Rubel- & Börsentricks: Wie geht es Russlands Wirtschaft wirklich?

| Ukraine | 24. Juli 2022

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Transparenzhinweis in eigener Sache: Wir hatten diesen Artikel bereits am Freitag, 22.07. veröffentlicht. Allerdings waren damals aufgrund redaktioneller Fehler veraltete Zahlen genutzt worden. Diese Zahlen verzerrten die Aussagen des Artikels deutlich, weswegen wir uns nach entsprechenden Hinweisen dafür entschieden haben, den Artikel vorerst zurückzuziehen. Hier liegt nun eine grundsätzlich überarbeitete Version mit aktuellen Zahlen vor. Wir bitten um Entschuldigung. Vielen Dank an die aufmerksamen Leser:innen, die uns auf den Fauxpas hinwiesen!

Russlands Wirtschaft: Krisensicher oder Kollaps?

Dieser Artikel ist eine Co-Produktion von Annika Schnabel und Frederik Mallon

Der Rubel ist stark, das russische Staatsfernsehen macht sich über den deutschen Energiesparkurs lustig. Russland tut sehr viel, um den Anschein zu erwecken, die Sanktionen beträfen sie nur marginal. Selbst wenn Putin von einem „wirtschaftlichen Blitzkrieg“ des Westens gegen seinen Staat spricht und einräumt, dass die Schäden der Sanktionen für die russische Wirtschaft groß seien, zeigt er im gleichen Satz mit dem Finger auf die EU und die weiteren Staaten, die sich den Sanktionen angeschlossen haben. Viele fallen auch direkt darauf rein, ganz vorne die AfD und Sahra Wagenknecht. Doch wie schlecht geht es der Wirtschaft Russlands wirklich?

Starker Rubel oder künstlicher Kurs?

Kurz nach Kriegsbeginn schloss die Moskauer Börse und ließ Aktienhändler:innen und Wirtschaftsexpert:innen zunächst im Dunkeln, wie sich der Kriegseintritt auf die russische Wirtschaft auswirken würde. Nachdem die Börse jedoch wieder öffnete, wurden unmittelbar Maßnahmen eingeführt, um den Rubel – die russische Währung – zu stützen und künstlich oben zu halten (Quelle). Anfangs ging es dabei vor allem darum, zu verhindern, dass russische Banken Fremdwährungen verkaufen. Konkret sollten also wenig Dollar, Euro usw. an die russische Bevölkerung ausgezahlt werden, damit sich nicht eine dieser Währungen als inoffizielle Leitwährung (gegenüber dem damals schwachen Rubel) durchsetzen könnte.

Maximal 10.000 Dollar (oder eine entsprechende Menge an anderen Fremdwährungen) durfte man noch abheben, alles darüber hinaus wurde ausschließlich in Rubel ausgezahlt. Soweit hatten wir auch schon in unserem ursprünglichen Artikel berichtet, doch zur Wahrheit gehört auch: Die harten Maßnahmen fielen Stück für Stück mit dem Erstarken des Rubels und seit dem 20.05. dürfen Fremdwährungen wieder uneingeschränkt ausgezahlt werden. Nur für Dollar und Euro gelten noch Ausnahmeregelungen (Quelle).

Eine weitere Maßnahme, die den Rubelkurs künstlich stützte, war der Zwangsumtausch für Exporteure. Wenn ein russisches Unternehmen etwas ins Ausland exportierte (zum Beispiel Öl oder Gas) und in einer fremden Währung bezahlt wurde, musste es einen großen Teil davon verpflichtend in Rubel umtauschen. Anfangs waren das 80% aller Einnahmen. Damit wird natürlich wiederum die Nachfrage nach Rubel künstlich erhöht. In der Statistik sieht es so aus, als würde der Rubel stärker, auch wenn die Öl- und Gasunternehmen gar nicht freiwillig ihre Einnahmen in Rubel umgetauscht haben.

Als der Rubel sich erholte, fiel auch diese Maßnahme Stück für Stück. Erst mussten nur noch 50% umgetauscht werden und die Fristen wurden verlängert (Quelle), am 10. Juni wurde die feste Quote komplett abgeschafft. Nun entscheiden eine Regierungskommission und die Zentralbank eigenständig über Quoten und Fristen (Quelle). Diese aktuellen Entwicklungen fehlten in der ersten Version dieses Artikels.

Zentralbank jongliert mit den Zinssätzen

Sehr direkt griff die Russische Zentralbank „Bank Rossii“ in den Kurs des Rubels ein. Ihr wichtigstes Werkzeug ist dabei der Leitzins, also der Zinssatz, zu dem andere Banken bei ihr Geld anlegen oder aufnehmen können. Er funktioniert dabei wie ein „Preis“ des Geldes. Bei hoher Inflation kann man also den Leitzins erhöhen, sodass Geld „teurer“ wird beziehungsweise nicht mehr so schnell an Wert verliert. Genau das hat die russische Zentralbank getan und zwar nicht zu knapp. Von ursprünglich 9,5% erhöhte sie den Leitzins auf 20%, also mehr als eine Verdopplung (Quelle).

Auch hier fehlte in unserem ersten Artikel der aktuelle Stand. Denn über die Wochen wurde der Leitzins gesenkt, erreichte im Juni wieder 9,5%. Während wir an dieser neuen Version arbeiten kam sogar eine weitere, überraschend starke Senkung auf 8%, womit der Leitzins jetzt sogar unter dem Vorkriegsniveau liegt (Quelle).

Die russische Zentralbank hat sich noch ein weiteres Tool ausgedacht, um den Währungskurs zu schützen. Seit die Börse wieder geöffnet hat, ist es ausländischen Börsenhändler:innen verboten, Aktien zu verkaufen. Würden russische Aktien mit einem Schlag, oder auch nach und nach aber dafür im großen Stil, verkauft werden, würden die dadurch erhaltenen Rubel vermutlich sofort in Dollar umgetauscht werden und damit für extrem viel Druck auf den Rubel sorgen (Quelle).

Analysten des MSCI verglichen den CDS-Markt (einer Art spekulativer Markt für Kreditausfallversicherungen) mit dem aktuellen Stand der Moskauer Börse und kamen zu dem Schluss, dass die verhältnismäßig gute Performance russischer Aktien mutmaßlich künstlich erzeugt ist. Denn der CDS-Index impliziert, dass das Vertrauen ausländischer Investor:innen in russische Werte quasi Null ist. Nur spiegele sich das nicht an der Moskauer Börse wieder, weil diese Investor:innen ihre Aktien nicht verkaufen dürfen, wie es sonst der Fall wäre (Quelle).

Zwischenfazit: Starker Rubel, schwache Aussagekraft

Es lässt sich also erst einmal festhalten, dass der Rubel als Symbol der russischen Wirtschaft durchaus besser durch die vergangenen Monate gekommen ist, als westliche Expert:innen das prognostizierten. Man muss allerdings auch verstehen, dass sich allein vom scheinbar stabilen Rubel wenig sinnvolle Aussagen treffen lassen. Denn „starker Rubel“ bedeutet letztlich nicht viel mehr als „starke Nachfrage nach Rubel“. Und diese Nachfrage ist größtenteils künstlich erzeugt – darauf weisen zumindest die Maßnahmen hin, die die russische Regierung und Zentralbank am Anfang der Krise getroffen haben. Man weiß nicht, wie groß das Interesse des Auslands an russischen Aktien ist, da der Aktienmarkt für Ausländer:innen quasi eingefroren ist.

Außerdem weiß man auch nicht, wie die russische Wirtschaft dastehen würde, gäbe es nicht nach wie vor die absurde Abhängigkeit des Westens von russischen Rohstoffen. Durch die steigenden Preise von Öl und Gas steigen auch die Einnahmen Russlands. Doch die Gegenseite, die russischen Importe, sind nahezu eingebrochen. Dadurch hat Russland eine stark positive Außenhandelsbilanz, die ebenfalls den Rubel stärkt. Doch wie es der Bevölkerung Russlands dadurch geht, lässt sich nicht abschätzen. Und während wir zu Recht besorgt auf Inflation und Gasmangel in Deutschland schauen, fällt sehr selten die Frage: Wie wirkt sich das Ganze eigentlich auf die Menschen in Russland aus? Eins vorweg: Eine einfache Antwort gibt es auch hier nicht.

Russische Bevölkerung hat nichts vom hohen Rubelniveau – das ist Fassade 

Der hohe Preis für den Rubel hat nicht nur nach außen eine große Signalkraft. So erweckt die russische Wirtschaft nicht nur im Ausland den Anschein, als stünden die Dinge gar nicht so schlecht, wie sie tatsächlich stehen. Auch für die eigene Bevölkerung könnte dies eine ähnliche Wirkung haben. Viele Russ:innen werden jedoch am eigenen Leibe merken, wie sehr die Sanktionen in das alltägliche wirtschaftliche Leben in Russland eingreifen. So wären viele Russ:innen in Wirklichkeit arbeitslos, sagte Natalija Subarewitsch, Professorin für Wirtschaftsgeographie an der Staatlichen Universität Moskau, im YouTube-Kanal „Lebendiger Nagel“ (Quelle). Dadurch kommt weniger Geld in die privaten Kassen, was mit dem erhöhten Preis für Lebensmittel kollidiert (Quelle).

Die Inflation in Russland war (nach einem 20-Jahre-Hoch von 7,61% im März) zuletzt lange Zeit extrem niedrig. Das klingt zwar auf den ersten Blick gut, angesichts der allgegenwärtigen Angst vor zu hoher Inflation. Doch glaubt man kritischen Expert:innen, könnte Russland sogar in die andere Richtung kippen. Das Gegenstück von Inflation ist Deflation, ein Rückgang der Verbraucherpreise. Auch das klingt zunächst ganz gut, wird ja alles billiger oder? Aus volkswirtschaftlicher Sicht gilt Deflation allerdings als sehr gefährlich.

Sie könnte dazu führen, dass Unternehmen im großen Stil die Produktion zurückfahren, denn es lohnt sich ja für sie kaum noch, bei sinkenden Preisen zu produzieren. Als Reaktion müssten sie Stellen streichen, also werden Menschen arbeitslos. Dadurch können sich die Menschen noch weniger leisten, Preise müssen weiter sinken, Unternehmen weiter Stellen abbauen – eine Abwärtsspirale könnte starten (Quelle). Das ist auch, wovor Subarewitsch warnt.

Doch wie sieht es in Russland aus? Es könnte durchaus sein, dass Russland in diese Deflationsfalle rutscht. Gerade im Juni war eine Zeit lang negative Inflation, also Deflation, zu sehen. Vermutlich ist jetzt schon die Arbeitslosigkeit höher, als offiziell zugegeben wird. Es entsteht mittlerweile der Verdacht, dass Russland bewusst Zahlen zurückhält, die eine schlechte Situation der eigenen Wirtschaft belegen könnten – und das in Zukunft sogar noch mehr tun wird (Quelle).

Insgesamt ist es aktuell noch nicht möglich, eine Prognose abzugeben, wie genau sich die Situation für die Menschen in Russland entwickeln wird. Die hohe Inflation vom Anfang der Krise könnte zurückkehren, doch auch eine Deflationsspirale ist nicht ausgeschlossen. Zuletzt gab es wieder leicht positive Inflation von 0,23% (Quelle). Auch die Russische Zentralbank gibt sich angesichts der Lage entspannt (Quelle). Nur, ob man den offiziellen Stellen in Russland trauen kann, wenn es jetzt schon Hinweise auf Verschleierung gibt?

Hochwertige, technologische Güter könnten zur Mangelware werden

Während die russischen Kassen durch den noch immer lukrativen Export von Gas und Öl prall gefüllt sind, können wichtige Importe nicht getätigt werden können. Besonders betroffen davon ist unter anderem die Technologie-Branche. Der Kreml will nun technologische Produkte, welche Russland aufgrund der Sanktionen nicht direkt kaufen kann, über Drittstaaten wie Kasachstan erwerben. Dies würde jedoch für sehr hohe Preise bei den betroffenen Produkten führen.

Zudem gibt es schon jetzt Prognosen, die russische Flugzeugflotte Aeroflot müsse demnächst etwa ein Drittel ihrer Flugzeuge als Ersatzteillager nutzen, da Unternehmen wie Boeing und Airbus nichts mehr liefern (Quelle). Diese Maßnahme wurde mittlerweile wieder gelockert (Quelle). In Folge sank dennoch die Produktion von hochwertigen Gütern wie Kühlschränken (-58%) oder Trucks (-39%), die auf Importe angewiesen sind (Quelle) – und eben vermutlich auch die Produktion moderner Waffensysteme (die Auswirkungen lassen sich nicht so einfach überprüfen). Die Exporte nach Russland sind nun offenbar auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten (Quelle).

Linke und AfD mit gemeinsamen Forderungen

Anfang Juli forderte der Linken-Energieexperte Klaus Ernst, Gespräche mit Russland über sichere Gaslieferungen und eine Energieversorgung über die nicht in Betrieb genommene Pipeline Nordstream II einzuleiten. Dafür erntete er harsche Kritik aus den eigenen Reihen. Fraktionschef Dietmar Bartsch und auch die Parteivorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan widersprachen ihm vehement. Auf Twitter verkündeten sie, ihre Partei fordere einen Preisdeckel für Gasimporte, gezielte Sanktionen gegen Oligarchen, die Nichtinbetriebnahme von Nord Stream II und die Beschleunigung der Energiewende (Quelle).

Neben Ernst scheint jedoch auch Sahra Wagenknecht von diesen Entscheidungen nichts mitbekommen zu haben. Sie twitterte: „Wirtschaftskrieg ruiniert uns, nicht Russland! Sanktionen aufheben, zur Not Gas über Nord Stream II beziehen!“ Damit sagte sie quasi im Wortlaut genau das, was auch Tino Chrupalla im AfD-eigenen Podcast „7 Tage Deutschland“ am 15. Juli forderte (Quelle).

Forderung von Wagenknecht ergeben wenig Sinn

Ihre Forderungen machen herzlich wenig Sinn, denn es gibt laut Bundesnetzagentur keine technischen Gründe, die Russland daran hindern, z.B. mehr Gas über die Ukraine nach Deutschland zu liefern (Quelle). Auch gibt es keine Sanktionen auf russisches Gas. Es wurden sogar extra Ausnahmen für den Swift-Ausschluss gemacht, um weiterhin die Gaslieferungen bezahlen zu können (Quelle) und auch jetzt wird Kanada eine Ausnahme von den Sanktionen machen, um wie gefordert Siemens zu ermöglichen, eine benötigte Gasturbine an Gazprom zu liefern (Quelle). Laut Wirtschaftsministerium gibt es nicht mal einen technischen Grund dafür, aufgrund der fehlenden Turbine die Lieferungen auszusetzen (Quelle). Wenn man ehrlich ist: Es hängt einzig an der Entscheidung Putins, wie viel Gas wir aus Russland bekommen. Just fließt auch wieder Gas durch Nordstream 1 (Quelle).

Dabei sprechen die Zahlen zu den Auswirkungen der Sanktionen eine recht eindeutige Sprache. Die EU und auch die russische Zentralbank rechnen damit, dass die russische Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 10,4 Prozent sinken wird. Zum Vergleich: Trotz der Sanktionen wird in der EU mit einem Wachstum von 2,7 Prozent gerechnet, in Deutschland mit einem Plus von 1,4 Prozent (Quelle). Das sind im Vergleich zum Vorjahr zwar 1,3 Prozent weniger (Quelle), angesichts der Sanktionen, die ohne Zweifel und sehr spürbar auch Deutschland treffen, jedoch um Einiges aushaltbarer als ein Einbruch um über 10 Prozent.

In Russland sind Inflation und Kaufkraftverlust somit mindestens ein so großes Thema wie in Deutschland. Russische Wirtschaftsexpert:innen prognostizieren außerdem, dass die dortige Wirtschaft im Herbst mit einem großen Knall einstürzen könnte. Bis dahin seien die staatlichen Rücklagen langsam aufgebraucht (Quelle).

Wirtschaftlicher Einbruch in Russland erst mit totalem Embargo

Verschiedene Kennzahlen scheinen Russland auf den ersten Blick eine gute Entwicklung zu bescheinigen. Doch vieles deutet darauf hin, dass die russische Wirtschaft momentan vor allem davon profitiert, dass Rohstoffpreise gestiegen sind. Verbunden mit stark gesunkenen Importen entstand daraus ein großer Handelsüberschuss. Doch inwiefern das in der aktuellen Situation wirklich ein positives Zeichen ist, sollte angezweifelt werden. Die Lage der Bevölkerung wird durch mangelnde Importe vor allem technologischer Güter mittelfristig schlechter werden. Auch die Angst vor Inflation und Deflation wird Russland wohl noch länger beschäftigen.

Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass ein totaler Kollaps der russischen Wirtschaft (noch?) nicht sicher ist. Die russische Zentralbank hat Geschick bewiesen im Kampf gegen die Inflation, noch fließt Geld aus dem Westen durch Öl- und Gasexporte und die Wirkung der russischen Inlandspropaganda ist nicht zu unterschätzen.  Es würde wohl erst ein komplettes Gas- und Ölembargo der EU Russland so treffen, dass die Wirtschaft staatsversagend zusammenbrechen könnte. Dennoch kann nicht geleugnet werden, dass sie durch die bisherigen Sanktionen in große Mitleidenschaft gezogen wurde. Und was wir nicht vergessen dürfen ist, dass Sanktionen ohnehin eher langfristig wirken und nicht von heute auf morgen.

Artikelbild: shutterstock.com C.Aphirak / Screenshots

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