6.590

Warum ignorieren Gender-Gegner DIESEN echten Gender-Zwang?!

von | Jul 3, 2024 | Aktuelles

Gender-Gegner aufgepasst: Ein Gender-Zwang existiert in Deutschland wirklich – und quasi niemand spricht darüber! Und zwar nicht auf einem Grünen-Parteitag oder in der hippen Boulderhalle, sondern im Adel. Adlige genießen bis heute das Sonderrecht, ihre Adelsbezeichnungen gendern zu dürfen. Das geht noch zurück auf einen Beschluss des Weimarer Reichsgerichts aus dem Jahr 1926! Zu dieser Zeit wurden alle adelsrechtlichen Privilegien durch die Weimarer Reichsverfassung eigentlich schon aufgehoben. 

Freiheit, zu gendern, wird mit Verbotspolitik angegriffen

Du sagst jetzt vielleicht: Oh, das ist aber schon ein bisschen gemein von euch, dass ausgerechnet als Gender-Zwang zu framen, es ist doch nur ein Sonderrecht, das eine kleinste Minderheit in Deutschland betrifft und sowieso niemanden interessiert. Du hast natürlich recht, ein Recht ist nicht gleich ein Zwang, aber Spoiler: Das Meiste, was in der gemeinen Debatte um das Gendern als “Zwang” bezeichnet wird, ist es auch nicht. Wenn andere Menschen ihr Recht auf Redefreiheit nutzen, um selbst zu gendern, nennt man das Freiheit, auch wenn das viele erstaunlicherweise nicht so sehen.

Schauen wir uns mal die andere Seite an, wo es wirklich Zwang gibt, nämlich Gender-Verbote, dann gibt es davon leider schon sehr, sehr viele in Deutschland, oft durchgesetzt von der Union, überwiegend paradoxerweise mit dem Verweis auf Freiheit.

Diskutieren Konservative und Rechte übers Gendern, wird häufig unter den Tisch gekehrt, dass es weder auf Bundes- noch auf Landesebene irgendwelche Gesetze oder Verordnungen zur Gender-Pflicht gibt (den Adel mal ausgenommen und selbst da ist es „nur“ ein Recht). Und ja, der Titel sollte dich mit einem Augenzwinkern darauf aufmerksam machen, wie skurril die Debatte ums Gendern in Deutschland schon geworden ist. Und das, obwohl Gendern eigentlich Vorteile bringen könnte, wenn jede:r frei entscheiden kann, wie er oder sie sprechen und schreiben mag. 

Was genau darf der Adel, was ich nicht darf?

Aber nochmal zurück zum Adel: Adlige dürfen ihre Adelsbezeichnungen geschlechtsspezifisch umwandeln. So heißt es dann beispielsweise für den männlichen Grafen: „Herr Dr. Theo Graf von Hinckelstein“ und für die weibliche Form „Frau Dr. Gabriele Gräfin von Hinckelstein“. Oder dasselbe Spiel für die Ehefrauen von Freiherren. Oder, um ein ganz willkürliches Beispiel zu nehmen: Beatrix Amelie Ehrengard Eilika Herzogin von Oldenburg – heute mit dem Namen ihres Mannes: von Storch. Einem gegenderten Nachnamen kann man wohl auch durch Heirat entgehen, wenn man die freie Entscheidung dazu hat.

Nach der oben genannten Entscheidung des Weimarer Reichsgerichts dürfen sich diese namensrechtlich korrekt „Freifrauen“ nennen und haben sich damit gegen das Lager durchgesetzt, die darauf beharren wollten, dass sich jemand wirklich „Ilselore Freiherr von Braun“ nennen muss. Sie darf sich dank der Entscheidung des Reichsgerichts „Ilselore Freifrau von Braun“ nennen. 

Natürlich kann man jetzt darüber diskutieren, ob Adels-Sonderrechte per se noch zeitgemäß sind und selbstverständlich ist es auch ein Recht und kein Zwang. Du siehst: sogar unter Adligen gibt es keinen Gender-Zwang, sondern es entspricht einfach nur „herrschender Meinung“ (pun intended), wie es die Bundesregierung formuliert, Adelsbezeichnungen (wie Graf oder Freiherr) geschlechtsspezifisch umzuwandeln. Also: Hier wird in Wahrheit die Gender-FREIHEIT so gelassen, wie sie ist, weil die Mehrheit nichts dagegen hat. Freiheit also nur, wenn die vermeintlichen Verteidiger der Freiheit nicht in der Mehrheit sind.

Die Verbotskultur der CDU/CSU

Denn eigentlich sollte es auch „Leben und leben lassen“ beim Sprechen (Söder) geben im Freistaat Bayern. Spätestens seit Söders Ankündigung eines Genderverbots ist dieser Slogan jedoch hohl geworden. Sprechverbote, unter anderem von Söders Schwesterpartei CDU durchgesetzt, existieren in Deutschland in vielen Bundesländern übrigens auch schon:

So hat beispielsweise das Kultusministerium Sachsen unter der Führung des Kultusministers Christian Piwarz (CDU) per Erlass das Gendern durch Satzzeichen verboten: Seitdem gibt es zum Beispiel Punktabzug bei der Verwendung geschlechtergerechter Sprache in der Schule und keine gegenderten Elternbriefe oder Unterrichtsmaterialien mehr. Dem schließt sich Schleswig-Holstein an. Dort gibt es ebenfalls Punktabzug bei Verwendung geschlechtergerechter Sprache in der Schule. Eine Ausnahme davon sind die Universitäten.

Viele Gender-Verbote

Auch Sachsen-Anhalt streicht das Gendern in ihren Schulen: Bei Verwendung drohen Punktabzug in Klausuren. Zusätzlich ist dort ein Verbot für das Gendern in Verwaltungen aktiv. Einen Schritt weiter geht Thüringen, denn dort gilt das Gender-Verbot für die Landesverwaltung, den Landtag, die Ministerien, alle nachgeordneten Einrichtungen, Schulen, Gerichte und Hochschulen. Aber Achtung: Dabei handelt es sich um eine Aufforderung, kein Gesetz. Initiatorin der Aktion war die CDU, unterstützt wurde sie von – wie sollte es anders sein – der AfD. Auch die FDP und einige Bürger:innen hatten sich dafür ausgesprochen.

Jetzt hatte sich Bayern also der Verbotskultur angeschlossen. Bayerns Lehrerschaft reagierte ablehnend auf die Pläne, Gendersprache staatlich zu untersagen. Mehr als 30.000 Unterschriften haben bayerische Lehrkräfte gegen das Gender-Verbot gesammelt. Anders als die Professor:innen an den bayerischen Unis dürfen Lehrer:innen in Arbeitsblättern und Prüfungen nicht mehr mit Sonderzeichen gendern. 

Man kann ja gerne gegen das Gendern sein, man kann ja sogar der Meinung sein, dass es verboten gehört – das im Namen der “Freiheit” oder “gegen Verbote” zu tun, ist jedoch der Gipfel des Populismus und der Doppelmoral. Insbesondere, wenn man das damit begründet, dass es “wichtigere Themen” gebe.

„Gaga“ vs. „Paygap“: Wie übers Gendern diskutiert wird 

In einer umfangreichen Social Media Analyse zur Bundestagswahl 2021 kam der Tagesspiegel zum Schluss, dass es vor allem rechte Parteien sind, die überdurchschnittlich viel übers Gendern posten, allen voran die rechtsradikale AfD, danach die Union. Keine Partei beschäftigte sich auf Twitter und Facebook mehr mit Gender, wie du in dieser Grafik sehen kannst:

Quelle

Bevor die AfD in den Bundestag eingezogen ist, war das Verhältnis noch ein sehr anderes. Damals wurde der Begriff beispielsweise von den Grünen noch häufig verwendet, aber nicht in Bezug auf das “Gendern”, also das sprachliche Vermeiden rein maskuliner Begriffe. Dann begann aber die AfD, den Begriff für sich einzunehmen – und ständig zum Thema zu machen. Ja, die Rechtsextremen begannen eine regelrechte Schmutzkampagne gegen geschlechtergerechte Sprache. Bei Grünen und Linken ging es häufig um den „Gender Pay Gap“, also um die Tatsache, dass Frauen bei gleicher Qualifikation immer noch weniger verdienen als Männer. 

Bei der AfD hingegen dominiert der Begriff „Gender Gaga“, geprägt vom Verein Deutsche Sprache, der sich gegen das Gendern einsetzt und dem auch AfD-Politiker:innen wie Stephan Brandner angehören. 

Quelle

Der Tagesspiegel resümiert selbst:

„Hier zeigt sich eines der Hauptprobleme in Diskussionen um Gender: Der Begriff wird in ganz unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Bedeutungen genutzt. Grüne, Linke und SPD scheinen ihn häufig schlicht als Übersetzung für Geschlecht zu nutzen, während er bei Union und AfD theoretisch aufgeladen ist und zahlreiche zusätzliche Bedeutungen mitschwingen.“

„Themen, die ein AfD-Publikum ansprechen, mache ich groß, indem ich sie ständig thematisiere.“

Aber zurück zum Adelsgeschlecht und wieso eine Freifrau ihren Namen gendern darf, auf das Thema aufmerksam gemacht hatte Andreas Kemper: 

Ein Twitter-Nutzer schrieb unter diesen Post:

Richtig, lieber rechter Account: Irgendjemandem zu verbieten, einen Gender-Stern zu nutzen, löst keine Probleme wie Wohnungsmangel, steigende Preise oder sonst irgendeines der echten Probleme des Landes. Im Gegenteil, es stärkt die AfD, die immer wieder ihre künstlich aufgeblasenen Themen bedient bekommt. Der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) hatte selbst vor drei Jahren, als er noch Generalsekretär war, gesagt

„Themen, die ein AfD-Publikum ansprechen, mache ich groß, indem ich sie ständig thematisiere.“

Seit dem 1. April 2024 gibt es auch ein von Lehrer:innen kritisiertes „Genderverbot“ in allen bayerischen staatlichen Behörden, nachdem die CSU das Thema auch medial groß gemacht hatte. Auch Wissenschaftler:innen sagen, dass Gendern ein Ausdruck sprachlicher Freiheit ist und Verbote … Verbote sind. Gendert oder lasst es sein – aber ständig darüber zu reden und es zu verteufeln, das stärkt unsere gemeinsamen Feinde der Demokratie und Freiheit.

@volksverpetzer

Robert Habeck entlarvt die populistischen Strategien von Markus Söder. Warum sprechen Rechte so gerne über “Gendergaga” und andere Themen, auf denen die politische Linke einen deutlich geringeren Schwerpunkt setzt? Ganz einfach, man möchte die Menschen emotionalisieren, indem man ihnen einen Strohmann präsentiert. Da wird sich schnell mal gegen eine Genderpflicht ausgesprochen, die niemand gefordert hat. Leider funktioniert das in unserer modernen (sozialen) Medienwelt oft sehr gut. Was noch dazugehört und was wir dem Ganzen entgegen setzen können erklärt Robert Habeck. Quelle: Republica GmbH #habeck #söder #gendern

♬ Originalton – volksverpetzer

Artikelbild: Foto-berlin.net