Skandal! Luisa Neubauer von FridaysForFuture schon mal Flugzeug geflogen!

Kolumne Schwer verpetzt

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über sinnlose ablenkungsversuche

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Stefan Müller hat DAS Argument gegen Klimaschützer*innen, Wissenschaftler*innen und FridaysForFuture gefunden: Luisa Neubauer ist schon öfter mal mit dem Flugzeug geflogen.

Uff, Luisa Neubauer, eine Heuchlerin? Ein Triumph für die Gegner von wirksamen Klimaschutzmaßnahmen! Wir müssen Luisa Neubauer und ihren Argumenten nicht mehr zuhören, weil sie ein paar mal im Flugzeug saß. Jetzt können wir mit besten Wissen und Gewissen die Finger in die Ohren stecken, denn wer hätte es gedacht: Auch Klimaschützer*innen können nicht klimaneutral leben!



Whataboutismen und ad hominems

Zuerst zur wichtigsten Frage: Ja und? Luisa Neubauer und viel wichtiger die Wissenschaftler*innen argumentieren, dass Flugverkehr, der weltweit 5% aller Emissionen ausmacht, begrenzt werden sollte. Bisher wird Fliegen subventioniert, durch fehlende Mehrwertsteuer und Kerosinsteuer, bzw. auch Finanzierung  unwirtschaftlicher Flughäfen. 10 Milliarden Euro gibt der Staat somit dafür aus. Gleichzeitig werden bessere Alternativen wie beispielsweise die Deutsche Bahn damit benachteiligt. Das ist ein Markteingriff, der zu mehr Emissionen führt.

Deshalb fordert Luisa Neubauer auch zunächst, die Alternativen zum Fliegen, gerade für innerdeutsche Reisen, attraktiver zu machen und den Wettbewerb nicht weiter zu verzerren. Danach hält sie auch ein Verbot von innerdeutschen Flügen für denkbar. Wer fliegt, muss sich aber auch nicht schämen sagt sie. Denn das bringt die Debatte auch nicht weiter (Quelle).

Dass Luisa Neubauer, als sie jünger war, auch mal in den Urlaub geflogen ist, ändert jetzt was genau an ihren Forderungen? Macht das die Emissionen von Flugzeugen weniger? Macht das die Subventionen sinnvoller? Oder die Klimakrise weniger schlimm? Das ist ein reiner Whataboutismus und ein argumentum ad hominem. Es ist der Versuch, von einer sinnvollen Diskussion abzulenken, indem man den Überbringer der Nachricht angreift, nicht dessen Argumente. Egal wie oft sie im Flugzeug saß, sie hat Recht. Sind drei Flüge ok? Sechs nicht mehr? Wo ist die Grenze? Blödsinn!

Und Was macht eigentlich die CSU so?

Man kann Luisa Neubauer gerne für eine Heuchlerin halten, aber was machen wir jetzt mit der Feststellung? Ändert das etwas an der Politik der CSU? An den hunderttausenden anderen FridaysForFuture-Schüler*innen? Daran, was Klimaexpert*innen sagen? Wenn sich Herr Müller nicht dafür einsetzt, den Flugverkehr zu reduzieren, wofür kritisiert er sie dann?

Das Schöne an solchen Angriffen ist, dass man sie leicht umdrehen kann. Müller kritisiert Luisa Neubauer, weil sie zu viel fliegt? Ich möchte an die unzähligen Flüge von Ministerialbeamten erinnern, die teilweise wöchentlich zwischen Bonn und Berlin pendeln müssen. Per Flugzeug (Quelle). 2018 gab es allein 800 Flüge, die leer waren, insgesamt 727 Flugstunden ohne Passagier und Fracht. Wen interessieren da die Flüge einer einzelnen Person, wenn das Problem viel viel größer ist?

Und übrigens war es Stefan Müllers eigener Kreisverband, der gerade erst Flugstrecken zwischen Erlangen und München fördern wollte. Eine Strecke, die man mit 1,5h bis 2h mit dem Zug gefahren ist! Was ist das für eine perverse Kritik an Luisa Neubauer?

Nach der logik dürfte niemand was für das klima tun

Luisa Neubauer und auch den anderen FridaysForFuture-Demonstranten wird vorgeworfen, Abifeiern im Ausland zu feiern, Billigklamotten zu kaufen, und so weiter. Nochmal: Das ist die bescheuertste Kritik, die man bringen kann. Die Klimakrise war bereits eine Bedrohung, als die meisten von ihnen noch nicht auf der Welt waren. 2004 forderten bereits alle führenden deutschen Klimaexperten, dass mehr gegen Emissionen getan werden müsse, als man über Emissionshandel in der EU diskutierte. Seit den 1980ern gibt es einen Konsens, dass die Menschheit das Klima zerstört!

Da war keiner der FridaysForFuture-Schüler*innen auf der Welt! Aber die sollen die ganze Schuld daran tragen? Das ist absurd! Sie sind Schuld an der Klimakrise, wenn sie als KINDER mal in den Urlaub geflogen sind? Wer hat ihnen das denn erlaubt? Wer hat ihnen das denn ermöglicht? Und wer hat denn diese Gesellschaft geschaffen, in der rücksichtsloser Konsum möglich und gewollt ist – und wer verteidigt diese immer noch?!

Man wirft buchstäblich den Kindern vor, für die Probleme einer Gesellschaft verantwortlich zu sein, in die sie hineingeboren wurden. Eine Gesellschaft, die genau jene Personen übrigens genau so beibehalten wollen! Und selbst wenn: Diese Menschen und auch Luisa Neubauer wollen etwas daran ändern! Sie tun etwas dagegen! Sie fahren weniger Auto, essen weniger Fleisch, und ja, fliegen weniger Flugzeug. Und da haben wir auch noch nicht mal über Kohle geredet. Und ihre Kritiker? Bei jedem Aktivisten werden ihr etwas finden, denn wir sind alle Menschen und können nicht nicht Emissionen verursachen. Irgendwas hat jeder von uns mal gemacht oder macht es immer noch. Das ist ja das Problem. Es ist nicht möglich, es anders zu tun. Nach der Logik dürfte niemand etwas unternehmen.

LAsst das Stalking stecken!

Also können wir Menschen, die sich dafür einsetzen, dass systematische Lösungen in Angriff genommen werden – und tausende Studien und Expertenmeinungen auf ihrer Seite haben – mit ihrer „sündhaften“ Vergangenheit in Ruhe lassen? Anerkennen, dass sie eine Gesellschaft kritisieren, in der man nicht nicht die Umwelt zerstören kann? Und die daran etwas ändern wollen? Sie haben nun mal trotzdem Recht. Es muss trotzdem etwas getan werden. Einzelne Personen zu stalken und ihre vergangenen Flugreisen zu überwachen ist hingegen aber nicht nur völlig sinnlos, kontraproduktiv und eine Ablenkung, sondern auch ziemlich creepy.

Artikelbild: AndolCC BY-SA 4.0, pixabay.com, CC0

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