Bist du auf eine dieser Lügen & Verschwörungsmythen über Annalena Baerbock hereingefallen?

| Wahlkampf | 14. Mai 2021

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Wie man dich mit Lügen dazu bringen will, Baerbock zu hassen

Von Verena R.

Aktuell haben Rechtsextreme und das konservative Lager wieder ein Feindbild, auf das sie ihren ganzen Hass abladen können: Die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock, die dieses Jahr als Bundeskanzlerkandidatin für die Grünen ins Rennen geht. Aktuell hat sie auch gute Chancen, das Amt der Bundeskanzlerin zu übernehmen. Denn seit einiger Zeit zeigen die Umfragen die Grünen vor der Union (Quelle), außerdem könnte die Partei auch als zweitstärkste Partei in einer „Ampel“ oder Grün-Rot-Rot-Koalition die Regierung anführen.

Das ruft – wie in der Vergangenheit auch bereits – Hetzer:innen auf den Plan, die vorwiegend mit frauenfeindlichen Äußerungen, Fake News und mittlerweile sogar teilweise antisemitischen Verschwörungsmythen Annalena Baerbock diskreditieren und verteufeln möchten. Da diese Art der Hetze und die Verbreitung von Falschinformationen untragbar sind, möchten wir über die weitreichendsten Unwahrheiten aufklären, die über Annalena Baerbock in Umlauf sind. Es scheint jedoch bereits jetzt ein schlechtes Zeichen für die Feinde der Grünen zu sein: Wer Kritikpunkte, Zitate und Verbindungen erfinden muss, findet wohl nicht genug echte negative Punkte, oder?

Geschlechtsspezifische Desinformation

Hass begegnet Annalena Baerbock nicht erst seit öffentlich wurde, dass sie als Kanzlerkandidatin der Grünen antreten wird. Bereits 2018, als sie Parteichefin der Grünen wurde, bekam die Völkerrechtlerin den meist frauenfeindlichen Hass zu spüren. Sexuelle Gewaltfantasien, Hass und Hetze bereiteten ihr auch schon in dieser Zeit Sorge (Quelle).

Und nicht nur Annalena Baerbock ist Opfer von Hassnachrichten und sexistischen Äußerungen, die meisten Frauen in der Politik erleben Ähnliches. So zeigte eine Umfrage der interparlamentarischen Union von 2018, dass unter 123 weiblichen Abgeordneten oder Mitarbeiterinnen in nationalen Parlamenten in der Europäischen Union rund 58 % der Befragten im Laufe ihrer Karriere von sexistischen Angriffen in den sozialen Medien betroffen gewesen seien. Fast 47 % wurde demnach schon einmal Vergewaltigung oder sonstige Gewalt angedroht (Quelle). Laut Recherchen des Spiegels hat ein Großteil der weiblichen Bundesabgeordneten bereits „frauenfeindlichen Hass“ erlebt (Quelle ).

Die Geschäftsführerin von HateAid, Anna-Lena Hodenberg, einer Beratungsstelle für Opfer digitaler Gewalt, erklärt, dass diese genderspezifische Desinformation und die sexualisierten Inhalte auf das Schamempfinden von Frauen abzielen solle. „Oft geht es um das Äußere oder ihr Frausein, mit dem sie abgewertet werden“ (Quelle).

Kommentarspalten voller Hass

So zeigt beispielsweise die Kommentarspalte auf Facebook zu einem Zusammenschnitt von einer Rede von Baerbock, welche Anfeindungen gegen sie ausgeteilt werden. Dort wurde u. a. Folgendes kommentiert: „leck mich am arsch du dumme sau“ – „Dummes Dreckstück“ oder „Sowas gehört verbrannt….“. Erschreckend, mit welcher Leichtigkeit Menschen andere derart widerlich beleidigen können.

Ein Beispiel dafür ist ein gefälschtes Nacktfoto, das zur Zeit in den sozialen Medien verbreitet wird. Es wird behauptet, dass Annalena Baerbock auf dem Foto zu sehen sei mit der Bemerkung „Sie war jung und brauchte das Geld“ (Quelle).

Doch eine Bilder-Rückwärtssuche (und ein wenig genaues Hinschauen) hat wenig überraschend ergeben, dass es sich bei der Frau auf dem Bild offensichtlich nicht um Annalena Baerbock handelt (Quelle). Hier wird besonders klar, dass es sich um genderspezifische Desinformation handelt. Denn gab es in der Vergangenheit je ein Fake-Nacktfoto von einem männlichen Bundeskanzlerkandidaten oder Politiker, um ihn zu diskreditieren?

Fotos von „Kandidatenfeier“ nicht aktuell

Dass Fotos häufig dafür verwendet werden, um Falschinformationen in Umlauf zu bringen, ist nichts Neues. Diese werden meist aus dem Kontext gerissen oder bearbeitet. Besonders in Zeiten der Pandemie nimmt man gerne alte Fotos, um zu suggerieren, Politiker:innen würden sich nicht an die Abstandsregeln halten:

AfD-Lügner teilen Fake-Foto aus dem Jahr 2019, um euch wieder mal zu manipulieren

Und auf Grundlage dieser bekannten Desinformations-Strategie wurde eine Fotocollage auf Facebook geteilt, die Fotos von Parteitagen der Grünen aus der Vergangenheit als aktuelle Fotos ausgeben soll (Quelle). Auf den Bildern sind Annalena Baerbock und einige ihrer Parteikolleg:innen zu sehen. Sie stehen dicht beieinander, sogar wie Annalena Baerbock jemanden umarmt, ist zu erkennen. Es wurde behauptet, dass diese Aufnahmen erst kürzlich bei der Ernennung von Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin am 19.4.2021 entstanden seien. Es soll so der Eindruck entstehen, Baerbock und ihre Parteikolleg:innen würden sich nicht an die aktuell geltenden Corona-Abstandsregeln halten.

Der Faktencheck von Correctiv beweist jedoch das Gegenteil. So seien die Fotos von der Collage nicht am 19.4.2021 bei der Ernennung von Baerbock zur Kanzlerkandidatin entstanden, sondern zeitlich den Jahren 2018 und 2019 zuzuordnen. Das Foto, auf dem Baerbock jemanden umarmt, stammt tatsächlich von einem Parteitag der Grünen von November 2019. Baerbock umarmt hier Habeck – gefunden mithilfe einer Google-Suche und erkennbar an den übereinstimmenden Outfits, die beide tragen (Quelle). Alle Fotos der Collage wurden also aus dem Kontext gerissen und absichtlich zeitlich falsch datiert.

(Antisemitische) Verschwörungsmythen über Annalena Baerbock

Doch nicht nur Fotos werden aus dem Kontext gerissen und sexistische und hasserfüllte Nachrichten an Baerbock gerichtet, auch die Fake News-Verbreiter:innen aus der Verschwörungsblase haben Annalena Baerbock als Feindbild für sich entdeckt und verbreiten Desinformationen über die Kanzlerkandidatin.

Annalena Baerbock und George Soros

Baerbock teilte am 16.2.2019 mehrere Fotos von der Sicherheitskonferenz in München, bei der die Klimakrise thematisiert wurde. Darunter auch ein Foto, das Annalena Baerbock mit dem Milliardär George Soros zeigt. Dieses nahmen Verschwörungsgläubige zum Anlass, daraus eine neue Erzählung zu konstruieren.

Die Anfeindungen gegen den jüdischen Milliardär und Philanthrop George Soros sind nicht neu. Seit Jahren wird er als Hintermann bei politischen Entscheidungen und Ereignissen vermutet. Er soll u. a. Flüchtlinge mit Millionen auf der Balkan-Route finanziert haben, um diese nach Mitteleuropa zu bringen. Auch soll er hinter dem Entwurf des UN-Migrationspakts stecken, mit dem Ziel, einen „großen Austausch der Bevölkerung zu realisieren“ (Quelle). In den USA verbreiten rechtsradikale Aktivist:innen den Mythos, dass Soros eine Anleitung für Ausschreitungen von Antifa-Gruppen finanziert habe (Quelle). Soros passt für Antisemiten mit seiner jüdischen Herkunft und seinem Vermögen sogar in das Framing des „geldgierigen Juden“ – welches beispielsweise vom Antisemiten Attila Hildmann seit einigen Monaten in seinem Telegram-Kanal aufgegriffen wird (Quelle).

Auch AfD beteiligt sich an den antisemitischen Verschwörungsmythen

An diese Verschwörungsmythen heftet sich auch die AfD und spinnt diese sogar weiter. Martin Sichert, Vorsitzender der Nürnberger AfD, teilte einen Artikel des Internet-Portals epochtimes.de, das bekannt dafür ist, Desinformationen zu verbreiten, und kommentierte diesen mit allerlei Verschwörungsideen. Geteilt wurde dieser Facebook-Post bereits über tausend Mal. Er schreibt unter anderem darüber, dass Soros eine von ihm dirigierte Ökodiktatur „aufdoktrinieren“ wolle, und schlussfolgert aus der Teilnehmerschaft von Annalena Baerbock beim „Young Global- Leader“-Programm seit 2020, dass sich Soros einen weitreichenden Einfluss bis vielleicht ins Kanzleramt sichern wolle. Er schreibt: „Wer im September grün wählt, wählt Soros und Co.“

Hintergrund: Die Teilnehmer:innen des „Young Global-Leader“-Programms werden über das Weltwirtschaftsforum gewählt (Quelle), das von Soros Management Fund finanziell unterstützt wird (Quelle). Auf diese Art und Weise versucht die AfD offenbar, eine bestimmte Wählergruppe anzuziehen und deren abstruse Gedankenwelt zu bedienen.

Annalena Baerbock und der „Great Reset“

Kommen wir zu einem weiteren Verschwörungsmythos, der für die Diskreditierung von Annalena Baerbock bemüht wird. Derzeit teilen die bekannten Desinformationsverbreiter auf Telegram ein Video, in dem ein weiterer Verschwörungsmythos über Annalena Baerbock gesponnen wird. Auf dem Titelbild zu sehen: Klaus Schwab und Annalena Baerbock, der Titel: „Diener des Great Reset“, im Untertitel heißt es: „Kanzlerin Baerbock: Great Reset-Marionette wird installiert“.

Auch hier wird Baerbock wieder als „fremdbestimmte“ Figur dargestellt, die für Strippenzieher im Hintergrund agiert. Die „Great Reset“-Agenda ist nichts Neues in dieser Szene. Beschrieben wird diese beispielsweise durch den Sprecher des Videos als die gewollte Errichtung eines digitalen ökologischen Überwachungsstaates, der global sein, keine Grenzen kennen und zentral kontrolliert werden soll. Für die Errichtung des Systems seien globale Themen notwendig wie etwa eine globale Pandemie oder die Klimakrise. Mastermind hinter der „Great Reset“-Agenda soll Gründer Klaus Schwab sein. Also ein Klassiker unter den Verschwörungserzählungen – die Menschheit soll kontrolliert und überwacht werden.

Verschwörungsmythos auch bei „Querdenkern“

Wie bereits bei George Soros, wird die Verbindung durch die Teilnahme von Annalena Baerbock beim „Young Global“-Leader-Programm hergestellt. Bei diesem Verschwörungsmythos ist nicht Soros der Hintermann, der alle Fäden in der Hand hält, sondern der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab. Zu dieser Verschwörungserzählung wird auch diese Meldung auf den Kanälen der Pandemie-Leugner:innen und „Querdenker“ geteilt:

Hintergrund: Wirtschaftswissenschaftler und Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab stellte zusammen mit dem englischen Thronfolger Prinz Charles im Mai 2020 die WEF-Initiative „The Great Reset“ vor. Klaus Schwab ist der Meinung, dass der Kapitalismus grüner, nachhaltiger und sozialer werden müsse, um einen globalen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Die Corona-Pandemie sei laut Schwab ein guter Anlass, um die hierfür nötigen tiefgreifenden sozialen wie auch ökonomischen Änderungen durchzuführen (Quelle).

Gerade diese Beispiele zeigen, dass auch diese Verschwörungsmythen über Annalena Baerbock ein Bild vermitteln sollen: Eine meinungslose Frau – eine „Marionette“, die von mächtigen und reichen Männern gelenkt wird. Ein Bild, das im Kontrast dazu steht, wie Annalena Baerbock auftritt. Als selbstbewusste, starke Frau, die sich in der Politik mit Durchsetzungsvermögen und Kompetenz behaupten kann.

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Frei erfundene Zitate, um Baerbock zu schaden

Auch versuchen Grünen-Gegner:innen, statt mit echten Kritikpunkten, mit frei erfundenen Zitaten zu schaden. Eines der völlig frei erfundenen Zitate geht um die Witwenrente:

„Witwenrente“-Zitat ist ebenfalls frei erfunden: Schmutzkampagne gegen Baerbock setzt sich fort

Ein Älteres geht um ein vermeintliches „Ende der Haustierhaltung“, das sie auch niemals gesagt oder gefordert hat.

Gezielte Schmutzkampagne gegen Baerbock: Zitat über Haustierhaltung frei erfunden

„Netzfeuerwehr“ gibt Baerbock Rückendeckung

Gegen die Hetze im Netz, die laut Michael Kellner, politischer Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter der Grünen, seit vergangener Woche noch einmal eine neue Dimension angenommen habe, will die Partei vorgehen. Das frei erfundene Haustier-Zitat habe er beispielsweise aus der ganzen Republik geschickt bekommen (Quelle).

Um ihrer Parteikollegin beizustehen, habe die Partei eine „Netzfeuerwehr“ gestartet, die sich gegen die Online-Hetze und Falschbehauptungen positionieren soll. Parteimitglieder melden Falschbehauptungen und leisten mit ihrem Klarnamen Gegenrede direkt unter den Fake-Beiträgen (Quelle). Die Partei ruft direkt über die Partei-Webseite ihre Mitglieder dazu auf: „Wir überlassen das Netz nicht den Trollen und dem Hass. Wir halten mit unserer Grünen Netzfeuerwehr dagegen und treten ein für demokratischen Diskurs im Netz.“ (Quelle).

Wir müssen Fakes gemeinsam bekämpfen

Selbst wenn man absolut kein Fan der Grünen sein sollte, so sollten sich alle Demokrat:innen einig sein, dass Kritik doch auf der Wahrheit fußen sollte. Wissentlich Falschmeldungen zu verbreiten, in der Hoffnung, dass es dem politischen Gegner schadet, ist zutiefst undemokratisch und der erste Schritt in Richtung Propaganda, und direkt eine Gefahr für die Demokratie. Diese Lügen und Propaganda führen zu Hass und Gewalt und zerstören das Fundament unserer Demokratie. Besonders gegen die Grünen wird gehetzt und gelogen. Wir sollten deshalb alle gemeinsam skeptisch sein, bei skandalösen Anschuldigungen und dubiosen Sharepics, besonders bei den Grünen, aber natürlich grundsätzlich.

Ihr könnt mithelfen, unsere Demokratie zu verteidigen, indem ihr über Fakes und die Strategien dahinter aufklärt, wenn ihr Freunde und Bekannte auf die Fakes und Lügen hinweist. Und lasst euch nicht von einem „Es hätte aber so sein können“ abspeisen. Viele, die diese Lügen und Verschwörungsmythen glauben, halten diese Dinge nur realistisch, eben weil sie zuvor schon so viele Lügen gehört und geglaubt haben. Wer die Grünen kritisieren möchte, der kann ja sicherlich wahre Kritikpunkte finden und diese verbreiten und diskutieren, oder? Und wenn nicht: Woher stammt dann der Hass?

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Autorin: Von Verena R. Artikelbild: Thomas Kierok/ZDF/dpa

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