Nürnberg: Pro-Putin-Kanäle erfinden wieder einen „Mord“ an einem Russen

| Faktencheck | 27. April 2022


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Neue Fake-Geschichten über angebliche Übergriffe auf Russen

Der Polizei ist kein solcher aktueller Mordfall in Nürnberg bekannt, und sonst hat auch keiner davon gehört. Pro-Putin-Propaganda-Kanäle verbreiten aber eine Lügengeschichte, dass es angeblich einen Mord in Nürnberg an einem Russen durch ach so böse Ukrainer gegeben haben soll. Dieses Lügenmärchen soll Russen als Opfer und Ukrainer als Täter stilisieren. Es ist fast das gleiche Märchen, dass die gleichen Kanäle letzten Monat über Euskirchen verbreitet haben. Auch eine Lügengeschichte über von Ukrainern zerstörte Autos wird geteilt.

Seit Russland völkerrechtswidrig die Ukraine überfallen und dadurch einen Krieg angezettelt hat, sprießen Verschwörungsmythen aus dem Boden, die angebliche Überfälle von Ukrainer:innen auf Russ:innen darstellen sollen. Und damit die ohnehin angeheizte Stimmung noch mehr entflammt (wir berichteten über angebliche Vorfälle). Inzwischen gehen die Falschinformationen von Übergriffen auf Russ:innen nicht mehr nur von russischer Seite aus. Auch Verschwörungsideolog:innen mischen ordentlich bei Pro-Putin-Propaganda mit. Corona scheint ihnen wohl nicht mehr genügend Futter zu liefern.

Erfundener Mord in Euskirchen: Urheberin entschuldigt sich für Fake

Nein: Niemand wurde in Nürnberg erstochen und es gab auch keinen tötenden Mob

In Nürnberg wurde in letzter Zeit kein Mann von drei Personen überfallen und erstochen. Das weiß weder die Polizei, noch die Medien, noch sonst jemand. Eine Pro-Putin-Fake-News behauptet das jedoch derzeit. In den sozialen Medien kursiert zur Zeit vor allem ein Video einer jungen Frau, die von einer angeblichen Attacke dreier ukrainischer Flüchtlinge auf einen Russen berichtet. Nach ihrer Erzählung soll der Russe in der Nähe von Nürnberg von den drei Ukrainern überfallen und mit einem Messer niedergestochen worden sein. Die Frau soll von einem Bekannten von dieser Attacke erfahren haben. Sie erzählt außerdem, in Düsseldorf seien Männer unterwegs, die sich zusammengetan haben und durch die Stadt ziehen, um russischstämmige Menschen und Aussiedler:innen zu ermorden.

Es ist jedoch weder in den Medien noch in Polizeiprotokollen von Nürnberg und Düsseldorf irgendwelche Hinweise auf diese Behauptungen zu finden. Gegenüber dem Factchecking-Format Correctiv hat die Polizei außerdem bestätigt, dass ihnen keinerlei Fälle solcher Art bekannt seien (Quelle). Es ist außerdem mindestens verdächtig, dass das Video unter anderem in einem einschlägigen QAnon-Kanal auf Telegram geteilt worden ist (Was QAnon ist, haben wir hier erklärt). Dass es sich hier um einen Fake und offensichtliche Falschinformationen handelt, ist also nur allzu leicht durchschaubar.

Nein: Autos von Russen-Korso wurden nicht durch Ukrainer zerstört

Auch diese Meldung ist Fake: Laut Polizei gibt es hier keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Konflikt oder mit einem prorussischen Autokorso in Berlin. Es kursiert aber noch ein weiteres Video. Es soll zeigen, dass Autos von Russ:innen, die an „prorussischen“ Korsos in Berlin teilgenommen hatten, von Ukrainer:innen demoliert und angezündet worden seien. Das Video wurde unter anderem vom Telegram-Kanal „Neues aus Russland“ geteilt, auf dem der Fake-News- und Russland-Propaganda-Popstar Alina Lipp Falschinformationen am laufenden Band teilt (Quelle).

Alina Lipp: Der größte deutsche Pro-Putin-Propaganda-Kanal auf Telegram

Tatsächlich ermittelt die Polizei Berlin wegen Brandstiftung an vier Fahrzeugen, die in der Nacht vom 12. auf den 13. April stattgefunden hat (Quelle). Laut der Polizei gibt es jedoch keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Konflikt. Auf Nachfrage von Correctiv war es im Nachgang der prorussischen Autokorsos zwar zu Ermittlungen gekommen. Beispielsweise wegen Beleidigungen oder Bedrohungen. Hinweise auf Beschädigungen von Fahrzeugen gab und gibt es aber keine (Quelle). Die Mutmaßungen und Anschuldigungen, welche also verbreitet werden, sind haltlos.

Fake-News stacheln Stimmung an und entkräftigen tatsächliche Übergriffe

Die Falschinformationen, ob sie nun direkt von der russischen Propaganda-Maschinerie, professionellen Verschwörungsideolog:innen oder gelangweilten Menschen mit einer zu großen Social-Media-Followerschaft verbreitet werden, haben zur Folge, dass die tatsächlichen Anfeindungen, denen sich sowohl Russ:innen als auch Ukrainer:innen seit Beginn des Krieges gegenüber sehen, nicht mehr oder zumindest sehr viel weniger ernst genommen werden. Da die Wahrheit kaum mehr von Fake News zu unterscheiden ist.

Tatsächlich sind aber die Angriffe auf Russ:innen seit Februar gestiegen (Quelle). Innenministerin Nancy Faeser sprach in einem Interview mit dem Spiegel von einer Gesamtzahl von über 400 Übergriffen auf Russ:innen und Ukrainer:innen (Quelle). Diesem Problem muss sich im echten Leben angenommen werden, um es tatsächlich zu lösen, und nicht noch Benzin in Form von Fake-News ins Hassfeuer geschüttet werden.

Zum Thema:

Wie Russlanddeutsche gegen Desinformation & Instrumentalisierung durch Rechte kämpfen

Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots

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