Kremltreue Propaganda von Alina Lipp & Co.: Die Welt der Putinfluencer

| Ukraine | 21. Juni 2022

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Die wichtigste Waffe ist der Selfiestick

Putins Unterstützung im eigenen Land ist unter anderem auf seine erfolgreichen Propagandakampagnen zurückzuführen. Doch das reicht dem Demagogen nicht. Auch im Ausland sollen sich Pro-Kreml-Erzählungen wie Unkraut verbreiten. Ein wichtiges Werkzeug: Junge Influencer:innen wie Alina Lipp.

„Das wird sehr laut, deswegen wurden mir jetzt hier Kugeln gegeben. Die steckt man sich in die Ohren“, erzählt Alina Lipp grinsend, als sie die Munition als Ohropax umfunktioniert. Offenbar ist Lipp dabei, als Minen im Mariupoler Hafen entschärft werden. Das schreibt sie zumindest zu einem ihrer Videos auf ihrem Telegram-Kanal. Hinter ihr rauscht das Meer. Das breite Lächeln sitzt ebenso perfekt wie die künstlichen Wimpern. Statt Beauty-Tipps gibt Alina ganz andere „Life hacks“.

Quelle: Screenshot Telegram

Kreml-Propaganda für Deutschland

Alina Lipp war bis vor einigen Monaten ein kleines Licht. Erst mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine startete sie richtig durch. Seitdem gehört sie zu den wichtigsten Verbreiter:innen russischer Narrative im deutschsprachigen Raum. Ihre Falschmeldungen sind auf ein deutsches Publikum zugeschnitten. So erfindet Alina Lipp zum Beispiel Geschichten über misshandelte Russ:innen in Deutschland, ohne dafür Belege zu liefern (mehr dazu). Dass längst bewiesen ist, wer der Aggressor in diesem Krieg ist, erschüttert ihre Loyalität nicht im Geringsten. „Indem wir den ukrainischen Nazis und Neonazis den Krieg erklären, retten wir einmal mehr die Welt vor der Zerstörung. Dieser Feind wird niemanden verschonen, wenn er nicht vernichtet wird. Und wir haben gerade noch rechtzeitig begonnen, die Ukraine und uns selbst zu retten. Morgen wäre es schon zu spät gewesen“, schreibt sie reichlich apokalyptisch auf Telegram.

Alina Lipp: Der größte deutsche Pro-Putin-Propaganda-Kanal auf Telegram

Mittlerweile berichten zahlreiche Medien über die Falschmeldungen von Alina Lipp und erklären ihre Strategie (Quelle, Quelle). „Einerseits bringt sie einem vorwiegend deutschen Publikum pro-russische Kriegspropaganda näher. Auf der anderen Seite malt sie für ihr russisch- und englischsprachiges Publikum das Bild eines düsteren Deutschlands, in dem Meinungsfreiheit nicht existiert“, schreibt Correctiv. „Sie ist eine gute vernetze, pro-russische Medienaktivistin.“ Auf ihrem Telegram-Kanal mit über 148.000 Follower:innen (Stand Mitte Juni 2022) teilt sie täglich dutzende Artikel, Bilder, Videos und riesige Textwände. Lipp wettert gegen etablierte Medien, Putin-Gegner:innen – und natürlich gegen die Ukraine. Verstörend ist nicht nur die Flut an Fake News. Sondern auch Beiträge, die tatsächlich an typische Praktiken von Influencer:innen erinnern, wie die mutmaßliche Szene am Mariupoler Hafen.

Lipp ist nicht die Einzige

Zu ihr gesellt sich der deutsche kremltreue Blogger Thomas Röper mit seiner Desinformationsseite „Anti-Spiegel“. Dort leugnet er das längst bewiesene Butscha-Massaker, verbreitet ohne Belege wilde Spekulationen über „Biowaffenlabore“ in der Ukraine. Er scheint sich sogar auf eine russische Invasion auf Deutschland vorzubereiten. Wir haben seine Lügen bereits ausführlich enttarnt (mehr dazu).

„Anti-Spiegel“ lügt über Schulmaterial zu Krieg in der Ukraine – Faktencheck

Nicht nur in Deutschland verbreiten pro-russische Influencer:innen Propaganda und Fake News. Für Spanien tut das maßgeblich Liu Sivaya, wie Lipp 28 Jahre alt. „Politologin. Aus Russland mit Humor“ schreibt sie in ihrer Instagram-Bio. Ähnlich wie Lipp inszeniert sich Sivaya als mutige Kriegsreporterin. Immer wieder will sie Explosionen hören und hält ein sorgenvolles Gesicht in die Kamera. Dazu postet sie Selfies mit Soldaten und zeigt Aufnahmen von zerstörten Gebäuden. Auf Spanisch beschwert sie sich ständig über die Unterstützung der Ukraine vonseiten Spaniens. „Die Medien“ würden nur Falschmeldungen über Putin verbreiten und ihn als das Böse darstellen, behauptet sie. Ihre Follower:innen applaudieren.

Quelle: Screenshot YouTube

Vittorio Rangeloni tut Ähnliches für sein italienisches Publikum. Der Italiener lebt in Donezk, filmt dort Trümmerfelder und russische Soldaten. Vor allem berichtete er bei Telegram über die Zivilbevölkerung und den Alltag in Donezk. Um den russischen Opfer-Mythos zu betonen, erzählt er, wie er beim Spazieren durch Trümmerhaufen den „Geruch verwesender Leichen gerochen“ habe. Häufig spricht er mit den Menschen vor Ort, die – wenig überraschend – trotz ihrer schlimmen Erfahrungen im Krieg kein schlechtes Wort über Putin verlieren. Die Ukrainer:innen seien „von der EU unterstützten Banditen“, die die „Wahrheit“ vertuschen wollen, schwadroniert er. Seriöse Belege liefert er nicht.

Quelle: Screenshot Telegram

Allen dreien ist gemeinsam, dass sie Russisch sprechen und russische Wurzeln haben. Lipp ist Halbrussin, stammt aus Deutschland und zog dann nach Russland. Mittlerweile wohnt sie wie Rangeloni in Donezk. Liu Sivaya kommt aus Sibirien, lebt aber seit zehn Jahren in Spanien. Ende März besuchte sie Donezk für einige Wochen. Vittorio Rangeloni ist ebenfalls Halbrusse und spricht neben Italienisch Russisch als zweite Muttersprache.

Authentische Personen für authentische Fake News

Influencer:innen wie Lipp, Sivaya und Rangeloni sind deshalb so wichtig für den Kreml, weil die russischen Staatsmedien Sputnik und RT in der EU verboten wurden. Das geschah im März dieses Jahres im Rahmen eines Sanktionspakets gegen Russland (Quelle). Der Kreml sucht sich deshalb andere Wege zur Verbreitung seiner Propaganda. „Die russische Desinformation setzt immer mehr auf authentische Personen“, erklärt Felix Kartte von der Initiative Reset Tech der ZEIT Campus.

Quelle: Screenshot Twitter

Sivayas Instagram-Account soll klar vermitteln: Sie ist jemand wie du und ich. Sie postet nicht nur politische Inhalte, sondern auch Bilder von ihrem Hund. Auf einem weiteren Instagram-Account lädt sie Bilder von Hunden, Katzen und Pferden im Sonnenuntergang hoch. Ihr dritter Account zeigt sie privat, wie sie vor Spiegeln posiert oder Selfies postet – Influencer eben. Auf den jeweiligen politischen Accounts geht es dann zur Sache.

Kreml-Influencer:innen – live und in Farbe

Hochemotional wiederholen Lipp und Co. auf ihren Kanälen Putins Lügen. Die Ukraine werde faschistisch regiert und müsse entnazifiziert werden. Putins „Spezialoperation“ sei notwendig, um einen angeblichen Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass zu beenden. Der Westen paktiere mit Nazis. Diese endlosen Verschwörungsmythen und Falschmeldungen verbreiten sich über ein Netzwerk aus pro-russischen Influencer:innen. Denn indem Lipp und Co. direkt „von der Front“ berichten, live streamen, selbst die Trümmerhaufen filmen, erhalten die Bilder Glaubwürdigkeit. Echte Fakten, die nicht von den etablierten Medien verdreht werden – so sollen die Bilder wirken. Dabei sind Fakten das Einzige, das man auf ihren Kanälen nicht finden kann.

Sie reden häufig direkt in die Kamera, mal selbstbewusst, mal stark emotional. Sie sprechen geradeheraus, auf Augenhöhe. Die Aufnahmen wirken teilweise amateurhaft, teilweise fast professionell. Zwischen verschwommenen Bildern posten sie gestochen scharfe Aufnahmen und ordentliche Kameraschwenks. „Sie verkaufen sich als One-man-Show, also selbstständige Reporter:innen und Influencer:innen ohne Redaktion im Rücken, und sehen dabei so normal aus, dass man ihnen beim Einkaufen oder in einer Bar begegnen könnte. Hier spricht nicht der Kreml, hier sprechen Alina, Liu und Vittorio“, schreibt die ZEIT Campus.

Spendenfinanzierte Lügen

Recherchen unter anderem von ZEIT Online zeigten, dass Angestellte von RT genaue Anweisungen für Berichte bekamen. Statt unabhängiger Presse, gab es vorformulierte Meldungen und manipulierte Clips. Laut eigenen Angaben finanzieren sich Lipp und Co. hingegen quasi über Crowdfunding. „In einer so heiklen und wichtigen Zeit kannst du meine Arbeit mit einer Spende über Paypal unterstützen. Jeder einzelne Euro wird dazu verwendet, die Berichterstattung aus dem Donbass zu unterstützen“, bittet Vittorio seine Follower:innen. Auch Lipp schreibt bei Telegram: „Ich bin, was meinen Lebensunterhalt betrifft, komplett auf eure Hilfe angewiesen“. Sie werde von niemandem für ihre Arbeit bezahlt, behauptet sie.

Lipp und Co. können so den Anschein einer unabhängigen und neutralen Berichterstattung wahren. Wie unabhängig diese Akteur:innen tatsächlich agieren, ist fraglich. Mindestens bei Lipp darf man das stark anzweifeln. Bekannterweise pflegt sie enge Kontakte zum russischen Staatspropaganda-Apparat. Bis vor einiger Zeit arbeitete sie für den vom Kreml kontrollierten Staatssender Sputnik. Zudem ist sie mit der extremistischen „Querdenken“-Szene vernetzt, die ihren Kanal und ihre Propaganda-Fakes teilen (mehr dazu).

Auf allen Kanälen gibt es jeden Tag eine Flut von Berichten, Kommentaren, Bildern und Videos. Das allein sollte schon stutzig machen. Berichterstattung von hoher Qualität braucht Zeit, will gut recherchiert und gründlich aufbereitet werden. Davon kann auf diesen Kanälen keine Rede sein. Die Texte klingen wie Nachrichten, sind aber Falschmeldungen, die ein klares Opfer- und Feindbild vermitteln. Ihre Behauptungen stützen sie mit ihren eigenen Berichten oder Links zu russischen Staatsmedien oder anderen Telegram-Kanälen, die ebenfalls Fake News und Verschwörungsmythen verbreiten.

Putins Influencer:innen versuchen, unsere Demokratie zu schwächen

Diese Strategien sind nicht neu. Der Kreml greift auf auf Propaganda-Kampagnen zurück, die schon seit Jahren laufen, erklärt Felix Kartte von der Initiative Reset Tech im Gespräch mit Deutschlandfunk. „Da geht es darum, bei Menschen, die ihre Informationen aus sozialen Medien beziehen, den Eindruck zu schaffen, dass man niemandem glauben kann“, erklärt Kartte. „Desinformation hat langfristige Ziele, nämlich eine Destabilisierung von Gesellschaften. Es soll Chaos hervorgerufen werden. Man versucht, das Vertrauen in demokratische Prozesse systematisch zu untergraben. Und das nicht erst seit Beginn des Angriffskrieges, sondern weit darüber hinaus“, sagt die Expertin für Verschwörungserzählungen Pia Lamberty in der Tagesschau.

Russland setzt schon lange Spionagetechniken ein, um den öffentlichen Diskurs zu seinen Gunsten zu unterwandern. Soziale Netzwerke sowie einzelne Akteur:innen mit großem Einfluss sind dabei essentiell. Das steht sogar im Verfassungsschutzbericht 2021: „Ziel der russischen Bemühungen ist die Schwächung der Bundesregierung, um russische geostrategische und politische Ziele durchzusetzen. Zu diesem Zweck werden bewusst kontroverse Themen mit Spaltungspotenzial aufgegriffen, um den politischen Diskurs zu polarisieren, die Bundesregierung zu diskreditieren und das Ver­trauen der Bevölkerung in staatliche Stellen zu untergraben.“

Wenige Influencer:innen reichen, um kremltreue Propaganda länderübergreifend zu verbreiten und Schaden anzurichten – trotz Einschränkungen vonseiten Facebook und Co. Dort sind Beiträge von RT und Sputnik seit dem Verbot gesperrt. Die Putin-Lügen finden trotzdem ihren Weg, sogar sehr erfolgreich. Uns bleibt also nur eines übrig: Weiterhin genau hinschauen und sich nicht täuschen lassen.

Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots

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