Laschet: Wahlkampf mit irreführenden Schnipseln (oder Plagiaten) statt Inhalten

| Wahlkampf | 15. August 2021

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Die Dämonisierung Laschets – mit irreführenden Schnipseln

Für CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet läuft es aktuell nicht gut. In einigen Umfragen fällt die CDU wieder ganz in die Nähe der zweitplatzierten Grünen, im direkten Vergleich lässt SPD-Kandidat Scholz seine Mitkonkurrent:innen weit zurück.

Das hat auch inhaltliche Gründe. So wäre es auch strategisch sinnvoll für Laschet, beim Klimaschutz stärker auf Positionen der Klimaunion zu setzen, statt an Quasi-Verboten für Windkraftanlagen durch riesige Mindestabstände festzuhalten. Das könnte seine Umfrageergebnisse massiv verbessern. Auf der anderen Seite zeigt sich Laschet zu zaghaft oder unwillig, effektiv gegen Rechtspopulismus und Lügen aus seiner Partei vorzugehen wie von Seiten von Merz oder Maaßen.

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Dämonisierung von Laschet

Aber leider spielen wie schon so oft in diesem Wahlkampf inhaltliche Auseinandersetzungen mancherorts eine eher untergeordnete Rolle. Wie zuvor bei  einer massiven Diskreditierungskampagne gegen Baerbock werden Nebensächlichkeiten – Bilder, Videoausschnitte oder (sehr oft gefälschte!) Zitate – in den Fokus gerückt und medial aufgebauscht. Auch die „Plagiats“-debatten bei beiden Kandidat:innen waren politisch völlig unwichtig und harmlos.

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Der Trend, der sich zunächst vor allem auf Baerbock fokussierte, trifft jetzt auch Laschet. Bilder, Zitate und Videoschnipsel werden ohne Kontext geteilt, um auf einer emotionalen Ebene Laschet als „bösen” – oder zumindest herzlosen oder naiven Menschen darzustellen. Im schlimmsten Fall führen solche Dynamiken in sozialen Medien zur „Dämonisierung“ einer Person. Und im Gegensatz zu inhaltlicher Kritik, auf die ein Kandidat durch Abwägung der Argumente mit Anpassung seiner Position reagieren könnte, führt Dämonisierung zu einer Spaltung der Gesellschaft. Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass auch der politische Gegner sachlichen Argumenten nicht mehr zugänglich ist, weil alle nur noch sauer aufeinander sind. 

Laschet lässt andere nicht im Regen stehen

Was Fokussierung bei Baerbock auf Plagiate und Lebenslauf war, sind bei Laschet unglückliche Bilder. Nicht alle sind dabei nur unfaire Winkel. Wie Beobachter des Wahlkampfs bereits feststellten, scheint Laschet kein Glück oder kein gutes Gespür für gute Auftritte zu haben (mehr dazu). So wirkt er selbst auf offiziellen Wahlkampffotos schlecht, schlechter als hier zum Beispiel Söder.

Möglicherweise sagt Laschet deshalb auffällig viele Medientermine und Interviews ab (z. B. bei Rezo, bei  “Spiegel”, “t-online” und “Vice”, beim Zentralrat der Juden, Quelle, Quelle), was als ängstlich oder schwach kritisiert wird (Quelle). Aber viele Bilder und Videoschnipsel bekommen ihren Effekt über Symbolwirkung dadurch, dass sie aus dem Kontext gerissen werden. Oder äußerst missverständlich sind, wie vor kurzem bei „junger Frau“.

Laschet sagte im Interview nicht “junge Frau” – Debatte lenkt vom Inhalt ab

Viele haben das Bild gesehen, in welchem Laschet mit einem vom Hochwasser betroffenen Mann spricht. Es wurde viel verbreitet, weil es darauf aussah, als wäre Laschet der einzige von dreien, der nicht im Regen stehen müsse.

Die Kolleg:innen von Correctiv haben dazu bereits nachrecherchiert: Im Videobeitrag (ab Minute 0.52) sieht man, dass eine zweite Person auch einen Regenschirm für den Mann hält. Der Büroleiter der CDU Bundesgeschäftsführung hat den Screenshot verbreitet, worauf man sehen soll, dass beide einen Schirm bekamen.

Das ist zwar auch nicht so deutlich, aber möglicherweise hätte eine andere Perspektive nie zu der Debatte dahinter geführt.

Das “Paradies auf Erden”

Kritisiert wurde auch ein Zitat Laschets über Kommunismus und dem „Paradies auf Erden“.

Es wurde oft geteilt und kritisiert, umgekehrt wies zum Beispiel Ruprecht Polenz darauf hin, dass es eine Anspielung auf ein Popper-Zitat sei.

Die Debatte führte nirgendwo hin, das Zitat Laschets wurde christlich-fundamentalistisch ausgelegt, im Kontext des Originalzitats wäre es anti-fundamentalistisch gemeint. Aber völlig egal, wie man es dreht ist die viel wichtigere Frage: Was haben wir gelernt, wenn das eine oder andere richtig wäre? Nichts. Macht das Laschet zu einem guten Kanzler? Wird seine Regierung deshalb die wichtigen Probleme unserer Zeit angehen? Manche Kritik im Netz wirkt viel zu belanglos oder unkonkret.

Elon Musk lacht über Laschet

Erst kürzlich viel diskutiert wird ein Videoausschnitt, der aufgenommen wurde, als Laschet Tesla-Chef Elon Musk traf (Quelle). Nach einer Frage von Laschet über die Zukunft des Automobils – Wasserstoff oder Elektrisch – lacht Musk laut auf.

Viele interpretierten es so, dass Musk Laschet wegen der Lächerlichkeit seiner Frage auslachte. Entweder weil es offensichtlich sei, dass ein führender Elektroauto-Hersteller damit antworten würde, dass die Zukunft bei elektrischen Autos liege. Oder eben weil es in der Frage keinen wissenschaftlichen Streit gibt und die Antwort offensichtlich ist. Diese Klarstellung und Kritik an so einer Darstellung ist in jedem Fall also richtig und wichtig, wie Experte Volker Quaschning es hier zum Beispiel erklärt:

Dabei ist es wie immer meistens müßig, einen Videoschnipsel ohne Kontext zu betrachten. Musk lachte auch abfällig über die Pressefrage, dass Tesla der Region wichtiges Wasser wegnehmen könnte. Dabei ist Berlins Trinkwasserversorgung wirklich gefährdet (Quelle), die Niederschlagsmenge in Brandenburg sinkt in Richtung aride Bereiche (Quelle) und eine Versteppung und eine Versandung von Seen wurde vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vorhergesagt (Quelle). Die Frage ist also nicht so lächerlich, wie Musk es darstellt.

Die CDU weist darauf hin, dass im Gespräch direkt danach Laschet von LKW gesprochen hat, auf Nachfrage eines Journalisten. Er erklärt, er meinte natürlich die Diskussion um Schwerlaster, nicht Autos.

Und es ist richtig, dass Musk (und auch Zuhörer:innen) davon ausgehen hätten müssen, dass Laschet von Autos spricht, es sprach in den darauffolgenden Sätzen eben auch wirklich über LKW. Ein Fotograf im Auftrag der CDU vor Ort ist sogar der Meinung, die Frage sei ironisch gewesen.

So eindeutig, wie die Szene ohne Kontext dargestellt wird, ist sie also vielleicht gar nicht.

Die (sozialen) Medien lieben Personen-Skandale und kleine Ausschnitte

Es ist ein wenig die Natur der Sache, wie Kommunikation – und besonders politische Kommunikation – in Social Media stattfindet. Kurze Ausschnitte, Fotos und Zitate lassen sich einfacher teilen und verbreiten. Deswegen sind auch Fake News so wirkmächtig, weil man mit wenigen Bildern oder Sätzen, selbst wenn sie nicht erfunden sind, völlig irreführende Eindrücke erzeugen kann. Der Effekt macht aber auch vor seriösen Medien nicht halt, die viel leichter über solche kontextlosen Aspekte sprechen können, als über komplizierte und möglicherweise kontroverse Schnipsel.

Umgekehrt ist es für alle Seiten leicht, die eigenen Vorurteile durch derartige Darstellungen zu bestätigen und einfachen Wahlkampf zu führen. Aber was auf der Strecke bleibt: Inhaltliche Debatten. Klimawandel, demographischer Wandel, ein schwieriger industrieller Wandel und eine Krise mit dem Wechsel zu sauberer Energie, sowie chronisch unzureichende Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Wohnungsbau sind Mammutaufgaben, die Merkels Nachfolger:in erwarten.

Debatten werden viel zu selten über Inhalte geführt und wenn, dann vermehrt über symbolische Themen. Oder wenn es um konkrete Vorschläge geht, werden diese einseitig, falsch oder heuchlerisch kommuniziert.

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Die internationale Presse hat es auch gemerkt

Die internationale Presse titelt bereits “What Germans should be debating — but aren’t” oder German voters deserve a more serious election campaign”. Sie beklagen sich, dass zentrale Themen wie Energiewende, Außenpolitik, Ausgabenpolitik und Schulden kaum diskutiert werden, obwohl die Parteien echte Unterschiede aufzeigen. Die Grünen wollen einen staatlich gelenkten Übergang zu null Emissionen, eine härtere Gangart gegenüber China und Russland und eine größere europäische Einigkeit. Die Union will der Wirtschaft Zeit geben, sich auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft einzustellen und ein Gleichgewicht zwischen außenpolitischer Unabhängigkeit von China und wirtschaftlicher Zusammenarbeit herstellen. Die SPD will mehr Einkommen umverteilen und außenpolitische Auseinandersetzungen vermeiden, schreibt der Economist.

Und sie haben Recht: Wir hören wenig darüber. Unsere politischen Debatten sind von Schmutzkampagnen, Fake News und aus dem Kontext gerissenen Schnipseln dominiert, die ohnehin meistens Nebensächlichkeiten behandeln. Dazu braucht es nicht mehr das AfD-Unterstützer-Umfeld, um Hetz-Plakate aufzuhängen, um den Wahlkampf von Fakten und Inhalten abzulenken.

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Artikelbild: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

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