Guckt euch an, wie dumm die AfD und ihre Wähler sind!

| 7. August 2019

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Auch nicht dümmer als du.

In den letzten Tagen habe ich einige Artikel darüber verfasst, wie die AfD und andere Rechtsextreme und Rassisten gezielt mit selektiv ausgewählten Tragödien (Hier, Hier) und verdrehten, unzuverlässigen Statistiken (Hier, Hier) nicht beweisen, wie böse und gefährlich „Ausländer“ sind, sondern dass sie versuchen, rassistische Vorurteile vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Doch Rassismus hat nie etwas mit Fakten (oder Anstand) zu tun. Dass die Reaktionen selten sachlich und inhaltlich waren, habe ich dann hier beschrieben:

Ich habe tagelang mit Rassisten diskutiert: 5 Dinge, die ich gelernt habe

In den Kommentaren erzählten viele über ihre Erfahrungen mit fruchtlosen Diskussionen mit Rassisten und solchen, die die rassistischen Erklärungsmuster von BILD, AfD und Co übernommen haben. Erklärungen seien sinnlos, diese Menschen seien einfach „dumm“. Auf die Frage, warum sie die Lücken in der Berichterstattung und die Fakten nicht erkennen können, ist die Binsenweisheit:

Aber das Problem ist nicht, dass AfD-Wähler dumm sind. Sie sind nicht dumm, das ist das Problem. Beziehungsweise ist „Dummheit“ als Konzept grundsätzlich problematisch und auch nicht Rechtsextremen vorbehalten. Natürlich lachen wir Fehler der AfD aus, wenn sie entlarven, dass sie ihrem propagierten Selbstbild widersprechen und ihre Lügen als solche entlarven. Aber „Dummheit“ führt nicht zu Rassismus und das wollten wir auch nie gesagt haben.



Das Problem mit „Dummheit“

Zuerst einmal ist diese Argumentation selbst eine Form der Diskriminierung. Umso peinlicher, wenn wir uns gegen jegliche Form der strukturellen Diskriminierung einsetzen und dann selbst so eine anwenden. Denn Menschen mit einem „niedrigen IQ“ oder Einschränkungen der mentalen Fähigkeiten oder sonst was sind nicht automatisch schlechte Menschen. Die werden nicht automatisch Rassisten. Das ist unfair und schert alle über einen Kamm.

Bildungsgrad hat auch nichts damit zu tun. Denn Bildung ist nicht das gleiche wie Intelligenz. Bildung ist auch nur ein Werkzeug, das darüber hinaus nicht allen gleich zur Verfügung gestellt wird. Menschen mit niedrigem Einkommen oder Migrationshintergrund werden systematisch in unserem Bildungssystem benachteiligt. Das macht sie nicht automatisch zu schlechteren Menschen und auch nicht zu Rassisten. Es ist sehr arrogant und elitär, andere Menschen einfach als „dumm“ abzustempeln.

Wenn jemand komplizierte Erklärungen nicht verstehen kann oder auf plumpe Propaganda herein fällt, weil er sie nicht hinterfragen kann, dann macht es sie nicht „dumm“. Denn wenn die „Problemanalyse“ hier beendet wäre, macht das jeden Dialog unmöglich, beleidigt das das Gegenüber und ignoriert die vielen „nicht Dummen“, die diese Erklärungsmuster ebenso verwenden. Nein, das Problem ist ein anderes.

Das Problem ist Weltanschauung

Wenn eine lesbische Frau, die mit ihrer Frau aus Sri Lanka und Kindern in der Schweiz lebte und eine Asylbewerberin als Putzkraft einstellte (Quelle), bei einer homophoben und rassistischen rechtsextremen Partei mithetzt, dann ist das wohl nur mit Opportunismus und Kalkül zu erklären. Denn dumm ist Frau Weidel sicher nicht, auch wenn einige ihrer Texte wirr und logisch unzusammenhängend sind. Denn die AfD funktioniert nicht über Logik, sondern über Framing und Emotionalisierung.

Wer darauf herein fällt, dem fehlt nicht die Fähigkeit, logisch zu argumentieren. Der ist nur von seiner Weltanschauung geblendet. Und das Problem finden wir nicht nur bei Rechtsextremen, sondern auch bei uns. Ohne ins Detail zu gehen: Was, wenn ich sage, dass wir bei Homöopathie, Glyphosat und Atomkraft auch mehr emotional reagieren als rational? Bist du schon verärgert? Das liegt daran, dass Menschen sich mit ihren Einstellungen identifizieren.

Und wenn jemand diese Einstellung angreift, fühlt man sich persönlich angegriffen. Das ist ganz normal. Dann wird ein Instinkt aktiviert, der um das Überleben kämpft. Anstatt ein Argument zu verteidigen, verteidigt man seine Existenz. Studien haben gezeigt, dass Themen, die politisch aufgeladen sind, zu emotionalen Reaktionen führen. Man verteidigt „seine“ politische Seite, seinen „Stamm“ vor den bösen Angreifern. Das hat dann mit Logik und Fakten weniger zu tun. Das machen wir alle, das mache auch ich.

Deswegen glauben Menschen Fake News

Je nach Filterblase und politischer Einstellung „fühlen“ sich unterschiedliche Dinge wahr an. AfD-Wähler glauben jede Fake Meldung über kriminelle Nichtdeutsche, weil es erstens in ihre Weltanschauung passt, dass diese dafür Schuld sind, dass Deutschland angeblich unsicher ist. Und anders herum habe ich auch zunächst die Geschichte der Frau geglaubt, die erzählt hatte, dass vor 50 Jahren ihre Tante von einem Bahnhofschubser getötet wurde. Aber bisher wurde dafür kein Beleg gefunden.

Das soll nicht heißen, dass diese Fälle vergleichbar sind. In der rechtsextremen Filterblase wird beispiellos gelogen, gehetzt und verdreht. So findet sich das auf der „anderen“ Seite überhaupt nicht. Eine Weltanschauung, die fundamental realitätsfern ist wie der Faschismus der AfD, braucht viel mehr Lügen und Falschdarstellungen, um aufrecht erhalten zu werden. Die Ausmaße sind überhaupt nicht vergleichbar. Faschismus schafft sich eine frei erfundene Parallelwelt. Aber die Mechanismen, Geschichten zu glauben, die die eigene Weltanschauung bestätigen, hat jeder.

Bei Aussagen und Statistiken, die uns bestätigen sind wir (leider) automatisch viel unkritischer und haben „blinde Flecke“. Außerdem ist es sehr schwer, zu zugeben, wenn man falsch liegt. Es ist meistens einfach, den anderen zu beleidigen oder ihm eine Lüge zu unterstellen. Oder zu sagen, er sei dumm. Versteht mich nicht falsch, Rassismus ist „dumm“. Rassismus ist falsch. Tönnies Aussagen waren rassistisch, weil sie auch falsch waren und diskriminiert haben, auch wenn Schalke das nicht so sieht.

Aber wenn wir jeden, der rassistische Erklärmuster verwendet als „dumm“ abstempeln, verlieren wir nicht nur die Möglichkeit zu einer Diskussion (was nicht heißt, dass sich immer eine Diskussion lohnt). Wir verlieren auch aus den Augen, warum Menschen zu solchen Erklärungen hingezogen werden. Und damit die Möglichkeit, dies zu verhindern.

Artikelbild: Kiryl Lis, shutterstock.com

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