Wie Russlanddeutsche gegen Desinformation & Instrumentalisierung durch Rechte kämpfen

| Interview | 11. April 2022


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Fall Lisa 2.0 – wie Russlanddeutsche gegen Desinformation und Instrumentalisierung durch Rechte kämpfen

Gastautorin Ira Peter

Die erfundene Vergewaltigungsgeschichte eines minderjährigen, russlanddeutschen Mädchens aus Berlin-Marzahn brachte Russischsprechende in Deutschland 2016 in die Schlagzeilen. Ein tendenziöser Beitrag im russischen Staatsfernsehen zum Vorfall machte damals in der Community die Runde. Daraufhin nutzten rechtsgerichtete Politiker in Deutschland das Thema und riefen zu Demos auf für „unsere Lisa“, wie der russische Außenminister Lawrow von dem Fall öffentlich sprach (Quelle). In den Medien wurden Russlanddeutsche nun pauschal als putinhörig und AfD-nah gezeichnet.

Als sich der Fall als Lüge erwies, blieb bei den Russischsprechenden, die sich hatten instrumentalisieren lassen, Scham zurück. Welche Parallelen heute zwischen dem „Fall Lisa“ und den Manipulationsstrategien durch rechte und kremlnahe Netzwerke bestehen, darüber sprach unsere Autorin mit Medina Schaubert. Die Russlanddeutsche begleitete den Fall Lisa 2016 als Geschäftsführerin des Marzahner Vereins Vision e.V. und analysierte ihn später für die Bundeszentrale für Politische Bildung.

Medina Schaubert wurde in der Sowjetrepublik Kasachstan geboren und zog als russlanddeutsche Spätaussiedlerin 1997 mit ihrer Familie nach Berlin. Neben ihrer Arbeit am Deutschen Herzzentrum engagiert sie sich ehrenamtlich rund um russlanddeutsche Themen, unter anderem als ehrenamtliche Geschäftsführerin des Marzahn-Hellersdorfer Aussiedlervereins Vision e. V..

Was zeigten der „Fall Lisa“ und seine Folgen aus deiner Sicht?

Der Fall zeigte, wie einflussreich die russischen Staatsmedien auf einige Teile der Russischsprachigen einwirken können, die diese in Deutschland konsumieren. Es kam bundesweit zu Demos. Er zeigte auch, wie wenig die nicht russischsprachige Bevölkerung hier über die russischsprachige Community wusste. Es wurden Bezeichnungen wie Deutsch-Russen und Russen in der Presse und in öffentlichen Diskussionen diffus verwendet und vermengt. Die einheimische Bevölkerung konnte offensichtlich mit uns nichts richtig anfangen, was sehr bedauerlich ist.

Wie konnte die Lüge eines minderjährigen Mädchens innerhalb der Community für so viel Aufruhr sorgen?

Ich habe davon per Whatsapp erfahren. Meine Mutter und meine Cousine aus Marzahn hatten mir das weitergeleitet. Ich war erst schockiert. Es waren oft besorgte Hausfrauen, die diese Posts weiterverbreitet haben. So nach dem Motto: Wir müssen uns jetzt vor den kriminellen Geflüchteten schützen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte die russländische Propaganda 18 Jahre auf die Russischsprachigen in Deutschland einwirken. Die russischen Staatssender konnten in Deutschland seit etwa 2000 empfangen werden, erst über Antenne, dann insbesondere über Kartina TV.

Zum anderen haben Menschen mit postsowjetischem Hintergrund oft Willkür durch Behörden in ihren Herkunftsländern erlebt. So dass sie glauben konnten, was dieser Beitrag im russischen Fernsehen zeigte: dass die Polizeibehörde in Marzahn-Hellersdorf die Strafanzeige der Eltern zur angeblichen Vergewaltigung durch einen Migranten nicht ernst nahm. Viele Russlanddeutsche haben auch ihre persönliche Enttäuschung in Zusammenhang mit ihrer Ankunft in Deutschland und ihren persönlichen Diskriminierungserfahrungen in diesen Fall projiziert.

Einige hielten es deshalb nicht für unwahrscheinlich, dass in so einer Situation auch von deutschen Beamten Diskriminierung erfolgen kann. Hinzu kam, dass die Familie von Lisa offenbar Sprachschwierigkeiten hatte und nicht genau wusste, wie das mit der Anzeigenerstattung funktioniert. Sie hatten wirklich geglaubt, dass sie abgeschmettert wurden.

Welche Rolle haben russische Staatsmedien gespielt?

Es war der kurze Bericht im russischen Staatsfernsehen, der innerhalb von wenigen Stunden eine Welle der Empörung lostrat, weil viele Menschen ihm glaubten. Der Bericht im „Perwyj Kanal“ zu der angeblichen Vergewaltigung endete so, dass ein TV-Journalist vor der Polizeistelle in Marzahn-Hellersdorf stand und sagte: Aber Antworten dazu gibt es nicht, heute ist ja Sonntag. Im Sinne, man arbeite bei der Polizei in Deutschland nicht an einem freien Tag.

Der Bericht war sehr kurz und hatte alles, was die russischen Medien vorher schon aufgebaut hatten. Zum einen diese Panikmache, dass Deutschland von Geflüchteten überrannt wird. Dass „Weiße“ nicht mehr willkommen sind, aber „diese Schwarzen“. Dieses Narrativ hatten die russländischen Medien seit 2015 stark etabliert. Die Intention hinter solchen Berichten war, die russländische Bevölkerung davon abzubringen, positiv gen Westen zu blicken.

Diese Botschaft erreichte aber auch die Russischsprachigen hier in Deutschland. Dieses Mittel wurde mit dem Bericht ebenfalls aufgegriffen. Wir hatten in unserem Verein, wo wir Russischsprechende bei der Integration unterstützen, seit der Geflüchtetenbewegung massive Probleme, diesem Narrativ entgegenzuwirken. Schließlich äußerte sich Lawrow persönlich zu dem Fall mit den Worten „unsere Lisa“. Wenn die russischen Staatsmedien nicht vorher gewusst hatten, welchen Einfluss sie auf Russischsprachige in Deutschland haben, dann haben sie das spätestens mit dem Fall Lisa erfahren.

Wer hat 2016 diese Proteste als Reaktion auf die angebliche Vergewaltigung und den Bericht im russischen Staatsfernsehen dazu organisiert?

2016 waren es die üblichen Verdächtigen, die das gepusht und organisiert haben. Also recht überschaubar im Vergleich zu den aktuellen Dynamiken. Da war zum Beispiel Heinrich Groth (Quelle), der Proteste in Marzahn organisiert hatte. Er ist ein allgemein bekannter russlanddeutscher Rechtsextremist. Insgesamt hat man sehr schnell gemerkt, dass vor allem aus den rechtsgerichteten Kreisen diese Demonstrationen angemeldet worden waren.

Vor ein paar Tagen habe ich in einer Telegramgruppe in Zusammenhang mit dem Autokorso in Berlin am 3. April (Quelle) und dem Fall Lisa gelesen: Sie wollten eigentlich nur gegen die Ungerechtigkeit, von der sie meinten, dass sie so passierte, protestieren und sind dann bei einer AfD-Demo gelandet. So fühlen sich auch jetzt einige, die im Prinzip gegen die Diskriminierung Russischsprachiger demonstrieren wollen und sich unter Hardcore-Putin-Anhängern wiederfinden.

Bist du für ein Verbot von prorussischen Demos in der aktuellen Situation?

Wir haben aktuell Fälle von Diskriminierung von Russischsprachigen. Auf dieses Problem mit Demonstrationen aufmerksam zu machen, ist richtig, aber unter Auflagen. Zum Beispiel keine Trikolor Russlands, keine sowjetischen Fahnen. Die Symbole V und Z sind ja in Berlin zum Glück schon verboten. Ich würde aber auch zum Beispiel die Georgsbändchen auf Demos weglassen. Putin hat dem Georgsbändchen und den besagten Symbolen eine andere Bedeutung verliehen als sie es noch vor einigen Jahren hatten.

Diktator Putins neuer nationalistischer „Z“-Kult & Strategie der Gleichschaltung

Sie werden daher ganz bewusst von Radikalen instrumentalisiert. Für das Thema Antidiskriminierung benötigt man solche Symbole nicht. Wir wissen ja auch, dass der russische Staat ganz gezielt diese Symbole nutzt, um für den Krieg zu propagieren. Um den Nationalstolz zu heben, der die Motivation sein sollte, diesen Krieg fortzuführen. Ich frage mich auch, ob Kinder in sowjetischen Uniformen – wie man sie auf solchen Demos sieht – auch dazu beitragen sollen, dass man Russen in Deutschland nicht diskriminiert. Das ist keine angemessene Symbolik, wenn man für die reine Antidiskriminierung einstehen möchte.

Die regierende Bürgermeisterin von Berlin sagte: Wir müssen auch Demos zulassen, die uns nicht gefallen. Wobei wir benennen müssen, dass bei den aktuellen Demos subtil ein Krieg verherrlicht wird, der keine Rechtfertigung hat. Durch die besagte Symbolik können aber radikale Putin-Anhänger jede Demo, die eigentlich einem guten Zweck dienen soll, für Kriegspropaganda nutzen. Sie tragen am Ende dazu bei, dass die gesamte Community der Russischsprachigen diffamiert wird. Ferner halte ich jegliche Versuche diesen Krieg zu verherrlichen für nichts, was als freie Meinungsäußerung gelten kann.

Welche Unterschiede siehst du zum Fall Lisa?

Jetzt sieht man eine viel höhere Dynamik, man sieht alte und neue Strippenzieher, bestimmte Verbände und Vereine, die zum Beispiel in Frankfurt oder NRW die vergangenen Demos angemeldet haben. Aber wir sehen auch, dass beispielsweise der Berliner Autokorso nach aktuellem Kenntnisstand von einer Privatperson angemeldet wurde. Plus, man sieht, dass die Bereitschaft sich zu organisieren sehr stark ist. Man pusht sich gegenseitig. Und es werden häufiger als 2016 Gruppen auf Telegram, Facebook oder Ähnliches genutzt, um Meinungen auszutauschen und sich zu organisieren. Diese Verlagerung ins Digitale ist stärker als früher. Auch die dort geteilten Inhalte, die aus kremlnahen oder kremlfreundlichen Quellen stammen, sind in ihrer Zahl und Frequenz viel höher als damals.

Was passiert in diesen Chatgruppen, die du beobachtest?

Wenn es früher darum ging, deutsche Politiker in der russischen Presse zu zeigen, die pro Russland argumentierten, dann war das Fifty-fifty: links, rechts, mal Wagenknecht, mal Alice Weidel zum Beispiel. Jetzt merke ich, dass eher das rechte Spektrum abgebildet wird und dieses Gedankengut in den Chatgruppen weitergetragen wird – paradoxerweise unter dem Deckmantel einer antinazistischen Haltung. Es gibt viele Gruppen, manche haben 30.000 Mitglieder, manche nur 200, aber es ist zu sehen:

Die Teilnehmenden schicken sich permanent das einschlägige Material und Infos zu den Demos hin und her von Gruppe zu Gruppe. Man sieht, dass diese Gruppen geschlossene Räume sind, wo Menschen sich gegenseitig hochschaukeln in ihrer Stimmung und eine Meinung schnell aufgebauscht wird. Das kannte man vom sozialen Netzwerk „odnoklasskini“ früher, aber nicht in dem Ausmaß und der Dynamik, wie aktuell. Das große Problem ist: In diesen Gruppen widerspricht sich keiner, daher sind sie ein perfekter Nährboden für die Etablierung des einschlägigen Gedankenguts.

Was sind das für Leute in diesen Chatgruppen?

Das sind Leute wie du und ich, denen man vermutlich im Supermarkt Hallo sagt. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Manche behaupten, dass es sozial schwächer gestellte Menschen sind. Aber ich habe auch von bestverdienenden Berufen solche Sachen geschickt bekommen oder es gibt Gruppen, die sich auf bestimmte Kreise, die gut verdienen, konzentrieren, auf Ärzte etwa. Ich würde sagen, nur die ganz Jungen und Ältere sind nicht dabei. Es scheint auch eine ausgewogene Geschlechterverteilung zu geben, wenn ich die mir bekannten Gruppen als Referenz heranziehe.

Erinnern sich die Leute in Marzahn-Hellersdorf noch an den Fall Lisa und bringen sie ihn mit der aktuellen Desinformation durch Chatgruppen und das russländische Fernsehen in Verbindung?

Wenn ich das nicht anspreche, tut es von sich aus keiner. Der Fall ist nicht mehr präsent, weil man ihn gerne verdrängt hat. Man hatte sich immerhin bloßstellen und instrumentalisieren lassen. Es war hier eindeutig, dass dieser Fall, wie er am Anfang erzählt wurde, ein Fake war und entsprechend war die Scham groß, dafür auf die Straße gegangen zu sein. Ich habe den Eindruck, der Fall wird auch nicht reflektiert und keiner sagt sich: Aber schau mal, damals beim Fall Lisa wurden wir ja auch instrumentalisiert.

Wie ist die Stimmung unter Russlanddeutschen in Bezug auf den Ukrainekrieg?

Moskau April 2022: Ein Plakat mit Sankt-Georgs-Band und dem Slogan „FRÜHLING – der Tag des Sieges ist nah“.

Ich glaube, dass die Informationen, die im digitalen Raum weitergereicht werden, einen Teil der Russischsprachigen erreichen und ein Teil auch „putinhörig“ ist. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ein großer Teil dahintersteht. Ich glaube, viele lesen mit und widersprechen dem nicht und sind distanziert. Ich erlebe auch Leute, die bis zum Angriffskrieg beispielsweise pro Putin argumentiert hatten, wie etwa die Krim gehöre zu Russland. Sich jetzt aber gegen Putin aussprechen, weil er auch aus ihrer Perspektive zu weit gegangen ist.

Der Großteil der drei Millionen Russlanddeutschen ist klar gegen den Krieg. Diejenigen, die auf die besagten Demos rennen, sind auf jeden Fall die absolute Minderheit, das sind die ganz stark Radikalisierten. In Berlin zum Beispiel beim Autokorso hat man gesehen, das waren nicht nur Berliner, da waren auch ganz viele fremde Autokennzeichen. Ebenso wie beim Fall Lisa spiegeln die Teilnehmenden nicht die russischsprachige Bevölkerung in Deutschland wider. Diese pro-putinschen Demonstranten sind einfach besonders lautstark und deshalb auffälliger als diejenigen, die eine gemäßigte Meinung haben oder dagegen sind. Ich finde das sehr gefährlich, wenn Medienschaffende anhand dieser radikalen, lauten Menschen Schlüsse auf die gesamte Community ziehen wollen.

Es wäre auch wünschenswert, wenn der deutlich größere Teil, der dagegen ist, genauso lautstark und auffällig auftreten würde. Dann würde man erst die Verhältnisse so deutlich sehen, dass Medienschaffende nicht umhinkämen, über die Gegenbewegungen im selben Maße zu berichten, wie sie aktuell über die Pro-Putin-Demos berichten.

Was muss passieren, um den Einfluss des Kremls auf die Russischsprechenden in Deutschland zu reduzieren?

Ich versuche, russisches Staatsfernsehen zu gucken, um zu verstehen, welche Narrative dort verbreitet werden, wie die Stimmung ist. Und ich komme zum Entschluss: Das ist keine Medienarbeit, das sind subjektive Darstellungen von Putin. Ich bin der absoluten Überzeugung: Diese Medien gehören in Deutschland verboten. Auch ich schaue mir gern russische Filme an oder irgendwelche Unterhaltungssendungen, auch wenn diese oft mit subtiler Propaganda unterfüttert sind, aber die Nachrichtenkanäle sind ganz anders zu bewerten.

Die staatlichen Nachrichtenkanäle Russlands sollten daher gesperrt werden oder zumindest nicht mehr ungefiltert in Deutschland empfangen werden können. Ich weigere mich zu glauben, dass ein Außenstehender, der sich mal hinsetzt und die Berichte tatsächlich in regelmäßigen Abständen verinnerlicht, zum Entschluss kommen kann, es handle sich um schützenswerte journalistische Arbeit. Das sind keine freien Medien dort, keine freie journalistische Arbeit.

Der andere Punkt ist, dass die Mehrheitsgesellschaft verstehen muss, dass die Russischsprachigen, von denen in Deutschland rund 90 Prozent Russlanddeutsche sind, ein großer Teil dieser Gesellschaft sind – mit Betonung auf „Teil“. Und unsere Belange nicht etwas sind, das man am Rande irgendeiner politischen Debatte bespricht oder erst dann, wenn irgendwo ein Krieg ausbricht. Sondern dass man daran arbeiten muss, die Community auch gesellschaftlich zu integrieren, so dass sie kein Bedürfnis und keinen Bedarf mehr hat, russländische Medien zu konsumieren.

Es geht nicht um wirtschaftliche Integration, da sind wir gut aufgestellt. Politiker müssen mehr in die Communities reinhören. Zur Erinnerung, wie damals lief: Lawrow stellt sich hin und sagt: „unsere Lisa“. Ich habe seitens der deutschen Politik keinen sagen hören: Nein, das ist unsere Lisa. Man hat über uns gesprochen, aber nicht als Teil dieser Gesellschaft, sondern als Subkultur. Das muss sich ändern.

Zum anderen würde ich mir wünschen: Wir haben ja viele Aktivisten in unseren Reihen mit tollen Ideen und großem Engagement. Aber was noch fehlt, ist, dass wir aktiv bspw. in diese Telegramgruppen reingehen und widersprechen, mitreden. Und auch auf die Straße gehen, den Leuten Infomaterialien in die Hand drücken. Und zwar nicht nur am Tiergarten in einer geschützten Umgebung, sondern am russischen Supermarkt, wo alle hinkommen. Ich halte es für nicht ausreichend, wenn die Herangehensweise nur auf der intellektuellen Ebene stattfindet und Maßnahmen geschaffen werden, um Zeichen gegen russische Propaganda und den Ukrainekrieg zu setzen mit Ansprachformaten, die für unsersgleichen gemacht sind und nicht die, die wir nicht persönlich kennen und eigentlich erreichen wollen.

Das was wir in diversen Arbeitsgruppen verfassen, erreicht meistens auch nur die Gruppen, die ohnehin unsere Meinung teilen. Wir müssen dazu übergehen, in für uns unbequeme Milieus hineinzuarbeiten. Wir müssen dort an den etablierten pro-putinschen Grundfesten rütteln. Ich kenne die Gruppen, ich weiß daher genau, dass eine einzelne Person dies nicht leisten kann, aber gemeinsam wäre dies langfristig machbar.

Welche besonderen Belange haben Russlanddeutsche?

Es gibt faktische Belange wie die Rentenproblematik oder zum Beispiel die Anerkennung von Schulabschlüssen. Aber es gibt auch emotionale Belange. Gerade die, die später, also Ende der 1990er und Anfang 2000er in den Osten der Bundesrepublik als Spätaussiedler einwandert waren: Die Gesellschaft dort wusste noch weniger als im Westen, wer die Russlanddeutschen sind und hat sie auch so behandelt: Wer seid ihr? Ihr seid als Deutsche eingewandert, aber eigentlich seid ihr alle Russen.

Das demütigt natürlich, wenn du einer Community angehörst, die in ihren Herkunftsländern immer damit leben musste, als Faschist bezeichnet zu werden und hier plötzlich der „scheiß Russe“ ist. Es geht um emotionale Kränkungen, die von der Gesellschaft aufgearbeitet werden müssen. Wir sehen in der Berichterstattung zahlreicher Journalisten, dass sie immer noch nicht wissen, wie sie uns richtig bezeichnen oder einschätzen sollen. Bei vielen sind wir immer noch eine „Russen-AfD-Gruppe“ oder „Russen-CDU-Gruppe“.

Gemeint ist ein Post von https://www.facebook.com/karl.kobs – er hatte sich später entschuldigt und den Post gelöscht.

Neulich schrieb ein Journalist bei Facebook – geleitet durch seine ersten starken Emotionen im Zusammenhang mit dem Krieg und den Pro-Putinschen-Demos: „Warum werden russische ‚Spätaussiedler‘ mit Ariernachweis und Putin-Meise syrischen Flüchtlingen gegenüber bevorzugt?“. Er entschuldigte sich später dafür bei Facebook und schien sogar jemand mit eher liberaler Weltanschauung zu sein. Dieser Post zeigt aber alles an Denkfehlern und Vorurteilen auf, die in Bezug auf uns Russlanddeutsche vorherrschen. Das finde ich unfassbar bedauerlich. Dabei gibt es mittlerweile auch Studien und ganze Online-Dossiers zu uns, die mit Vorurteilen brechen.

Danke dir für das Gespräch!

Das Interview führte Ira Peter. Ira Peter ist Medien- und Kulturschaffende und in der aktuellen Folge ihres aktuellen Folge ihres Podcasts „Steppenkinder. Der Aussiedler Podcast“ besprechen sie und Edwin Warkentin den Fall Lisa und seine Folgen. Der Podcast ist nicht kommerziell und wird durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien gefördert.

Artikelbild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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