Der Rassismus liegt darin, dass Özil nicht genauso unmoralisch sein darf wie der DFB

Kolumne Werners Wutrede

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Özil darf sich nicht genauso falsch verhalten wie der DFB.

Lieber Mesut Özil,

in den letzten Tagen wurde viel über dich diskutiert nach deinem Rückzug aus der Nationalelf. Deine Begründung war sinngemäß, dass der entgegenschwellende Rassismus nicht mehr auszuhalten war.

Nun kann wohl niemand leugnen, dass es in Deutschland Rassismus gibt. Und du immer wieder Ziel dessen wurdest: Seitdem du Mitglied der Nationalmannschaft bist, wurdest du dafür kritisiert, dass du die Nationalhymne nicht singst. Dass die deutsche Nationalmannschaft nichts mehr mit Deutschland zu tun habe, ist ein ähnlicher Vorwurf, der auch gegen dich gerichtet war.

Ich verstehe, dass so etwas kränkt, aber ich wundere mich auch, dass du erst jetzt darüber sprichst. Vor allem aber erwähnst du nur den deutschen Rassismus. Dass du selber von Türken angegriffen wurdest, weil du nicht für die Türkei, sondern für Deutschland gespielt hast, was einem Verrat an der Heimat gleichkäme, erwähnst du nicht. 



Daran, dass man Özil eher als Türke wahrnimmt, ist er auch selbst schuld

“Ich habe zwar sehr gerne für Deutschland gespielt, aber inzwischen habe ich es einfach satt, dass ständig von mir gefordert wird bei der deutschen Nationalhymne mitzusingen, obwohl man mich niemals so akzeptieren wird, wie ich bin und man mich immer als Türken und nicht als Deutschen sehen wird.”

Es gibt einige Punkte, die mich an deiner Begründung stören, die ich gerne aufführen möchte:

Du beschwerst dich darüber, als Türke wahrgenommen zu werden. Doch das „türkischstämmig“ führst du doch immer wieder selbst ins Feld. Du fragst, warum du im Gegensatz zu Klose oder Podolski, die polnischer Herkunft sind, noch als Türke wahrgenommen wirst. Dazu kann ich nur folgendes sagen: Ihr Verhalten ist ein anderes. Sie haben sich nicht mit der polnischen Regierung ablichten lassen, die eindeutig reaktionär und autoritär ist, sie berufen sich nicht auf ihre polnischen Wurzeln wie du, sie reden nicht von ihrer „wahren Heimat“.

Özil betont selbst stets seine türkische Herkunft – Er hat damit angefangen

Es fällt mir öfter auf, dass türkische Migranten sehr viel Wert auf ihr Türkisch-sein legen. Anders wären zum Beispiel auch Pro Erdogan Demos nicht denkbar oder das Zujubeln Erdogans in Stadien. Genau das aber ist auch eine Abgrenzung vom Deutschsein, sprich, dem Zustand, integriert zu sein. Ein Verhalten, das Menschen aus Griechenland, Italien, Spanien usw. nicht an den Tag legen.

Sobald einem aber die türkische Selbstidentifikation auf die Füße fällt, sind die anderen Schuld? Du bedienst dich genau dieser Taktik. Kritische Selbstreflektion sieht anders aus. Und ja: Türkische Nachnamen können ausgrenzend wirken, allerdings ist dies etwas, womit sich alle Migrantengruppen konfrontiert sehen. Nicht nur Türken sind von Rassismus betroffen, sie reagieren allerdings oft anders darauf.

Deutschland hat Rassismus, aber ist immer noch besser als die Türkei

Es ist beschämend, dass Diskriminierung und Ausgrenzung existiert, doch gibt es in Deutschland genug Menschen, die darüber reden und diesen überwinden wollen. Zudem stellt unser Grundgesetz alle Menschen gleich. Es gibt Probleme, die angegangen werden.

In der Türkei ist es anders: Es wird regiert von jemandem, der selber Minderheiten unterdrückt, Probleme verschweigt, kritische Journalisten ins Gefängnis steckt usw. Du bist sauer auf eine Gesellschaft, die dir trotz all ihrer Fehler mehr Chancen gab, als die türkische Gesellschaft Menschen aus Minderheiten bereit ist zu geben.

Dabei würde ich bei dem Ablichten mit Erdogan gerne an naive Dummheit deinerseits glauben. In gewisser Weise war sie das auch, dazu später mehr. Aber es steckt auch die Identifikation als Türke, nicht als Deutscher dahinter: Du, Özil, hast ein Bild von Mehmed II in deiner Wohnung. Der Konstantinopel, das heutige Istanbul, eroberte und als Mitbegründer des Osmanischen Reiches gilt.

Er ließ zudem Andersgläubige abschlachten, Frauen vergewaltigen und widmete die Hagia Sophia um. Damit stellst du dich in eine Reihe derer, die Erdogan als einen Neubegründer des Osmanischen Reiches sehen und imperialistischen Allmachtsphantasien anhängen. Die auch vor Menschenopfern nicht zurückschrecken. Und es gäbe noch andere Beispiele, die dies andeuten. Abgesehen von einem Gemälde in deiner Wohnung und einem gemeinsamen Foto mit Erdogan.

Der DFB handelt genau so moralisch falsch

Im Grunde war somit dein Rücktritt überfällig. Zumal es nicht dein erster Besuch bei Erdogan war. Dass die vorigen Besuche niemanden interessierten, empfinde ich alleine schon als Sauerei. Letztendlich hast du die Vorbildfunktion, die Fußballern zugesprochen wird, damit ohnehin verwirkt. Immerhin stehst du damit nicht alleine da.

Und daran zeigt sich immerhin, dass du versucht hast, dich zu integrieren – und man hat dich in der Tat nicht gelassen. Lothar Matthäus, der sich mit Putin trifft, Franz Beckenbauer leugnet, dass es Sklavenarbeit in Katar gibt. Rauball und Grindel kooperieren so gerne mit China – all das passiert im DFB. Du hast dich bemüht, dich genauso widerwärtig zu verhalten, aber das hat man dir nicht erlaubt. Warum? Weil die Mannschaft verloren hat.

Özil war der rassistische Sündenbock für die Niederlage

Bei Erfolg der deutschen Elf hätte der DFB dich in vorderster Front von allem frei gesprochen. Der sportliche Erfolg trat nicht ein. Und so fing eine Institution, die im Umgang mit Diktaturen knietief im Morast steckt, an, mit Schlamm auf einen einzelnen Spieler zu werfen, der es sich in jenem Schmodder ebenfalls gemütlich machen wollte.

Özil, du hast für Real Madrid und Arsenal London gespielt und bist sportlich auf hohem Niveau, somit gibt es einen weiteren Grund dich rauszupicken: Man muss sich mit der eigenen Mittelmäßigkeit des deutschen Fußballs nicht befassen.

Die Kritik an dir wird dadurch allerdings nicht weniger richtig. Ich denke, wenn sich deutsche Fußballer mit Gauland und Weidel ablichten lassen, wäre dies das Ende ihrer Karriere – zumindest hoffe ich das. Ich bin mir bei allem, was im DFB abgeht, aber nicht mehr so sicher. Zumal es in der Tat schäbig war, zuerst zu schweigen und das Thema nach dem Ausscheiden der Mannschaft wieder hervor zu holen.

Die eigentliche Ungerechtigkeit und der eigentliche Rassismus liegen darin, dass man dir verwehrt hat, genauso unmoralisch handeln zu dürfen, wie der Rest des DFBs. Dann wärst du wahrhaftig integriert gewesen. Nun bin ich zwar der Meinung, Integration besteht nicht darin, dass man sich genau so schlecht wie andere benimmt und einem dies erlaubt wird. Eher denke ich, dass man mit denen, die sich anständig benehmen in einer Gesellschaft zurecht kommt, weil man selber anständig ist. Aber darin können wir unterschiedlicher Meinung sein.

Liebe Grüße,

Matthias Werner

Artikelbild: Alejandro RamosCC BY-SA 2.0

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