Nach AfD-Niederlage in Görlitz: Das absurde Demokratieverständnis der AfD

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„Konsensfaschismus“??

In Görlitz fand gestern eine Stichwahl zum Oberbürgermeister statt. Nachdem in einem ersten Durchgang kein Kandidat die absolute Mehrheit erlangte, zogen die Kandidatinnen der LINKE und Grünen ihre Kandidaturen zurück, um den CDU-Kandidaten Ursu zu unterstützen und so den ersten AfD-Bürgermeister zu verhindern. Mit Erfolg. Ursu setzte sich mit 55,2% zu 44,8% gegen den AfD-Kandidaten Wippel durch (Quelle).

Wippel war in der Vergangenheit mit extremen Äußerungen negativ aufgefallen, als er beispielsweise während einer Rede bedauerte, dass die „Verantwortlichen für diese Flüchtlingspolitik“ nicht von einem Terroranschlag getroffen worden seien. Später sagte er, es sei ein „Ausrutscher“ gewesen und will es nicht so gemeint haben wollen (Quelle). Während AfD-Kritiker erleichtert sind, dass die AfD auch in Görlitz keine absolute Mehrheit gewinnen kann und die AfD wiederum die 44,8% feiert, so ist der Ton in den AfD-nahen Gruppen und auch von einigen AfD-Politikern ein ganz anderer.



Das absurde demokratieverständnis der AfD

In den AfD-nahen Gruppen, die die Recherchegruppe #DieInsider beobachtet, steht für einen großen Teil fest: Die Abstimmung sei manipuliert worden.

Wie immer in der Welt der AfD heißt es: Es darf nicht wahr sein, was nicht sein soll. Abgeschottet in einer Filterblase, die keine anderen Perspektiven kennt, sind sich die AnhängerInnen sicher, dass die AfD „in Wahrheit“ von der Mehrheit gewollt gewesen sein musste. Was nicht einmal ansatzweise stimmt, auch nicht im Osten. Wie man ja in Görlitz sehen konnte. Von der undemokratischen Diffamierung eines verlorenen Ergebnisses wird dann teilweise direkt darauf geschlossen, dass es so gewesen sein muss.

Von der paranoiden, da völlig aus der Luft gegriffenen, Vorstellung, die Wahl *könnte* manipuliert worden sein, wird direkt gefolgert, dass sie manipuliert wurde und sofort wird sich darüber aufgeregt, was man sich gerade ausgedacht hat. Diese geistigen Kurzschlüsse finden sich dutzendfach in den Kommentaren. Sie offenbaren eine demokratische Bankrotterklärung. Denn auch eine Niederlage ist demokratisch, nicht nur, wenn der eigene Kandidat gewinnt. Außerdem zersetzt dieses Gerede immer weiter das Vertrauen in den Rechtsstaat und bereitet den Boden für einen echten Sturz der Demokratie.

Rassismus, Wahnvorstellungen, Widersprüche

Ein großer Negativpunkt für den CDU-Kandidaten Ursu in den Augen der AfD: Er hat einen rumänischen Migrationshintergrund, was natürlich schlecht in ihren Augen sei. Komischerweise stört ein rumänischer Migrationshintergrund beispielsweise bei Markus Frohnmaier, MdB, nicht, wenn dieser für die AfD antritt. Auch ist man sich wieder sicher „eigentlich“ hätte Wippel gewonnen, wenn er „alleine“ gewesen wäre.

Warte, „alleine“ hätte er gewonnen? So war es aber nicht, und das ist nicht undemokratisch. Die AfD hält es für undemokratisch, wenn die Kandidatinnen der Grünen und Linken freiwillig auf ihre Kandidaturen verzichtet haben und den CDU-Kandidaten unterstützt haben. Es sei eine „linke Tour“ und „lächerlich“. Will die AfD das etwa verbieten? Dass Kandidaten zurückziehen und WählerInnen wählen, wen sie wollen? DAS wäre undemokratisch, liebe AfD-Fans. Besonders spannend ist dieser Kommentar.

Das Ergebnis der AfD-Niederlage in Görlitz ist also „Konsensfaschismus der Altparteien“. Konsensfaschismus? Also eine Entscheidung der Mehrheit? Also.. Demokratie? Die AfD umterminiert hier jegliches Demokratieverständnis, wenn sie schon eine demokratische Wahl ohne jeden Anlass als „Faschismus“ bezeichnet. Und wenn alles Faschismus ist… ist nichts mehr Faschismus. Eine AfD-Alleinherrschaft wäre nach der Logik dann Demokratie oder was?

Auch AfD-Politiker hetzen gegen Demokratie

Auch AfD-Politiker beteiligen sich an dieser Hetze gegen eine demokratische Wahl:

Dass die demokratischen Parteien völlig unabhängig voneinander existieren und sich regelmäßig (sogar unter der Gürtellinie) kritisieren wird völlig ausgeblendet. Dass die anderen Kandidaten zurückzogen, wird absurderweise zu „Einheitspartei (á la DDR2.0)“ oder „Nationale Front der Altparteien“ stilisiert. Wenn Landtagsabgeordnete vom „durchmanipulierten Deutschland“ sprechen, läuft eindeutig etwas falsch. Die Demokratie habe Glaubwürdigkeit verloren, weil sich freie Kandidaten und freie WählerInnen frei entschieden haben, mehrheitlich nicht die AfD zu wählen? Gefährlich!

Was übrigens nicht unerwähnt bleiben sollte: Räpple, der vom „durchmanipulierten Deutschland“ spricht, hat die Auszählung der Stimmzettel höchstpersönlich beobachtet. Er müsste es also besser wissen als alle anderen und verbreitet trotzdem diese haltlosen Unterstellungen.

Es ist beängstigend zu sehen, wie absurd die Weltsicht der AfD und deren Demokrativerständnis inzwischen geworden ist. „Demokratisch“ wäre es anscheinend nur, wenn sie gewinnt. Viele ihrer Anhängerinnen können einen demokratischen Ausgang einer Wahl nicht akzeptieren, und sprechen anlasslos davon, dass eine saubere demokratische Wahl manipuliert wurde, wir in einer „Diktatur“ und im „Faschismus“ leben würden. Einfach nur, weil ihr Kandidat (eher knapp) verloren hat. Was würde unsere Demokratie erwarten, wenn die AfD einmal so eine Wahl gewinnt?

Artikelbild: nakaridore, shutterstpck.com, Screenshots #DieInsider

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