Stanford-Studie: Warum Corona definitiv tödlicher ist als die Influenza

| Corona | 1. Mai 2020

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Sorry, Corona ist definitiv tödlicher als die Influenza

Man muss die Sterblichkeit schon bei Influenza und Corona gleich messen, und darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, denn auch die Grippe hat eine große Dunkelziffer.

Die Ergebnisse einer Studie der Stanford University rund um den Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis, bei der Antikörpertests bei 3300 Personen im US-Bundesstaat Kalifornien durchgeführt wurden, führten zu vielen Schlagzeilen wie „Coronavirus nicht gefährlicher als Grippe?“

Für Menschen, die (verständlicherweise) wieder zurück zur Normalität zurück wollen, sind diese eine willkommene Bestätigung ihrer Sehnsuch. Für Verschwörungsmythiker*innen, die sich (unverständlicherweise) in der Krise dadurch profilieren, dass sie jeden wissenschaftlichen Zwischenstand für plumpen Populismus nutzen und instrumentalisieren, ist es ein „Beweis“, dass sie ja bisher angeblich nur belogen wurden.
Und auch wenn wir uns alle wünschen, dass es so wäre und dass das hieße, dass wir zu einem normalen Leben zurück kehren könnten, wären das alles irreführende Schlagzeilen.

Studienleiter: Maßnahmen sind „sinnvoll und gerechtfertigt“

Denn nicht nur ist die Studie nicht ganz so sauber, wie man es sich vielleicht erhoffen möchte, selbst wenn sie garantiert zuverlässig wäre, beweist sie, dass Covid-19 definitiv tödlicher ist als die Grippe. Denn hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, dazu gleich mehr. Auch wird nicht „bewiesen“, dass die Maßnahmen ungerechtfertigt waren. Selbst der Stanford-Professor Ioannidis, der sehr kritisch war, gesteht ein: „Die drakonischen Maßnahmen, die wir im Moment erleben – im Grunde eine komplette Stilllegung des öffentlichen Lebens – sind eine blinde Reaktion und eine Art der Medizin, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen. Sie sind natürlich sinnvoll und auch gerechtfertigt, weil wir noch zu wenig über das Virus wissen.“ (Quelle).

Was steht denn in der Studie?

Ganz kurz: Die Wissenschaftler*innen rund um Ioannidis aus Stanford haben ermittelt, dass etwa 4,1 Prozent der Probanden infiziert waren – hochgerechnet wären das viel mehr Fälle als gemeldet. Nimmt man diese Hochrechnung und vergleicht sie mit den bestätigten Todeszahlen, läge die Sterblichkeitrate für Corona bei 0,12 bis 0,2 Prozent. Schauen wir uns zuerst Kritik an der Studie ein, damit wir es richtig einordnen können. Prof. Dr. Drosten hat das in seinem Podcast sehr gut auseinander genommen und erklärt (Link).

Erstens handelte es sich um eher unzuverlässige Schnelltests, die Messfehler und falsche positive Ergebnisse zum Vorschein bringen. Zweitens war die Stichprobe der Studie nicht sehr repräsentativ, weil man sich vor allem auf das Erscheinen von Freiwilligen verlassen hatte, weshalb man diverse Korrekturfaktoren mit einrechnen musste. Christian Drosten meint, die wirkliche Anzahl der Infizierten liege deshalb eher „irgendwo in einem Bereich von 2 Prozent oder 3 Prozent“. Und letztlich zeigt die beobachtete Übersterblichkeit in hart getroffenen Regionen, dass es offensichtlicher tödlicher als die Grippe sein muss.

Corona harmlos wie die Grippe? Diese Statistik aus New York zeigt, wie falsch das ist

Der Vergleich Äpfel mit Birnen

Kommen wir aber zum Grippe-Vergleich, für welchen die Stanford-Studie jetzt von Medien und anderen herangezogen wird. Gehen wir einfach mal dennoch davon aus, dass die Sterblichkeitsrate der Stanford-Studie akkurat sei: Corona hätte eine Sterblichkeitsrate von 0,12 bis 0,2 Prozent. An dieser Stelle kommentieren viele (auch wir in der Vergangenheit), dass das in etwa auch der Sterblichkeitsrate bei der Influenza entsprechen würde. Die Sterblichkeitsrate für die gewöhnliche Grippe wird meistens so um die 0,1 bis 0,2 Prozent angegeben. Aber dieser Wert stimmt so gar nicht.

Auf den Wert kommt man, wenn man die Anzahl der geschätzten Todeszahlen über die letzten Jahre durch die Anzahl der Schätzungen der symptomatischen Fälle teilt. Aber so haben wir ja die Sterblichkeitsrate von Covid-19 gar nicht errechnet, oder? Es wird doch sehr gerne von Kritiker*innen (korrekterweise) angemerkt, dass die Tests zeigen, dass viele Covid-19-Infizierte gar keine Grippe-Symptome zeigen, deshalb wird die Dunkelziffer bei der Stanford Studie über Antikörpertests bestimmt. Wenn wir jetzt nämlich die Dunkelziffer bei der Influenza heranziehen, und nicht nur laborbestätigte Fälle heranziehen, kommen wir hier eher auf eine Sterblichkeitsrate von 0,04%, wie Epidemiologe Christophe Fraser von der Universität Oxford erklärt (Quelle). Auch Grippe-Expertin Lone Simonsen erklärt, dass diese Zahlen näher an der Wahrheit sind (Quelle).

Die Sterblichkeitsrate von Corona könnte durch die hohe Dunkelziffer durchaus bei dem niedrigen Ende der Schätzungen liegen, bei etwa 0,2% (was ja gut wäre). Doch damit wäre Corona immer noch viel tödlicher als die saisonale Influenza. Schauen wir uns mal ein paar erste Zahlen an, die auch noch peer-reviewed werden müssen und bei welchen falsch positive herausgerechnet werden müssen. In New York wird die Sterblichkeitsrate auf 1.08% bis 0,86% geschätzt (Quelle, Quelle). In Gangelt etwa auf 0,37% (Quelle), in San Miguel County in Colorado ist bisher noch niemand gestorben, aber mit den ermittelten Daten würde die Todesrate auf 1% schnellen, sobald eine Person sterben würde (Quelle, Quelle).

Wir wollen alle Normalität zurück  – aber Professor Drosten weiß trotzdem mehr als du

Ja, viele Wissenschaftler*innen und Studien scheinen sich zu widersprechen. Aber das kommt erstens daher, dass wir noch mitten in der Forschung sind. Zum Beispiel wird vermutet, dass aktuell die Zahl der Todesfälle unterschätzt wird, in betroffenen Gebieten ist die Übersterblichkeit viel höher als die offiziellen Zahlen – also der Wert, der herangezogen wird, um die Sterblichkeit bei der Influenza zu bestimmen. So läuft das normalerweise in der Wissenschaft. Man forscht, auch manchmal ungenau, man schätzt, man vergleicht, man diskutiert. Nur bei dieser globalen Pandemie wird das zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ausgetragen. Und zweitens liegt das daran, dass die Medien nun mal alle diese Studien und Aussagen skandalisieren. Wenn diese Studie in Stanford eine Tödlichkeit von 0,12% zeigt, heißt das, dass man es mit der Grippe vergleichen kann? Heißt das, dass die ganzen Maßnahmen unnütz waren?!

So wird aus einem einzelnen Studienergebnis durch Überbewertung und mit schiefen Vergleichen schnell die Gretchenfrage der Pandemie. Bevor man also den nächstbesten Artikel teilt, der die Stanford-Studie oder irgendeine andere (durchaus seriöse und ordentliche!) heranzieht, um einen falschen Grippe-Vergleich zu machen und du das dann wiederum gleich als „Beweis“ für dein politisches Wunschdenken heranziehen möchtest, warte lieber und hör dir an, was ein echter Experte dazu zu sagen hat.

Es gibt viele Faktoren bei den Sterblichkeitsraten, einschließlich der Demographie, gewisser Gesundheitsrisiken der jeweiligen Bevölkerung, der Qualität des Gesundheitssystems und wie überwältigt dies von der Pandemie ist. Die Tödlichkeit von Covid-19 korreliert mit dem Alter und steigt mit höherem Alter stärker an. Für Kinder scheint die Gefährlichkeit wirklich vergleichbar mit der Grippe zu sein. Aber für jede Altersgruppe ab 20 (laut einem peer-reviewed Lancet-Artikel und den Grippeschätzungen) ist Corona viel, viel gefährlicher. Nein, es ist nicht einfach nur eine Grippe.



Artikelbild: pixabay.com, CC0

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