der Desinformation von „Querdenken“. Es bleibt zu hoffen, dass die mutmaßlich entführten Kinder wohlauf bleiben und bald wieder mit ihrer Familie vereint werden können. Dem Impfgegner-Paar drohen hingegen juristische Konsequenzen. Alles nur, weil sie auf Lügen von Querdenkern hereinfielen.

Artikelbild: Jorge Saenz/AP/dpa

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