Pseudo-“PanoramaGate”: Lügen, Ablenkungen & rechtsextreme Gewaltdrohungen

| Schwer verpetzt | 29. Juli 2020

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Was gerade passiert

Der Hashtag #PanoramaGate ist der Versuch, saubere journalistische Arbeit und berechtigte Kritik zu einem rechten Pseudo-Skandal zu machen, indem die Debatte mit Falschbehauptungen und Whataboutismen gezielt verzerrt wird es wird bewusst abgelenkt und neu kontextualisiert. Die rechtsextreme Szene versucht regelmäßig, Skandale zu erzeugen, wo keine sind. Manchmal macht sie das weniger erfolgreich mit dem Migrationspakt (mehr dazu), manchmal erfolgreicher mit Umweltsau (mehr dazu).

Allein sind rechtsextreme Hasskampagnen meistens eher wirkungslos. Sie entfalten dann Wirkung, wenn Rechts-Konservative und demokratische Rechte Hand in Hand gegen unliebsame Personen vorgehen. Das kann passieren, indem Rechtsextreme Themen setzen und Konservative diese dann in die Mitte der Gesellschaft tragen. Oder eben, wenn Rechtskonservative bestimmte Personen öffentlich zum Abschuss freigeben und diese dann von Rechtsextremen mit Morddrohungen überhäuft werden.

“Es gibt die Tendenz, dass jemand, der öffentlich renommiert ist, vorangeht, unerwünschte Personen im Grunde markiert und zum Abschuss freigibt, und sich dann Rechtsradikale darauf stürzen”, erklärt Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena (Quelle).

Genau das ist jetzt beim vermeintlichen #PanoramaGate der Fall: Und die WELT mitten drin. Besonders der WELT-Kolumnist Don Alphonso und Chefredakteur Ulf Poschardt, der sich trotz dessen Falschbehauptungen und heuchlerischen Anschuldigungen hinter ihn stellt. Und das obwohl die Rechtsextremismusexpertin seit Tagen wegen der Anschuldigungen Opfer einer massiven rechtsextremen Einschüchterungskampagne wird, die sich auch gegen ihre Kinder und ihren toten Vater richtet. Aber eins nach dem anderen.

Der Sachverhalt, von dem abgelenkt werden soll

Wichtig ist es, erst einmal zu wissen, worum es eigentlich bei dieser es sieht aus wie eine Vendetta geht. Leser*innen der WELT-Beiträge von Don Alphonso erfahren in seinem ersten Artikel nämlich nicht einmal, worum die Kritik aus der ursprünglichen Recherche von Panorama überhaupt handelt. Er spricht lediglich davon, dass “ein Unwissender” “wegen drei Likes” “denunziert” worden sei. Nichts davon ist wahr.

Im Bericht von “Panorama” (“Bundeswehr: Social-Media-Leiter sympathisiert mit Rechtsradikalem”) werden folgende Recherchen vorgestellt: Oberstleutnant Marcel Bohnert (im Artikel konsequent mit “Marcel B.” unkenntlich gemacht) hat mit einem offenbar rechtsextremen Account sympathisiert. Der Account bekennt sich offen zur “Identitären Bewegung”, die vom Verfassungsschutz als “gesichert rechtsextrem” eingestuft wird. Auch wird Zustimmung für Faschist und AfD-Politiker Björn Höcke formuliert, heißt es.

Bohnert versah mehrere Beiträge des Rechtsextremen mit “Gefällt mir” drückte also aktiv Zustimmung aus. Darunter Fotos mit rechtsextremen Hashtags oder Bücher von neurechten Autoren von einem bekannten rechtsradikalen Verlag, der Götz Kubitschek gehört, einem der führenden Köpfe der “Neuen Rechten”, der als enger Vertrauter Höckes gilt und zur AfD und Identitären Bewegung Kontakte pflegt. Zu dem Bild schreibt der rechtsextreme Account: “Es gibt Lektüren, die Impfungen gleichen.” Impfungen gegen die offene Gesellschaft also. Panorama belegt: “Oberstleutnant Marcel B. kommentiert das mit: “Gefällt mir”. Und das war noch nicht mal alles (Quelle).

Kritik am Social Media Verhalten

Panorama hat zu dem Verhalten von Bohnert also die Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl befragt, das Verteidigungsministerium, den FDP-Obmann im Innenausschuss des Bundestages, Benjamin Strasser und Bohnert selbst. Letzterer hatte auf Anfrage von Panorama nicht reagiert.

Expertin Strobl erklärte uns auf Anfrage, sie wurde von Panorama gefragt, die Instagram-Posts und die Likes zu beurteilen, ohne zunächst zu wissen, in welchem Kontext. Das wird später wichtig. Sie stellte fest, dass das selbstverständlich eindeutig rechtsextreme Inhalte sind und Likes dazu Zustimmung ausdrücken. Auf die Nachfrage, ob es problematisch sei, wenn das ein Zuständiger der Bundeswehr liken würde, erklärte sie, dass das selbstverständlich der Fall sei. Bewaffnete Verbände dürften keinerlei Kontakt zu derartigen Organisationen oder Gedankengut haben.

Mit dem Hannibalnetzwerk (Quelle) oder dem NSU 2.0 und vielen anderen Fällen (Quelle) gibt es schließlich viele problematische, rechtsextreme Netzwerke in den Behörden, da müsse das besonders genau genommen werden. Im Panorama-Bericht wird sie zitiert mit: “Gerade der Leiter der Social-Media-Abteilung der Bundeswehr darf natürlich überhaupt keinen Kontakt haben zu den Identitären. Das ist absolut ein Skandal für die Bundeswehr.”

Das Verteidigungsministerium werde die Vorwürfe “umgehend und sorgfältig prüfen” und habe da eine “absolute Null-Toleranz-Linie”. Der FDP-Politiker Strasser bezeichnete Bohnert als “untragbar” und meinte, da könne man sich “nicht auf ein Versehen oder auf Unwissenheit herausreden.”

Nicht “nur ein paar Likes”

Allerdings beschränkten sich die Kontakte von Bohnert in die rechtsextreme Szene offenbar nicht nur auf “ein paar Likes”, wie sie Don Alphonso in seinem ersten Artikel (Link) zum Thema lediglich bezeichnete. 2015 hatte Bohnert auch einen Vortrag vor der Burschenschaft “Cimbria München” gehalten.

Die extrem rechte Burschenschaft mit völkischen Tendenzen war damals bereits wegen ihrer Ideologie und ihrer nationalsozialistischen Diktion bekannt und kritisiert. Kontakte existieren zur Münchner Danubia, die im Verfassungsschutz auftaucht oder zu der umstrittenen Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger (Quelle). Zur Danubia hatte auch Rechtsextremist und AfD-Politiker Kalbitz Kontakt (Quelle).

Und das ist immer noch nicht alles: Bohnert sprach auch 2014 beim “Studienzentrum Weikersheim”. Dort sollen in der Vergangenheit regelmäßig Redner mit extremistischen und zum Teil antisemitischen Ansichten zu öffentlichen Vorträgen eingeladen worden sein. Es wurde zeitweise von einem Neonazi geleitet und gilt ebenfalls als neurechts (Quelle). Auch dazu keine Stellungnahme von Bohnert. Strobl sagte dazu: “Man kann nicht Vorträge halten, ohne sich darüber zu informieren, bei wem man sie hält.” (Quelle).

Und außerdem habe er bei einem Sammelband mitgewirkt, den ein bekennender Identitärer und Rechtsextremist herausgegeben hat (Quelle).

Es sind mitnichten nur ein paar Likes, geschweige denn harmlose, gewesen. Mit Auftritten in extrem rechten Organisationen verdichtet sich durchaus ein Bild, das kritisiert werden muss. Und als Offizier in der Bundeswehr, gerade in einer derartigen Vorbildfunktion, muss man die Verfassungstreue jedes einzelnen überprüfen. Das ist wichtig für den Erhalt unserer Demokratie und unseres Rechtsstaates. Hier geht es immerhin um bewaffnete Kräfte.

Update: Ausführliche Hintergründe zu Cimbira, Danubia und Weikersheim:

Die Fakten & rechtsextremen Hintergründe, von denen “PanoramaGate” ablenken soll

Die Folgen der Panorama-Recherchen

Nach der Veröffentlichung hat sich Bohnert in der “Bild”-Zeitung eingeräumt, ihm sei “ein großer Fehler” passiert. “Ich war nicht aufmerksam genug, habe darauf vertraut, dass das, was mir aus meiner Community reingespielt wird, schon in Ordnung ist”, sagte er (Quelle).

Auch im SPIEGEL-Interview räumt Bohnert Fehler ein: Er lehne Rechtsextreme und deren Einstellungen entschieden ab und habe keine Kontakte oder Sympathien zu ihnen. Er sagt er habe “nicht genau genug aufgepasst” und dass es ein “fataler Fehler” war. Er soll nur unachtsam Beiträge “mit Bezug zur Bundeswehr” geliked haben. Panorama stellt später klar, dass das nicht stimmt: Es waren Beiträge mit rechtsextremen Inhalten, explizit ohne Bezug zu einem Bundeswehr-Hashtag und stattdessen eindeutig rechtsextremen Hashtags:

Angeblich will Bohnert auch nichts über die extremen Hintergründe der Burschenschaften und des Herausgebers des Sammelbands gewusst haben und auch in einer kurzen Recherche nichts gefunden haben.

Wie an unseren Quellen oben zu sehen, die alle älter sind als die Vorträge, war über den Hintergrund und die Gesinnung der Gruppierungen auch seinerzeit leicht viel zu finden. Dennoch hält Bohnert die Ermittlungen für richtig, auch, dass gegen jeden Verdacht auf Rechtsextremismus in der Bundeswehr genau nachgegangen werden muss. Am Ende betont er, dass er “zu 100 Prozent auf dem Boden unserer Verfassung stehe.” (Quelle).

In der Tat gibt es wiederum genug Beiträge von und mit Bohnert, auf welchem er sich gegen Rassismus und für Diversität ausspricht:

Das alles erfahren Leser*innen der WELT im ersten Alphonso-Artikel nicht.

Der vermeintliche Skandal, den Don Alphonso jetzt auf Twitter und in der WELT konstruiert, lenkt davon komplett ab. Und verharmlost die Verbindungen und die Vorwürfe gegen Bohnert. Der Soldat selbst spricht davon, dass seine Beiträge nicht in Ordnung waren. Don Alphonso verteidigt also etwas, von dem die Person selbst sagt, dass es falsch war. Die rechtsextreme Natur der Beiträge und der Verbindungen wird nicht in seinem ersten Artikel nicht erwähnt. Kein Wort dazu, dass Weikersheim eine Organisation ist, die zeitweise von einem Neonazi geleitet wurde. Im zweiten Artikel bemüht er sich darum, diese Gruppierungen zu verharmlosen und die Einordnungen in Zweifel zu ziehen (Quelle).

Auf Twitter verharmlost er einen der extrem rechten Schriftsteller und reduziert alle Vorwürfe auf “drei Likes” und porträtiert Bohnert als unschuldiges Opfer, der nicht einmal informiert wurde, was einfach faktisch nicht stimmt. Dass Bohnert vor der Extremismusexpertin Strobl eine Anfrage zur Stellungnahme erhalten haben soll, ist, selbst wenn es stimmt, doch völlig belanglos. Später jedoch mehr dazu.

Rechte Cancel Culture

Während der eigentliche Inhalt der Panorama-Recherche und auch das Eingeständnis des Bundeswehrsoldaten in den Artikeln von Don Alphonso in der WELT entweder fast gar nicht vorkommen oder herunter gespielt werden, gewinnt plötzlich die Rechtsextermismusforscherin Strobl, die nur kurz zu ihrer Einschätzung befragt wurde, bei ihm enorme Aufmerksamkeit. Die Österreicherin wird plötzlich massiv unter Beschuss genommen und in die Nähe von Linksextremismus wegen ihrer Kontakte zu Antifa-Gruppen gerückt.

In einer unglaublichen Detailtreue, die man sich viel lieber beim eigentlichen Sachverhalt gewünscht hätte, konstruiert Don Alphonso in seinem ersten Artikel nun Verbindungen Strobls in eine linksextreme Szene. Ein großer Teil der Begründung fußt auf etlichen Aussagen und Tweets der “Antifa Kiel”. Die einzige Verbindung zu Strobl? Angeblich soll die Extremismusexpertin dort einen Vortrag gehalten haben. Alphonso will ihr dadurch Nähe zu diesen Aussagen unterstellen. Fakt nur: Strobl war in ihrem Leben noch nie in Kiel und hat dort auch keine Vorträge gehalten, wie sie uns versichert. Don Alphonso stützt einen Großteil seiner Argumentation also auf frei erfundenen Lügen.

Ausführlich erwähnt er auch andere Organisationen, die er mit der linksextremen Szene über eine Erwähnung im Verfassungsschutzbericht in Verbindung bringen will und dann wiederum mit Strobl, weil diese dort einmal einen Vortrag gehalten hatte. Wozu das alles? Geht es nicht eigentlich um Bohnert und seinen möglichen Verbindungen in die rechtsextreme Szene, die er dann wiederum als “drei Likes […] bei einem mit den Thesen der Identitären sympathisierenden, flüchtigen Bekannten” verharmlost? Im zweiten Artikel wirft er vor, dass Weikersheim “belegfrei” “diffamiert” werde. Dabei findet man das alles sogar einfach in Wikipedia. Das findet sogar ein Autor der FAZ zu rechts:

AN den Pranger gestellt

Alphonso, der zuvor akribisch Verbindungen zu Strobl recherchiert hat, die es teilweise gar nicht gibt, verzichtet einfach hier wiederum scheinbar gänzlich auf Recherche. Er behauptet einfach: “Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass der Angegriffene” (man beachte das Framing!) etwas mit den Rechtsextremen zu tun habe. Dass das Gegenteil wahr ist, ist ja bereits dargelegt worden. Likes und Auftritte, die der Soldat zugegeben hat und selbst als falsch betrachtet.

Während also Vorträge von Bohnert bei rechtsextremen Organisationen von Alphonso verharmlost werden, und Belege ignoriert, wird Strobl dafür an den Pranger gestellt. Wohlgemerkt wird sie teilweise in “Sippenhaft” genommen mit einer Organisation, für welche sie nie einen Vortrag gehalten hat. Als ob eine Rechtsextremismusexpertin schlimmer wäre als Rechtsextreme selbst. Abgesehen davon, dass das einfach nur ein Whataboutismus ist: Strobl ist schließlich auch keine Verantwortliche bei der Bundeswehr. Um den es hier eigentlich immer noch gehen sollte.

“Eine Schande für den Journalismus”

Das “PanoramaGate”, das Don Alphonso und ein verbündeter, rechter Twitter-Nutzer jetzt konstruieren, kritisiert, dass “Panorama” Bohnert an Strobl “geoutet” habe, die in die linksextreme Ecke gestellt wird. Dabei wusste Strobl laut eigener Aussage bis zur Veröffentlichung des Beitrags nicht einmal, um wen es eigentlich ging. Wieder eine falsche Unterstellung.

Lang und breit kritisiert Alphonso, dass Strobl ein paar Tage vor Bohnert eine Anfrage bekommen haben soll was völlig irrelevant und unverwerflich ist. Solange der Beschuldigte genug Zeit zu einer Stellungnahme erhält, spielt es doch keine Rolle, wer zuerst gefragt wurde. Ohnehin ergibt es sogar Sinn: Panorama wollte wohl erst einmal die Einschätzung einer Expertin über die Natur der Likes, sonst könnte man Bohnert auch gar nicht damit konfrontieren. Bei Alphonso wird es dargestellt, als sei es irgendwie ein Verstoß gegen den Pressekodex. Er hingegen bat Strobl übrigens nie um eine Stellungnahme, aber dazu später mehr.

Wer hat Bohnert geoutet? Ein rechter Twitterer

Auch behauptet er, Panorama habe Bohnert, der im Beitrag stets nur als “Marcel B.” anonymisiert wurde, mit vollem Namen geoutet und dadurch seine Persönlichkeitsrechte verletzt. Alphonso gibt zu, dass dessen Identität ohnehin nicht schwer herauszubekommen war, da der Soldat schließlich medial selbst in Erscheinung tritt und als Person der Öffentlichkeit. Ohnehin trat Bohnert mit dem BILD-Interview selbst fast gleichzeitig an die Öffentlichkeit.

Dann versucht Don Alphonso zu belegen, dass die ARD seinen Namen schon vor der Veröffentlichung des Beitrags geleakt hätte. Nur ein Einschub: Das ist alles eigentlich völlig irrelevant. Das hat nichts mit den Rechtsextremismus-Vorwürfen zu tun, die er konsequent verharmlost und Belege dafür verschweigt. Dennoch soll es angeblich schlechten Journalismus von Panorama belegen.

Er wirft Panorama-Redakteurin Caroline Walter vor, einige Stunden vorher Bohnerts Namen bekannt gemacht zu haben. Und macht aus ihr pars pro toto den Sender selbst. Was er verschweigt: Dass es eine Verteidigung gegen Fake-Vorwürfe des befreundeten rechten Twitter-Users geschehen ist.

Auf dem Screenshot kann man seinen ganzen Namen lesen, ja. Don Alphonso prangert das an. Und schlachtet das breit aus, auch dass ihr Kollege Gabor Halasz das retweetete. Alphonso will daraus einen Verstoß gegen den Pressekodex basteln. Weil eine Redakteurin versehentlich den Namen des Soldaten auf Twitter mit ihrem Privataccount veröffentlichte, drei Stunden bevor dieser selbst an die Öffentlichkeit gegangen ist?

Wäre dieser Vorwurf nicht lächerlich genug, der Account, auf den Frau Walter reagiert hatte, hatte Bohnert selbst zwei Stunden vorher mit vollem Namen (und einer Falschaussage) genannt.

Link

Heiße Luft

Während Don Alphonso in seinem ersten Artikel die rechtsextremen Likes und Verbindungen Bohnerts auf harmlose “drei Likes” reduziert und alles andere verschweigt und das zu einer “Zerstörung einer Karriere” inszeniert, versucht er, einen Skandal daraus zu machen, dass Bohnert angeblich später zu einer Stellungnahme gefragt worden ist und eine Redakteurin versehentlich drei Stunden zu früh dessen Namen einen Account geschickt hat, der diesen selbst schon veröffentlicht hatte.

Gleichzeitig hat er im ersten Artikel ausführlich angebliche linksextreme Verbindungen zu einer Expertin konstruiert, die nur eine Stellungnahme zum Fall ohne Bezug zu Bohnert selbst gegeben hat. Und Alphonso hat dabei zum Teil Fake News verbreitet. Bei alle dem werden gleichzeitig die Verbindungen, um die es bei dieser ganzen Debatte eigentlich gehen sollte, von ihm verharmlost und kleingeredet.

Don Alphonso wirft also “Panorama” vor, eine “Schande für den Journalismus” gewesen zu sein. Weil sie angeblich Dinge ohne Belege behauptet haben (die es gibt) und Bohnert spät eine Anfrage zu einer Stellungnahme geschickt haben (was irrelevant ist, er hatte genug Zeit zu antworten). Und den Soldaten an den Pranger gestellt zu haben.

Gewaltdrohungen gegen Strobl

Es ist ein riesiger Whataboutismus, aber da Don Alphonso sich konstant dessen bedient, bin ich auch so frei: Don Alphonso hat Falschbehauptungen über Strobl verbreitet, sie in die linksextreme Ecke gestellt und hier ist die größte Heuchelei er hat sie zu seinem Artikel nie um eine Stellungnahme gebeten. Er macht alles das, was er anderen vorwirft selbst.

Hätte er sie um eine Stellungnahme gebeten, hätte er erfahren können, dass Strobl nie in Kiel einen Vortrag gehalten hat. (Oder dass Anja Reschke nie auf der Re:Publica war, was er auch fälschlicherweise behauptete.) In mehreren Tweets kritisiert er sie öffentlich. Warum ist das rechtzeitige um Stellungnahme bitten von Panorama an Bohnert angeblich ein Verstoß von journalistischen Standards, aber nicht, dass er um keine Stellungnahme von Strobl bittet? Warum ist es verwerflich, dass Panorama Fakten über die Verbindungen zu Burschenschaften veröffentlichen, er selbst aber über Strobl Falschmeldungen verbreiten darf? Und warum ist das Überprüfen der Gesinnung eines Bundeswehrsoldaten nach Rechtsextremismusverdacht (was dieser Soldat selbst für richtig hält!) das “Zerstören einer Karriere”, aber das Anprangern und Beschuldigen von Frau Strobl nicht?

Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen. Vor allem weil Natascha Strobl direkt nach jeder neuen Anschuldigung durch Don Alphonso im Minutentakt Drohungen erhält. Ihre Kinder werden bedroht, ihr verstorbener Vater wird verspottet.

Noch einmal: Natascha Strobl hat nur wenig mit der Recherche von Panorama zu tun. Sie wurde nur als Expertin befragt und wusste nichts von Bohnert vor der Veröffentlichung. Sie war nicht an der Recherche beteiligt. Im Fernseh-Beitrag kam sie nicht einmal vor. Eine Expertin zu sein, heißt nicht, dass man keine eigene Meinung haben darf. Es ist ein argumentum ad hominem: Für ihre Einschätzung ist ihre Meinung irrelevant, solange sie mit wissenschaftlicher Methodik arbeitet.

Don Alphonso wird von Rechtsextremen gelesen

Das Problem: Diese Whataboutismen, diese (teils falschen) Anschuldigungen, diese Verharmlosungen des Fall Bohnerts, dieses Aufblähen von Nichtigkeiten zum Skandal werden gerne von Rechtsextremist*innen aufgegriffen und multipliziert.

Das sind die Accounts, die auf Twitter und Facebook mit größter Reichweite die Artikel von Don Alphonso geteilt haben. Das sind Screenshots von “Crowdtangle”, die die Leute zeigt, die das am weitreichenstärksten geteilt haben. Nicht jede Person dort ist dadurch aber automatisch problematisch. Neben AfD, WerteUnion und neurechten Populisten befinden sich auch darunter die rechte Burschenschaft, um die es eigentlich gehen sollte. Auch Autoren eines rechtspopulistischen und verschwörungstheoretischen Buchverlags sind dabei (Quelle).

Und diese Leute sind es auch, die jetzt Strobl bedrohen und belästigen.

Personen, die Don Alphonso auf Twitter folgen.

Natürlich kann Don Alphonso erst einmal nichts dafür, wer ihm folgt oder wer nach dessen Anschuldigung andere Leute belästigt. Aber wie wir bereits im November 2019 feststellen mussten, achtet er sehr wohl darauf, wer ihm folgt und blockt diese umgehend, wenn sie nicht passen. Volksverpetzer und unsere Autor*innen sind schon lange blockiert. Das ist natürlich sein gutes Recht, von mir aus.

In unserem Artikel haben wir nachgewiesen, dass ein sehr aktiver Teil seiner Community auch die rechtsextremen Identitären retweeteten. Da ist es auch kein Wunder, dass regelmäßig Personen, die er anprangert, Opfer von rechtsextremen Shitstorms werden.

Hasskampagnen

Hasskampagnen, die teilweise Jahre andauern können. Und nicht nur Shitstorms und Trollen. Morddrohungen, Vergewaltigungswünsche und alles, was noch dazu gehört. Und es bleibt nicht nur dabei. Da werden (Privat)-Adressen veröffentlicht, Briefkästen beschmiert, “Besuche” abgestattet. Die Betroffenen müssen teilweise Twitter für immer verlassen. Es gibt Fälle, in denen sie gezwungen waren, ihre Wohnung zu wechseln, weil die Gefahr für Leib und Leben zu groß war.

Das betrifft den Bundestagsmitarbeiter Ssaman Mardi, der ein Dutzend Morddrohungen erhalten hat, nachdem er ihn erwähnt hat (Quelle). Das betrifft den Spiegel-Korrespondenten Hasnain Kazim, den Autor und Filmemacher Mario Sixtus, den Journalisten Robert Wagner, die Autorin Jasmina Kuhnke, das betrifft den Journalisten Sebastian Pertsch und die Politikerin Anne Helm. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Und viele andere – besonders Aktivist*innen – die nicht in der Öffentlichkeit stehen, keine große Fanbase haben und von deren Schicksal niemand erfahren hat. Das sind besonders PoC und (feministische/linke/grüne) Frauen. Sie leben in Angst und Schrecken, seit Jahren.

Mehr dazu:

Offener Brief von Volksverpetzer an Don Alphonso

Zerstörung der Meinungsäußerungsfreiheit

Don Alphonso weiß das und er macht genau so weiter und nimmt also bewusst die Zerstörung der Meinungsäußerungsfreiheit von Personen in Kauf, die er kritisiert. Man könnte vielleicht sagen: Cancel Culture?
Er könnte ungestört weiter seine Kritik üben, ohne sie dem kritisierten Psychoterror auszusetzen, wenn er die Rechtsextremen einfach blockieren würde, die er doch selbst weder mag noch unterstützen möchte. Rechtsextreme, die diese Strategie des Mundtot-Machens gezielt als Strategie formuliert haben (Quelle). Er entscheidet sich bewusst, das nicht zu tun. Er folgt immer noch der Frau des Rechtsextremisten Sellner und der rechtsradikalen Verschwörungsmythen-Seite “Breitbart”.

Wohlgemerkt widmet er viele Zeilen und viel Recherche allen Seiten, denen Natascha Strobl folgt und die er für linksextrem hält. Strobl dürfe deswegen nicht als Rechtsextremismus-Expertin eingeladen werden laut Don Alphonso und müsse kritisiert werden. Sich selbst nimmt er die Freiheit heraus, zu folgen, wem er will und zu blocken, wen er will.

Diskurszerstörung

Nach dieser ganzen, zermürbenden Analyse stellt sich WELT-Chef Ulf Poschardt hinter Don Alphonso und bezeichnet die Kritik an ihm als “Cancel Culture”.

Während die Anprangerungen und die immer noch unerträgliche Hetze gegen Natascha Strobl weiter läuft. Die auf einem Whataboutismus und auf Heuchelei beruht und auf Falschdarstellungen. Wenn Tweets seines Kolumnisten regelmäßig dazu führen, dass andere Menschen Morddrohungen erhalten und Polizeischutz benötigen. Weil diese vornehmlich von Neuen Rechten, Rechtsextremen und anderen Rechtspopulisten gelesen werden, die die ausgemachten Ziele dann mundtot machen wollen.

Natascha Strobl hingegen beklagt zu Recht, dass der ursprüngliche Diskurs komplett zerstört wurde. Die Problematik hinter dem Verhalten von Bohnert, völlig egal, was noch aus den Vorwürfen werden wird. Das spielt keine Rolle mehr. Dabei hätte es das sein sollen, worum sich die Diskussion dreht. Und sie beklagt, dass sie dadurch völlig unabhängig von Sachthemen in die Ecke gedrängt wird.

Zwickmühle

“Jetzt bin ich aber in einer Position in der ich im Diskurs nur verlieren kann. Denn würdige ich persönliche Beleidigungen und psychischen Druck mit inhaltlichen Antworten, so belohne ich dieses Verhalten. Gehe ich nicht darauf ein, so wird es geframed als hätte ich etwas zu verbergen (was ich nicht tue; ein lächerlicher Vorwurf, wenn man meinem Account folgt wo ich sämtliche Veranstaltungen transparent bewerbe).”

“Wir haben es also effektiv mit Diskurszerstörung zu tun. Die Diskussion zu diesen Themen ist nicht mehr zu führen. Man zwingt Personen zum Rückzug mittels Psychoterror und feiert das als Sieg. Andere betreten das Feld gar nicht mehr aus Angst.

Wie soll es von hier nun weiter gehen? Ich bin nach wie vor zur inhaltlichen Auseinandersetzung bereit, ich habe das auch in den ersten Tagen versucht mit Leuten, die entschieden anderer Meinung waren und keine persönlichen Attacken gefahren sind. Ich kann aber nicht immer neben einem Abgrund stehen, in den mir gedroht wird mich zu werfen, wenn einem etwas nicht passt. Und genau an diesem Punkt bin ich. Diskursstrategisch hat der rechte Mob die Oberhand und nach deren Regeln diskutiere ich eben nicht.”

Ablenkungskampagne

Letzten Endes bleibt eine heuchlerische Diskussion übrig, die nichts mehr mit dem ursprünglichen Bericht zu tun hat. Eine Person erhält massiv Gewaltdrohungen, auch gegen ihre Kinder und wird beschuldigt. Und das alles angeblich, um zu kritisieren, dass jemand in einer wichtigen Funktion der Bundeswehr angeblich zu Unrecht an den Pranger gestellt wurde. Mit einem faktenbasierten, sachlichen Diskurs hat das leider nichts mehr zu tun. Eher aber mit einer Ablenkungskampagne und rechter cancel culture.

Transparenzhinweis: Natascha Strobl hat als Rechtsextremismusexpertin bereits einige Artikel in Volksverpetzer veröffentlicht. Artikelbild: Uwe Anspach/dpa

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